Dopsch, Heinz: Seite 121-151
*************
"Der bayerische Adel und die
Besetzung
des Erzbistums Salzburg im 10. und 11. Jahrhundert" in: Mitteilungen
der
Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 110/111 1970/71
Die Quellen zur Geschichte Salzburgs im 10. und 11. Jahrhundert sind
uns in verhältnismäßig reichem Maße
überliefert. Die Traditionscodices der Erzbischöfe Odalbert, Friedrich, Hartwig, Theotmar II. und Balduin, die erhaltenen Annalen und
die Viten der Erzbischöfe ermöglichen im Verein mit weiteren
Quellen eine ziemlich genaue und anschauliche Darstellung dieses
Zeitabschnittes. Das könnte zu der Ännahme verleiten,
daß auch eingehende Forschungen keine wesentlichen
Änderungen am Bilde der Geschichte Salzburgs im 10. und 1 1.
Jahrhundert bringen werden, das Hans Widmann im ersten Rande seiner
Landesgeschichte gezeichnet hat [1 Widmann H.: Geschichte Salzburgs, Gotha 1907. Band 1 bis
1270.]. Ob diese Meinung berechtigt ist, soll an
zwei Fragen überprüft werden, welche die Salzburger
Landesgeschichte bisher sehr vereinfacht dargestellt hat:
1. Welchen Adelssippen
bzw. Adelsgeschlechtern entstammten die Salzburger Erzbischöfe
dieser Zeit?
2. Wer entschied
über die Wahl oder die Einsetzung der Kirchenfürsten? [2 Die
gründliche Arbeit von Alfred von Wretschko: „Zur
Frage der
Besetzung des erzbischöflichen
Stuhles in Salzburg im
Mittelalter (Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger
Landeskunde
47, 1907, Seite
181-302) beginnt erst im
Jahre 1106 mit der Wahl
Konrads I.]
Die erste Frage stellt sieh für Widmann recht einfach. Von den elf
Erzbischöfen, deren Sedenzzeit in das 10. und 1 I. Jahrhundert
fallt, zählt er drei den sogenannten
„ARIBONEN„ zu: Pilgrim, Odalbert und Friedrich [3 Widmann
folgt dabei im wesentlichen der heute
überholten Arbeit von Josef Egger: Das Aribonenhaus, Archiv
für österreichische Geschichte 83 (1897) Seite 385 bis 525.]. Erzbischof Herolt
weist er der bayerischen
Herzogs-Familie der LUITPOLDINGER zu, Erzbischof Hartwig dem Geschlecht der SPANHEIMER und dessen Nachfolger Gunther dem Hause der Markgrafen von Meißen. Die
Herkunft der Erzbischöfe Egilolf,
Theotmar II., Balduin und Thicmo war Widmann unbekannt.
Ludmil Hauptmann, der sich in seiner Arbeit über die heilige Hemma, die Stifterin des Klosters Gurk, und
ihren mutmaßlichen Vorfahren
Zwentibold auch mit der
Herkunft der Salzburger Erzbischöfe beschäftigte [4 Hauptmann
L.: Hemma i Svetopuk (Hemma und Zwentihold). Rad Jugoslavenske
Akademije 255 (1936) Seite 221-246.], kam
für das 10. und beginnende 11. Jahrhundert zu einem wirklich
verblüffenden Schluß:
„Erzbischof Dietmar war der Erzkaplan Kaiser ARNULFS, der einen Dietrich zum Kämmerer nahm. Diese Namen sind,
wie wir sehen,
kennzeichnend für das Geschlecht, dem ein Elternteil des Präfekten
Luitpold entstammte.
Demselben Geschlecht oder dem Kreis seiner
Angehörigen
entstammte auch Egilolf, denn Herzog Arnulf ernannte ihn. Mit dieser Erklärung
wird auch Erzbischof
Herolt zum Mitglied
der bayerischen
Dynastie gestempelt. Da die
restlichen vier ARIBONEN sind, war die Salzburger Kirche
eigentlich im Besitz zweier
Geschlechter. Für
die süddeutsche Metropole galt daher das sogenannte ottonische System nicht. In den anderen Gebieten
konnten die
OTTONEN die Kirchenoberhäupter frei ernennen,
da sie nicht wie im Lehenswesen durch das Erbfolgerecht gehemmt waren.
In Salzburg
fehlte ihnen jedoch
diese Freiheit. Hier waren sie durch die Macht der LUITPOLDINGER und der ARIBONEN gebunden, gegen welche
sie die Kirche nicht
ausspielen konten. Sie mußten vielmehr die ienen durch die
anderen zähmen, indem sie abwechselnd mit der
bischöflichen
Mitra bestachen [5 Hauptmann, Hemma und Zwentibold, Rad 255, Seite 243.]"
Auf die sagenhaften Berichte Pichlers [5a Pichler, G. A.: Salzburg's Landesgeschichte, Band I (1861).] möchte ich gar nicht erst eingehen, sondern
versuchen, auf Grund neuerer Forschungen und eigener Arbeitsergebnisse
zu zeigen, was sich zur Herkunft der Salzburger Kirchenfürsten im
10. und 11. Jahrhundert mit Sicherheit feststellen läßt.
Vielleicht ergeben sich daraus Konsequenzen, die für die
allgemeine Geschichte des Erzbistums in jener Zeit von Bedeutung sind.
Am 4. Juli 907 erlitt der bayerische Heerbann bei Preßburg durch
die Ungarn eine vernichtende Niederlage. An seiner Spitze fiel Markgraf Luitpold, mit ihm Erzbischof Theotmar von Salzburg und
die Bischöfe Udo von Freising und Zacharias von Säben [6 Eine
Zusammenstellung aller Quellenbelege bei K.
Reindel: Die bayerischen Liutpoldinger. Quellen und Erörterungen
zur
bayerischen Geschichte, Neue Folge Band XI (1953), Seite 52f. n. 45.]. Als Nachfolger Theotmars wurde noch im selben Jahre
P I L G R I M
von der Reichsregierung eingesetzt [7 Annalen Salisburgenses MG SS 1 Seite 89, Auctuarium
Garstense MG SS IX Seite 565 (zum Jahre 906), Annalen Iuvavenses maximi
MG SS XXX/2 Seite 742.].
Von den guten Beziehungen, die der neue Erzbischof schon zu Kaiser
ARNULF gehabt hatte, zeugt eine Urkunde des Jahres 899 [8 MG DA
Seite 88fl. n. 61.].
Damals erhielt der Kleriker Pilgrim von
König ARNULF reichen Besitz im
Zillertal geschenkt.
Erzbischof Pilgrim wurde von
der älteren Forschung durchwegs der mächtigen bayerischen Adelssippe der ARIBONEN
[9 Von
Geschlecht kann man um diese Zeit und auch durch
die Quellenlage bedingt kaum sprechen. Vgl. Schmid K.: Zur Problematik
von Familie und Sippe, Haus und Dynastie beim mittelalterlichen Adel,
Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins 105 Seite 1-57.] zugewiesen. Egger [10 Eggcr, Aribonenhaus, AÖG 83 (1897) Seite 392 f.] und ihm folgend Widmann [11
Widmann, Geschichte Salzburgs 1, Seite
148 f.] hielten den Erzbischof für den Bruder des berühmten Mark- und
Grenzgrafen Aribo, der in Frutolfs Weltchronik als Stammvater und Spitzenahn der späteren
bayerischen
Pfalzgrafen-Familie bezeichnet wird [12 MG SS VI
Seite 224,225f. Vgl. auch MG SS VI Seite 738/35.].
Zum Beweis dieser These wurde eine Urkunde des Jahres 909 herangezogen.
Damals schenkte König Ludwig IV. dem Erzbischof und dem
Markgrafen
gemeinsam die Abtei Traunsee [13 MG DLK Seite 198 f. n. 67.].
Das 1äßt verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Pilgrim und Aribo vermuten. Der Name Pilgrim war auch später
bei geistlichen Würdenträgern der „pfalzgräflichen ARIBONEN"
üblich. Erzbischof Pilgrim von
Köln (1021-1036)
war ein Enkel des Pfalzgrafen Aribo
I. von Bayern (ca. 940-1000) [14 Dopsch,
H.: Die Aribonen. Ein führendes Adelsgeschlccht in
Bayern und Kärnten während des Hochmittelalters.
Staatsprüfungsarbeit am Institut für Österreichische
Geschichtsforschung 1968, Seite 851.]. Aber
weder im Diplom
Ludwigs noch
in einer anderen Quelle wird berichtet, daß Markgraf Aribo und Erzbischof Pilgrim von Salzburg Brüder
waren.
Mitterauer [15 Mitterauer M.: Karolingische Markgrafcn im Südosten.
Archiv
für Österreichischc Geschichte 103 (1962) Seite 194f.] und Diepolder [16 Diepolder G.: Die Herkunft der Aribonen. Zeitschrift
für
bayerische Landesgeschichte 27 (1964 ) Seite 74-119.] haben den Erzbischof
übereinstimmend als Nachkommen jenes Pilgrim angeschen, der 836-854 Hauptvogt des Bischofs Erchanpert von Freising
war. Während Mitterauer die Verwandtschaft der ARIBONEN mit der Pilgrim-Familie, die vor allem um
Freising reich begütert war, in die Generation des Markgrafen Aribo verlegt und
annimmt, daß der Markgraf eine Schwester
Erzbischof Pilgrims zur Frau hatte [17
Mitteraucr, Markgrafen, AÖG 123 Seite 195 und Stammtafel Seite 202.], konnte Diepolder den Nachweis
erbringen, daß sich die Verbindung der beiden Familien bis ins 8.
Jahrhundert zurückverfolgen läßt. Für beide ist
eine Herkunft aus dem engeren Kreis der FAGANA und kognatische Verbindung zu
dem weiteren Kreis der HUOSI
wahrscheinlich [18 Diepolder, Herkunft der Aribonen, ZBLG 27 Seite 113 f.].
Für Erzbischof Pilgrim
verdient ein Hinweis Diepolders besondere Beachtung:
Was Pilgrim betrifft, so ist dabei sehr
auffallend, daß der Name in den Freisinger Quellen vom Tod des Vogtes Pilgrim 853 bis in die Jahre
907/26
völlig ausfällt, während er dann seit Graf Pilgrim ... bis ins 12.
Jahrhundert hinein im Umkreis unter den mutmaßlichen Erben
unserer Familie
so beständig vorkommt, daß die Stellen hier nicht alle
aufgeführt werden können. - Dieses Ausfallen dess Namens von
850-900 spricht
sehr für die Annahme, daß er in diesen zwei Generationen zum
Geistlichenname geworden ist und daß seine Träger ihre
geistliche
Laufbahn außerhalb des Freisinger Bistumraumes fanden.
