Annalista Saxo: Seite 30,32,38,43-45,51,66,67,125
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"Reichschronik"
 

Das Jahr 977.

 
Heinrich mit dem Zunamen der Jüngere [3 Dieser Zuname kommt nicht ihm, sondern dem Herzoge Heinrich von Kärnten zu, dem Sohne des Herzogs Berthold von Baiern.], welcher später Markgraf in Baiern war [4 Im Nordgau, später von Schweinfurt gennant. Berthold war ein Bruder des ersten Markgrafen Liupold von Österreich.], hatte folgende Abstammung. Nachdem Lothar der Aeltere, Graf von Walbike, wie oben gesagt ist [5 Zum Jahre 943 nach Thietmar.], den Kaiser Otto zu tödten versucht hatte, war er gefangen, nach Baiern geschickt und dem Grafen Berthold übergeben worden; als ihn dann der Kaiser wieder zu Gnaden angenommen hatte, gab er demselben Bertold seine Tochter Eila zur Gattin, welche demselben diesen Heinrich gebar. -
 
Dem Kaiser Otto und der Kaiserin Theophanu wurde eine Tochter geboren, welche er mit dem Namen seiner kaiserlichen Mutter bezeichnete.
 

 Das Jahr 979.

 
Athela, die Tochter [des hingerichteten Grafen Gero von Alesleve], heirathete Sigefrid, den Sohn des Grafen Heinrich von Stathen, welcher mit ihr den Grafen Liutger und die Aebtissinnen von Alesleve, Irmingard und Berta zeugte. Die Gräfin Athela selbst übertrug Land an die  Magdaburger Kirche, um den Kopf ihres Vaters auszulösen. Dazu gab sie den beiden Klöstern, welche sich in Alesleve und Hersevelden befinden, das Gut, das in Trebenezi ist.
 

Das Jahr 983.

 
[Der Kaiser hielt in Verona einen Reichstag und Heinrich der Jüngere, Bertolds Sohn, wurde von der  Verbannung befreit und zum Herzoge von Baiern eingesetzt [1 Aus Thietmar III, 12.],] während Heinrich, des Kaisers Vetter, noch in Gefangenschaft blieb. [Des Kaisers Sohn Otto III wird von allen zum Herrn erwählt.] Nachdem nun auch der Reichstag und die Zusammenkunft mit den Sachsen, Sueven, Lothariern, Baiern und Italienern und die Begegnung mit anderen durch Abstammung, Sprache und Kleidung sehr verschiedenen Völkern zu Verona ruhmreichst abgehalten worden, kehrt derselbe erhabene Kaiser nach Rom zurück und setzte mit geziemender Ehre einen Herrn Papst über die römische Kirche [2 Johann XIV. Vgl. die Magdeburger Jahrbücher.].  - Der Paderborner Bischof Folkmar starb.
 
Dedo [3 Vgl. unten 1009,1070,1103.], der Sohn Teoderichs, eines Mannes von  besonderer Freiheit [4 egregie libertatis, das heißt der keines Anderen Lehnesmann ist. Vgl. unten zu 1126.], hatte einen Bruder Friderich, einen sehr klugen Menschen. - Seine Nachkommen waren unter den Fürsten Sachsens, wie im Einzelnen später erzählt werden soll, edle Blüthen. Jetzt wollen wir zu unserer Aufgabe zurückkehren. -
 
Wegen der Zerstörung der Kirchen in Brandenburg und Havelberg verlor der Herzog und Markgraf Teoderich, welcher der Vertheidiger jener Gebiete war, seine Würde und Lothar von Waldbike empfing vom Kaiser die Mark [5 Ebenso bemerkt der Autor zu 998: "Das ist der Luthar, welcher dem Herzoge und Markgrafen Theoderich folgte, als er seine Würde verlor, nachdem die Slaven die Kirchen in Brandenburg und Havelberg zerstört hatten und ins Heidentum wieder zurückgefallen waren." Vgl. auch zum Jahr 1010.]. [Als der Kaiser nach Rom gekommen war, während seine ehrwürdige Mutter in der Stadt Papia zurückblieb, wird er schwer krank und wie er sein Ende nahen fühlte, theilte er all sein Geld in vier Theile, einen für die Kirchen, den zweiten für die Armen,
den dritten [1 Aus Thietmar III, 14.]] für seine Mutter und seine einzige Schwester zum Beweise der Liebe, welche er ihnen schuldete, den vierten für die Ritter, welche Leben und Heimat der Liebe zu ihm und dem Gehorsam nachgesetzt hatten [2 Vgl. die Magdeburger Jahrbücher.].
 
