Hlawitschka, Eduard: Seite 169-172
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"Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien (774-962)"

LVII.           EBERHARD VON FRIAUL

war einer der angesehensten und einflußreichsten Adligen Oberitaliens in der Regierungszeit LOTHARS I. und LUDWIGS II. Als solcher ist er bereits des öfteren, und zwar von A. Hofmeister, P. Hirsch und E. Dümmler, ausführlich behandelt worden. Auf diese Arbeiten kann hier - besonders was die gesamte Quellenerfassung anbetrifft - verwiesen werden, und eine kurze Zusammenfassung mag deshalb genügen [1 A. Hofmeister, Markgrafen Seite 316ff.; P. Hirsch, Die Erhebung Berengars I.; E. Dümmler, Fünf Gedichte Seite 171ff.; ders., Geschichte des ostfränkischen Reiches I Seite 119; ders., Gesta Berengarii Seite 17f.; P. Paschini, Le vicende politiche, N. Arch. Ven. XXI Seite 40ff. Dort sind die Quellen für das Folgende leicht zu finden.].
Eberhard erhielt die Verwaltung des wichtigsten Teiles der 828 bei der Absetzung Balderichs unter vier Grafen aufgeteilten Mark Friaul mit der Stadt Friaul (= Cividale) selbst. Ducatum Foriiulensis divina ordinatione sub glorioso principe Lothario, Ludovici piissimi imperatoris genito ac in regni gubernaculis successore, nobiliter amministrabat. Ob er sogleich 828 in sein Amt antrat oder erst wenige Jahre darauf, ist nicht mehr feststellbar. Doch scheint es zumindest vor 834, das heißt vor der Einwanderung der exilierten fränkischen Großen gewesen zu sein, da er im Mai 836, als er zum ersten Male in unseren Quellen auftaucht, anläßlich der Gesandtschaft LOTHARS nach Diedenhofen neben Wala und dem ehemaligen Obertürwart Richard vom Verherrlicher LUDWIGS DES FROMMEN, Thegan, als fidelis hervorgehoben wird, während der 834 ausgewanderte Richard perfius heißt.
In Diedenhofen wurden damals von diesen drei Boten an LUDWIG DEN FROMMEN LOTHARS I. Einverständnis überbracht, zu einem Besuch nach Francien zu kommen, um die entstandenen Spannungen zu vermindern. In Diedenhofen war er auch am 1. September 841 mit Kaiser LOTHAR, der nach dem Tode LUDWIGS (840) die Herrschaft über das Frankenreich übernommen, im Juni 841 aber gegen die beiden nunmehr bedrohten Brüder Ludwig den Deutschen und KALR DEN KAHLEN erfolglos gekämpft hatte und nun in Diedenhofen seine Anhänger zu einer Heerfahrt gegen KARL DEN KAHLEN sammelte. Die Intervention in einer bei dieser Gelegenheit für den Dogen von Venedig ausgestellten Urkunde macht das offenbar [2 Vgl. BM² nr. 1087d und 1088]. - Als 842 viele Große von LOTHAR abgefallen waren und LOTHAR selbst von Aachen nach Vienne entfliehen mußte, übernahm Eberhard mit den beiden Grafen Josippus udn Egbert die Aufgabe, Verhandlungen mit den Brüdern aufzunehmen. Ob er dann an den Hauptverhandlungen in Koblenz und den anderen Besprechungen teilnahm, die zum Vertrag von Verdun führten, ist nicht mehr genau feststellbar. Doch ist er sogleich nach Ablauf des Friedens von Verdun (Anfang bis Mitte August 843) bei LOTHAR I. in Gondreville nachweisbar. Er intervenierte am 22. August 843 in einer Kaiserurkunde für die Kirche von Aquileja.
In den folgenden Jahren scheint er sich wieder in Italien aufgehalten zu haben. Im Oktober 846 (oder Sommer 847) wird er mit anderen Lehensträgern des Reiches LOTHARS gegen die Italien bedrohenden Sarazenen aufgeboten. Er ist einer der vier Anführer in der prima scara des Aufgebotes. Wenn Eberhard von verschiedenen Dichtern auch als Schrecken der ungläubigen Mauren und als Bezwinger einer ihrer Festungen gepriesen wird, so muß man das wohl auf die Geschehnisse beziehen, die diesem Aufgebot folgten. Auch Sieger über die unruhigen Slawen wird er des öfteren genannt; die Kämpfe gegen die Slawen scheinen mit der Niederwerfung des Liudewit-Aufstandes also nicht ganz zu Ende gewesen zu sein.
Bei LUDWIG II. stand Eberhard gleichermaßen in gutem Ansehen wie bei LOTHAR I. Am 30. Oktober 854 intervenierte wer bei ihm in Pavia für die Ausstellung einer Urkunde zugunsten des Patriarchen von Aquileja, und am 23. März 856 war er bei LUDWIG in Mantua, wo auf Bitten des dilectissimus dux et familiaris Everardusden Venetianern der im regnum Langobardiae gelegene Besitz bestätigt wurde. Im Frühjahr 858 ging er mit dem Bischof Noting von Brescia als Gesandter LUDWIGS II. zu einem Hoftag Ludwigs des Deutschen nach Ulm, wo Fragen um den in Italien gelegenen Besitz des Klosters Rheinau verhandelt worden zu sein scheinen [3 Vgl. K. Schmid, Königtum, Adel und Klöster Seite 276ff.].
