Jahrbücher von Fulda: Seite 52,146
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in: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Band VII

Das Jahr 858.
 

Am 1. Januar geschah eine große Erderschütterung in verschiedenen Städten und Gegenden, am heftigsten jedoch in Mainz, wo alte Mauern zerrissen und die Kirche von St. Alban so erschüttert wurde, daß die Mauer vom Giebel stürzte, in ihrem Sturz die zweikammerige Betkapelle des heiligen
Michael an der Abendseite der Kirche sammt dem Dache und den Balken der Decke mitzertrümmerte und dem Erdboden gleich machte. Im Monat Februar hatte der König mit einigen seiner Räthe eine Unterredung in Forahheim; von dort wurde ein Tag angesagt und Grafen besonders dazu angewiesen, in einem Flecken Alamanniens, welcher Ulma heißt; wo er die Gesandten seines Neffen Hludowich, den Bischof Noting und den Grafen Eberhard empfing und anhörte; nach Mitfasten aber kam er nach Frankonofurt und feierte daselbst das Osterfest. Inzwischen kamen die Gesandten, welche er an seinen Neffen Hlothar geschickt hatte, mit der Botschaft, dieser werde nach der Verabredung im Castell Coblenz mit dem Könige zusammentreffen. Der König traute den Versprechungen, und kam vor dem Tage der Letanien an dem bestimmten Tage und zu dem bestimmten Orte, aber Hlothar brach sein Versprechen und kam weder selbst, noch wollte er jemand von den Seinigen schicken; er ging nämlich mit Karl gegen den König ein Bündniß ein, welches beide durch einen Eidschwur bekräftigten. Als jener sich so getäuscht sah, kehrte er nach Frankonofurt zurück, wo er viele andere Maßregeln zum Wohle des Reiches mit den Seinen verhandelte und anordnete, vorzüglich aber auch beschloß, drei Heere an die verschiedenen Grenzen seines Reiches zu schicken, eines unter seinem älteren Sohne Karlomann in das Land der marahensischen Sclaven gegen Rastiz, ein anderes unter seinem jüngeren Sohn Hludowich gegen die Abodriten und Linonen, das dritte unter Thachulf gegen die  aufrührerischen Soraben, damit, wären erst außerhalb die unruhigenBewegungen der Feinde unterdrückt, er leichter im Innern das Steuer des Reichs lenken könne.

Im Monat Juli aber, als die Heere versammelt, geordnet und zum Abmarsch fertig waren, kam plötzlich über den König eine gewaltige Last Sorgen. Gesandte nämlich kamen vom Occident, Abt Adalhart  und Graf Otto, und forderten daß er dem gefährdeten und bedrängten Volk durch seine Gegenwart Hülfe brächte; wenn aber dies nicht schnell genug geschähe und sie der Hoffnung auf Befreiung von seiner Seite beraubt würden, müßten sie mit Gefahr ihres Christenthums bei den Heiden den Schutz suchen, welchen sie bei dem gesetzmäßigen und rechtgläubigen Herren nicht finden könnten. Denn die Tyrannei Karls, so bezeugten sie, sei länger nicht zu ertragen, da was die Heiden von außerhalb ihnen noch übrig gelassen, die ohne daß Einer Widerstand leistete oder nur den Schild gegen sie erhöbe, plünderten, wegschleppten, mordeten, verkauften, Jener im Innern durch hinterlistig Wüthen zu Grunde richte; im ganzen Volk sei niemand, welcher den Versprechungen oder Eidschwüren desselben Glauben schenkte, weil alle an seiner Redlichkeit verzweifelten.Diese Nachricht machte den König
nicht wenig bestürzt, denn ihn drückte doppelte Verlegenheit: wenn er den Wünschen des Volkes nachgäbe, müßte er gegen seinen Bruder, was doch Frevel wäre, handeln; wenn er dagegen den Bruder schonte, müßte er, was gleich frevelhaft wäre, des gefährdeten Volkes Befreiung unterlassen. Zum Uebermaaß kam noch die Sorge hinzu über die Meinung des Volkes, welches argwohnte, daß alle Schritte in dieser Sache nicht aus Sorge für das Wohl des Volkes, sondern einzig zur Erweiterung der Herrschaft geschähen; obgleich sich das ganz anders verhielt, als die Meinung des Haufens annimmt, wie alle, die um des Königs Pläne wissen, mit wahrhafter Rede bezeugen. In solcher Last von Bedenken entschloß er sich endlich, nach dem Rath der Einsichtigen und gestützt auf die Reinheit seines Bewußtseins, für das Wohl Vieler zu sorgen, lieber als der Verstocktheit Eines Mannes willfährig zu sein, erklärte sich den Bitten der Gesandten günstig und versprach den Wünschen des Volkes, welches seine Gegenwart verlangte, mit Gottes Beistand nachzukommen. Um die Mitte des Monats August versammelte er bei Worms sein Gefolge, zog durch den Elsaß und kam nach Gallien auf einen königlichen Hof in Karls Reich, welcher Ponticona heißt; hier kamen ihm fast alle Vornehme jener Landstriche entgegen, mit Ausnahme derer, welche damals Karl bei sich im Lager hatte, der gegen die Nordmannen am Liger stritt. Als dieser vernahm, daß Hludowich innerhalb der Grenzen seines Reichs sei, giebt er die Belagerung auf und tritt demselben mit Heeresmacht an dem Ort entgegen, welcher Briacus heißt, doch als er die Menge der Osterleute und zugleich derjenigen gesehen hatte, welche von den Seinigen sich gegen seine Tyrannei verschworen hatten, und weil er sich an Macht nicht gewachsen fühlte und einsah, daß in offener Feldschlacht mit den Truppen des Bruders zusammenzutreffen ohne große Gefahr für die Seinigen unmöglich sei, so stellte er zwar dennoch seine Krieger auf und ordnete sie wie zum Kampfe, er selber aber zog heimlich mit Wenigen ab; das auf dem Wahlplatz zurückgelassene Heer aber ging auf die Kunde von des Führers Abzug zu Hludowich über. Dieser beruhigte den Drang des Volkes, welches Karl zu verfolgen wünschte, und wandte, wie in unbestrittener Machtvollkommenheit, emsige Sorgfalt auf die Ordnung der Reichsangelegenheiten. Und zuerst in zu sorgloser Sicherheit entließ er die ganze Streitmacht, welche er aus dem Osten mit sich geführt hatte, aus nichtigem Vertrauen auf Ueberläufer und Verräther des eigenen Herrn. Auf ihren Rath auch beschloß er dort zu überwintern, ganz ohne Ahnung der drohenden Gefahr, welche ihm von Seiten Karls bereitet wurde. Diesem war der Muth, die  Beleidigungen zu rächen, durch des Grafen Chuonrad Söhne erweckt worden, welche ihm anzeigten, daß Hludowich unbesorgt und nur Wenige von den Seinen bei ihm zurückgeblieben waren. Diese hatte nämlich Hludowich wie Getreue abgeschickt, um Karls Handlungen auszuforschen und ihm Bericht zu bringen; aber sie täuschten sein Vertrauen, und verbunden mit Karl sannen sie mit allem Eifer darauf, wie Hludowich unvermuthet mit überlegener Heeresmacht überfallen werde könnte. Inzwischen war diesem gemeldet, daß im Osten das Reich an der sorabischen Grenze dadurch gefährdet sei, daß die Soraben, die hinterlistig ihren ihm treugesinnten Herzog Namens Zistibor ermordet, auf Abfall sännen. Deswegen nun, um die entstandene Empörung zu unterdrücken, zog jener so schnell er konnte in sein Reich zurück. Karl aber nahm nach seinem Abzug den Sitz seiner Herrschaft, da niemand es hinderte, ohne Schwierigkeit wieder ein.
 