Als diesen [Otto II] sein Oheim, der Kölner Erzbischof Bruno, welcher ihn von der ersten Kindheit an erzog, mit großer Strenge im Zaume hielt, hat der Knabe etwas gar nicht Knabenhaftes vollführt. Denn während der Bischof in einer Nacht die nächtlichen Horen hielt, legte jener einen in der Stadt gestorbenen Knaben in sein eigenes Bett und bedeckte ihn mit seinem eigenen Kleide, als sei er selbst gestorben; dann ging er fort und machte sich aus dem Staube. Wie nun der Bischof bei der Rückkehr nach dem Bette seines Neffen sah und den Leichnam fand, glaubte er, daß jener heimgegangen sei,
und verfiel vor übergroßem Schmerze in Hüftweh. Inzwischen kommt der Knabe, den Alle beweinten, lebendig herbei und antwortete auf die Frage des Bischofs, warum er ihn so  getäuscht habe: "Nicht besser konnte ich mich für die zu große Schmach der Schläge rächen."[3 Dieselbe Erzählung findet sich, aber mit der irrigen Beziehung auf Otto III., in den Pöhlder Jahrbüchern zum Jahr 983.]
 

Das Jahr 998.

 
[Gräfin Kunigund, die Gemahlin Sigefrids von Waldbike, starb am 13. Juli in der Stadt Germersleve.] Diese war die Schwester Heinrichs, Sigefrids und Udos, welche im Kampfe gegen die Seeräuber besiegt worden waren [4 Seeräuber sind Normannen. Siehe Quedlinburger Jahrbücher 994.]. Sie gebar ihrem Manne fünf Söhne: Thietmar, Sigefrid, Bruno, Heinrich und Friderich, von denen drei Bischöfe wurden; Heinrich erhielt die Grafschaft des Vaters, Friderich verwaltete die Burggrafschaft in Magdaburg [5 Mit denselben Worten in den Magdeburger Jahrbüchern zu 968. Vgl. unten 1049.].
 

Das Jahr 1009.

 
[Der heilige Bruno, auch Bonifacius genannt, Erzbischof der Heiden, zuerst Canonicus von Sankt Mauricius in Magdaburh, ging am 14. Februar als berühmter Märtyrer zum Himmel ein.] Sein Vater hieß Bruno, die Mutter Ida und sein Bruder Gebehard. Gebehard zeugte Burchard und Ida, Burchard
zeugte Gebehard, des Magadaburger Erzbischofs Konrad [3 1134-1142 Vgl. unten 1040.] Vater. Ida [4
Ihr Mann hieß Lothar.] gebar Gebehard, den Vater des Kaisers Lothar [5 1125-1137. Dieselbe Stelle findet sich nochmals zum Jahr 1106 und in den Magdeburger Jahrbüchern zum Jahr 1009.]. Also war der selige Märtyrer Bruno von erlauchtem Geschlechte entstammt, aber durch Gottes Erbarmen vor seinen übrigen Verwandten unter den Kindern Gottes ausgezeichnet. -
 
Der Vater [des Grafen Dedo vom Stamme Butzieci], Namens Theoderich, lebte zur Zeit Ottos I als ein Mann von besonderer Freiheit und er zeugte diese Brüder, die Grafen Dedo und Friderich [1 Vgl. zum Jahr 983.]. Dedo diente von Kindheit an dem Markgrafen Ricdag und seinem Sohne Karl. -
 
