Lüpke Siegfried:
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"Die Markgrafen der Sächsischen Ostmarken in der Zeit von Gero bis zum Beginn des Investiturstreites (940-1075)"

Der Nachfolger Dietrichs in der Nordmark wurde nicht sein Sohn Bernhard, sondern der Graf Liuthar von Walbeck (985-1003), ein Oheim des Geschichtsschreibers Thietmar von Merseburg, über den wir auch fast ausschließlich durch seinen Neffen unterrichtet sind. Auf Grund der Angaben des Annalista Saxo hat man bisher vielfach angenommen, dass Liuthar unmittelbar nach Dietrichs Tode Markgraf wurde. Befremdlich ist allerdings dabei, dass gerade die zeitgenössischen Geschichtsschreiber davon nichts berichten. Thietmar erzählt zum Jahre 993 von einem erfolgreichen Kriegszuge gegen Brandenburg, auf dem Ekkehard von Meißen, der ausdrücklich als Markgraf bezeichnet wird, der Führer ist. Liuthar aber wird nach den drei Stader Grafen, Thietmars Oheimen mütterlicherseits, und dem Pfalzgrafen Dietrich an letzter Stelle genannt. Aus demselben Jahre ist die einzige Urkunde mit Liuthars Namen erhalten. In ihr tritt Liuthar geradezu etwas in den Hintergrund. Wohl ist er anscheinend zu einer Beratung in Merseburg anwesend wie Ekkehard I. und Gero II. Doch während diese "Markgrafen" genannt werden, trägt Liuthar nur den Grafentitel und wird dementsprechend in der Aufzählung als Letzter erwähnt. Erst zum Jahre 997 nennt ihn Thietmar zum ersten Male Markgraf. Das geschieht in Thietmars Bericht über die Vorgänge in Arneburg. Liuthar sollte den Erzbischof Gisiler von Magdeburg ablösen. Dieser zog trotz Liuthars Bitten um seinen Beistand ab. Noch ehe der Graf eintraf, wurde die Stadt von den Feinden angezündet, und vergeblich blieben alle Bemühungen, den Brand zu löschen. Vor Liuthars Augen wurde Arneburg ein Raub der Flammen. Liuthar wurde dieses Falles wegen sogar noch beim Kaiser verklagt, konnte sich aber durch Eid rechtfertigen. Bei dieser Gelegenheit also nennt Thietmar seinen Oheim zum ersten Male Markgraf. Damit gibt er den ersten sicheren Anhalt für die Markgrafschaft Liuthars überhaupt. Trotzdem ist es kaum wahrscheinlich, dass Liuthar erst 997 oder kurz vorher Markgraf geworden ist. Die Quedlinburger und die Hildesheimer Jahrbücher erwähnen von 985-997 beinahe in jedem Jahr Slawenkriege, ohne der Tätigkeit eines Markgrafen zu gedenken. Da aber ihre Darstellungsweise meist sehr knapp ist, kann diesem Umstand kein besonderer Wert beigemessen werden. Es ist doch kaum zu glauben, dass diese seit dem großen Wendenaufstande besonders gefährdete Gegend nach Dietrichs Tod zunächst keinen Markgrafen mehr gehabt haben soll. In Ermangelung eines klaren, sicheren Quellenzeugnisses kann man aber nach alledem keine Entscheidung darüber fällen, ob Liuthar Dietrich unmittelbar oder erst nach einigen Jahre folgte.
Liuthars Grafschaften werden zu seinen Lebzeiten nicht erwähnt; auch die einzige Urkunde, die ihn nennt, verschweigt sie, da Liuthar dort nur als Fürsprecher auftritt. Auf seinen Besitz lassen aber zwei Urkunden von 1006 für seinen Sohn Werner schließen, die das Haus WALBECK in den Gauen Nordthüringen und Belesem als Gaugrafen zeigen. Im Gau Moraziani hat zu Liuthars Zeiten ein Graf Sigibert die Grafschaft, während im Gau Engern, dessen Zugehörigkeit zur Nordmark freilich erst unter dem Hause STADE nachgewiesen werden kann, ein Graf Dodico nachweisbar ist.
Liuthars persönlicher Einfluß auf OTTO III. wird bei der Besetzung des Bistums Oldenburg deutlich. Nach des Kaisers Tode spielt er bei der Wahl des Nachfolgers eine große Rolle. Es war Liuthar, der die Aussichten des Markgrafen Ekkehard zunichte, die sächsischen Fürsten von ihm abwendig machte und für die Erhebung Heinrichs von Bayern eintrat. Seine Bemühungen waren von Erfolg gekrönt. Heinrich wurde gewählt, und Ekkehards Hoffnungen, über die noch an anderer Stelle zu reden sein wird, scheiterten zweifellos in erster Linie an Liuthars persönlicher Abneigung und seinem Einfluß, den Ekkehard offenbar unterschätzt hatte. Der Grund der Feindschaft Liuthars gegen Ekkehard ist mindestens teilweise sicher mit persönlichen Beziehungen beider zueinander zu suchen. Liuthars Sohn Werner und Ekkehards Tochter Liutgard waren schon als Kinder miteinander verlobt worden. Als jedoch Ekkehards Ansehen bei OTTO III. wuchs, suchte er sein früheres Versprechen rückgängig zu machen. Er scheint für seine Tochter eine vorteilhaftere Verbindung erhofft zu haben. Darauf raubte Werner die Braut mit Gewalt aus dem Schutz der Äbtissin Mathilde von Quedlinburg, als diese gerade auf einer Reichsversammlung in Derenburg war. In Magdeburg wurde er gezwungen, die Braut wieder herauszugeben, obwohl Liutgard erklärte, bei ihm bleiben zu wollen. Erst nach ihres Vaters Tode 1002 konnte er sie endgültig heimführen. Die ihm und seinem Sohn zugefügte Schmach vergaß Liuthar nicht. Dass er Ekkehards Bemühungen um den Thron vereitelte, war seine Vergeltung.
Wilhelm von Gisebrecht hat darauf aufmerksam gemacht, dass Liuthar den herzoglichen Titel seines Vorgängers nicht mehr besitzt, und die Gleichstellung der Markgrafen nach 985 daraus geschlossen. Man kann ihm darin nur Recht geben. Die Veränderung wird noch etwas deutlicher bei einem Vergleich der Stellung Liuthars mit der Dietrichs. Thietmar nennt Dietrich bei der Beschreibung des Feldzuges gegen Havelberg im Jahre 983 "marchio" vor Rikdag und Hodo, die er als "comites" bezeichnet. Dietrich tritt also deutlich als Führer hervor sowohl durch den Titel als auch in der Reihenfolge der Namen. Von Liuthar könnte man eher das Gegenteil behaupten, wie das oben getan wurde. Worin die jetzt offenbar hergestellte Gleichstellung der Markgrafen begründet lag, wird sich kaum feststellen lassen. Sicher ist aber, dass sich das Schwergewicht in den Marken dank der Persönlichkeit Ekkehards und den Verlust unter Dietrich von Norden nach Süden verschob. Auf Liuthar folgte sein Sohn Werner (1003-1009).