Das Jahr 888.
 

König Arnolf empfing in der Stadt Radasbona die Edlen der Bajowaren, Ostfranken, Sachsen, Duringer, Alamannen, eine große Anzahl Sclavanen, und feierte daselbst würdevoll den Geburtstag des Herrn und Ostern. Während er lange verweilte, wuchsen viele kleine Könige in Europa oder dem Reiche seines Oheims Karl auf. Nämlich Perangar, Ebarhards Sohn, machte sich zum König in Italien, Ruodolf aber, Chuonrads Sohn, beschloß Ober-Burgund für sich, in Weise eines Königs, zu behalten; daher denn setzten sich Hludowich, Buosos Sohn, und Wito, Lantberts Sohn, vor, das belgische Gallien und nicht minder die Provinz wie Könige zu haben; Odo, Rodberts Sohn, maßte sich das Land bis zum Liger und die aquitanische Provinz zu eigenem Nutzen an. Hernach wollte Rannolf als König gelten. Auf diese Nachrichten zog der König nach Franken und hielt in Frankonofurt einen Reichstag, wo er beschloß nach Worms zu kommen. Dies erfuhr Odo, und handelte nach vernünftigem Rathschluß, indem er versicherte, er wolle lieber sein Reich mit des Königs Gunst friedlich haben, als in irgend welcher Ueberhebung sich wider die Treue zu jenem etwas anmaßen; er kommt demüthig zum König und wird huldreich empfangen. Als die Sache von beiden Seiten zur Zufriedenheit glücklich geordnet war, zog jeder heim. Der König rückt gegen Rodolf nach dem Elsaß vor. Von da schickte er gegen ihn ein alamannisches Heer und kehrte selber durch Franken nach Bajowarien zurück. Nämlich
Rodolf kam nach einer Berathung mit den edlen Alamannen freiwillig zum Könige nach der Stadt Radasbona, wo sie über vieles in angemessener Weise übereinkamen; er selber, in Frieden vom Könige entlassen, zog heim wie er gekommen war. Italien wollte der König mit Heeresmacht angreifen, aber Perangar, der kurz zuvor mit dem Tyrannen Wito blutig gestritten und besorgte, es möchte das Italische Reich durch den Einmarsch einer so starken Mannschaft übel leiden, schickte seine Edlen voran und stellte sich selber dem König in der Tarentinischen Stadt. Deswegen wurde er von dem Könige freundlich empfangen und ihm nichts von der vorerworbenen Herrschaft entzogen, ausgenommen werden die Höfe Navum und Sagum. Das Heer durfte daher ohne Verzug nach Hause
zurückgehen. Der König aber zog mit wenig Begleitung durch Friaul und feierte auf dem Hof Corontana den Geburtstag des Herrn. Auf diesem Wege nun fielen soviel Pferde todt nieder,
wie kaum jemals Sterblichen erinnerlich und überliefert ist.