[Viele Brände entstanden, so daß in einem Flecken selbst Menschen im Feuer umkamen. Auch das Mainzer Münster,] welches vom Erzbischof Willigis mit dem größten Streben nach Pracht zur Ehre des heiligen Martin erbaut war, [wird mit allen dazu gehörigen Baulichkeiten, so daß allein die alte Kirche
übrig blieb, elendiglich vom Feuer verzehrt] am 30. August [2 Die Quedlinburger Jahrbücher, aus welchem diese Nachricht genommen ist, haben den richtigen Tag: 29. August.] im achten Jahre des Königthums Heinrichs II. [Donner und Blitzen geschah oft in der Zeit des Winters.] Unter demselben Heinrich soll die Stadt Goslar in folgender Weise gegründet worden sein [3 Die Gründung ist oben schon bei dem Jahr 922, also unter Heinrich I. erwähnt.]. Heinrich II pflegte die Gegend häufig der Jagd wegen zu besuchen, denn sie war waldreich und ausgezeichnet durch die Jagd auf Bären, Hirsche und Rehe. An demselben Orte lebte ein armer Mann, ein Bauer, Namens Gundelkarl, und in seine Hütte pflegte der König nach der Jagd einzutreten und jener ihm in der Hoffnung größeren Lohns Heerd und Tisch zuzurüsten, die Speisen zu kochen und nach der Arbeit ihm darzubringen. Denn in solchem Falle verschmähen auch die Könige nicht den Dienst der Knechte und Bauersleute. Als er nun, da er dies oft that, sein bischen Vermögen  ausgegeben hatte, erinnerte er den König daran, daß er seines Dienstes gedenken und ihm etwas zuwenden möge, womit er sein armes  Leben erhalten könne, doch so viel als der königlichen Freigebigkeit gezieme. Da sagte der König: "Du wirst für deinen Dienst Lohn bekommen, wenn es mir gelegen sein wird." Aber, wie es so geht, die Erinnerung an den Armen verschwand sehr schnell aus dem Herzen des Mächtigen. Als der König darnach wiederum in diese Gegend kam, trat er nach seiner Gewohnheit in das Haus des Bauers und der wandte für ihn den aufgespeicherten Unterhalt eines ganzen Jahres auf. Weil er dies nun öfters gethan und nichts von ihm bekommen hatte, warf er sich eines Tags dem Könige zu Füßen und bat, ihm etwas Lohn zu gewähren. Dieser gab ihm die Erlaubniß zu bitten, was er wollte. Der Bauer sagte, er wolle nichts anderes, als daß ihm der benachbarte Berg, welcher Rammesberch heißt, zu Lehen gegeben würde. Da hieß der sehr gnädige König ihn um etwas bitten, was ihm mehr nütze, aber jener blieb dabei, daß er nichts anderes wolle, da er vielleicht recht gut wußte, welchen Nutzen jener Berg ihm bringen konnte. Endlich verlieh ihm der König, durch das Drängen des Mannes besiegt, den Berg, sagte jedoch, er hätte gewünscht, jener möchte um etwas Nützlicheres gebeten haben. Ohne Verzug ging der genannte Mann nach Franconien, denn er war selbst ein Franke, brachte mehrere Stammesgenossen mit und begann den Ort Goslar zu bauen, und fand daselbst zuerst Erzadern mit Silber, Kupfer und Blei. Was soll ich mich noch bei vielem  aufhalten? Jener Mann wurde mit den Seinen übermäßig reich und viele Menschen begannen sich in der Gegend anzusiedeln und ihre Sachen zum Verkauf dorthin zu bringen. Auf diese Weise entstand der so sehr berühmte Markt. Wie es aber zu geschehen pflegt, mit dem Reichthum wuchs jenen auch ihr Uebermuth und sie verachteten die von allen Seiten Hinzukommenden und thaten diesen viel Unrecht. Das wurde den Fürsten Sachsens gemeldet. Diese lassen ihnen durch Boten sagen: wenn sie ein friedliches und ruhiges Leben führen wollten, sollten sie aufhören, die dorthin Kommenden ungerechter Weise zu belästigen. Da sie aber auf ihren Reichthum zu sehr vertrauten, thaten sie, wie sie es gewohnt waren, den Ankommenden Schimpf an. Darüber waren die Fürsten Sachsens erzürnt, schickten ihre Leute dorthin und tödteten ihrer Viele; andere sind kaum den Händen der Wüthenden entgangen. So fiel jener Platz, der früher von Fremden bewohnt war, den Sachsen zu. Daß es also zugegangen, habe ich von denen, die damals lebten, gehört; ob es aber feststeht oder ob das Gegentheil der Fall ist, weiß ich nicht sicher. Denn man sagt auch, daß der Berg von den ersten Einwohnern jener Gegend Frankenesberch genannt worden sei.
 

Das Jahr 1032.

 
[Sigefrid, Bischof der Mimigardevorder Kirche [1 Münster.]], der Sohn des Grafen Sigefrid von Waldbike und der Judith, der Tochter Heinrichs des Kahlen von Stadhen, [ist am 27. November gestorben]. Seine Brüder waren die Bischöfe Thietmar von Mersburg und Bruno von Farden [2 Verden.] und Graf Heinrich und der Magdaburger Burggraf Friderich. [Ihm folgte im Bisthum Herimann, Probst von Köln [3 Aus den Hildesheimer Jahrbüchern.].]
 

Das Jahr 1049.