Das um 863/64 abgefaßte Testament des Markgrafen Eberhard läßt uns einen Einblick in die geistige Welt und die Familie dieses umsichtigen Mannes tun. Es zeigt zunächst, daß er trotz des Vertrages von Verdun im Besitz vieler am Niederhein (Haspengau, Condrozgau, Toxandrien, pagus Moila und Osterbant) und in Alemannien gelegner Güter geblieben war, die er nun an seine Söhne und Töchter (Unruoch, BERENGAR [später Kaiser], Adalard, Rudolf, Engeltrud, Judith und Heilvinch) vererbt. Seine Güter waren also nicht unter die in jenen Jahren üblichen Konfiskation der Besitzungen aller jener Großer gefallen, die sich einem anderen Bruder anschlossen [4 Vgl. etwa Wartmann, UB St. Gallen II Seite 117, nr. 503; BM² nr. 936a und 1072d.]. Man wird mit Recht  in ihm, der demnach auch bei Ludwig dem Deutschen (alemannische Besitzungen) und KARL DEM KAHLEN (Besitz in Osterbant und Tournai, dazu KARLS Schwager) in hohem Ansehen geblieben sein muß, einen jener communes fideles erkennen dürfen, über die in jenen Jahren besonders der Verkehr zwischen den einzelnen Herrschern des nun zerstückelten KARLS-Reiches abgewickelt wurde und die sich immer wieder um den Ausgleich zwischen den entstandenen Teilreichen bemühten [5 D. von Gladiß, Fidelis regis Seite 449.]. - Das Testament zeigt aber auch etwas von dem Lebensstil dieses Mannes, der Gisela, eine Tochter Kaiser LUDWIGS DES FROMMEN und Judiths, zur Frau genommen hatte. In seiner Bibliothek, die unter die Kinder aufgeteilt wurde, fanden sich eine große Anzahl theologischer und erbaulicher Schriften, Rechtssammlungen, Literatur zur Kriegskunst, historische, geographische, naturgeschichtliche und medizinische Abhandlungen. Ist das schon ein bemerkensweter Hinweis auf die Neigungen und den hohen Bildungsstand dieses Markgrafen, so spiegeln sich seine regen geistigen Interessen auch in dem von ihm epflegten Umgang wider. Zu seinem engen Freundes- und Bekanntenkreis zählte Hrabanus Maurus, der ihn ersuchte, sich standhaft gegen die Ketzereien des Mönches Gottschalk zu verhalten, der Erzbischof Hinkmar von Reims, mit dem er Briefe wechselte, der Dichter Sedulius, de rihn in mehreren Gedichtebn verherrlichte, und der Bischof Hartger von Lüttich, der ihm mit eigener Widmung ein Buch über die Kriegskunst überreichen ließ. Auch Anastasius bibliothecarius zählte zu seinen Freunden; aus Rom entflohen fand er 848 in seinem gebiet Aufnahme. Seine kirchlich fromme Gesinnung spiegelt sich in der Gründung der Abtei Cysoing im Gebiet von Noyon inmiten seiner niederländischen Besitzungen wider, in die er 854 auch die Gebeie des hl. Papstes Calixtus übertragen ließ und in der auch er seine letzte Ruhestätte fand, nachdem er (864 oder) 866 [4 Vgl. Skizze Liutfrid I., Anm. 18. - Die Ann. Xantenses verzeichnen zum Jahre 866 den Tod eines in Italia tätigen Everwinus, gener Ludewici regis (MG SS II Seite 231), dessen Identität mit Eberhard von Friaul ist offensichtlich.] in Italien verstorben war.
Über Herkommen und Genealogie Eberhards sind die Ansichten der Historiker nicht völlig einhellig. Den konretesten Anhalt für seine Stammeszugehörigkeit bietet noch immer die in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts verfaßte Translatio S. Calixti, in der vom vir nobilissimis Francorum natalibus oriuindus nomine Evrardus die Rede ist und die auch noch dadurch eine kräftige Stütze erhält, daß der Hauptteil der Besitzungen Eberhards in den fränkischen Kernlanden am Niederrhein lag und sein Ahn Unruoch auch in das westfränkische Kloster Sithui eintrat, während die alemannischen Besitzungen wohl aus der Zeit einer früheren Grafentätigkeit des alten Unruoch in Alemannien oder aus der Mitgift seiner Gemahlin gestammt haben könnte [7 Giselas Mutter Judith entstammte ja dem in Alemannien begüterten Hause der WELFEN. - Zur Herkunft Eberhards vgl. auch MG Poetae Lat. III Seite 220, nr. 67.].