Anno II.                                            Erzbischof von Köln (1056-1075)
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um 10104.12.10175
(Alt-)Steußlingen Kloster Siegburg
                            bei Bonn

Begraben: Siegburg

Sohn des Herrn Walter von Steusslingen und der Engela
 

Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 666
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Anno II., Erzbischof von Köln seit 1056
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* ca. 1010, 4. Dezember 1075

Begraben: Siegburg

Aus schwäbischem Adel, Schüler, dann Domscholaster in Bamberg, wohl nach 1046 Hofkaplan HEINRICHS III., 1054 Stiftspropst in Goslar. Februar 1056 in Koblenz vom Kaiser investiert, 3. März im Köln geweiht; kraft seines Amtes Erzkanzler für Italien und 1057 (sowie 1063-1067) auch Erzkanzler der römischen Kirche. Er widmete sich dem Ausbau seines Erzbistums (Anwartschaft auf Saalfeld und Coburg 1057 von der polnischen Königin Richeza aus dem lothringischen [rheinischen] Pfalzgrafenhaus; Abtretung des Siegberges 1059/60 durch den von Anno besiegten Pfalzgrafen Heinrich; Errichtung der Kölner Stifte Mariengraden [1057?] und St. Georg 1059), trat aber unter der Regentschaft der Kaiserin Agnes zunächst politisch nicht hervor.
Eine (nicht näher erkennbare) Maßregelung Annos und anderer deutscher Bischöfe durch Nikolaus II. führte 1060/61 zum Bruch mit Rom, so dass der neue Papst Alexander II., ohne Fühlung mit der Regentschaft erhoben, von dieser aber der Bischof Cadalus von Parma zum (Gegen-) Papst Honorius II. ausgerufen wurde. Anno sah klar, dass es aus dieser verfehlten Umkehrung der Fronten keinen Ausweg gab, als durch die einzig mögliche Anerkennung des Reform-Papstes Alexander unter tunlichster Wahrung der Reichsautorität vom Schisma loszukommen. Im Bunde mit anderen Fürsten setzte er der ohnehin glücklosen Regierung der Kaiserin Agnes durch den Staatsstreich von Kaiserswerth (April 1062) ein Ende, indem er den 11-jährigen HEINRICH IV. in seine Gewalt brachte und die faktische Führung der Reichsgeschäfte an sich zog. Eine Synode in Augsburg, die eine Schiedsgewalt über beide Päpste geltend machte (Oktober 1062), und eine Pfingstsynode in Mantua (1064) schoben unter Annos vorwaltenden Einfluß (von dem auch die Erhebung seines Bruders Werner/Wezilo zum Erzbischof von Magdeburg 1063 zeugt) das Schisma beiseite.
Von diesem Höhepunkt an aber sank Annos politische Geltung bald wieder ab, zumal ihn der Erzbischof Adalbert von Hamburg-Bremen allmählich verdrängte. Mit der Schwertleite HEINRICHS IV. begann 1065 ein Jahrzehnt neuer Labilität, bei der uns die Lückenhaftigkeit der Quellen zudem oft den Einblick in Zusammenhänge und Hintergründe verwehrt. Der jetzt gebotene Romzug zur Kaiserkrönung, auf Zuraten Annos schon 1065 beschlossen, blieb unausgeführt. Auch die Verweisung Adalberts vom Hofe, Januar 1066 (Versammlung von Tribur) hatte keinen politischen Wiederaufstieg Annos zur Folge. Der 1066 vom König zum Erzbischof von Trier investierte Kuno, Annos Neffe, wurde auf dem Zug in seine Metropole umgebracht; König und Papst fanden sich mit der Wahl des neuen Erzbischofs Udo ab.