Natürlich denkt man dabei an Erzbischof
Pilgrim von Salzburg [19
Diepolder,
Herkunft der Aribonen, ZBLG 27 (1964), Seite 104
A. 219.]."
Erzbischof Pilgrim entstammte
also einer altbayerischen Familie und war ein naher Verwandter des Markgrafen Aribo.
Den „ARIBONEN", die wir als
Geschlecht erst als Nachkommen des Markgrafen fassen können,
gehörte er aber nicht an.
Während der Sedenzzeit Pilgrims
vollzog sich im Verhältnis des Erzbistums Salzburg zum Reich ein
bedeutender Wandel. Unter König Ludwig dem Kinde und -
nach einer kurzen Unterbrechung - auch unter König KONRAD I. hatte Pilgrim die Würde eines
Erzkapellans inne [20 Bresslau H.: Handbuch der Urkundenlehre Band 1 (1889),
Seite 420 f.] Herzog
Arnulf von Bayern,
der nach dem Tode KONRADS
ebenso zum König ausgerufen wurde wie der Sachsen-Herzog Heinrich [21 MG SS
XXX/2 Seite 742.], einigte sich im Jahre 921 mit
seinem Gegner. Dafür, daß er HEINRICH als
König anerkannte, erhielt Arnulf eine
fast unabhängige Stellung und das Recht der Ernennung aller
bayerischen Bischöfe zugestanden, Damit wurde Salzburg de facto zu
einer Eigenkirche des Bayern-Herzogs und das Erzkapellanat ging auf den
Mainzer Erzbischof über [22 Reindel K.: Die bayerischen Luitpoldinger. Quellen und
Erörterungen zur bayerischen Geschichte N. F. Band XI, Seite 119
f. n.
61. Riezler S.: Geschichte Bayerns, Band I, Seite 520 f., ist der
Meinung, daß der bayerische Episkopat schon vorher zu Arnulf
übergeschwenkt war. Vgl. auch Reindel, Luitpoldinger, Seite 91.].
1
Pilgrim-Sippe
aus dem
altbayerischen Adel
---
Pilgrim
oo Alta
814-853
Vogt von Freising
---
N
-------------------------------------
PILGRIM
NN oo Arbo
889
Kleriker
† nach 909
907-923
871-907 Markgraf in den
Erzbischof von
Salzburg
Donaugrafschaften
nach 907 Graf im Traungau
Für Pilgrims Nachfolger ODALBERT läßt sich aber
nicht mit Sicherheit nachweisen, daß er von Herzog Arnulf
eingesetzt wurde. Manche Argumente sprechen dagegen [23 Reindel,
Luitpoldinger Seite 137.].
Odalbert war eine der
interessantesten Persönlichkeiten, die jemals auf dem Stuhle des heiligen Rupert saß. Der
umfangreiche Traditionscodex, den
Odalbert selbst anlegen ließ [24 Salzburger Urkundenbuch (= SUB)
Band I, Seite 55-165.], gibt auch für die Person des Erzbischofs
viele wertvolle Hinweise. Trotzdem war es bisher nicht möglich,
die Abstammung Odalberts
einwandfrei zu klären.
Der Codex Odalberti nennt als
Söhne des Erzbischofs Dietmar [25 SUB I
Seite 122 n 60, Seite 136 n. 75, Seite 141 n. 80.]
und Bernhard [26 SUB I
Seite 137 n. 76.], die außerdem viermal
als Brüder bezeugt sind [27 SUB I Seite 124 n. 61, Seite 142 n. 81, Seite 144 n. 82,
Seite 147 n. 84.]. Dietmar wiederum wird schon vorher
ausdrücklich als filius Rihniae (Sohn der Rihni) bezeichnet [28 SUB I
Seite 109 n. 45.]. Als Bruder von Dietmar und Bernhard
erscheint zwar nicht in den Traditionen aber in der
Kapitelübersicht ein Otachar
[29 SUB
I Seite 65 n. 77-81.]. Daher wurden seit den
Arbeiten von Egger und Erben [30 Erben W.: Untersuchungen zum Codex traditionem
Odalberti. Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger
Landeskunde (=
MGSLK) 29 (1889), Seite 454-480.] Otachar, Dietmar und Bernhard als Söhne der Rihni und des Odalbert vor dessen Ernennung zum
Erzbischof angesehen [31 Hauthaler W.: Einleitung zur Edition des Codex Odalberti
SUB I Seite 55-56.].
In, Jahre 924 führte Erzbischof
Odalbert mit der nobilis femina Rihni,
in der man mit Recht seine
frühere Gattin vermutete, einen merkwürdigen Tausch
durch:
Auf „Ersuchen und Befehl" Herzog Arnulfs und in Gegenwart von zwei
herzoglichen Gesandten übergab Odalbert
der Rihni die cella Gars am Inn, mit ihrem
gesamten Besitz, Kirchen und Höfen in 18 Dörfern und
außerdem den Dittelzins von neun Kirchen, wofür er den
Besitz der Rihni in loco Sewa dicto erhielt [32 SUB I
Seite 105 f. n. 44a, b.]. Die Forschung hat aus
diesem Tauschgeschäft - das später zugunsten des Erzbischofs
geändert wurde - einen doppelten Schluß gezogen:
1. Odalbert ist wahrscheinlich
nicht von Herzog Arnulf eingesetzt
worden. Dieser fühlte sich deshalb in seinem Ernennungsrecht
übergangen und
zwang den Erzbischof zu diesem ungünstigen Tausch.
In Odalberts Gattin Rihni
aber, die auf herzoglichen Befehl hin so begünstigt wurde,
sah man mit gutem Grund eine nahe Verwandte Arnulfs, vielleicht dessen Schwester [33 Egger,
Aribonenhaus, AÖG 83, Seite 409ff.],
Cousine [34 Mitterauer, Markgrafen, AÖG 123 Seite 245.] oder die Schwester von Arnulfs Vater Luitpuld [35
Pirchegger, H.: Der Besitz des
Erzstiftes Salzburg an
der Sawe und an der Enns, Zeitschrift des Historischen Vereins für
die
Steiermark (= ZHVST) 36 (1943) Seite 63 f.].
Dieser Interpretation des Tauschgeschäftes kann
man auch heute noch beipflichten und an der Zugehörigkeit Rihnis zum Haus der
LUITPOLDINGER, die durch die Eintragungen der
Verbrüderungsbücher bestärkt wird [36 Dopsch,
Aribonen, Seite 56 f.], ist trotz der
gegenteiligen Meinung Tyrollers [37 Tyroller,
F.: Genealogie des altbayerischen Adels im Hochmittelalter ( 1962),
Seite 53f. und Stammtafel 1
Seite 55.] nicht zu zweifeln.
2. Den Ort Sewa
identifizierte man mit Seeon, demselben Ort, an dem Pfalzgraf Aribo um 994 ein Kloster
gründete. Daraus wurde der Schluß
gezogen, daß
Odalbert ein direkter
Vorfahre des Pfalzgrafen Aribo war und ihm den Besitz zu Seeon
vererbte. Das Diplom aber, mit dem
OTTO III.. die ARIBONEN-Stiftung Seeon
privilegierte, nennt den Gründungsort anders: quidam locus quondam Burgili sed modo
cella
sancti Lantberti ac Xewa nuncupatum [38 MG DO III
Seite 744 n. 318.] Der Pfalzgraf hatte also
einen befestigten Ort seiner Familie, der den
bezeichnenden Namen
Burgili trug, zur Klostergründung herangezogen. Erst seine
Stiftung erhielt dann durch die Lage am See den Namen
Secon (Xewa).
Der Ort Sewa, den Rihni an Erzbischof Odalbert übergab,
ist wahrscheinlich Soyen bei Gars am Inn [39 Diesen
Hinweis gab mir freundlicherweise Herr Dr. Störmer vom Institut
für bayerische Landesgeschichte in München.]. Es gibt daher kein Indiz mehr, in Odalbert einen direkten Vorfahren
des Pfalzgrafen Aribo I. zu
erblicken.
Hauptmann [40 Hauptmann, Hemma und Zwentibold, Rad 255, Seite 236 f.] und Tyroller [41 Tyroller, Genealogie Seite 53f., Stammtafel 1.] haben mit gutem Grund vermutet, daß Otachar nur ein Halb-Bruder von Odalberts Söhnen Dietmar und Bernhard war und einer früheren
Ehe der Rihni entstammte.
Damit fällt ein weiterer Anhaltspunkt für die Eingliederung
Odalberts in die otacharisch-aribonische
Verwandtschaft weg.
An einer Zugehörigkeit Odalberts
zu den ARIBONEN ist aber
trotzdem nicht zu zweifeln. Für den Kärntner „Markgrafen" Aribo und seinen Bruder, Bischof Album von Brixen,
läßt sich die Verwandtschaft
zu Erzbischof Odalbert quellenmäßig belegen [42 Acta
Tirolensia I (Traditionen des Hochstiftes Brixen) Seite 26 n. 64.]. Mitterauer und Diepolder haben weitere Indizien für
die verwandtschaftlichen Bindungen Odalberts
an die ARIBONEN beigebracht.
Schließlich weist der gemeinsame Besitz der Kinder Odalberts und des Pfalzgrafen Aribo I. im unteren
Inntal in dieselbe Richtung.
Erzbischof Odalbert war also
ein Angehöriger der weit verzweigten ARIBONEN-Sippe, die sich in seiner
Generation nicht genau fassen läßt [43 Die sonst
vorzügliche Stammtafel bei Mitterauer
berücksichtigt nicht, daß Pfalzgraf
Aribo I., der Mitgründer
des
Klosters Göß, ein direkter Nachkomme des 904 mit
Göß beschenkten Arpo,
Sohn des Grafen Otachar sein
muß. (Markgrafen, AÖG 123 Seite 202).].
Durch seine Frau trat er in verwandtschaftliche Beziehungen zu den bayerischen LUITPOLDINGERN. Seine
Einsetzung aber wurde wahrscheinlich nicht von Herzog
Arnulf vorgenommen, der sich deshalb in seinem
Ernennungsrecht verletzt fühlte.
2
Arbo
† nach 909
871-907 Markgraf in den Donaugrafschaften
nach 907 Graf im Traungau
--------+------------------------------
------------------------------------------
Chadaloch
Isanrich
Otachar
N.N.
