Görich Knut: Seite 154-157
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"Otto III. Romanus Saxonicus et Italicus III."

Auch in der Familie der Grafen von Walbeck - der Familie Thietmars von Merseburg - zeichnet sich eine deutlich oppositionelle Tradition ab. Thietmars Großvater Liuthar (+ 964) war 941 als Parteigänger des aufständischen Königs-Bruders Heinrich am Quedlinburger Mordkomplott gegen OTTO I. beteiligt, entging nur knapp der Hinrichtung und mußte hohe Bußgelder entrichten. Thietmars Vater Graf Siegfried (+ 991) und dessen Bruder Liuthar (+ 1003) standen 984 während des Thronstreits auf der Seite Heinrichs des Zänkers. Liuthar erhielt nach dem Ausgleich mit dem Zänker 985 die seit dem Slawenaufstand von 983 wesentlich verkleinerte sächsische Nordmark. Liuthar scheint während der Vormundschaftsregierung OTTOS III. über einen gewissen Einfluß am Hof verfügt zu haben: So erhob OTTO III. auf sein Anraten 992 Reginbert, den Propst des Walbecker Eigenklosters, zum Bischof von Oldenburg. Jedoch geriet der Markgraf mit dem Kaiser dann in Konflikt: Ein Erbschaftsstreit zwischen ihm und Thietmars Mutter entschied OTTO zugunsten der Mutter. Zweifelsohne belastender wirkte sich die Anklage Liuthars im Zusammenhang mit dem Verlust der Arneburg am 2. Juli 997 an die Slawen aus. Nur durch einen Eid konnte er sich vor OTTO III. von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen reinigen. Aber auch das zunehmend enge Verhältnis zwischen Ekkehard von Meißen und OTTO III. brachte für Liuthar Nachteile mit sich. Zu einem Zeitpunkt, als Ekkehard im Ansehen des Kaisers noch nicht so hoch stand, - wahrscheinlich in den letzten Jahren der Vormundschaftsregierung -, bahnte Liuthar eine enge Verbindung zwischen den beiden Familien an: Sein Sohn Werner sollte Ekkehards Tochter Liudgard heiraten - ein Projekt, das bei einem Treffen der beiden Sippen von Ekkehard gutgeheißen und verbindlich bestätigt wurde.
Der Meißner stieg jedoch nach der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch OTTO III. rasch in dessen Ansehen. Aus dem engen Verhältnis zum Kaiser hoffte Ekkehard, besonderen Vorteil für seine Familie ziehen zu können; offenbar konnte er seiner "Königsnähe" wegen auf eine vorteilhaftere Heiratsverbindung seiner Tochter hoffen und versuchte bereits vor seinem Aufbruch zum zweiten Italienzug OTTOS III. im Jahr 997, die verabredet Verlobung seiner Tochter zu hintertreiben. Werner nutzte daraufhin die Abwesenheit Ekkehards dazu, die inzwischen der Äbtissin Mathilde von Quedlinburg zur Erziehung übergebene Liudgard unter Mithilfe von Thietmars Brüdern Heinrich und Friedrich 998 zu entführen. Die während OTTOS Abwesenheit als matricia in Sachsen regierende Äbtissin berief dann auf Rat der Großen im Januar 999 einen Hoftag nach Magdeburg ein, wo Werner seine Verlobte gegen deren erklärten Willen wieder in die Obhut Mathildes zurückgeben mußte - non pro retentione, sed pro timoris magni confirmatione, wie Thietmar berichtet. Mit dieser Bemerkung werden die politischen Implikationen des Ereignisses allerdings mehr verschleiert als offengelegt: Denn es steht außer Frage, dass beim Zustandekommen dieser Entscheidung nicht nur die Rücksicht auf die Stellung Mathildes, sondern auch die Haltung Herzog Bernhards I. von Sachsen, eines treuen Anhängers OTTOS III. und durch die zweite Heirat seiner Schwester Swanhild ein Schwager des Markgrafen Ekkehard, eine entscheidende Rolle gespielt haben muß. Weder konnte die Demütigung der matricia durch Werners Eigenmächtigkeit geduldet werden, noch ließ sich Ekkehard von dem jungen Grafen seine Heiratspolitik zunichte machen: Mit Herzog Bernhard I., aber auch mit seinem der ersten Ehe Swanhilds entstammenden Stiefsohn - dem Markgrafen Gero II. von der sächsischen Ostmark -, hatte er während seiner Abwesenheit zweifellos mächtige Anwälte seiner Interessen in Sachsen. Die Entführung Liudgards wurde von Liuthar selbst wohl nicht gutgeheißen. Es ist anzunehmen, dass er sich über die geringen Erfolgsaussichten eines solchen Unternehmens im klaren gewesen wäre. Dass Werner jedoch grundsätzlich auf die Unterstützung seines Vaters zählen konnte, geht aus Thietmars Bemerkung hervor, Liuthar habe "voller Sorge" - anxia mente - überlegt, wie er die Verlobung gegen Ekkehards Widerstand durchsetzen könnte. Ekkehard behielt jedoch die Oberhand - erst nach seiner Ermordung konnte die Heirat zwischen Liudgard und Werner stattfinden. Während Ekkehard in der Gunst OTTOS III. immer höher stieg und im Mai 1000 sogar den größten Teil seiner Lehen als Eigen erhielt, verschlechterte sich die Beziehung zwischen den beiden Markgrafen nachhaltig bis hin zur Feindschaft. Im Thronstreit nach OTTOS Tod 1002 war Liuthar ein entschiedener Gegner Ekkehards und ein ebenso entschlossener Anhänger Heinrichs von Bayern, der durch Liuthars maßgeblichen Einsatz die Zustimmung der sächsischen Großen erhielt.
Das gescheiterte Heiratsprojekt mußte Liuthar nicht nur in seiner Ehre verletzt haben, sondern auch Ansehensverlust und das vorläufige Ende des geplanten Ausbaus seiner Machtposition in Sachsen durch die Verbindung mit der mächtigen Familie Ekkehards bedeuten. Nimmt man die demütigende Anklage vor dem Kaiser hinzu, so besteht aller Grund zu der Annahme, dass Liuthar mit den bestehenden Machtverhältnissen in Sachsen und mit ihren Konsequenzen für seine eigene Stellung unzufrieden war. Es kann als sicher gelten, dass er mit den Mördern Ekkehards in Verbindung stand.