 
Der Magadaburger Erzbischof Hunfrid weihte am 15. Juli die Krypta der Hauptkirche zur Ehre der heiligen Maria, des heiligen Evangelisten Johannes und des heiligen Kilian und seiner Gefährten, wobei ihn seine Mitbrüder Bischof Godescalc [3 von Havelberg.] und Bischof Hunold von Mersburg unterstützten.
Der Bischof Bruno von Farden [4 Verden.], Sohn des Grafen Sigefrid von Waldbike und der Gräfin Juditha, der Tochter Heinrichs des Kahlen von Stadhen, ein Bruder des Magadaburger Grafen Friderich [1 Vgl. oben 998, wo jedoch die Mutter Kunigunde genannt wird.], schied aus dem Leben und ihm folgte Sigibert. Sein Bruder Friderich aber zeugte mit der Gräfin Thietberga den Magedaburger Grafen Konrad. Als Friderich todt war, nahm seine Witwe Thietberga ein Edler von den Ersten der Hessen zur Ehe und sie gebar ihm den Meinfrid, welcher seinem genannten Bruder Konrad in der Grafschaft nachfolgte, da dieser keinen Sohn hatte. Der erwähnte Konrad hatte aber eine Frau aus Baiern heimgeführt, Namens Adelheid, welche ihm eine Tochter Namens Machtild gebar, welche Graf Theoderich von Plozeke [2 Vgl. 1117, 1118.] heirathete, und er bekam mit ihr das ganze Erbgut desselben und zeugte mit ihr Konrad, den Grafen Hilprich und zwei Töchter, Irmingard und Adelheid. Konrad ist, wie man sagt, als reiner Junggesell  gestorben [3 Vgl. 1133.], und sein Bruder Hilprich führte die Witwe des Grafen Theoderich von Katalenburg, Adela [4 Siehe 1103.], heim, welche ihm zwei Söhne gebar, den Grafen Bernhard und den Markgrafen Konrad. Hilprichs Schwester Adelheid nahm Graf Otto von Regensburg zur Frau. Die andere, Irmingard, heirathete den Markgrafen Udo [5 von Stade.], und die ganze Erbschaft ihres Großvaters, des Grafen Konrad, fiel ihm zu, und sie gebar ihm den Markgrafen Heinrich und zwei Töchter. Des oben genannten Sigefrid von Waldbike Tochter, Namens Oda, nahm aber ein Vornehmer Namens Gozwin von Valkenberg und sie gebar ihm die Grafen Gerhard und Gozwin. Graf Gerhard führte die Markgräfin Irmingard heim, des Markgrafen Udo Witwe; diese beiden aber hatte sie ungesetzlich geheirathet, da sie beider blutsverwandte Nichte war.
 

Das Jahr 1118.

 
Die Fürsten Sachsens belagern die sehr feste Burg Kusese [3 Kyffhausen.], welche unter Friderich dem jüngern von Sumersenburg [4 Irrig für Putelendorf.], dem Sohne des Pfalzgrafen Friderich, stand, weil er die umliegende Gegend mit Plünderungen und vielen Unbequemlichkeiten belästigte. Ermüdet durch die große Arbeit der langen Belagerung nehmen sie es endlich ein. Der Havelberger Bischof Bernhard starb und ihm folgte Hemmo. Priester Bernhard, ein Einsiedler vom Sankt Michaelsstein, starb in Christo. Ferner starb Graf Helprich von Ploceke [5 Vgl. Magdeburger Jahrbücher. - Das Folgende steht ziemlich wörtlich schon zum Jahr 1049.]. Sein Vater Theoderich, Sohn des Grafen Bernhard und der Irmingardis, welche aus Baiern war, heirathete Machtild, des Magedaburger Grafen Konrad Tochter, mit der er zwei Söhne Konrad und diesen Heinrich und zwei Töchter Irmingardis und Adelheid zeugte; von diesen heirathete Irmingardis den Markgrafen Udo und die ganze Erbschaft ihres Großvaters Konrad, des Magedaburger Grafen, fiel ihr zu. Adelheid nahm der Regensburger Graf Otto zur Frau. Konrad ist, wie man sagt, als reiner Junggesell gestorben [6 Siehe inten 1133.] und sein Bruder Helprich führte die Witwe des Grafen Theoderich von Katelenburg Namens Adela heim, welche ihm zwei Söhne gebar, Bernhard und den Markgrafen Konrad, mit welchem eine Tochter des Herzogs der Polanen verlobt wurde. Sein Bruder Bernhard nahm eine Frau aus Baiern und beide starben kinderlos. Ferner starb in diesem Jahre der Magedaburger Graf Heremann, für welchen Wikbert zum Grafen erwählt wurde. In ganz Europa war große Wassersnoth.