Annalista Saxo: Seite 65,69,73,75,112,113,116
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"Reichschronik"
 

Das Jahr 1046.

 
Markgraf Ekkihard ist vergiftet eines plötzlichen Todes gestorben und seine Mark bekam Willehelm. Dessen Vater war Graf Willehelm von Wimmare, ein ehrwürdiger Greis, welcher durch seine Bitte für das Volk der Thüringer vom Kaiser Heinrich von Babenberg ausgewirkt hatte, daß der Schweinezins erlassen wurde, welchen sie jedes Jahr in die königliche Kasse zahlten. Diesen Zins hatte König Theoderich eingeführt, der die Thüringer zum größten Theile vernichtete und ihr Land den Sachsen gab. Dieser Graf Willehelm hatte drei Söhne: diesen Markgrafen Willehelm, von dem wir sprechen, Otto und Poppo. Auch der Graf der Nordmark Willehelm und sein Bruder Otto, welche nach diesem Willehelm und seinem Bruder Otto benannt waren, waren durch sehr nahe Blutsverwandtschaft mit ihnen verbunden, obwohl der Name und der Gang dieser Verwandschaft nicht genauer bekannt ist. Als aber der oben erwähnte Graf Willehelm todt war, heirathete seine Frau Oda den Markgrafen Dedo, wie oben gesagt ist. - [Als König Heinrich die  Aufstände der Pannonier gebändigt hatte, wurde er durch die Noth der Kirche nach Rom gezogen und hatte in seinem Gefolge nebst den übrigen Großen des Reiches den Bremer Erzbischof Adalbert; daselbst wurden die drei Schismatiker Benedict, Gratian und Silvester abgesetzt, welche um den apostolischen Stuhl gestritten hatten] und von denen ein Einsiedler dem Könige geschrieben hatte: "Die Eine Sunamitin hat drei   Männer geheirathet. O König Heinrich, an des Allmächtigen Stelle löse die Ehe, die dreifache, die zweifelhafte!"
 

Das Jahr 1056.

 
[Pfalzgraf Dedo, ein trefflicher Mann, wurde von einem Bremer Priester erschlagen, welchen er von seinem Bruder, dem Erzbischofe Adalbert, bekommen hatte, um ihn wegen der ihm vorgeworfenen Verbrechen in die Verbannung zu bringen, und auf Befehl des Kaisers wurde er in Goslar begraben], und in der Grafschaft folgte ihm sein Bruder Friderich nach. Er hat eine Probstei an dem Orte, der Sulza heißt, gestiftet und sein Sohn war der Pfalzgraf Friderich, welchen Graf Lodowich von Thüringen mit Hinterlist ermorden ließ; aber seine Witwe, des Markgrafen Udo Schwester, nahm er zur Ehe. Der Pfalzgraf aber hatte von ihr einen Sohn Namens Friderich, der, als der Vater getödtet wurde, noch nicht geboren war; doch lebte noch der Großvater. Dessen Schwestersohn Friderich von Sumersenburg erwarb die Pfalzgrafschaft und sein Vater Adalbert wurde Scucco genannt.
 
