Richardis II. von Stade                   Äbtissin zu Bassum
----------------------------
vor 1125-29.10. ca 1154
 

Tochter des Grafen Rudolf I. von Stade, Markgraf der sächsischen Nordmark aus dem Hause der UDONEN und der Richardis I. von Spanheim, Tochter von Burggraf Hermann von Magdeburg
 

Thiele Andreas: Tafel 220
*************
"Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte"
Band I, Teilband 1 Deutsche Kaiser-, Königs-, Herzogs- und Grafenhäuser I

RICHARDIS
------------------
    + wohl 1154

Wird Nonne zu Rupertusberg/Bingen, Schülerin und Mitarbeiterin der berühmten Hildegard von Bingen (+ 1179), Äbtissin von Bassum ab 1152.



Hucke, Richard:
*************
"Die Grafen von Stade 990-1144"

Auch über die Töchter Rudolfs I. und Richardis I. widersprechen sich die Quellen. Albert und der Sächsische Annalist kennen nur die Liutgard. Die Rosenfelder Chronik nennt dagegen drei Töchter: zwei seien Nonnen zu Quedlinburg gewesen (davon eine Äbtissin), und als dritte folgt dann die Liutgard. In Wirklichkeit waren es wohl zwei, das heißt Richardis II., die vielleicht in Quedlinburg eintrat, nach Bingen ging und schließlich Äbtissin wurde und die erwähnte Liutgard. Es ist möglich, dass man auch Adelheid, eine Tochter der Liutgard und Friedrichs von Sommerschenburg, die Äbtissin von Quedlinburg und Gandersheim gewesen ist, fälschlich als Tochter Rudolfs I. angesehen hat.
Das Schicksal der Richardis II. ist eng mit den Familienbindungen ihrer Mutter in W-Deutschland verknüpft. Darüber hinaus verdienen ihre Beziehungen zu Hildegard von Bingen und ihre Verdienste um die Gründung des Klosters St. Rupertusberg eine kurze Würdigung.
Das Mutterkloster der Bingener Filiale war Disibodenberg. Dort gründete um 1112 Jutta, die Schwester des im Zusammenhang mit der Gründung des Klosters Spanheim genannten Grafen Meinhard ein Nonnenkloster, in dem auch die später canonisierte, berühmter Mystikerin Hildegard von Bingen, Tochter eines Ministerialen des Speyrer Hochstiftes, lebte.
1136 wurde Hildegard, deren Ruhm vor allem die Quellen des 13. Jahrhunderts sehr verbreiteten, die Vorsteherin des jungen Konvents. Mit Hilfe des Erzbischofs Heinrich von Mainz (1142-1153) und der Markgräfin Richardis von Stade gelang die Loslösung ihrer Anstalt aus der Abhängigkeit von Disibodenberg. Um 1148 wird der Frauenkonvent auf den Rupertusberg bei Bingen verlegt.
Die Protektion von Richardis Mutter verdankten die Nonnen dem Umstande, dass sowohl die Tochter Meinhards von Spanheim namens Hildegard, als auch Richardis II. selbst Schreiberinnen ihrer berühmten Vorsteherin waren.
Um 1141 muß Richardis II. bereits im Kloster gedient haben. In der Lebensbeschreibung Hildegards finden sich Fragmente einer Selbstbiographie der "Meisterin", die auch Richardis von Stade erwähnt: "Als ich den 'Scivias' schrieb (der nach der Einleitung des Werkes um 1141 begonnen wurde und nach 10 Jahren fertiggestellt wurde, war meine engste Vertraute eine adelige Dame, Tochter der genannten Markgräfin (das heißt Richardis I.), die mir freundschaftlich in allen Angelegenheiten zugetan war. Aber später wandte sie sich wegen ihrer edlen Herkunft einer höheren Stellung zu und wurde Vorsteherin (mater) eines berühmten Klosters. Nachdem sie sich von mir getrennt hatte, verstarb sie bald darauf als Äbtissin in einer von hier weit entfernten Gegend."
Der Zeitpunkt der Trennung von Hildegard wird durch die Jahre 1151 (der Vollendung des "Scivias") und 1153, Pfingsten (Absetzung des Erzbischofs Heinrich I. von Mainz), begrenzt. Von Erzbischof Heinrich ist ein Brief erhalten, in dem er Hildegard bittet, Richardis freizugeben da "Geistliche einer vornehmen Kirche ihn dringend um die Schwester baten, die zur Äbtissin gewählt sei". Vielleicht brachte erst das Eingreifen des Königs der Richardis die Unabhängigkeit. Das kann man dem Briefe Hartwigs von Bremen an Hildegard entnehmen.
In diesem Schreiben wird der Markgräfin Richardis I. nicht mehr gedacht. Sie starb 1151 und Hartwig ist Familienoberhaupt; folglich ist die "Versetzung" der jungen Äbtissin wohl erst im Laufe des Jahres 1153 erfolgt und ihr Ableben etwa in das Jahr 1154 zu setzen. Aus der Todesanzeige Erzbischof Hartwigs an Hildegard geht hervor, dass der Bruder auf dem bremischen Erzstuhle der jüngeren Schwester zur Würde einer Äbtissin verholfen hat, und dass sie an einem 29. Oktober verstorben ist.
Es war bisher nicht bekannt, wo Richardis Äbtissin wurde und verschied. Während Lappenberg vermutete, Richardis sei als Äbtissin des Klosters Heeslingen gestorben, schlossen andere auf Grund einer Notiz im Hildesheimer Necrolog auf die Stadt des heiligen Bernward. Die Forschungen der Klosterfrauen von Eibingen haben aber ergeben, dass Richardis Äbtissin von Bassum, südlich von Bremen, gewesen ist. Daher muß man auch einen Teil der Besitzungen dieses Klosters als Stader Eigengut betrachten. Leider gibt es über Bassum erst aus dem 13. Jahrhundert eingehendere Nachrichten.

