Weller Tobias: Seite 228-229,312
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"Die Heiratspolitik des deutschen Hochadels im 12. Jahrhundert."

Andere Angehörige der WELFEN-Familie, zum Beispiel Konrads des Jüngeren Bruder Hugo Abbas (
886), begegnen im West-Frankenreich in bedeutenden Positionen [7 Vgl. Schneidmüller, Welfen 63-67, der auch auf die Herrschaftsstellung Rudolfs des Älteren ( 866), eines Bruders Konrads des Älteren und seiner Nachkommenschaft verweist.]. Der Familienzweig der sogenannten süddeutschen WELFEN leitet sich vermutlich von einem weiteren Bruder Konrads des Jüngeren mit Namen Welf ab, der Mitte des 9. Jahrhunderts als Graf im Linz- und Alpgau belegt ist [8 Wirklich beweisbar ist eine solche Herleitung nicht, auch wenn bestimmte besitzgeschichtliche und namenkundliche Beobachtungen dafür sprechen. Womöglich geht der Familienzweig der sogenannten süddeutschen WELFEN auch auf den in der zweiten Hälfte des 9. Jhs. in Rätien, im Zürich- und im Augstgau bezeugten Rudolf den Jüngeren, einen Sohn Rudolfs des Älteren (siehe Anm.7), zurück. Vgl. hierzu Schneidmüller, Welfen 63f.,116f.]. Über die Genealogie dieser Linie bis hin zur Jahrtausendwende haben sich in der welfischen Uberlieferung des 12. Jahrhunderts unterschiedliche Versionen erhalten, die allesamt eher als Zeugnisse zeitgenössischer adliger „Selbstvergewisserung" anzusehen sind, als daß sie einer tatsächlichen Filiationsfolge entsprächen [9 Zu den Vergangenheitsbildern der 'Genealogia Welforum', der 'sächsischen Welfenquelle' und der 'Histona Welforum' vgl. zusammenfassend Schneidmüller, Welfen 106-116 (Zitat 115).]. Auf jeden Fall muß in dieser Phase eine Konsolidierung welfischer Besitz- und Herrschaftsschwerpunkte vor allem in der Region nördlich des Bodensees (Argen- u. Schussengau) und im schwäbisch-bayerischen Grenzgebiet (Ammer- und Augstgau) erfolgt sein [10 Die sog. 'sächsische Welfenquelle' schreibt den Erwerb des späteren welfischen Stammlandes im Schussengau einer Belehnung des sogenannten Heinrichmit dem goldenen Wagen" durch den Kaiser zu. Schmid, Welfisches Selbstverständnis 442-446, hat dargelegt, daß es sich bei den mit Heinrich und seinem Vater Eticho verbundenen Geschichten um ein im Lauf der Jahrhunderte zum Teil verschüttetes und überformtes Traditionsgut der WELFEN-Familie handelt, das wohl auf den Spitzenahn Welf und Konrad den Älteren zurückgeht.].
Erst mit Welf II. (
1030) liegen die genealogischen Verhältnisse dann wieder zutage [11 Vgl. im folgenden Schneidmüller, Welfen 119-124.]. Er konnte, gestützt auf seine Heirat mit der LUXEMBURGER Grafen-Tochter Imiza ( nach 1057), den Besitzstand der Familie östlich des Lechs ausdehnen; überdies brachte ihm seine Frau noch Güter in der Lombardei zu [12 Vgl. Gen. Welf., c.7, MGH SS 13, 734; Hist. Welf., c.8, 14.]. Auch erschloß er sich durch seine Eheverbindung einflußreiche Verwandtschaftsbeziehungen, denn Imiza war eine Nichte der Kaiserin Kunigunde ( 1033) und des Herzogs Heinrich V. von Bayern (1004-1009, 1017-1026) sowie eine Schwester der Herzöge Heinrich VII. von Bayern (1042-1047) und Friedrich von Nieder-Lothringen (1046-1065) sowie Bischof Adalberos von Metz (1047-1072) [13 Vgl. zu den Angehörigen der LUXEMBURGER Grafen-Familie Twellenkamp, Haus passim.]