Luitpold
†
† nach
903
† nach
907
†
† 907
903
Graf
Graf
Graf in Karantanien
---
-----------------------------------------------
---
N.N. oo
Arbo
ODALBERT oo Rihni
†
†
†
†
904 erhält
Göß
EB von Salzburg
(923-935)
---
-----------------------------------------------------------------------------------------
Chadalhoch
Rihni Otachar
Dietmar
Bernhard
Himiltrud
Rihni Heilrat
† nach
959
†
†
†
†
†
†
†
Graf im
Isengau
oo Alta Vogt des
EB oo Engilrat
930/31
Nonne oo Diotrich
Friedrich
---
---
---
---
ARIBONEN
OTACHARE Edle und Grafen Willa
Pfalzgrafen von
Bayern Markgrafen der von
Dornberg
†
Grafen im
Salzburg-
Kärntner Mark und
Lungau oo Sighard Graf
im
und
Isengau
Chiemgau
Ein Jahr nach der Rückkehr von Arnulfs unglücklichem
Italienzug starb Erzbischof Odalbert am
14. November 935 [44 MG Necrol.
II Seite 73, Seite 185.]. Seinen Nachfolger EGILOLF hat dann sicher der
Bayern-Herzog eingesetzt [45
MG SS IX Seite 566: „Egilolfus episcopus pro eo
substituitur." ].
Auch ein Bruder des bayerischen Pfalzgrafen Aribo I.
hieß Egilolf und war Priester [46 MG Necrol.
II Seite 231 zum 3. X.].
Da für den geistlichen Stand bestimmte Söhne häufig den
gleichen Leitnamen erhielten, ist es wahrscheinlich, daß auch Erzbischof Egilolf von Salzburg (935-939) den ARIBONEN angehört [47 Mitterauer,
Markgrafen, AÖG, Seite 191.].
Altersmäßig wäre er etwa in die Generation von Chadalhoch, dem Vater des Pfalzgrafen Aribo I.,
einzustufen. Weitere Kombinationen um Egilolfs
Eingliederung in eine Stammtafel sind wenig erfolgversprechend, da die
Quellen nicht dazu ausreichen.
3
Arbo
904
(erhält Göß)
--------------------------
EGILOLF
Chadalhoch
935-939
† nach 959
EB von Salzburg Graf im
Isengau
---------------------------------------------
Aribo
Egilolf
Eberhard
ca. 940-1000
Kleriker
Graf im Isengau
Pfalzgraf
ca. 995
Gründer von
Seeon und Göß
---
ARIBONEN
Pfalzgrafen in Bayern
Während der kurzen Regierungszeit Egilolfs kam es durch OTTO I. zu
einer für Salzburg schicksalhaften Wende: Der König besiegte
die aufständischen LUITPOLDINGER,
schickte Herzog Arnulfs Sohn Eberhard in
die Verbannung und übertrug Arnulfs Bruder Berthold das
Herzogtum Bayern. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Bayern-Herzog die
weitgehende Unabhängigkeit entzogen und ihm auch das Recht der
Bischofsernennung aberkannt [48
Reindel, Luitpoldinger, Seite 183f. n. 93. ].
Die Armales Iuvavenses maximi berichten demgemäß schon zum
Jahre 938: Egilolfs archiepiscopus obiit, HEROLDUS archiepiscopus factus est
ab OTTONE rege [49 MG SS
XXX/2 Seite 743.]. Die Einsetzung Herolds durch den König zeigt
deutlich, daß OTTO I. zum Haus der LUITPOLDINGER weiterhin
gute Beziehungen unterhalten wollte. Herolts
Zugehörigkeit zum Geschlecht der
LUITPOLDINGER legt nämlich eine Tauschhandlung nahe, die
ein Graf Albrih im Jahre 931
mit Erzbischof Odalbert von Salzburg
vollzog. Dort heißt es in einem Nachsatz.: Et ut agnitioni omnibus habeatur et error
penitus abstergetur ipse Alpricus
fuit Arnulfi ducis patruelis
filius, Herolt nuncupatus
[50 SUB I
Seite 79f. n. 13.].
Die gesamte ältere Forschung hat diese Stelle wörtlich
übersetzt und daraus geschlossen, daß Graf Albrih der Sohn eines namentlich nicht genannten Bruders des Markgrafen Luitpold
sei und nicht nur Albrih
hieß, sondern gleichzeitig auch den Namen Herolt führte! Deshalb
identifizierte man den Grafen Albrih mit
dem späteren Erzbischof Herolt
von Salzburg [51
Erben, Untersuchungen, MGSLK 29, Seite 475. Pirchegger, H.:
Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte Innerösterreichs
II:
Luitpoldinger und Aribonen in Kärnten und in der Kärntner
Mark. ZHVST
26 (1931) Seite 36f. Widmann, Geschichte Salzburgs I, Seite 154.
Hauthaler, SUB I Seite 79.].
Es fällt zunächst auf, daß Graf Albrih in zwei anderen
Traditionen des Erzbischofs Odalbert erscheint
und dort weder ein Doppelname erwähnt wird noch daß Albrih dem geistlichen Stande
angehört hatte. Von Erzbischof
Herolt wiederum erfahren wir in keiner anderen Quelle,
daß er jemals einen anderen Namen geführt hätte. Erst
Bresslau hat auf die Unsinnigkeit dieser Deutung hingewiesen und
vorgeschlagen, das Herolt nuncupatus auf den patruelis Arnulfi ducis zu
beziehen. Das grammatisch falsche nuncupatus (statt nuncupati) wäre dann nur eine
ungenaue Ausdrucksweise [52
Bresslau, H.; Die ältere Salzburger Annalistik. Abhandlungen
der preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin,
phil.-hist.
Klasse 2, 1923.]. Dieser Auflassung hat sich auch
Reindel angeschlossen [53
Reindel, Luitpoldingcr, Seite 160f.]. Mitterauer
hat dann Herolt, den Vater des Grafen Albrih, als Vogt von Niederaltaich und Bruder des Markgrafen Luitpold
nachgewiesen. In Erzbischof
Herolt einen Sohn des Grafen Albrih und Enkel des älteren Herolt zu
erblicken, liegt nahe [54
Mitterauer, Markgrafen, AÖG 123 Seite 245 (Stammtafel).].
Mit der Zugehörigkeit des Erzbischofs zum Hause der LUITPOLDINGER erklärt
sich auch das Prädikat venerabilis,
das Graf Albrih in der
erstgenannten Traditionsnotiz führte. Venerabilis deutet nicht
unbedingt auf ein geistliches Amt hin, sondern war nur höchsten an
geistlichen und weltlichen Würdenträgern (zum Beispiel
Bischöfen und Herzogen) als Ehrentitel vorbehalten. Zu diesem
Kreis zählte Graf Albrih
als Angehörigen des bayerischen
Herzogs-Hauses.
Erzbischof Herolt erscheint -
nachdem das Erzbistum Salzburg nicht mehr der Verfügungsgewalt des
Bayern-Herzogs unterstand - 945-953 als vierter Erzkapellan neben den
rheinischen Metropoliten [55
Fleckenstein, J.: Die Hofkapelle der deutschen Könige.
Schriften der Mon. Germ. Hist. XVI/2, Seite 23f. Breslau, Urkundenlehre
I Seite 319.]. Als sich die LUITPOLDINGER 953 dem Aufstand des Königs-Sohnes Liudolf gegen OTTO I.
anschlossen, blieb Erzbischof Herolt
zunächst neutral [56
MG DO I Seite 252 n. 171.]. 954 jedoch
schloß er sich seiner aufständischen Familie an, wurde 955
von Herzog Heinrich von Bayern, dem Bruder König OTTOS, gefangengenommen, grausam geblendet und nach
Säben in die Verbannung geschickt [57
Holtzmann, R.: Geschichte der sächsischen Kaiserzeit. 4.
Aufl. München 1961, Seite 162. Riezler S.: Geschichte Baierns
Band. 1/1
Seite 542. MG SS I Seite 622, MG SS IX Seite 566, MG SS IX Seite 771,
MG SS XXX/2 Seite 743.]. Herolt fügte sich nur
widerwillig in sein Schicksal. Noch 962 wurde er vom Papste Johann XIII. mit dem Banne
bedroht und 967 von Johann XIII.
excommuniziert, da er trotz seiner Blindheit in der Verbannung noch
immer die Messe las und feierlich das Pallium trug [58 Germania
Pontificia I Seite 14 n. 31, Seite 15 n. 33. Regesta
Pontificum (Jaffe-L.) 3689, 3717. Regesta Imperii II
(Böhmer-Ottenthal)
n. 310, n. 449. Regesta Imperii II (Böhmer-Zimmermann:
Papstregesten
911-1024) Seite 117 n. 302, Seite 166 n. 420.].
Erst nach einem Interregnum von vier Jahren erhielt Salzburg auf der
Synode von Ingelheim 958 mit Zustimmung des verbannten Herolt einen neuen Erzbischof. Die
Quellen betonen, daß er in Gegenwart König OTTOS I. eingesetzt
wurde [59
MG SS VI Seite 615, RI II (Böhmer-Ottenthal) n. 259a.
Fleckenstein, Hofkapelle, Schriften der MGH XVI/2, Seite 55 A 28.].
Erzbischof FRIEDRICH
gehörte nicht, wie die Forschung bisher annahm, dem ARIBONEN-Hause an, sondern
entstammte einem ebenso mächtigen Adelsgeschlecht, das durch viele
Generationen die Grafen des Chiemgaues stellte. Nach dem
männlichen Leitnamen spricht man von den SIGHARDINGERN [60 Die
grundlegende Untersuchung verdanken wir der Arbeit von C.
Totter: Die Grafen von Ebersberg und die Ahnen der Grafen von
Görz,
ZHVST 25 (1929) Seite 5-17.].
Erzbischof Friedrichs Bruder Sighard
IV., Graf im Chiemgau,
hatte Willa, eine Enkelin des Erzbischofs Odalbert, zur Gattin [61 Tyroller,
Genealogie Seite 89f., Stammtafel 5 Nr. 6.]. Eine
direkte Verwandtschaft Erzbischof
Friedrichs zu den ARIBONEN
bestand aber nicht. Die Verbindung der beiden Geschlechter, die Frutolf
in seiner Weltchronik erwähnt [62
MG SS VI Seite 225-226.], fand erst in der
nächsten Generation statt [63
Dopsch, Aribonen, Seite 24 f. (Aribonen und Sighardinger).].
