Regino: Seite 278
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"Chronik." in: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Band VII

Das Jahr 888.
 

Kaiser Karl, der dritte dieses Namens und dieser Würde, verschied am 12. Januar und wurde im Kloster Augea bestattet. Er war aber ein sehr christlicher Fürst, der Gott fürchtete und seine Gebote von ganzem Herzen hielt, den kirchlichen Satzungen in größter Ergebenheit gehorsam, freigebig in den Almosen, mit Beten und Absingen von Psalmen unablässig beschäftigt, dem Preise Gottes unermüdlich geweiht, all seine Hoffnung und seinen Rath setzte er auf die göttliche Vorsehung, durch welche ihm mit günstigem Erfolge alles zum Glücke ausschlug, so daß er alle die Lande der Franken, die seine Vorgänger mit vielem Blutvergießen und großer Anstrengung erworben hatten, selbst sehr leicht in einem kurzen Zeitraum ohne Kampf und Widerstand zu seinem Besitze empfing. Daß er aber gegen Ende seinen Lebens seiner Würden entkleidet und aller seiner Güter beraubt wurde, war eine Versuchung, die, wie wir glauben, nicht allein zur Läuterung, sondern, was größer ist, zur Bewährung diente: denn er trug diese, wie es heißt, mit der größten Geduld, im Mißgeschick wie im Glück seine Danksagungen darbringend, und deshalb empfing er entweder schon die Krone des Lebens, die Gott denen verheißen hat, die ihn lieb haben, oder er wird sie sonder Zweifel empfangen.

Nach seinem Tode lösen sich die Reiche, die seinem Gebote gehorcht hatten, als ob sie eines gesetzmäßigen Erben entbehrten, aus ihrem Verbande in Theile auf und erwarten nicht mehr ihren natürlichen Herrn, sondern ein jedes schickt sich an, aus seinem Innern sich einen König zu wählen. Diese Ursache rief große Kriege hervor; nicht etwa weil es den Franken an Fürsten gefehlt hätte, die durch Adel, Tapferkeit und Weisheit über die Reiche herrschen konnten, sondern weil unter ihnen selbst die Gleichheit des Geschlechtes, der Würde und Macht Zwietracht erwachsen ließ, da Niemand die andern so sehr überstrahlte, daß die übrigen sich dazu verstanden hätten, seiner Hoheit sich zu unterwerfen. Denn viele zur Lenkung des Reiches tüchtige Fürsten hätte Francien erzeugt, wenn das Schicksal ihnen nicht im Wetteifer der Kraft zu gegenseitigem Verderben die Waffen in die Hand gegeben hätte.

Ein Theil des italischen Volkes also setzt Berengar, den Sohn Everhard's, welcher das Herzogthum der Forojulaner besaß, sich zum König ein, ein anderer beschließt Wido, den Sohn Lantperts, den Herzog der Spolitaner gleichfalls zur königlichen Würde zu erhöhen. Aus dieser zwiespältigen Entscheidung erwuchs nachmals für beide Theile so schwerer Verlust und so viele Vergießung von Menschenblut, daß nach dem Ausspruch des Herrn, fast das Reich in sich selbst uneins, wüste geworden wäre. Zuletzt blieb Wido Sieger und vertrieb Berengar aus dem Reiche. Vertrieben also wandte er sich an den König Arnolf und fordert dessen Schutz gegen seinen Feind. Was aber Arnolf hierauf gethan, wie er das Königreich Italien zweimal mit einem Heere durchzogen, wird seiner Zeit erwähnt werden.Inzwischen versammeln sich die Völker Galliens an einem Ort und wählen mit Beistimmung Arnolfs den Herzog Odo, den Sohn Rotberts, dessen wir kurz zuvor Erwähnung thaten, einen thatkräftigen Mann, dem vor andern Schönheit der Gestalt, hoher Wuchs und große Kraft und Weisheit eigen waren, in einmüthiger Willensmeinung zu ihrem Könige; er führte die Regierung mannhaft und zeigte sich gegen die unablässigen Plünderungen der Nordmannen als unermüdlicher Vorkämpfer.