Hlawitschka, Eduard: Seite 30,36,84,196
*****************
"Konradiner-Genealogie, unstatthafte Verwandtenehen und spätottonisch-frühsalische Thronbesetzungspraxis. Ein Rückblick auf 25 Jahre Forschungsdisput."

Doch verschweigt Wolf, daß die Historia Welforum dem nicht existenten Markgrafen Ekbert von Stade auch filios ac filias per diversas regiones disseminatas zuspricht, daß der angeblich mit einer Tochter Kunos verheiratete 'König der Russen' ganz offensichtlich ein Phantom ist, daß die nach Ebersberg verheiratete Tochter Graf Rudolfs und Itas nicht Richarda (Richgarda), sondern in Wirklichkeit Richlind hieß und daß der mit Ita von Öhningen verheiratete WELFEN-Graf Rudolf - entgegen der WELFEN-Überlieferung - schwerlich der Bruder des um 910 geborenen Bischofs Konrad von Konstanz (934-975) gewesen sein kann, daß Bischof Konrad und Graf Rudolfs Vater Heinrich ein Neffe der mit Kaiser LUDWIG DEM FROMMEN vermählten Judith (+ 843) gewesen sein soll, was schon der Editor dieser Quelle als "irrig" bezeichnen mußte, ja daß auch das, was über die Gründung der Klöster Ebersberg, Kühbach und Geisenfeld durch Graf Rudolfs und Itas Tochter Richarda (Richgarda) - richtig: Richlind - angegeben wird, vergröbernd und "unrichtig" ist [12 König, Historia Welforum Seite 98,102,104; zur Gründung der Klöster Ebersberg, Kühbach und Geisenfeld vgl. zuletzt Flohrschütz, Ebersberger Raum Seite 108-110.].
Weiter spricht gegen Wolfs Deutung, daß im Eintrag - wenn Richlind zur Gemahlin Kunos/Konrads erklärt wird - die als Richlind von Ebersberg bestens bezeugte Tochter Rudolfs und Itas, die in der WELFEN-Überlieferung fälschlich Richarda (Richgarda) genannt ist, fehlt.
Wolf versucht einen Beleg für Richlind in einer Urkunde Kaiser HEINRICHS II. auszumachen. Was besagt nun die von Wolf herangezogene Urkunde HEINRICHS II.? Mit ihr schenkte der König am 1. November 1007 dem neu gegründeten Bistum Bamberg jene bona atque predia, die seine Mutter einst in Reichenhall (Halla) besessen hatte, dazu auch jene, die ihm am eben genannten Ort die domna Rilint übereignete [49 MGH D H II 157.].
Wie sollte denn eine angebliche Schwaben-Herzogin (Richlind), Tochter selbst eines Schwaben-Herzogs, in den Besitz eines Hofes oder Grundstückes mittten in Bayern, in Reichenhall, kommen? Ist da nicht eher an eine Angehörige eines in Bayern tätigen Adelsgeschlechtes zu denken, so etwa an Richlind, Gemahlin des Grafen Adalbero II. von Ebersberg [55 Zu ihr vgl. die Belege bei Hlawitschka, Untersuchungen Seite 100 Anm. 70, dazu Ders., Thronwechsel Seite 180 Anm. 108 und Seite 233 Anm. 287.]? Ist ja doch bekannt, daß die EBERSBERGER nicht nur in ihrem altbayerischen Zentrum um den Ebersberger Forst, sondern bis zu Inn und Salzach reich begütert waren, nach Osten hin auch die Mark Südkarantanien-Krain und die Grafschaft Persenbeu (bei Ybbs an der Donau) innehatten und auch im herzoglichen Machtzentrum Regensburg einen Herrenhof besaßen usw., wobei letzterer ein Ebersberger Pendent im herzoglichen Verwaltungszentrum Reichenhall nahelegt [56 Zum weitgestreuten Besitz der Ebersberger Grafen vgl. Flohrschütz, Ebersberger Raum Seite 57ff.; zum Ebersberger Hof in Regensburg vgl. Friedrich Hector Graf Hundt, Das Cartular des Klosters Ebersberg, in:Abhandlungen der kgl. bayer. Akademie der Wissenschaften, III. Kl. Band 14, München 1879, Seite 136 nr. 3, Seite 142 nr. 37, Seite 175 nr. 73 (Sonderausgabe: Seite 22,28,61).].