Der eigenen Kirche galt wieder Annos verstärkte Sorge: Aus dem Erbe Richezas sicherte er 1063 dem Erzbistum Saalfeld und Coburg mitsamt dem Orlagau, gewann er für seine Stiftung Mariengraden den reichen Besitz um Klotten im Moselraum; er gründete das Kloster Siegburg (wohl 1064, Kirchweihe 1066), ließ sich 1065 vom König die Eigenherrschaft über Malmedy, Kornelimünster und Vilich zuweisen, weihte Kölner Kirchen (St. Maria im Kapitol 1065, St. Gereon 1069). Aber gegen die Lösung Malmedys aus dem alten Doppelklosterverband setzte sich der Abt Dietrich von Stablo erbitterte zur Wehr, mit dramatischen Auftritten vor König und Papst, bis Anno 1071 verzichtete. Den stetigen Einfluß am Königshof gewann Anno nicht zurück, und auch sein Verhältnis zum Papst blieb nicht ungetrübt. Weil er 1068 auf der Reise nach Rom mit dem Cadalus-Honorius zusammentraf (sicherlich um ihn zum Verzicht zu bewegen), wurde er von Alexander II. erst nach einer Bußleistung empfangen. Anfang 1070 ging er wieder in offizieller Mission nach Italien; gemeinsam mit Siegfried von Mainz besprach man in Rom die nicht ohne Verschulden des Königs einreißenden Mißstände in der deutschen Kirche. Anscheinend als Leiter des Hofgerichtes wurde Anno 1072 nochmals an der politischen Führung beteiligt, aber dies blieb ebenso eine Episode wie der Anlauf zu einer Vermittlung im Sachsen-Aufstand (1073)
Diese Jahre sind dagegen durch neue monastische Initiativen Annos gekennzeichnet. Auf der Rückkehr aus Rom lernte er 1068/70 im oberitalienischen Fruttuaria eine cluniazensisch geprägte Klosterobservanz kennen. Dieser Reformbewegung öffnete er 1070-1072 in raschem Zuge, auch gegen heftige Widerstände, seine Klöster Siegburg, St. Pantaleon in Köln, Saalfeld und Grafschaft im Sauerland; vor allem Siegburg wurde ein weit ausstrahlendes Reformzentrum. Diese kölnischen Bischofsklöster bilden zugleich, wie auch der Erwerb der Propstei Rees (1075), den Ausgangspunkt seiner Besitz- und Territorialpolitik, insofern der Stadtherrschaft vergleichbar. In seiner Stadt Köln kam es 1074 aus geringfügigem Anlaß zu einem Bürgeraufstand, der den Erzbischof zur Flucht zwang, aber von seiner Ritterschaft mit aller Härte niedergeschlagen wurde - ein Geschehen noch ohne sonderliche Tragweite, aber beachtenswert als frühe Aktion deutscher Stadtbürger.
Hildebrand-Gregor VII. (seit 1073), den der Lebensweg einst (1047) selber nach Köln geführt hatte, bekundete der Kölner Kirche sein Wohlwollen, drängte jedoch Anno wie andere Bischöfe in herrischem Ton zu strenger Reformhilfe; den offenen Zusammenstoß (Worms Januar 1076) jedoch hat Anno nicht mehr erlebt. Eine charakteristische Gestalt des "vorgregorianischen" Reichsepiskopats, hat er als Reichspolitiker die glimpfliche Ablösung des Cadalus-Schismas erwirkt, als Territorialpolitiker früher Stufe die Pfalzgrafschaft vom Niederrhein abgedrängt, als Kirchenpolitiker der jüngeren Mönchsreform den Weg ins Reich geebnet. Genugsam bezeugt ist bei aller Härte sein verzehrender Eifer im geistlichen Amt, seine fromme Neigung zur Askese. Nur diese Züge haben sein in Siegburg hagiographisch geprägtes Andenken bestimmt.