[Die Christen erlitten eine große Niederlage von den Barbaren, welche Liutizen heißen; einige kamen durchs Schwert um, andere auf der Flucht im Wasser und unter diesen wird der Markgraf der Nordmark Willehelm getödtet] nicht weit von der Burg, die Prizlava heißt und am Ufer des Flusses Albis liegt, da wo derselbe den Fluß Habola in sich aufnimmt. Daselbst also in der Mitte zwischen den beiden Flüssen wurde der fromme Fürst von den Heiden heimtückisch umzingelt und erlag mit Vielen. Sein von den Barbaren mit tausend Wunden durchbohrter und zerfleischter Leib wurde, wie man sagt, von den Seinen nicht mehr aufgefunden. Dieser Markgraf  Willehelm und sein Bruder Otto waren durch sehr nahe  Blutsverwandtschaft mit den Brüdern Willehelm und Otto verbunden, den Söhnen jenes großen Willehelm von Wimmare, welche Einer nach dem Andern nach dem Tode des Markgrafen Ekkehard II die Mark desselben gehabt haben; doch sind die Namen und der Gang dieser Verwandtschaft nicht genauer bekannt. Mit jenem wurde der Graf Theoderich von Katalanburg getödtet, der Sohn des Udo, welcher mit seinem Bruder Heinrich und einigen Andern nach dem Tode des Kaisers Otto III den Markgrafen Ekkihard in Palithi erschlagen hat. Dieser Udo hatte eine Frau aus Schwaben, Namens Bertrada, welche ihm diesen Theoderich gebar. Auch dieser hatte ebenfalls eine Bertrada zur Frau, die Schwester der Gräfin Suanehild von der Burg Lon in Hasbanien, deren Sohn der Mainzer Burggraf, Graf Arnold war, und sie gebar ihm einen Sohn, der ebenfalls Theoderich genannt wurde, und eine Tochter, welche Othilhild hieß und Konrad, den Bruder des Markgrafen Dedo, heirathete. Dieser Theoderich nahm Gertrud zur Frau, die Tochter des Markgrafen Ekbert des Aelteren, die Mutter der Kaiserin Richenza, und zeugte mit ihr wieder einen Theoderich, der ohne Kinder starb. - Dem Markgrafen Willehelm folgte aber Graf Udo von Stadhen, ein thätiger und edler Mann. Denn Graf Heinrich der Kahle von Stadhen, welcher zur Zeit Otto's I lebte, ein Verwandter dieses Kaisers, hatte zur Frau Juditha, eine Schwester des Herzoge Udo, der mit vielen in Calabrien fiel, als Kaiser Otto der Rothe mit den Sarracenen kämpfte. Diese gebar ihm die Söhne Heinrich, Udo und Sigefrid. Dieser Sigefrid bekam, da sein Bruder Heinrich gestorben war, seines Vaters Grafschaft vom Kaiser Heinrich, dem Gründer der Babenberger Kirche. Zur Frau hatte er Adhela, eine Tochter des Grafen Gero von Alesleve, den Kaiser Otto der Rothe auf einer Insel bei Magedaburg enthaupten ließ. Sie gebar ihm den Grafen Ludiger, welcher meistentheils Udo genannt wurde, und dessen Gattin hieß Adelheid, eine Mutterschwester des Königs Rodolf; mit ihr zeugte er diesen Udo, der nach dem Tode Willehelms als der Erste aus diesem Geschlechte die Nordmark erwarb. -
 
Nach dem Tode des Kaisers Heinrich III erhielt die Regierung des Reichs sein Sohn Heinrich, dieses Namens der Vierte, durch dessen Uebermuth in der ganzen Welt viel Jammers wurde: mit Mord, Raub, Brand und Frevel wurden fast alle Theile des römischen Kaiserreiches und besonders die  sächsische Erde besudelt und eine Blutschuld kommt nach der andern, wie der Prophet sagt. Endlich hat ihn, der das Schwert der weltlichen Gewalt über alles Maß mißbrauchte, Gregor oder Hildebrand mit dem Schwerte des heiligen Petrus getroffen und vom Leibe Christi und der Mutter, der Kirche,
wie ein unnützes Glied abgehauen und ihn auf ewig in die unlösliche Fessel des Anathems gethan. Da er hernach viele Jahre hindurch bald die Sanftmuth eines Lammes mit  erheuchelter Demuth zur Schau trug, bald mit offener Grausamkeit die Wuth eines Wolfes zeigte, hat er nach Gottes gerechtem Gerichte so verschiedene Schicksale erlebt, indem bald Unglück, bald scheinbares Glück wechselten, daß mit Recht auf ihn jenes bezogen werden zu müssen scheint, was irgendwo gesagt wird:
 
Wohl und Wehe verhängt nach Laune die göttliche Allmacht;
 
Kaum hat's sicheren Bestand jetzige Stunde hindurch.
 

Das Jahr 1062.