In Reichenhall waren ja damals auch mehrere bayerische Adelsfamilien und auch Klöster des bayerischen Raumes begütert. Nachdem 973 von OTTO DEM GROSSEN der Bayern-Herzogin Judith, der Witwe seines Bruders Heinrich, was königlichen Rechts in Reichenhall vorhanden war, geschenkt worden war, begann im letzten Viertel des 10. Jahrhunderts eine Reihe von Vergabungen aus dem herzoglichen Komplex. So kamen Anteile von Reichenhall von Heinrich dem Zänker an seine Gemahlin Gisela (von Burgund), die durch ihren Sohn Kaiser HEINRICH II. an Bamberg gelangten. Daß auch Adlige und Klöster vom Bayern-Herzog Liegenschaften in Reichenhall erhielten, läßt sich rekonstuieren.
Daß die Grafen von Ebersberg in gleicher Weise von einem der Herzöge bedacht worden sein dürften, liegt bei den bezeugten (durch die Feindschaft der EBERSBERGER gegen Heinrich den Zänker während des sog. Zänker-Aufstandes bedingten) notwendigen Interessenausgleich zwischen Heinrich dem Zänker und den EBERSBERGERN nahe; nach dem Chronicon Eberspergense schloß der Herzog damals (985) mit dem Grafen Udalrich von Ebersberg eine amicitia und gab dem Ebersberger Klosterheiligen viel Geld und Hörige. Um 986 intervenierte der Bayern-Herzog bei OTTO III. sogar für eine größere Hörigenschenkung an diesen Grafen Udalrich; ja, HEINRICH II., des Zänkers Sohn, bedankte sich 1003 bei Graf Adalbero II. von Ebersberg, dem Gemahl Richlinds, wegen seines fidele per omnia servicium mit der Verleihung des Wildbanns zwischen Isar und Loisach [72 MGH D H II 54]. Hatte aber im letzten Viertel des 10. Jahrhunderts der Bayern-Herzog als Hauptperson in Reichenhall das Sagen und hatte er nachweislich Teile seines dortigen Besitzes weitergegeben, dann ist das Auftauchen Reichenhaller Gutes bei Richlind von Ebersberg, der Gemahlin Graf Adalberos II. und Schwiegertochter Graf Ulrichs von Ebersberg, erklärlich; ja, waren die Beziehungen zwischen HEINRICH II. und Graf Adalbero II. so eng, daß sich HEINRICH II. - wie soeben nachgewisen - für ein fidele per omnia servicium Adalberos II. bedankte, versteht man ohne weiteres auch wiederum die Überlassung des Reichenhaller Anteils Richlinds, der Gemahlin Adalberos II., an den König.
Deshalb ist Jackmans ergänzender Gedanke, der auf Hermann des Lahmen Kennzeichnung der Witwe Welfs II. als Irmengarda (statt richtig: Imiza/Irmintrud) beruht, (was Hermanns Unsicherheit bezüglich des Namens aufzeigt), Imiza könnte ihren Namen ebenso nach der Gemahlin Ottos von Hammerstein (also der Schwiegertochter Heriberts von der Wetterau) tragen und der Name Irmengard könnte "demgemäß eine durch affinitas bestimmte Sonderform des Namens Imiza/Irmintrud sein", nur noch ein Kuriosum [32 Sonderformen würden - so Jackman, a.a.O. Seite 166 - bei den WELFEN, LUXEMBURGERN und KONRADINERN wiederholt auftauchen. Als Beleg hierfür verweist er (ebd. Anm. 26) auf "Richlint von Ebersberg" (Chronicon Eberspergense, MGH SS 20 Seite 13), die in der Historia Welforum (vgl. oben Seite 1 Anm. 4) Richgard heiße, womit er gerade - was einem Zirkelschluß gleichkommt - diejenige Quelle als Beweis heranzieht, die letztlich gesichert werden soll.].