Friedrich war, wie schon
Widmann richtig erkannte [64
Widmann, Geschichte Salzburgs I Seite 159.] und
kürzlich Fichtenau in einer detaillierten Untersuchung nachwies [65 Fichtenau,
H.: Zu den Urkundenfälschungen Bischof Pilgrim von
Passau. Mitteilungen des oberösterr. Landesarchivs 8 (1964) Seite
81-100.] der Onkel
des Bischofs Pilgrim von Passau,
den seine Urkundenfilsehungen berühmt machten [66 Eine
falsche Einteilung trifft Tyroller, Genealogie Seite
131, Stammtafel 8 Nr. 4. Pilgrim wäre richtig in Tyrollers
Stammtafel
(5/1 (Seite 99) unter Nr. 12 einzutragen.].
Obwohl sich Friedrich um das
Erzbistum große Verdienste erwarb - so verlieh er dem Kloster St.
Peter die Unabhängigkeit vom Erzbistum, eigenen Besitz und einen
Abt [67
SUB I Seite 252 n. 1 (Traditionen von St. Peter).]
- und auch zum sächsischen Kaiserhaus gute
Beziehungen hatte, mußte er auf ein wichtiges Recht
endgültig verzichten, das die Salzburger Erzbischöfe lange
Zeit gewahrt hatten: Als er die Nachfolge Herolds antrat, war er von
vornherein gezwungen, dem Amt des Erzkanzlers bzw. des Erzkapellans [68
Fleckenstein, Hufkapelle, Schriften der MGH XVI/2 Seite 24,]
zu entsagen. Freilich wurde damals auch den rheinischen
Erzbischöfen diese Würde entzogen und alleine Brun, dem
Bruder des Königs, vorbehalten. Salzburg konnte aber im Gegensatz.
zu den drei rheinischen Metropolen aucii später nie mehr
Ansprüche darauf durchsetzen.
Die Bedeutung des Erzkapellanates bzw. der Würde eines Erzkanzlers
darf für die Salzburger Erzbischöfe aber nicht
überschätzt werden. Unter ARNULF und Ludwig dem Kinde
lag das Zentrum der Königsmacht in Bayern, und der Salzburger
Erzbischof war als bayerischer Metropolit für diese Ämter
prädestiniert. Unter KONRAD I. war
auf Grund der geringen Macht des Königtums kein Anlaß zu
einer dauernden Änderung gegeben [68a
Nur von KONRADS
Wahl bis zur Huldigung Erzbischof
Pilgrims war Hatto von Mainz
Erzkanzler, dann wieder Pilgrim wie
schon unter Ludwig
dem Kinde.
(Bresslau, Urkundenlehre I Seite 421 ).]. Als
aber der Sachse HEINRICH
König wurde und Salzburg zu einem Eigenbistum Herzog Arnulfs
herabsank, kam die Würde eines Erzkapellans an den Mainzer
Erzbischof. Es blieb ohne Bedeutung, daß nach dem Sturze der LUITPOLDINGER Erzbischof Odalbert seine
Ansprüche auf das Erzkapellanat genauso wie die drei rheinischen
Metropoliten durchsetzen konnte. OTTO DER GROSSE
gewährte dieses Zugeständnis nur so lange, bis er selbst
mächtig genug war, das Amt nach seinem Willen zu besetzen.
Salzburg war und blieb seit den letzten KAROLINGERN
nur die geistliche Metropole Bayerns und nicht mehr. Ob seine
Fürsten Erzkanzler und Erzkapelläne waren oder nicht, ob sie
vom König oder von Bayern-Herzog eingesetzt wurden, war für
die Stellung des Erzbistums nicht entscheidend. Einen dominierenden
Einfluß auf das Königtum oder auf ein Reichsregiment, wie
ihn manche der rheinischem Erzbischöfe erreichten, besaß
Salzburg im 10. und 11. Jahrhundert nicht mehr [69 Bresslau,
Urkundenlehre I Seite 418f., Fleckenstein, Hofkapelle, Schriften der
MGH XVI/1 Seite 202f., XVl/2 Seite 3 f.].
So wie Erzbischof Friedrich und
seine Vorgänger entstammte auch der nächste Salzburger Kirchenfürst, Erzbischof HARTWIG, dem bayerischen
Hochadel. Seine geistliche Laufbahn hat sich offenbar in Salzburg
vollzogen, da alle Annalen genau darüber berichten [70 MG SS I
Seite 89, MG SS IX Seite 566/67.]. Obwohl die
Bedeutung dieses großen Metropoliten, der schon zu Lebzeiten im
Rufe der Heiligkeit stand, von der Forschung früh erkannt wurde,
gelang es bisher nicht, ihm einen gesicherten Platz in der Genealogie
des altbayerischen Adels anzuweisen. Da ich vor kurzem die Herkunft Hartwigs klären konnte, halte
ich es für gerechtfertigt, etwas genauer darauf einzugehen [71 Dopsch,
Aribonen, Seite 37f. (Pfalzgraf Hartwig I. und der Besitz der Aribonen
in Kärnten und der Kärntner Mark).].
Widmann ist so wie die Historiographen vor ihm dem fabelhaften Bericht
aufgesessen, der den „Chronica Austriae" des Thomas Ebendorfer von
Haselbach und den Collectaneen des Johann Staindel gleichermaßen
zum Vorbild diente [72
Lhotsky, A.: Quellenkunde zur mittelalterlichen Geschichte
Österreichs (1963) Seite 236f., Seite 436. Jaksch, A.: Eine
Genealogie
der kärntnischen Spanheimer und der Traditionscodcx von St. Paul.
Mitteilungen des Instituts für österr. Geschichtsforschung
Erg.-Bd. V
(1901) Seite 202f.]. Über die Abstammung des
Erzbischofs Hartwig von
Salzburg heißt es da:
Fridericus comes de Spanheim germanus beati Hartuvici Iuuauensis
archiepiscopi qui temporibus imperatorum OTTONIS tercii et
HEINRICI Babenbergensis
claruerat ... [73
Monumenta ducatus Carinthiae III Seite 189f. n. 488.]
Fertur eciam,
quod comes de Spanheim (Fridericus nomine) germanus beati Hartwici Iuvavensis
archiepiscopi tempore
OTTONIS III. et sancti HAINRICI impcratoris ... [73a MG SS Nova
series XIII (Thomas Ebendorfer: Chronica Austriac ed. Lhotsky)
Seite 267f.,
vgl. auch S. XXXVII.].
Die Entstehung dieser SPANMHEIMER-Genealogie
ist einfach zu erkären: In dem Geschlecht, das aus Rheinfranken
nach Kärnten gekommen war, sind in drei aufeinanderfolgenden
Generationen Träger des Namens
Hartwig Bischöfe geworden: Erzbischof
Hartwig von Magdeburg (1079-1102),
Bischof Hartwig von Regensburg (1105 bis 1126) und dessen Neffe Hartwig, der 1156-1164
dieselbe bayerische Diözese leitete [74 Tyroller,
Genealogie, Seite 278, Stammtafel 20.] Es
war daher ein Analogieschluß, auch in Erzbischof Hartwig einen SPANHEIMER zu sehen. Dem Verfasser
dieser Genealogie war vielleicht jene Urkunde bekannt, durch die ein Graf Friedrich aus Verehrung
für den verstorbenen Erzbischof
Hartwig von Salzburg, seinen
Verwandten, eine Schenkung an die Kanoniker von St. Peter
machte. Deshalb wurde dem Erzbischof ein Bruder Friedrich gegeben, obwohl
dieser Name bei den Kärntner
SPANHEIMERN nie üblich war. Friedrich war ein Sohn des Grafen Eppo bzw. Eberhard „von Eppenstein" und durch seine
Mutter mit Erzbischof Hartwig
verwandt [75
SUB I Seite 585 n. 1. Dopsch, Aribonen Seite 149 A 91.,
Tyroller, Genealogie Seite 108f., Stammtafel 6 Nr. 14 bezieht diese
Stiftung auf Bischof Hartwig von
Brixen, doch weist schon das Prädikat
„heatus" klar auf den Erzbischof von Salzburg, der im Rufe der
Heiligkeit stand. Außerdem erfolgte die Schenkung an Salzburg und
nicht
an Brixen.]. Die Weitläufigkeit der
Verwandtschaft kommt auch in der eigenartigen Formulierung qui fuit suus quondam secundum carnem
cognatus zum Ausdruck, welche die Urkunde dafür verwendet.
Die neuere Forschung hat erkannt, daß Erzbischof Hartwig kein SPANHEIMER war und ihn fast
durchwegs den ARIBONEN, Pfalzgrafen von Bayern, zugeordnet [76 Tyroller,
Genealogie, Stammtafel 1 und Seite 75f.,
Pirchegger, H.: Über steirische Diplome. Festschrift zum
200jährigen
Bestand des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien, Band. I S. 256.
Bracher, K.: Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte des
Laßnitztales
II: der aribonische Besitzblock Hengist-Sausal im unteren
Laßnitztal.
ZHVST 48 (1957) Seite 68ff. Klebel, E.: Die großen Geschlechter
um den
Chiemsee. Heimatbuch des Landkreises Traunstein I (1962), Seite 73 f.].
Auch diese These kann einer genaueren Überprüfung nicht
standhalten:
Das Necrolog des Klosters Seeon in Bayern, einer Stiftung des Pfalzgrafen Aribo I.,
überliefert die Namen der Geschwister und der Kinder des Stifters
vollzählig und mit genauer Angabe des Verwandtschaftsgrades [77 MG
Necrologia II Seite 217-235.].
Erzbischof Hartwig ist zwar so
wie Pfalzgraf Aribo selbst mit
Majuskeln in diesem Necrolog eingetragen, doch weder als Bruder noch
als Sohn des Stifters [78
MG Necrol. II Seite 234 zum 5. XII.].
Der Name Hartwig wurde bei den
ARIBONEN auch erst später
üblich: Der Vater des
Pfalzgrafen Aribo I. war ein Graf
Chadalhoch [78a
SUB I Seite 180 n. 15. MG DO I Seite 133 n. 49. Die Tatsache, daß
die Urkunde OTTOS
I. für Chadalhoch
in der ARIBONEN-Stiftung
Göß überliefert wurde, stellt die Filialion sicher.
