Lüpke Siegfried:
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"Die Markgrafen der Sächsischen Ostmarken in der Zeit von Gero bis zum Beginn des Investiturstreites (940-1075)"

Udo I. folgte in der Mark ganz unangefochten sein Sohn Udo II. (1057-1082). Dies ist ein erneuter Beweis für die Geltung und allgemeine Anerkennung des Erbrechtes in den deutschen Ostmarken, die schon mehrfach beobachtet wurde und sich seit KONRAD II. ständig gefestigt hat. Auch nach Udo blieb das Erbrecht unangefochten in Geltung: nach seinem Tode sind seine drei Söhne und zwei Enkel in der Verwaltung der Nordmark nachgefolgt. Die Kämpfe, die durch den Investiturstreit und die Sachsenkriege entfesselt wurden, haben in den drei sächsischen Marken das Haus STADE am wenigsten berührt. Die BRUNONEN wurden vorübergehend aus Meißen und die WETTINER vorübergehend wenigstens aus der Ostmark verdrängt, die STADER behaupteten die Nordmark fast unangefochten. Zweimal nur während der Amtszeit Udos hört man in den Quellen von Grenzkriegen. Dass Udo selbst daran teilgenommen hat, wird nirgends berichtet. 1068 unternahm Bischof Burchard II. von Halberstadt einen siegreichen Zug gegen die Liutizen. Wenn Udo daran beteiligt gewesen wäre, so hätte man selbstverständlich erwarten können, ihn als den berufenen Grenzhüter an der Spitze des Heeres zu sehen. Da aber ein geistlicher Herr die Führung hat und der Markgraf nicht genannt wird, so ist es so gut wie sicher, dass er daheim blieb. 1069 wurde abermals eine kriegerischen Unternehmung gegen die Liutizen ins Werk gesetzt.
Da diesmal HEINRICH IV. selbst führte, ist hier schon eher denkbar, dass Udo an dem Zuge beteiligt war. Als sicher kann seine Teilnahme aber keineswegs gelten, weil jedes Quellenzeugnis dafür fehlt. Aus den ersten zehn Jahren seiner Tätigkeit wissen wir Näheres nur über Udos Verhältnis zu Erzbischof Adalbert von Bremen. Diesem trat er 1063 durch einen anscheinend in Regensburg geschlossenen Vertrag die Grafschaft Stade gegen einen jährlichen Zins von 1.000 Pfund Silber ab. Welches auch die Gründe für diese Abtretung gewesen sein mögen - wir sehen Udo in der folgenden Zeit im Bunde mit Adalberts Gegnern. Als der Erzbischof dem Bündnis seiner Feinde 1066 erlag, war Udo einer der Hauptgewinner bei der Verteilung der Beute. Er erhielt die gesamte Grafschaft Stade - wenn nicht mehr - zurück. Das Verhältnis zum König und zur Reichsregierung scheint bis 1073 ungetrübt gewesen zu sein. Die Urkunden dieser Jahre, die seinen Namen erwähnen, bezeugen seine Anwesenheit in Goslar, Allstedt, Haina, Regensburg und Worms. In allen diesen Urkunden wird er nur einmal als Fürsprecher erwähnt. Immerhin ist doch kaum denkbar, dass solche tiefgreifenden Veränderungen wie der vorhin erwähnte in Regensburg beschlossene Vertrag ohne seine persönliche Anwesenheit und Zustimmung erfolgten. Von seinen Gauen werden Nordthüringen, der Schwabengau, Widomi und Angeri erwähnt. Die beiden letzteren scheinen allerdings nicht zur Nordmark gehört zu haben, denn sie werden sonst nie in Zusammenhang mit ihr erwähnt. Der Schwabengau, der früher (1010) schon zur Nordmark, später (1046) zur Ostmark gehörte, erscheint hier wieder unter einem Nordmarkgrafen. Man kann nur vermuten, dass dieser Gau nach Dedis Aufstand 1069 diesem genommen und der Nordmark zugeteilt wurde; beweisen läßt es sich nicht. Außerdem lernen wir im Schwabengau einen Grafen Adalbert kennen, der neben Graf Siegfried auch in Nordthüringen eine Grafschaft inne hatte. Im Hardagau kommen zur Zeit Udos II. die Grafen Bernhard und Iso vor, Bernhard auch noch im Gau Engern. Das Verhältnis der Grafen zum Markgrafen bleibt wie überall im Dunkeln. Doch auch die Gaue Hevellon und Moraziani müssen zu seiner Mark gehört haben, da in diesen Gauen seit Markgraf Dietrich bzw. Bernhard kein Gau- oder Markgraf mehr nachweisbar ist. Ein ganz eindeutiger Gunstbeweis des Königs ist die Verleihung der früheren Mark Zeitz, die 1068 erfolgt ist. Wenn auch die Gründe, die zu der Abtrennung von Zeitz führten, in erster Linie in der Größe der Meißener Mark zu suchen sind, so hätte HEINRICH IV. Zeitz auch Dedi von der Ostmark oder einem thüringischen Grafen geben können; 1068 war weder Dedi noch Adalbert von Ballenstedt dem König feindlich. Da keiner der beiden, sondern der viel nördlicher begüterte Udo den Gau erhielt, so darf dies als Beweis dafür angesehen werden, dass HEINRICH