Quellen:
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F.W. Oediger, Reg. der Ebf.e v. Köln I, 1954-1961, 242-338 - Vita Annonis minor, hg. M. Mittler, 1975

Literatur:
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LThK I, 579 - F.W. Oediger, Gesch. des Ebm.s Köln I, 1972, 114-128 - G. Jenal, Ebf. A. v. Köln und sein polit. Wirken, 2 Bde, 1974-1975 - Monumenta Annonis, 1975 [Ausstellungskat. mit vielseitigen Beitr.] - Sankt A. und seine viel Liebe statt. Beitr. zum 900jährigen Jubiläum, hg. G. Busch, 1975 - R. Schieffer, Neue Lit. über A. v. Köln. Ein Ber., RhVjbll 40, 1976, 254-272

Einzelfragen:
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J. Semmler, Die Klosterreform v. Siegburg, 10959 - G. Krause, Das Papstwahldekret (StGreg 7), 1960, 126-143 [zum Konflikt von 1060-1061] - J. Fleckenstein, Die Hofkapelle II, 1966, passim - H. Jakobs, Der Adel in der Klosterreform v. St. Blasien, 1968, 242-259 [zu Fruttuaria und Siegburg] - D. Lück, Standesverhältnisse, verwandtschaftl. Beziehungen und Werdegang bis zur Bischofsweihe, AHVN 172, 1970, 7-112 - Ders. Erzkanzler der röm. Kirche, ADipl 16, 1970, 1-50 - R. Schieffer, Die Romreise dt. Bf.e 1070, RhVjbll 35, 1971, 152-174 - N. Eickermann, Fragmente aus Reginhards verlorener Vita Annonis, Soester Zs. 88, 1976, 5-27; dazu: R. Schieffer, DA 34, 1978, 202-213 - D. Lück, Rhein. Lebensbilder 7, 1977, 7-24.


Schwennicke, Detlef: Tafel 35
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"Europäische Stammtafeln. Stammtafeln zur Geschichte der Europäischen Staaten. Neue Folge Band XII"

ANNO
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* 1010,
Köln 4.XII.1075

Begraben: Siegburg, Abteikirche

1054/56 Propst von St. Simon und Kuda zu Goslar
1056/75 Erzbischof von Köln

Anno II., wahrscheinlich freier, aber nichtadliger Herkunft, leistete zunächst Ritterdienste, wurde aber nach 1046 Lehrer an der Bamberger Domschule und von dort in die Kanzlei HEINRICHS III. übernommen, der ihn um 1054 zum Propst von Goslar und 1056 zum Erzbischof von Köln ernannte. Er war der Initiator des Staatsstreiches von Kaiserswerth. Um die Kaiserin Agnes aus der Regentschaft zu drängen, initiierte er mit der Entführung des Knaben HEINRICH IV. den Staatstreich von Kaiserswerth. In den Auseinandersetzungen zwischen HEINRICH IV. und dem Reformpapsttum stand Anno II. weder auf der königlichen, noch auf der kurialen Seite, sondern war Repräsentant der dritten, fürstlichen Partei, die im Investiturstreit eigene Ziele verfolgte, besonders größere Unabhängigkeit von der Zentralgewalt anstrebte.

Finckenstein Finck von: Seite 51
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"Bischof und Reich"

Aus einer mittleren schwäbischen Adelsfamilie entsprossen, ist er wahrscheinlich über einen Verwandten und Kanoniker in Bamberg in die Stiftschule St. Stephan in Bamberg aufgenommen worden. Nach einer Fortsetzung seines Schulbesuchs an der Domschule in Paderborn ist er dann selbst als Scholaster an das Domstift in Bamberg zurückgekehrt, von wo aus ihn HEINRICH III. zum Dompropst in Goslar am Stift St. Simon und Juda und zum Kanzler in der Hofkapelle beförderte, bis er 1056 zum Erzbischof von Köln erhoben wurde. Unklar ist, ob die Aufnahme seines Namens in die am Hildesheimer Domstift angelegte Liste der Nomina fratrum nostrorum archiepiscoporum noch auf ein wirkliches Kanonikat Annos dort vor oder während seiner Zugehörigkeit zum Stift Goslar hindeutet oder nur als Ehrenkanonikat zu interpretieren ist. Gleichwohl läßt sich der Werdegang Annos mit Ausnahme Bayerns durch alle ostfränkisch-deutschen Stammesregionen verfolgen.