Vgl. Dopsch, Aribonen Seite 14f. ], die Brüder des Pfalzgrafen
hießen Eberhard und Egilolf, nicht aber Hartwig. Der älteste Sohn des
Pfalzgrafen, der ihm im Amte folgte, trägt dann als erster der
Familie den Namen Hartwig. Der
Schluß, daß der Name
Hartwig durch Adala, die Gattin des Pfalzgrafen in die
Familie kam, liegt nahe. Aribo
folgte dem bayerischen Pfalzgrafen
Hartwig I., der auch Waltbote
in Kärnten war, im Amte. Wenn auch die Pfalzgrafschaft a
priori keine erbliche Institution war, so wurden doch im 10. und 11.
Jahrhundert ebenso wie bei der Besetzung von Grafschaften
verwandtschaftliche Bindungen berücksichtigt:
Auf Pfalzgraf Aribo I. folgten
sein Sohn Hartwig und sein Enkel Aribo II. im Amte. Wir
dürfen daher annehmen, daß auch für den Übergang
des Pfalzgrafenamtes von Hartwig I.,
der kein ARIBONE war, auf Aribo I. ähnliche Gründe
maßgeblich waren. Diese These wird durch folgende Beobachtung
bestärkt: Das Kloster Göß in der Steiermark, eine
Stiftung des Pfalzgrafen Aribo I.,
überliefert zwei Diplome OTTOS I. aus
den Jahren 954 und 961. Im ersten wird das ministerium Hartwici, das Amtsgebiet des Hartwig erwähnt, im zweiten Hartwig als Graf bezeichnet [79 MG DO I
Seite 275 n. 173, Seite 304 n. 221.]. Da der
genannte Hartwig niemand
anderer ist, als der spätere
Pfalzgraf von Bayern, können diese Urkunden nur im Erbwege
an Göß, die Stiftung von
Hartwigs Nachfolger im Pfalzgrafenamte gekommen sein.
Eine Lösung, die erstmals Mitscha-Märheim vorschlug [80
Mitscha-Märheim, H.: Awarische Wohnsitze und Regensburger
Besitz zwischen Mainburg und Kittsee. Burgenländische
Heimatblätter 14
(1952), Seite 150-156.] gibt hier die beste
Erklärung:
Adala war die Tochter Pfalzgraf Hartwigs I. Sie
brachte das Pfalzgrafenamt an ihren
Gatten Aribo und gleichzeitig den
Namen Hartwig in dessen Familie. Ihr ältester Sohn wurde
nach dem Großvater benannt. Voraussetzung dafür ist,
daß Pfalzgraf Hartwig I. keinen
weltlichen Sohn hatte, der alt genug wurde, um sein Erbe anzutreten.
Es ist möglich, diese Hypothese zu beweisen und damit gleichzeitig
die Herkunft des Erzbischofs Hartwig
von Salzburg zu erschließen.
Die Mutter des Erzbischofs hieß
Wichburg [81 MG Necrol
II Seite 193 zum 16. XII. Wicpurc mater Hartwici
archiepiscopi.]. Eine Schwester des Erzbischofs, die ebenfalls Wichburg hieß, war die Gattin des Grafen Otwin im Postertal und
gründete das Kloster St. Georgen am Längsee [82 MC III
Seite 80 n. 204/III und IV.]. Die Namen Wichburg und Hartwig vererbten sich nicht nur in
der Familie der Gräfin Wichburg und
des Grafen Otwin weiter. Pfalzgraf Aribo I. und seine Gattin Adala hatten neben
einem Sohne Hartwig gleich zwei Töchter des Namens Wichburg [83 MG Necrol.
II Seite 229 zum 12.VIII. und
Seite 234 zum 5.
XII. Vgl. Perlt, O.: Gandersheim und Göß,
Braunschweigisches Jahrbuch
39 (1958), Seite 49f. Bracher, K.: Stift Göß. Geschichte und
Kunst,
Graz 1966 (ZHVST Sonderband 12).]. Wird dadurch
schon eine gedankliche Verbindung von Adala
zu Wichburg und ihrem Bruder, Erzbischof Hartwig von Salzburg
hergestellt, so liefern die Besitzverhältnisse im steirischen
Laßnitztal und im Grazer Feld den endgültigen Beweis
dafür.
ln diese Untersuchung müssen wir als Erben der Gräfin Wichburg das von ihr
gegründete und dotierte Kloster St. Georgen am Längsee und
die Grafen von Heunburg, die von Wichburgs
gleichnamiger Tochter abstammen, einbeziehen. Das Erbe der Gräfin Adala traten neben den pfalzgräflichen ARIBONEN auch
die Nachkommen aus ihrer zweiten Ehe mit dem SIGHARDINGER Graf Engelbert an, zu
denen die Grafen von Peilstein, Schala und Burghauser zählen [84 SUB I Seite
274 n. 43. Mitscha-Märheim, Awarische Wohnsitze,
Bgld. Hbl. 14 Seite 154. Dopsch, Aribonen Seite 24 f. (Aribonen und
Sighardinger).].
Das Kloster St. Georgen am Längsee besaß im Laßnitztal
das bedeutende Amt Schirka und war auch im benachbarten Ort Dexenberg
begütert. Im selben Ort Dexenberg hatten auch die Grafen von
Neunburg Besitz [85
MC IV n. 2745. Bracher, Laßnitztal, ZHVST 48 (1957) Seite
78f. KG und OG Schirka, GB und PB Leibnitz, Stmk. Dexenberg in der KG
und OG Schirka, GB und PB Leibnitz, Stmk.].
Grundherr an der Laßnitz war auch Pfalzgraf Hartwig II., der Sohn der Gräfin Adala und des Pfalzgrafen Aribo I. Seine
Güter lagen am Südabhang des Wildoner Buchkogels bei
Kehlsdorf und Schönberg, waren also dem Besitz der Gräfin Wichburg benachbart [86
Urkundenbuch des Herzogtums Steiermark (= StUB) I Seite 55 n.
47 Kehlsdorf, KG und OG Schönberg an der Laßnitz, GB Wildon,
PB
Leibnitz, Stmk.]. Schließlich war auch Graf Chadalhoch, ein Enkel des Pfalzgrafen Aribo I., im
nahe gelegenen Prarath begütert [87
StUB I Seite 173 n. 173 KG Prarath, OG Gleinstätten, GB Arnfels,
PB Leibnitz, Stmk.].
So wie im Laßnitztal lassen sich auch im Grazer Feld die
Besitzungen der Nachkommen Wichburgs
und Adalas als
ursprüngliche Einheit fassen [88
Pirchegger, H.: Gruß-Graz-West. Festschrift Hans Pirchegger 1950,
Seite 143 bis 187.].
In Straßgang hatte Pfalzgraf
Hartwig II., der Sohn der Adala,
Besitz. Diesen verlor sein Sohn Boto,
als er sich 1053 am Aufstand gegen HEINRICH III.
beteiligte [89
MG H III Seite 454 n. 332. Straßgang ist heute der 16. Grazer
Gemeindebezirk.]. Im selben Orte Straßgang
waren auch Graf Konrad von Peilstein,
ein Nachkomme aus Adalas zweiter Ehe
und Markgraf Gunther vom Sanntal aus
dem Geschlecht der Grafen von Neunburg,
also ein Erbe der Gräfin Wichburg,
begütert! [90 StUB
I Seite 507 n. 543.]. Am Straßgang
schließen die Orte Seiersberg und Abtissendorf, beide im Besitz
der ARIBONEN-Stiftung
Göß! [91
StUB I Seite 288 n. 278, StUB II Seite 366 n. 268,
Pirchegger, Groß-Graz-West Seite 158f. KG und OG Seiersberg, GB
u. PB
Graz-Umgebung. Ahtissendorf KG Lebern OG Feldkirchen bei Graz, GB und
PB Graz Umgebung, Stmk.]. Das Erzbistum Salzburg
war nicht nur in Straßgang begütert, auch die Orte Pirka und
Windorf, die im Süden an den Gösser Besitz anschließen,
gehörten ihm [92
Lang, A.: Die Salzburger Leben in der Steiermark. Beiträge
zur Kunde steiermärkischer Geschichte 43, Seite 77f. - Dopsch, A.:
Die
landesfürstlichen Gesamturbare der Steiermark Seite 78 f. -
Windorf in
der KG u. OG Pirka, GB und PB Graz-Umgebung.].
Zwischen Seiersberg und Pirka schiebt sich der Weiler Hofstetten, den Markgraf Gunther vom Sanntal an das
Kloster Admont schenkte [93 StUB
I Seite 232 n. 220, Seite 393 n. 405.].
Nördlich von Straßgang liegt der Ort Wöbling, der
früher Bodegor (Podigor) hieß. Auch in dieser Gemeinde waren
das Erzbistum Salzburg, das Kloster Göß und das vom Markgrafen Gunther beschenkte
Kloster Admont gemeinsam begütert [94
Pirchegger, Groß-Graz-West Seite 161f. Wühling KG und OG
Laßnitzhöhe GB und PB Graz-Umgebung.].
Wetzelsdorf und Krottendorf, die weiter im Norden anschließen,
waren durch
Markgraf Gunther an Admont
gekommen, doch hatte auch das Kloster Göß in Krottendorf
Besitz. Das benachbarte Baierdorf gehörte dem Grafen Konrad von Peilstein [95 StUB I
Seite 278 n. 265, Seite 232 n. 220, Seite 596 n. 625,
StUB II Seite 162 n. 106. Krottendorf und Wetzelsdorf, heute 16. Grazer
Gemeindebezirk. KG Baierdorf in Graz-Stadt, Stmk.],
Algersdorf wiederum schenkte der ehemalige
Pfalzgraf Aribo II.
kurz vor seinem Tode dem Stifte Göttweig [96 Fontes
rerum Austriacarum II/8 n. 74, n. 283. StUB Erg.-Bd. Seite 15 n. 6,
StUB I Seite 432 n. 467. Algersdorf in Graz-Stadt.].
Dieser ineinandergreifende Besitz der ARIBONEN
und der PEILSTEINER, des
Klosters Göß und des Markgrafen
Gunther aus dem Geschlecht der
HEUNBURGER, aber auch des Erzbistums Salzburg reichte daher von
Algersdort im Norden über das gesamte Grazer Feld mindestens bis
Unterpremstetten im Süden, wahrscheinlich aber noch weiter, da
Kalsdorf im Besitz der Grafen von Schala, also von Nachkummen der Adala
war [97
StUB I Seite 569 n. 601. KG und OG Kalsdorf bei Graz, GB u. PB
Graz-Umgebung.].