 
Der königliche Knabe wird auf Anstiften einiger Fürsten, nämlich des Mainzer Erzbischof Sigefrid, des Herzogs Otto von Northeim und des Grafen Ekbert von Bruneswik, der ein Vetter des Königs selbst war, der Kaiserin-Mutter geraubt.
 
[Markgraf Willehelm .... starb. Seine Braut Sophia nahm Odalrich, der Markgraf der Carentiner, sein Verwandter. Seine Mark aber erhielt sein Bruder Otto von Orlagemünde]. Ihr, nämlich der Markgrafen Willehelm und Otto, Bruder war Poppo, der einen Sohn Odalrich hatte, welcher die Schwester des Königs Ladizlaus von Ungarn Sophia zur Frau nahm, und sie gebar ihm den jüngern Odalrich, der des Grafen Lodowich von Thüringen Tochter heirathete. - Markgraf Otto aber hatte eine Frau Namens Adela von Brabant, von dem Schlosse, das Lovene heißt, welche ihm drei Töchter Oda, Kunigunde und Adelheid gebar, Oda bekam der Markgraf Ekbert der Jüngere von Bruneswik, und sie starb kinderlos. Kunigunde heirathete den König der Ruzen und gebar eine   Tochter, welche ein Edler aus Thüringen Namens Gunter empfing, und er zeugte mit ihr den Grafen Sizzo. Nach dem Tode ihres Mannes kehrte Kunigunde in die Heimat  zurück und verband sich mit dem Grafen Cono von Bichlingge, dem Sohne des Herzogs Otto von Northeim, und sie gebar ihm vier Töchter. Als jener ebenfalls starb, wurde ihr dritter Mann Wipert der Aeltere. Adelheid aber wurde mit dem Grafen Adalbert von Ballenstide verehelicht, welchen Egeno der Jüngere von Konradesburg, Burchards Sohn, Egeno's des Aeltern Enkel tödtete, indem er den durch den Klang der Glocke Verrathenen überfiel. Dieser Adalbert zeugte mit ihr den Grafen Otto und den Pfalzgrafen Sigefrid.
 

Das Jahr 1067.

 
[König Heinrich nahm zur Frau Berta und feierte die Hochzeit in Tribur. Sie war eine Tochter des  Markgrafen Otto von Italien und der Adelheid], welche eine Schwester des Grafen war, der nach dem Bardengebirge in Italien zubenannt wurde, und der Immula oder Irmingard, die nach dem Tode des Herzogs Otto von Suinvorde damals Markgraf Ekbert der Aeltere von Bruneswik zur Frau hatte. Und in derselben Zeit erbaute er nach dem Rathe einiger verkehrten Leute Burgen in Sachsen und Thüringen, was die Ursache vieles Unheils geworden ist. -
 
Die Mark, welche Otto von Orlagemunde gehabt hatte, verlieh der König seinem Vetter, dem Grafen Ekbert von Bruneswik.
 

Das Jahr 1103.

 
Graf Kono [Otto's, des ehemaligen Herzogs von Baiern Sohn] hatte eine Frau Namens Kunigunde, die  Tochter des Markgrafen Otto von Orlagemunde. Diese hatte zuerst den König von Ruzien geheirathet, nach dessen Tode sie in die Heimat zurückkehrte und diesen Kono heirathete. Ihre Tochter aber, welche sie vom Könige der Ruzen hatte, empfing einer von den Fürsten der Thüringer Namens Gunter und zeugte mit ihr den Grafen Sizo. Darnach gebar sie vom Grafen Kono vier Töchter, von denen eine Graf Heinrich von Suitfene bekam, die zweite Graf Willehelm von  Licelenburg und die dritte, welche Adela hieß, Graf Thiederich von Katelenburg; als er aber todt war, führte Graf Helprich von Ploceke sie heim und sie gebar ihm den Markgrafen Konrad und den Grafen Bernhard. Die vierte, welche Kunigunde hieß, wie die Mutter, heirathete den jüngern Wipert; als er gestorben war, nahm sie Markgraf Thieppold von Baiern. Der ältere Wipert heirathete die Mutter jener Mädchen als ihr dritter Mann. Markgraf Heinrich von Ilburg, der Sohn des Markgrafen Dedo von der Markgräfin Adhela, welche des Markgrafen Otto von Orlagemunde Witwe war, ist gestorben, zu seiner Zeit der mächtigste Mann in Sachsen. Er hatte aber von der Gräfin Gertrud von Bruneswik einen Sohn, den Markgrafen Heinrich den Jüngern, von dem gesagt wurde, daß er untergeschoben und in Wahrheit nicht sein Sohn sei. Die Fürsten Sachsens versammeln sich gegen den Markgrafen Udo und belagern Alesleve, das Vaterland aber wird von beiden Theilen durch gar großes Brennen verwüstet. Graf Rotbert von Flandern bat den Kaiser durch seine Boten um Frieden und erhielt Waffenstillstand, um mit dem Kaiser bei Lüttich zusammenzutreffen, damit der Streit dort entschieden würde. Am Feste der Apostel Petrus und Paulus also kam der Kaiser Heinrich mit einer sehr zahlreichen Versammlung von Fürsten aus dem ganzen Reiche nach Lüttich und daselbst gewann Rotbert die Gnade desselben. Des Kaisers Sohn Heinrich nahm die sehr feste Burg Glizberg ein.
 