Schieffer Rudolf: Band II Seite 8-15
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"Die Salier und das Reich" 

Anno gab dies freie Hand, um binnen kurzem die verbliebene Macht der EZZONEN im Umkreis seiner Kirche auszuschalten. Die Witwe Richeza brachte er zu weiteren Güterschenkungen, doch nach ihrem Tode (1063) verhinderte er eine Bestattung in Brauweiler (mit der Aussicht auf dauernde Verehrung und demgemäße ezzonische Traditionsbildung) und ließ vielmehr ihr Grab im Kölner Stift Mariengraden bereiten, dem damit auch das für ihr Seelenheil gestiftete Gut Klotten an der Mosel zufiel. Den entscheidenden Schlag führte der Erzbischof jedoch gegen den Pfalzgrafen Heinrich, dem er 1059/60 im Zuge eines gewaltsam ausgetragenen Rechtsstreits den befestigten Siegberg unweit der Mündung des Flusses in den Rhein abnahm. Kurz danach brach über das Pfalzgrafenhaus die Katastrophe herein, als Heinrich nach vorübergehendem Klosteraufenthalt auf seine Burg Cochem zurückkehrte und dort in einem Anfall von Wahn seine Gattin umbrachte (1060). Der Pfalzgraf verschwand für den Rest seiner Tage in Haft, während Anno eine Art Vormundschaft über den Sohn des unglücklichen Paares übernahm. Der in Köln erzogene Hermann II., 1064 erstmals als pfalzgräflicher Nachfolger seines Vaters genannt, behauptete später zwar die moselländischen Besitzungen seiner Vorfahren, ließ sich aber bis zu seinem Tod (1085) auf keinen Zwist mit den Kölner Erzbischöfen ein. Anno blieb im unangefochtenen Besitz des ezzonischen "Nachlasses", den er ohne erkennbares Zutun der Reichsgewalt an sich gebracht hatte.
 
 
 
 

Literatur:
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Annalista Saxo: Reichschronik. Seite 74,149 - Black-Veldtrup, Mechthild: Kaiserin Agnes (1043-1077) Quellenkritische Studien, Böhlau Verlag Köln 1995, Seite 29-384 - Boshof, Egon: Die Salier. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln 1987, Seite 100,150,166,172-175,185-193,198, 204,214,218 - Bühler, Heinz: Adel, Klöster und Burgherren im alten Herzogtum Schwaben. Gesammelte Aufsätze. Anton H. Konrad Verlag 1997 Seite 810-813,816/17 - DEUTSCHE FÜRSTEN DES MITTELALTERS. Fünfundzwanzig Lebensbilder. Edition Leipzig 1995 Seite 19-21,40,133, 140-151,156 - Die Salier und das Reich, hg. Stefan Weinfurter, Jan Thorbecke Verlag 1991, Band I, Seite 5-490/Band II Seite 1-558/Band III Seite 42-538 - Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter. Verlag C.H. Beck München 1994, Seite 73,115,118 - Fenske, Lutz: Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1977, Seite 25,92,93 A.369,94 A.373,100-104,120,126, 195 - Goez Elke: Beatrix von Canossa und Tuszien. Eine Untersuchung zur Geschichte des 11. Jahrhunderts, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1995, Seite 22,27,28,143-145,159-161,163,183,205,208,210 - Lechner, Karl: Die Babenberger. Markgrafen und Herzoge von Österreich 976-1246, Böhlau Verlag Köln 1985 Seite 109 - Meyer von Knonau, Gerold: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V. 1. - 7. Band, Verlag von Duncker & Humblot Leipzig 1890 - Schulze Hans K.: Das Reich und die Deutschen. Hegemoniales Kaisertum. Ottonen und Salier. Siedler Verlag, Seite 9,401-403,406-411,454 - Schwennicke, Detlef: Europäische Stammtafeln. Stammtafeln zur Geschichte der Europäischen Staaten. Neue Folge Band XII, Schwaben, Verlag von J.A. Stargardt Marburg 1984 Tafel 35 - Spindler Max: Handbuch der bayerischen Geschichte. Erster Band. Das alte Bayern. Das Stammesherzogtum bis zum Ausgang des 12. Jahrhunderts. C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung München Seite 476 - Steindorff, Ernst: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich III. 1. und 2. Band, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1963 - Weinfurter Stefan: Herrschaft und Reich der Salier. Grundlinien einer Umbruchszeit. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1992, Seite 65,70,91,99,102-105,107-110,112,114,120,124 - Wies, Ernst W.: Kaiser Heinrich IV. Canossa und der Kampf um die Weltherrschaft, Bechtle Esslingen 1996, Seite 45,47,54,57,60,62,65,75,77,89,92,99,105,107,137,141,143,171,229 -