Heinzelmann Josef:
****************
"Der Name Sophia als genealogisches Indiz und Problem, II. Teil"

Noch einiges zu den Winzenburgern

Am Ende der sehr verschiedenen Fäden, die wir aufgriffen und manchmal weiterverfolgten, zeigten sich immer wieder Verwandtenehen knapp außerhalb der verbotenen Grade. Ich halte dies geradezu für eine Tendenz. Aber auch andere (nicht immer harmonische) Interaktionen zwischen den Protagonisten dieser Verwandtschaftsgruppen könnte man anführen. Beweise sind das freilich nicht.
Zu 1112 April 4 erscheint der WINZENBURGER in einer Fälschung noch des 12. Jahrhunderts, die HEINRICH V. die Stiftung des Klosters Laach bestätigen lässt, an der HERMANNS salmisch/luxemburgische Neffen Otto und Hermann interessiert waren. Si non e vero, e ben trovato; ich glaube nicht, dass Hermann von Winzenburg in die Urkunde kam wie Pontius ins Credo. – 1114 Juni 16 interveniert er mit mehreren geistlichen und weltlichen Fürsten für die Zelle Hirzenach.
Sein Sohn Hermann II. von Winzenburg steht zweimal Zeuge für die Erbtochter der Magdeburger SPANHEIMER, Richardis von Stade, in Angelegenheiten, die ihre rheinischen Besitzungen und Kloster Sponheim betreffen. 1144 Dezember 29 und 31 ist er mit seinem mutmaßlichen Schwager Albrecht dem Bären bei der großen Versammlung in Magdeburg, bei der es um das Erbe der im Mannesstamm ausgestorbenen STADER geht. 1148 heiratete er Luitgard von Stade, die zweimal verwitwete Tochter der Richardis. 1150 oder etwas später erbaute er die Burg Schöneberg (Sconenberg) bei Hofgeismar; wahrscheinlich benannte er diese der Schönburg über Oberwesel nach, auf der sein Cousin Otto von Hermann von Stahleck ermordet worden war.
Die Schwester seiner Frau, die jüngere Richardis (von Stade), ist spätestens 1125 geboren, da ihr Vater Rudolf 1124 Dezember 6 starb. Sie war jedenfalls 1130 noch nicht mündig. 1141 war sie Vertraute und Mitarbeiterin der Seherin Hildegard, die sie in der Einleitung des Scivias „eine adlige Dame, Tochter der genannten Markgräfin“ nennt. Wohl 1151 oder Anfang 1152 wird sie zur Vorsteherin des fernen Klosters Bassum ernannt, auf Vermittlung des Mainzer Erzbischofs Heinrich und ihres Bruders Hartwig, Erzbischofs von Bremen, vor allem aber wohl auf Drängen ihres Schwagers Hermann II., gegen den Wunsch Hildegards. Der WINZENBURGER ist also jener Graf Hermann, den Hildegard in ihrem Schreiben an Erzbischof Hartwig nennt, und wohl auch der quidam horribilis homo, von dem sie im gleichen Brief spricht. 1152 Januar 30 wurde er mit seiner Gattin von Ministerialen ermordet. Ein Teil seines Erbes fiel an Albrecht den Bären.
 
 
 

Literatur:
-----------
Heinzelmann, Josef: Der Name Sophia als genealogisches Indiz und Problem, II. Teil - Hucke, Richard: Die Grafen von Stade 990-1144, Stade 1956 - Partenheimer Lutz: Albrecht der Bär. Gründer der Mark Brandenburg und des Fürstentums Anhalt. Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2001 Seite 298 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band I, Teilband 1, R. G. Fischer Verlag Frankfurt/Main 1993 Tafel 220 -