. Der Ehemann von Welfs II. Schwester Richlind, Graf Adalbero II. von Ebersberg ( 1045), gehörte zu den seinerzeit mächtigsten Magnaten Bayerns [14 Chron. Ebersperg., MGH SS 20, 13: Adalpero duxit uxorem Rihlindem, filiam Rudolfi Suevi, sororem Welfhardi comitis, qui rebellavit Heinrico regi secundo; haec sterilis fuit. Die Namensüberlieferung ist nicht ganz einheitlich; nach der Gen. Welf., c.6, MGH SS 13, 734, hieß die Schwester Welfs II. Richarda, nach der Hist. Welf., c.7, 12, Richgard.]; da die Ehe kinderlos blieb, versuchte Richlind nach dem Tod ihres Gemahls die EBERSBERGER Lehen ihrem Bruder-Sohn Welf III. zu übertragen, doch ist nicht sicher auszumachen, ob derselbe wirklich Teile der Hinterlassenschaft Adalberos übernommen hat [15 Nach dem Chron. Ebersperg., MGH SS 20, 14, willigte HEINRICH III. in die Besitzübertragung ein, doch brach während der Unterredungen auf der Persenburg der Söller ein, in dem die Verhandlungen geführt wurden; unter den Unglücksopfern befand sich auch Richlind. Da Welf III. das Kloster Ebersberg später beschenkte, nimmt Störmer, Adelsgruppen 175, an, daß er zumindest kleine Teile des EBERSBERGER Erbes erhalten habe.].
Mit Welf III. (
1055) stieg die süddeutsche WELFEN-Linie zu herzoglichem Rang auf, als ihm 1047 von HEINRICH III. das Herzogtum Kärnten samt der Mark Verona verliehen wurde [16 Zu Welf III. vgl. Schneidmüller, Welfen 124-127.]. Zwar starb er selbst kinderlos, doch holte Imiza Welf IV. ( 1101), den Sohn ihrer Tochter Cuniza und des Markgrafen Azzo II. von Este ( 1097), nach Deutschland, der offensichtlich ohne größere Probleme in das oberschwäbisch-westbayerische Erbe seines Onkels eintrat - allerdings nicht in dessen Herzogswürde - und die Kontinuität des WELFEN-Hauses fortführte [17 Vgl. hierzu Schneidmüller, Welfen 127ff., der darauf hinweist, daß sich in der welfischen Kontinuität von 1055/56 die „flexible[n] Handlungspotentiale einer Adelsgesellschaft" ausdrücken, „die sich zum dynastischen überleben kognatischer und agnatischer Kontinuitäten bediente"; demnach sei der Eintritt Welfs IV. in das herrschaftliche Erbe seines Mutter-Bruders durchaus kein „Kontinuitätswunder".]. Er vermählte sich zunächst mit Ethelinde, der Tochter des Bayern-Herzogs Otto von Northeim ( 1083) [18 Zu Welf IV. vgl. Schneidmüller, Welfen 130-149.]. Nach der Absetzung Ottos als Herzog 1070 trennte er sich jedoch von seiner Gemahlin und wurde nunmehr selbst mit dem bayerischen Dukat belehnt [19 Vgl. Schneidmüller, Welfen 130ff.]. Sieben Jahre später allerdings wurde ihm das Herzogtum wieder abgesprochen, da er zu den Führern der oberdeutschen Fürstenopposition gegen die Königsherrschaft HEINRICHS IV. zählte und als einer der Drahtzieher bei der Königswahl RUDOLFS VON RHEINFELDEN ( 1080) mitgewirkt hatte.

5. Resümee der welfischen Heiratspolitik

Die Angehörigen der WELFEN-Familie heiraten bereits im 11. Jahrhundert auf durchgehend hohem Niveau, und zwar schon vor dem Aufstieg in den Herzogsstand. Welf II. wählte seine Gemahlin aus dem einflußreichen Geschlecht der LUXEMBURGER; seine Schwester Richlind heiratete in die mächtige EBERSBERGER Grafen-Familie ein. Die Eheverbindung von Welfs II. Tochter Cuniza reichte sogar in den oberitalienischen Hochadel. Welf IV. führte in erster Ehe mit Ethelinde von Northeim die Tochter des amtierenden Bayern-Herzogs Otto heim. Nach dessen Absetzung 1070 verstieß er seine Frau, übernahm selbst den bayerischer Dukat und heiratete in zweiter Ehe die flandrische Grafen-Tochter Judith, deren Familie fraglos ein herzogsgleicher Rang zukam.