Den Besitz der ARIBONEN, ihrer
Stiftung Göß sowie der Grafen von Peilstein und Schah haben
wir auf Adala, die Gattin des Pfalzgrafen Aribo I.,
zurückgeführt, die Güter des Klosters St. Georgen am
Dingsee, des Markgrafen Gunther vom
Sanntal und der Grafen von Neunburg auf die Gräfin Wichburg. In
Übereinstimmung damit wird der Anteil Salzburgs, das von Kaiser HEINRICH
II. ja nur Besitz zwischen Straßgang und der Mur
erhalten hatte, vor allem auf Erzbischof
Hartwig, den Bruder der
Gräfin Wichburg, zurückzuführen sein. Damit haben
wir einen Besitzkomplex vor uns, der sich ursprünglich als Einheit
in den Händen der Eltern des Erzbischofs
Hartwig, der Gräfin
Wichburg und der Gräfin
Adala - in der wir nun eine
Schwester der Vorgenannten erkennen -, befunden hat.
Zum Vater dieser drei Geschwister führt uns der alte Name von Hart
bei Straßgang, das früher Hartwigesdorf hieß. Markgraf Gunther vom Sanntal
schenkte von diesem Ort zwei Höfe in Admont [98 StUB I
Seite 232 und 220. Hart liegt heute im Stadtgebiet von Graz.].
Demselben Kloster Admont übergab 1139 der Salzburger Ministeriale Meginhard von
Straßgang einen Hof zu Hartwigesdorf, „den er vom
Erzbischof eingetauscht hatte" [99
StUB 1 Seite 156 n. 152.]. Der Anteil des Markgrafen Gunther als Erbe der Gräfin Wichburg einerseits, des
Erzbistums Salzburg andererseits beweist, daß jener Hartwig, der das Dorf gegründet
hat, weder Erzbischof Hartwig von
Salzburg noch Pfalzgraf Hartwig
II. (der Sohn der Adala)
gewesen sein kann. Damit aber bleibt nur mehr ein Träger des Namens Hartwig, auf den der
große Besitzz der genannten Familien in der Mark aber auch in
Kärnten zurückgehen kann: Pfalzgraf
Hartwig I. von Bayern.
Zu einem ähnlichen Ergebnis ist auf ganz anderem Wege schon Klebel
gekommen, als er die Besitzverhältnisse zu Aschau und Tettenberg
in Bayern sowie die Güter der Gräfin
Wichburg im Jauntale untersuchte [100 Klebel,
E.: Die Ahnen der Herzoge von Kärnten aus dem Hause Spanheim.
Archiv für vaterländische Geschichte und Topographie 23
(1936), Seite 54 f.]. Manche Probleme, welche die
Forschung bisher nicht erklären konnte, sind mit dieser Erkenntnis
gelöst:
1. Da Pfalzgraf Hartwig I. nur
einen gleichnamigen Sohn
hatte, der dem geistlichen Stande gewidmet war, den Erzbischof Hartwig von
Salzburg, ging durch die Ehe seiner (älteren) Tochter Adala das Pfalzgrafenamt an deren Gatten Aribo, Sohn des Grafen Chadalhoch,
über.
2. Erzbischof Hartwig von Salzburg
konnte im Necrolog der ARIBONEN-Stiftung
Seeon nicht als Bruder oder Sohn des Klostergründers
eingetragen werden, da er kein ARIBONE war. Als dem Bruder der Stifterin Adala stand
ihm aber eine Eintragung in Maiuskeln sehr wohl
zu! Auch Adalas
Schwester Wichburg und zwei
ihrer Söhne, Hartwig und Gerloch,
sind im Seeoner Necrolog verewigt [101
MG Necrol II
Seite 222 zum 17.III., Seite 232 zum 18.X.].
3. Durch die zweite Ehe seiner
Schwester Adala trat der Erzbischof auch zu den SIGHARDINGERN in Beziehungen. Das
erklärt seine
Eintragung im Necrolog der SIGHARDINGER-Stiftung Michaelbeuern [101a MG Necrol
II Seite 216 zum 5.XII.].
4. Die Namen des Pfalzgrafen Hartwig
I. und seiner Gattin Wichburg vererbten
sich in den Familien beider Töchter. Bei der Gräfin Adala
entstammten sogar beiden Ehen Kinder dieses Namens,
obwohl sich unter den Vorfahren von
Adalas Gatten diese Namen nicht nachweisen
lassen.
5. Durch Richgard, eine Enkelin der Adala, wurde der Name Hartwig auch bei den Kärntner SPANHEIMERN
üblich und vor allem für die geistlichen Angehörigen
dieser Familie verwendet. So kam es, daß die spätere
Historiographie auch in Erzbischof
Hartwig einen Vertreter dieses Geschlechtes sah.
Geht man der Herkunft des Pfalzgrafen
Hartwig I., dem Vater des
Erzbischofs, nach, so wird man mit Klebel zunächst an jenen
Hartwig denken, der Vogt des Erzbischofs Odalbert von Salzburg
war und in einer Tradition als fidelis
proximus des Erzbischofs bezeichnet wird [102 SUB I
Seite 83 n. 17, Seite 105 n. 43.]. Eine direkte
Anknüpfung Pfalzgraf Hartwigs I.
an den Vogt und proximus des Erzbischofs Odalbert ist schwer
möglich, da von Engelbert,
dem Sohne des Vogtes Hartwig,
keine Kinder bekannt sind [103 SUB
I Seite 122 n. 60, Seite 136 n. 75.]. Trotzdem
werden wir Pfalzgraf Hartwig
in die Verwandtschaft des Vogtes
Hartwig eingliedern. Er gehörte damit zu einer
mächtigen Sippe, die durch Jahrhunderte im Salzburggau
ansässig war und die Leitnamen
Hartwig und Engelbert
führte [104
Mitterauer, AÖG 123 Seite 196,202. Tyroller, F.: Der Chiemgau
und seine Grafschaften, Beilage zum Jahresbericht des Wittelsbacher
Gymnasiums in München (1953/54) Seite 6.].
Die Herkunft des Erzbischofs Hartwig
von Salzburg ist geklärt. Um zu einer Lösung dieses
Problems zu kommen, war es notwendig, den verschlungenen Pfaden der
Genealogie und Besitzgeschichte zu folgen. Deshalb soll eine Stammtafel
das Ergebnis deutlich machen.
6
Hartwig-Engelbert-Gruppe
aus dem Salzburggau
----------------------------------------------------
Hartwig
N.N.
† 925/30
†
Vogt von Salzburg
"proximus" des Eb. Odalbert
----
---
Engelbert
N.N.
†
†
---
Hartwig I.
953-ca. 985
Pfalzgraf von Bayern
Waltbote in Kärnten
oo Wichburg (LUITPOLDINGERIN)
†
-----------------------------------------------------------------+--------------------------------------------------
Adala
HARTWIG
Wichburg
ca. 970-nach
1020
991-1023
†
ERZB. v.
SALZBURG
Gründerin von St.Georgen
am Längsee
1. oo Aribo I.
Pfalzgraf
oo Otwin Graf im Pustertal
† 13.II.1000
†
Gründer von Seeon und Göß
2. oo Engelbert Graf
† 1020
-1.Ehe------------------------------------2. Ehe-----
---
ARIBONEN
Grafen von Tengling,
Peilstein
Grafen von Heunburg
Pfalzgrafen von
Bayern
Schala Burghausen, Mörle und Kleeberg
Der Tod des Erzbischofs
Hartwig brachte in der Besetzung des Salzburger Erzbistums einen
tiefgreifenden Wandel. Maßgeblich für Hartwigs Einsetzung war sicher die
unbedingte Treue seines Vaters, des Pfalzgrafen
Hartwig I., zum sächsischen Königs-Haus.
Daneben mag aber auch dem Umstand Rechnung getragen worden sein,
daß der Erzbischof so wie alle seine Vorgänger während
des 10. Jahrhunderts dem bayerischen Hochadel entstammte.
Darauf brauchte Kaiser HEINRICH II. keine
Rücksicht mehr zu nehmen. Er setzte G UNTHER aus der Familie der Markgrafen von Meißen
zum Salzburger Erzbischof ein. So wie Gunther
gingen auch die folgenden Salzburger Erzbischöfe aus der
Hofkapelle hervor. Das Vertrauen des Königs in die Männer
seiner nächsten Umgebung war - bedingt durch die Gefahren der
Kirchenreform - und des darauf folgenden Investiturstreites - wichtiger
als die traditionelle Bindung der geistlichen Metropole Bayerns an den
Adel des Landes.
Die Eltern Gunthers
entstammten beide dem sächsischen Hochadel. Der Vater war Markgraf Ekkehard 1. von Meißen,
die Mutter Swanhilde war eine BILLUNGERIN [105 Posse, O.:
Die Markgrafen von Meißen und das Haus Wettin bis
zu Komrad dem Großen. (1881) Seite 47f. MG SS rer. Germ. N. S. 9.
(Thietmari Merseburgensis episcopi Chronicon ed. Holtzmann) Seite 424
n. 518.]. Der neue Erzbischof, der seine Bildung
in der berühmten Schule Notkers
von Lüttich erhalten hatte, war möglicherweise schon
in die Kapelle
OTTOS III. eingetreten. Von 1009-1023 war er deutscher Kanzler. Neben der Milde
und Güte, die ihm nachgerühmt wird, muß Gunther als Leiter der Kanzlei das besondere
Vertrauen des Königs besessen haben, sonst hätte ihn HEINRICH II. nicht
so lange in seiner Umgebung festgehalten [106
Fleckenstein, Hofkapelle, Schriften der MGII XVI, 2 Seite 168 f.].
Gunther war im Dezember 1023,
als ihn der Kaiser zum Nachfolger
Erzbischof Hartwigs von
Salzburg bestimmte, bereits in vorgerücktem Alter. So war
ihm nur mehr eine Sedenzzeit von knapp zwei Jahren beschieden [107 MG SS IX
Seite 567, Seite 772 f. MG SS I Seite 90.].
Für die Herkunft von Gunthers
Nachfolger DIETMAR (Theotmar) II. gibt es kaum Anhaltspunkte [108 Widmann,
Geschichte Salzburgs 1, Seite 164.]. Als Mitglied
der Hofkapelle ist er nicht nachzuweisen [109
Fleckenstein, Hofkapelle, Schriften der MGH XVI/2 Seite 224: "Für Reinbert von Verdun und Thietmar von Salzburg sind vor ihrer
Erhebung nicht einmal Vermutungen möglich."].
Den einzigen Versuch, Dietmar
einem bestimmten Geschlecht einzugliedern, machte Pichler. Er nannte
ihn - freilich ohne jede Quellenangabe - einen Grafen von Dornberg [110 Pichler,
Salzburgs Geschichte Band I Seite 50 f.].