c) Daneben möchte Schütz indessen Beobachtungen zur Frühgeschichte des Grafenhauses von Dießen-Andechs vortragen, die "auf enge Beziehungen zwischen jener Richlind der welfischen Geschichtsquellen und den Angehörigen des altbayerischen Dynastengeschlechtes schließen lassen" [31 Schütz, Grafen von Dießen und Andechs Seite 244.]. Es geht dabei um jene domna Rilint, die als Übereignerin von bona atque predia in Reichenhall an HEINRICH II., der sie wiederum an die Bistumsneugründung Bamberg 1007 weitergab, bezeugt ist [32 MGH D H II 157]. Auf der Suche nach einer die Existenz Richlinds nachweisenden zeitgenössischen Quelle war Wolf ja schon 1995 auf dieses Diplom gestoßen und hatte hier Richlind "urkundlich bestätigt" gefunden. Wer sich freilich hinter dieser in der Urkunde nicht näher kenntlich gemachten Dame verbirgt, habe ich bereits weiter oben aufgezeigt [34 Vgl. oben Seite 39-44.]. Hier möchte Schütz nun Wolfs These deutlicher ausführen. Er geht davon aus, "daß die domna Rilint von 1007 allem Anschein nach keinem der großen altbayerischen Adelsgeschlechtern zugeordnet werden kann"; und es lasse sich "vermuten, daß die hochadelige Dame seinerzeit lediglich einen Teil ihrer Rechte zu Reichenhall ... veräußerte". Die "damals offenbar zurückgehgaltenen Vermögensteile" dürften sich "in späterer Zeit ... im Besitz des Dießener Dynastengeschlechts nachweisen lassen". Bekannt sei ja "daß das Amt des Hallgrafen spätestens seit den 70-er Jahren des 11. Jahrhunderts in Händen eines Familienmitglieds [der DIESSEN-ANDECHSER], des Grafen Arnold, lag", daß dieser es an seine Nachkommen vererbte und daß die Nutzung des Salinenrechtes im 12. Jahrhundert für die DIESSENER nachweisbar sei. Diese (übrigens im wesentlichen schon bei D.C. Jackman zu findende) Argumentation basiert aber - was die von Schütz betonte, "allem Anschein nach" nicht vorhandene Zuweisbarkeit der domna Rilint zu einem großen altbayerischen Adelsgeschlacht betrifft - auf einer völligen (bewußten oder unbewußten?) Ausblendung der mit Graf Adalbero II. von Ebersberg verheirateten Richlind, die in den WELFEN-Quellen fälschlich als Richgarda bezeichnet ist und die Schütz in dem von ihm selbst in Anm. 20 und 130 zitierten Cartular des Klosters Ebersberg allein schon fünfzehnmal, dazu mehrmals in den beiden Ebersberger Chroniken und bei den Nomina Eberespergensium im Catalogus abbatum Eberspergensium sowie in mancher von ihm zitierten wie auch attackierten Literatur hätte finden können; und sie besteht - was die Abgabe von "lediglich einem Teil" der Reichenhaller Besitzungen der domna Rilint angeht, die HEINRICH II. an Bamberg weitergab - nur in einer "Vermutung" bzw. nur in einer glatten, zweckbestimmten Behauptung, um die DIESSEN-ANDECHSER als spätere Inhaber der anderen Teile präsentieren zu können. Wie ein Blick auf HEINRICHS II. Diplom nr. 157 schnell zeigt, hat König HEINRICH II. dem Hochstift Bamberg außer den von seiner Mutter bis zu ihrem Tod innegehabten Reichenhaller Besitzungen auch talia [bona atque predia], qualia in nuper dictis locis nobis proprietavit domna Rilint, überlassen. Nichts ist da von partes bonorum zu finden und ebenso nichts von einer Rückbehaltsfloskel von Teilen des Schenkgutes.