Das Jahr 1106.

 
In dieser Zeit begann Udo, der Graf der Nordmark, als er eine Zusammenkunft mit Herzog Magnus und dem Erzbischof von Bremen hielt, plötzlich an heftiger Krankheit zu leiden. Als diese zunahm wurde er an einen Ort Namens Rossenveld gebracht und ging am 2. Juni aus dieser Welt heim, um so seliger, je eifriger er durch das Fasten und Beten jener Schaar von Mönchen unterstützt wird, der er
selbst sorglich die Mittel zum irdischen Leben und die Linderung väterlichen Trostes gewidmet hat. Seinem Bruder Rodolf ist die Mark für acht Jahre vom Könige Heinrich überlassen worden, damit er Heinrich, den Sohn desselben aufziehe. Auch starb Herzog Magnus von Sachsen, der die Witwe  Odelrichs von Wimmar, Sophia, die Schwester des Ungarnkönigs Ladizlaus, zur Frau genommen hatte, und sie gebar ihm zwei Töchter, Wifhildis und Eilika. Eilika heirathete den Grafen Otto von Ballenstide und er zeugte mit ihr den Markgrafen Adelbert und eine Tochter Adelheid, welche den Markgrafen Heinrich von Stathen heirathete. Wifhildis heirathete den Herzog Heinrich, den Sohn des Herzogs Welf des Aeltern von Baiern, und gebar Heinrich, den berühmten Herzog von Sachsen und Baiern, und Welf und vier Töchter. Eine von diesen Namens Juditha führte Friderich der Herzog der Schwaben heim; die zweite Namens Sophia der Herzog  Berthold von Zaringe und nachdem dieser getödtet war, Markgraf Liuppold von Stire, der einen Beinamen von seiner Tapferkeit hatte; die dritte Namens Wifhildis bekam Graf Rodolf von Bregenze; die vierte Namens Machtild heirathete Thieppold den Jüngern, den Sohn des Markgrafen Thieppold des Aeltern, und nach dem Tode desselben führte sie Gebehard heim, der Sohn des Grafen Beringer von Sulzbach. - Am 18. Juli wurde der Mond während einiger Stunden der Nacht verfinstert. - Auch sterben die Grafen Adulf und Godefrid.
 
Nach dem Herzoge Magnus empfing das Herzogthum  Sachsen der Graf Lothar oder Liuder von Suplingeburch, welcher mit dem heiligen Bruno blutsverwandt war, der den Beinamen Bonifacius hatte. - Der Vater dieses Bischofs und Märtyrers hieß Bruno, die Mutter Ida, sein Bruder Gebehard. Gebehard zeugte Burchard und Ida. Burchard zeugte Gebehard, den Vater des Magedaburger Bischofs Konrad und des Magedaburger Grafen [Burchard]. Ida gebar den Gebehard, den Vater des Herzogs und nachmaligen Kaisers Lothar oder Liuder.