Ganz unwahrscheinlich ist diese These nicht. Die Edlen von Dornberg
gehörten dem hochfreien bayerischen Adel an, waren im Erzbistum
Salzburg reich begütert und führten auch das Prädikat
„von Lungau" [111
Tyroller, Genealogie Seite 283f. und Stammtafel 21 A. Klebel, E.:
Der Lungau. Eine historisch-politische Untersuchung. MGSLK Erg.-Bd. I
(1960), Seite
150ff. ]. Zur gräflichen Würde stiegen
sie zwar erst im 12.
Jahrhundert empor, doch hat Hauptmann [112
Hauptmann, Hemma und Zwentibold, Rad 255
(1936), Seite 227.
] gezeigt, daß sich die
DORNBERGER viel weiter
zurückverfolgen lassen, als Tyroller annahm. Ihr
Ahnherr war einer jener hochfreien Träger des Namens Dietmar, die hantig
in der Umgebung des Erzbischofs
Odalbert von Salzburg nachzuweisen
sind, vielleicht sogar der Sohn des
Erzbischofs selbst. Eine
Zugehörigkeit des Erzbischofs
Dietmar II. zu den DORNBERGERN
würde
bedeuten, daß wieder einmal der bayerische Adel bei der Besetzung
des
Erzbistums berücksichtigt wurde. Leider enthält auch der
Traditionscodex, den der Erzbischof anlegen ließ, keine
Anhaltspunkte,
von denen man auf seine Person schließen könnte. Der Name Dietmar war
damals in Bayern sehr häufig, aber auch in anderen Teilen des
Reiches
üblich. Nach seiner Einsetzung unterhielt der Erzbischof zu König
KONRAD II. gute Beziehungen, so daß
es unmöglich erscheint, in dieser
Frage zu einem gültigen Schluß zu kommen.
Auch die Abstammung des nächsten Oberhirten, BALDUIN, ist
unbekannt. Fleckenstein [113
Fleckenstein, Hofkapelle, Schriften der MGH XVI/2 Seite 289,291.]
meint in Anlehnung an Steindorf [114
Steindorf, Jahrbücher des Reiches unter Heinrich III. Band I Seite
104.], daß
für die Einsetzung Balduins
lokale Gründe ausschlaggebend waren.
Dagegen aber spricht der Name des neuen Erzbischofs. Balduin ist ein
Name, der damals in Bayern nicht üblich war und vielleicht an eine
Herkunft aus dem Nordwesten des Reiches, nicht aber aus dem Süden
denken läßt. Dieser Hinweis in Verbindung mit der
Beobachtung, daß
Balduin sehr häufig in der
Umgebung HEINRICHS
III. zu finden ist, weist
auch Balduin jener Reihe von
Erzbischöfen zu, die der Kaiser als Vertrauensmänner
einsetzte, ohne daß sie persönliche Beziehungen zu Salzburg
hatten.
Wie schwierig es der Investiturstreit dem Kaiser machte, überhaupt
Männer zu finden, die auch als geistliche Würdenträger
im Kampfe gegen den Papst auf seiner Seite blieben, zeigt das Beispiel
von Balduins Nachfolger GEBHARD.
Er entstammte - wie beide Fassungen seiner Vita und alle anderen
erzählenden Quellen überliefern - einer hochfreien Familie
des schwäbischen Adels [115 MG
SS XI Seite 25f. und Seite 35f.]. Seine Eltern hießen Chadold und Azala, seine Schwester hieß Dietberga.
Sie wurde die Gattin des bayerischen
Adeligen Wernher, der an der Stelle seiner Burg das Kloster
Reichersberg errichtete [116 MG
SS XVII Seite 447f. Classen, P.: Gerhoh von Reichersberg
(1960), Seite 67f. MG Necrol. II Seite 102 zum 3. II., Seite 186 zum
17. XI.].
Der frühverstorbene Sohn, welcher der Ehe Wernhers und Dietbergas entsprang, wurde nach
seinem Onkel, dem Salzburger
Erzbischof, Gebhard getauft
[117 SUB
II n. 105a, n. 176. MG SS XVII Seite 448. Vgl. Hauptmann,
L.: Grofovi Visnjegorski (Grafen von Weichselburg), Rad 250, Seite
215-239.].
Das ist alles, was wir über die Herkunft Erzbischof Gebhards mit Sicherheit
sagen können. Andere Vermutungen haben sich als völlig
unhaltbar erwiesen. So auch die Behauptung, daß Gebhard dem Geschlecht der Grafen von Helfenstein
entstamme [118
Helfenstein bei Geislingen (Kreis Göppingen),
Baden-Württemberg.]. Die Grafen von
Helfenstein lassen sich gar nicht bis in die Zeit Gebhards zurückverfolgen, und
die Namen Gebhard, Chadold und Azala sind ihnen völlig fremd [119 Handbuch
der Historischen Stätten Deutschlands VI
(Baden-Württemberg) Seite 203f., Kerl, H. F.: Geschichte der
Grafen von
Helfenstein (1840), der die Abstammung Gebhards noch mit weiteren Sagen
verbrämt. Vgl. auch Geschichtliche Mitteilungen von Geislingen und
Umgebung 12 (1949) und 15 (1957).]. Ebenso
haltlos und unbeweisbar ist Klebels Behauptung, daß Gebhard aus der Gegend von
Eichstätt stamme [119a Klebel,
E.: Salzburg als Erzbistum und Erzstift bis zum 16.
Jahrhundert. Bericht über den 6. Österreichischen
Historikertag 1965,
Seite 105-111.].
8
Familie des hochfreien
schwäbischen Adels
---
Chadold oo Azala
†
†
-------------------------------------
GEBHARD
Dietberga oo Werner
1060-1088
1043/60-1090
ERZB. v.
SALZBURG
Gründer von Reichersberg
1058/59
deutscher
Kanzler
---
Gebhard
1074/88 stirbt jung
Vielleicht lassen sich über Bischof Adalbero von Würzburg und
Bischof Altmann von Passau, mit
denen Gebhard nicht nur
während des Studiums, sondern sein ganzes Leben hindurch
befreundet war, noch einige Hinweise auf Gebhards Elternhaus erarbeiten [120 MG SS XII
Seite 231 f., MG SS XI Seite 37, MG SS XII Seite 130.].
Altmann und Adalbero gehörten der
Hofkapelle HEINRICHS
III. an, die Gebhard als
Erzkapellan leitete. Inhaltlich war dieses Amt von der Würde eines
Erzkapellans und Erzkanzlers, welche die Salzburger Erzbischöfe zu
Beginn des 10. Jahrhunderts innehatten, völlig verschieden und von
der Kanzlei getrennt [121
Fleckenstein, Hofkapelle, Schriften der MGH XVI/2 Seite 240f., Seite
259f. ].
Die Priesterweihe erhielt Gebhard am
4. März 1055 durch Erzbischof
Balduin von Salzburg. Wahrscheinlich ist Gebhard als Begleiter des Kaisers
auf dessen Italienzug nach Salzburg gekommen. Nach dem Tode HEINRICHS III. war
Gebhard von September 1058 bis
zum Dezember 1059 deutscher Kanzler [122
Breslau, Urkundenlehre I Seite 476.]. 1060 wurde Gebhard durch den Willen der
Kaiserin-Witwe bzw. der Reichsregierung Erzbischof von Salzburg [123 Diese
Interpretation der Formulierung „divino
nutu", die Steinböck in seiner Dissertation über
Erzbischof Gebhard gibt, ist die einzig sinnvolle.].
So wie seine Freunde Altmann
und Adalbero, die als
Mitglieder der Hofkapelle das unbedingte Vertrauen des
Königs-Hauses besessen hatten, wurde auch Gebhard einer der schärfsten
Gegner HEINRICHS
IV. Auf Gebhards
weiteres Leben, das in einer kürzlich vollendeten Salzburger
Dissertation eine sorgfältige Darstellung findet [124
Steinböck, W.: Erzbischof Gebhard von Salzburg. Ein Beitrag
zur Geschichte Salzburgs im Investiturstreit, Salzburg 1970. Diss.
Phil. (Veröffentlichungen des Hist. Instituts der Univ. Salzburg,
Wien
1972.)], ist hier nicht einzugehen.
Der kaiserliche Gegen-Erzbischof
BERTHOLD, den HEINRICH IV. einsetzte,
entstammte dem bayerischen Geschlecht
der Grafen von Moosburg und war ein Sohn Burkhards I. Bertholds Bruder Burkhard
II. war Markgraf von Istrien
und Vogt von Aquileia [125 Tyroller,
Genealogie Seite 171f., Stammtafel 12.]. Gerade
in der Generation Bertholds gelang
den MOOSBURGERN ein
bedeutender Aufstieg, da sie dem Kaiser unbedingte Treue hielten.
9
Burkhard I.
von Moosburg
ca. 1060
-----------------------------+-------------------------------------------------
Burkhard II.
BERTHOLD
Burkhard III.
†
1106
1085-1090
von Moosburg
1093 Markgraf v.
Istrien
1097-1106
1093-1133
1101 Vogt von Aquileia ERZB.
v.
SALZBURG
Vogt von St. Castulus
---
---
Mathilde
Grafen von
oo
Konrad, Graf
Moosburg (bis 1281)
im Lurngau
Berthold konnte
sich aber gegen die mächtigen Vertreter der päpstlichen
Partei im Erzbistum Salzburg, den Grafen Engelbert von Spanheim und
dessen Verwandtschaft, auf die Dauer nicht durchsetzen [126 Vgl. dazu
und zum folgenden: Hauptmann, Grafen von Weidiselburg, Rad 250 (1935),
Seite 215-239.].
Auf Betreiben der Gregorianer wurde 1090 der Abt von St. Peter, THIEMO, zum Erzbischof von Salzburg
gewählt. Mit Gebhard war
die Reihe jener Bischöfe, die der Hofkapelle bzw. dem Kreise der
Vertrauten des Königs entstammten, zu Ende gegangen. Die Stellung Thiemos als Abt von St. Peter legt nahe,
daß er ein Angehöriger des bayerischen Adels war. Sein Name
hilft weiter.