gerade ihm das meiste Vertrauen schenkte. Seine entfernte Verwandtschaft mit dem Königshaus kann ebenfalls nicht als Erklärung dienen, da die BRUNONEN, denen Zeitz genommen wurde, gleichfalls entfernte Verwandte HEINRICHS IV. waren. Auch 1071 scheinen die Beziehungen noch freundlich gewesen zu sein, denn Udo tritt in Meißen in Gegenwart des Königs, wie eine Urkunde ausdrücklich hervorhebt, als Zeuge für das dortige Bistum auf. Am Sachsenaufstand scheint Udo sich nicht von Anfang an beteiligt zu haben, denn bei den Ereignissen des Jahres 1073 wird er nirgends genannt. Weder im Wormsleben unter den Klageführern noch vor der Harzburg tritt er auf. Er scheint tatsächlich erst später in den Gang der Handlung eingegriffen zu haben. Erst 1075, als HEINRICH IV. mit einem Heer heranzog, um den abermaligen Aufstand der Sachsen zu bestrafen, ist der Nordmarkgraf offen auf der Seite der Königsgegner anzutreffen. Bruno hebt seine ungestüme Tapferkeit in der Schlacht bei Homburg hervor. Mit Macht drang er auf seinen Vetter Herzog Rudolf von Schwaben ein und schlug ihn mit dem Schwerte so kräftig ins Gesicht, dass nur die Nase des Helms den Herzog vor schwerer Verwundung oder gar dem Tode beschützte. Aber die völlige Niederlage der Sachsen trieb den Markgrafen bald wieder auf die Seite der Friedfertigen. Udo war unter denen, die sich dem königlichen Heer auf Gnade und Ungnade ergaben, einer der Vornehmsten. Gegen die Stellung seines Sohnes als Geisel wurde er sofort wieder freigelassen. Auch die Mark behielt er. Nach dieser Handlungsweise des Königs zu urteilen, hat der Markgraf offenbar volle Verzeihung erlangt. Umso besser konnte er bei den zu erwartenden Friedensverhandlungen die Rolle eines Vermittlers übernehmen. Bald nach der verlorenen Schlacht von Homburg sandten ihn die Sachsen mit Erzbischof Liemar von Bremen zum König und ließen um die Möglichkeit bitten, ihre Angelegenheit vor den Fürsten verteidigen zu dürfen. Der König gab keinen endgültigen Bescheid, ließ aber den Sachsen erklären, dass die Fürsten sich am 22. September in Gerstungen versammeln würden, um über die Aufständischen das Urteil zu sprechen. Einer abermaligen Gesandtschaft Udos und Liemars wurde auch Bischof Hezelo von Hildesheim zugesellt. Aber HEINRICH wich ihnen nach Lamperts Bericht aus und empfing sie nicht. Als sich HEINRICH und die auf seiner Seite stehenden Fürsten mit ihrem Heer in Gerstungen einfanden, kamen die Sachsen in Nordhausen zusammen. Wieder wurden Liemar, Hezelo und Udo nach Gerstungen geschickt. Sie erbaten eine Abordnung  von Fürsten an die Sachsen, die ihnen nach längerem Zögern auch bewilligt wurde. Die Erzbischöfe von Mainz und Salzburg, die Bischöfe von Augsburg und Würzburg und der Herzog Gozelo von Lothringen führten die Verhandlungen, die sich recht schwierig gestalteten. Endlich verstanden sich die Sachsen zur Unterwerfung unter des Königs Gnade gegen das feierliche Versprechen der Fürsten, dass ihnen kein Schaden an Leben, Ehre und Vermögen erwachsen werde. Wenn auch den Bemühungen Udos und seiner Mitgesandten kein Erfolg vergönnt war, so ist doch der Abschluß der Verhandlungen beachtenswert. Sie endeten zwar wieder mit einer Niederlage der Sachsen, denn alle Edlen lieferten sich bei Spier dem König aus. Aber in der Liste der Unterworfenen ist Udos Name nicht enthalten. Er blieb also weiterhin auf freiem Fuß. Der König wird ihm nach seiner sofortigen Ergebung bei Homburg wieder Vertrauen geschenkt und seine erneute Inhaftnahme für unnötig gehalten haben. Außerdem hatte Udo schon damals seinen ältesten Sohn als Geisel gestellt. Udos Stellung scheint sich wieder etwas gefestigt zu haben. Er ist der einzige der östlichen Markgrafen, dem, wie schon oben bemerkt wurde, HEINRICH seine Würde nicht nahm, während die Ostmark und Meißen gerade jetzt den bisherigen Familien abgesprochen und Wratislaw von Böhmen gegeben wurden. In der Tat scheint Udo der politisch gewandteste und bedeutendste Markgraf des deutschen Ostens in seiner Zeit gewesen zu sein. Seine letzten Lebensjahre (1075-1082) sind völlig in Dunkel gehüllt. Sicher ist es HEINRICH IV. fortan in Treue ergeben geblieben. Aber seit 1075 wurde die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen von Ereignissen gefangen genommen, gegen die die sächsische Begebenheiten als weniger bedeutend zurücktreten mußten, denn eben in diesem Jahre brach der Investiturstreit aus.