Thiemo war durch viele
Generationen Leitname bei einem der mächtigsten
bayerisch-österreichischen Adelsgeschlechter, den Grafen von Formbach. Nimmt man
für Thiemo die
Zugehörigkeit zu diesem Hause an, so stimmt damit die Nachricht
der Passio Thiemonis hervorragend überein, daß Thiemo einem „hohen bayerischen
Geschlecht" entstammte und von frühester Jugend an im Kloster
Nicderaltaich erzogen wurde [126a MG
SS XI Seite 52f.]. Dieses Kloster lag
nämlich im unmittelbaren Machtbereich der Formbachen. Die von Tyroller
getroffene Einreihung Thiemos
als Bruder des Grafen Ekbert I. von Formbach [127 Tyroller,
Genealogie Seite 135f., Stammtafel 9.] entspricht
vortrefflich den politischen Verhältnissen jener Zeit. Thiemo wurde von der
päpstlichen Partei zum Erzbischof gewählt und sein Bruder, Graf Ekbert, war einer der
unerbittlichsten Gegner Kaiser HEINRICHS IV.
10
Thiemo 1.
1005-1050
Graf im Schweinachgau
----------------------------------------
Thiemo
II.
und noch 4 Söhne
†
1040
----------+--------------------------------------------------------------------------------
Ekbert I.
Heinrich II.
THIEMO
† 1109
† ca. 1070
1077-1090 Abt von
Graf von
Formbach
Graf
St. Peter in Salzburg
Vogt von St.
Nikola
1090-1102
ERZB. von SALZBURG
---
---
Grafen von
Formbach,
Grafen von Formbach
Neuburg und Pitten
Mit der Regierung des unglücklichen Thiemo ist das Ende des 11.
Jahrhunderts und damit auch die zeitliche Grenze, die der vorliegenden
Arbeit gesetzt war, erreicht. Damit komme ich zurück zu der am
Anfang gestellten Frage, ob sich für die allgemeine Geschichte
Salzburgs im 11. und 12. Jahrhundert noch Änderungen ergeben
können.
Vergleichen wir zunächst das Ergebnis der vorliegenden Arbeit mit
der letzten zusammenfassenden Darstellung der Geschichte Salzburgs, die
Widmann vor 60 Jahren geschrieben hat.
Elf Erzbischöfe und ein kaiserlicher Gegen-Erzbischof regierten im
10. und I1. Jahrhundert die geistliche Metropole Süd-Deutschlands.
Für vier von ihnen hat Widmann die Herkunft richtig bestimmt:
Für Odalbert, Gunther, Gebhard und den kaiserlichen Gegen-Erzbisdiof Berthold.
Die Abstammung von sechs Erzbischöfen, nämlich Pilgrim, Egilolf, Herolt, Friedrich, Hartwig und Thiemo konnte gegenüber Widmann
berichtigt oder überhaupt erst erforscht werden. Für Balduin darf immerhin angenommen
werden, daß er nicht dem bayerischen Adel entstammte. So bleibt
als einziger Erzbischof, für dessen Herkunft sich kein Hinweis
finden läßt, Dietmar II.
Ein interessantes Resultat ergibt sich für das Verhältnis des
bayerischen Adels zur Besetzung des Erzbistums: Sieben der elf
Erzbischöfe, nämlich Pilgrim,
Odalbert, Egilolf, Herolt, Friedrich, Hartwig und Thiemo sowie der Gegen-Erzbischof Berthold
entstammten dem bayerischen Hochadel, Gunther
kam aus Sachsen, Gebhard war
ein Schwabe, und der Name Balduin weist
auf den Nordwesten des Reiches.
Davon, daß ein bestimmtes Geschlecht mehrere Generationen
hindurch die Erzbischöfe stellte und auf diese Weise Salzburg
beherrschte, wie es Hauptmann darstellen wollte, kann keine Rede mehr
sein. Weder die ARIBONEN, deren zweiter Vertreter Egilolf recht
farblos erscheint, noch den
LUITPOLDINGERN, die mit Herolt
auch nur einen Erzbischof stellten, kam eine dominierende Rolle zu.
Der bayerische Adel war aber untereinander derart eng versippt,
daß es möglich ist, alle Erzbischöfe von Pilgrim bis Hartwig (mit dem die Reihe der
Bayern vorübergehend abbricht) in eine einzige genealogische Tafel
einzufügen! .
Mit der Frage, wer die Salzburger Erzbischöfe einsetzte, kommen
wir zum letzten und für die allgemeine Geschichte wichtigsten
Punkt: Bis 921 war es das Königtum, das damals den Schwerpunkt
seiner Macht im Süden des Reiches hatte. Der Vertrag, den König HEINRICH I. mit Herzog Arnulf von Bayern
schloß, sicherte diesem das Recht der Ernennung zu. Man soll
jedoch die Periode luitpoldingischer
Herrschaft über Salzburg, die schon 938 ihr Ende fand, nicht
überschätzen. Egilolf
ist wahrscheinlich der einzige Erzbischof gewesen, den Arnulf
einsetzte. Das 10. Jahrhundert mag für Bayern im Zeichen der LUITPOLDINGER gestanden haben,
für Salzburg trifft das nicht zu.
Von 938 bis 1090 blieb dann der königliche Einfluß auf die
Besetzung der geistlichen Metropole Bayerns entscheidend. Erst die
Ereignisse des Investiturstreites brachten mit Thiemo einen Erzbischof, der unter
dem Druck der päpstlichen Partei gewählt wurde.
Das Königtum und auch die Bayern-Herzöge - solange ihr
Ernennungsrecht währte - berücksichtigten im 10. Jahrhundert
die lokalen Verhältnisse und die Bindungen des heimischen Adels an
das Erzbistum. Deshalb stammten alle Erzbischöfe von Pilgrim bis Hartwig aus Bayern.
Dann kam der steigende Einfloß der Hofkapelle als Instrument
königlicher Macht auch in Salzburg zum Tragen. Bei Gunther, Balduin und Gebhard war das absolute Vertrauen
des Königs bzw. des Reichsregimentes entscheidend, nicht ihre
Herkunft.
Als mit Gebhard auch diese
kaiserliche Politik Schiffbruch erlitt, ernannte HEINRICH IV. zuletzt
mit Berthold von Moosburg
einen Mann, von dem er sich eher einen militärischen Erfolg gegen
die päpstliche Partei als Leistungen auf religiösem Gebiet
erhoffte.
Mit dieser Übersicht sind neben den traditionellen Bindungen
Salzburgs an den bayerischen Adel auch die Linien der großen
Politik hervorgetreten, die für die Besetzung der geistlichen
Metropole Bayerns genauso entscheidend waren wie für jedes andere
deutsche Bistum.
4
------------------------------------------------------------------------
Luitpold
Herolt
N.N.
† 907
† nach
895
†
Markgraf in Katan-
Vogt von
tanicn,
Pannonien
Niederaltaich
und im Nordgau
oo Kunigunde
-------------------------
---
---
Arnulf
Berthold
Albrih
Rihni
† 937
† 947
† nach 931
†
Herzog
Herzog von Graf in
Kärnten
oo Odalbert Erzb. von Salzburg
von Bayern Bayern u.
Kärnten
HEROLT
939-955
ERZB. v. SALZBURG
5
Sighard
858-861
Graf im fränkischen Kraichgau
---
Sighard I.
876/80-906 Graf
oo Kotoni
-----------------------------------------------------------------------
Odalbert
Sighard
II.
Ratold I.
EB von
Salzburg
908-916
oo
Rihni
Graf im oberen
Salzburggau
GRAFEN VON EBERSBERG
---
---+-----------------------------------------------------------------------------------
Bernhard
Sieghard
III.
Nordbert
Engelbert I.
†
924-959
924-958
931-958
oo
Engilrat
Graf im oberen Salzburggau
†
---
-------+----------------------------------------------------------------------------------------
Willa
oo
Sieghard
IV.
FRIEDRICH
Engelbert II.
†
963-980
958-991
ca. 987-1000
Graf im
Chiemgau
ERZB. v. SALZBURG
------+--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Nordbert
Sighard
V.
Friedrich
Pilgrim
Engelbert III.
ca.
970-1010
† 1010/20
† ca. 1000
971-991
† 1020
Graf
Graf
Bischof von
Passau
Graf im Chiemgau
---
---
ältere
Linie
Grafen von Burghausen,
Schala, Peilstein, Mörle und
Kleeberg
7
Graf Billung
† 967
---
Gunther
Hermann Billung
† 982
† 973
(Markgraf?)
Markgraf 953, Herzog von Sachsen 961
---
---------+-----------------------
Ekkehard
I. oo
Swanehild
Bernhard
985-1002
973-1011
Markgraf von
Meißen
Herzog von Sachsen
-------------------------+---------------------------------------------------------------------
Hermann
Ekkehard
II. GUNTHER
Mathilde
1010-1031
1032-1046
1009-1023
†
Markgraf
v.
Markgraf v.
deutscher
Kanzler
oo Markgraf Dietrich
Meißen
Meißen
1023-1025
1
ERZB. v.
SALZBURG
Haus Wettin
11
Pilgrim
814-853
Vogt von Freising
---
N
1
------------------------------------
--------------------------------------------------------------------
Arrbo
oo Schwester N
PILGRIM
N
Luitpold
Herolt
†
nach 909
907-923
†
†
907
† nach 895
871-907 Markgf.
ERZB. v.
SALZBURG
Markgraf
Vogt von Niederaltaich
---------------+----
---
Chadalhoch
Isanrich
Otachar
Albrih
† nach
903 †
nach 907 †
nach
907
†
nach 931
Graf
Graf
Graf in
Karantanien
Graf in Kärnten
---
---------------------------+------------------------------------------------
---
---
---
Tochter N oo
Arbo
ODALBERT oo
Rihni
LUITPOLDINGER
HEROLT
904
923-935
Herzoge v. Bayern
939-955
(erhält Göß)
ERZB. v. SALZBURG
ERZB. v. SALZBURG
-----+-----------------
----------------------------------------------
EGILOLF
Chadalhoch Hartwig I.
Otachar
Dietmar
Bernhard
SIGHARDINGER
935-939
†
nach 959
953-985
oo
Alta
oo
Engilrat
Grafen im Chiemgau
ERZB. v. SALZBURG Graf im Isengau Pfalzgraf v. Bayern
---
------------------
---
---------------------------
Aribo I. oo 1. Adala HARTWIG
Willa oo Sighard IV.
FRIEDRICH
†
1000
991-1023
963-980
958-991
Pfalzgraf
ERZB. v.
SALZBURG
Graf im Chicmgau ERZB. v. SALZBURG
2. oo
------
---------------------------------------------------------------------------------------------------------
Engclbert
† 1020
Graf
-- 1.Ehe
----
--------- 2. Ehe -----------
ARIBONEN
Grafen von Tengling, Peilstein,
Schala, Burghausen, Mörle u. Kleeberg
Pfalzgrafen von Bayern