KRAIN
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 1465
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Krain (lat. Carniola, altslow. Krajna, slow. Kranjska), historische Landschaft (Fürstentum, Markgrafschaft, Herzogtum), die den größten Teil des heutigen Slowenien umfaßt und im Mittelalter im Westen an Friaul bzw. an Görz und im Südwesten und Süden über den Karst an Istrien, im Süden und Osten an Kroatien bzw. Slavonien und die Untersteiermark und im Norden an Kärnten grenzte. Das Land ist von Westen über die Nord-Ost-Pforte Italiens (am Birnbaumersattel) und von Osten entlang der Save leicht zugänglich.
Wie in die Ostalpen-Regionen insgesamt wanderten im 6. Jh. auch in die Krain Teile verschiedener slavischer Stämme ein, vor allem in den beiden letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts nach dem Abzug der Langobarden nach Italien (seit 568). Der Umfang dieser Besiedlungen reichte aus dem südlichen, noch heute slowenischem Gebiet nordwärts bis an die Donau, westwärts erstreckte er sich am weitesten im Drautal. Dieses ursprglich nur dünn besiedelte Gebiet, in dem es nördlich der Karawanken im Lauf des 7. Jh. durch das polyethnisch, doch slavisch bestimmte Fürstentum der Karantanen zur ältesten frühmittelalterlichen Stammesbildung kam, die sich im Ostalpenraum aus Zuwanderern und Einheimischen vollzog und dabei einen bodenständigen Namen erhielt, entsprach ungefähr dem Dreifachen des heutigen slowenischen Raumes. Welche Teile der nördlichen Krain damals karantanisch wurden, ist unklar. Paulus Diaconus unterschied die Carniola ('Kleine Karnia' = Ur-Krain) als 'patria Sclavorum' von Carantanum, wo ein anderes Slavenvolk, die 'Carniolenses' (die Krainer), lebte, die erstmals 820 so benannt erscheinen, und von der antiken 'patria Carnium' am Oberlauf von Piave, Tagliamento und Isonzo. Die Krainer an der oberen Save stehen den Karantanen ethnisch und kulturell sehr nahe ('Köttlacher Kultur' [Köttlach]), doch gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, daß sie vor dem Ende der KAROLINGER-Zeit eine geschlossene politische Einheit gebildet hätten. Wie die Karantanen standen auch die Krainer im 7. und 8. Jh. in wechselnden Beziehungen und Abhängigkeiten zu den Avaren, die 788 langobardische Grenzfesten in Krain (z. B. Krainburg) überrannten und nach Italien vorstießen, ehe sie 795/796 durch die Aufgebote KARLS DES GROSSEN endgültig besiegt wurden. Die Krain wurde damit in das friulanische Ostland Herzog Erichs (9.E.) eingegliedert und Teil eines fränkisch-bayerischen Unter-Pannonien. 828 wurden wie in Karantanien die fränkische Grafschaftsverfassung eingeführt und je ein bayerischer Graf eingesetzt. Bis zu diesem Zeitpunkt lebten die Krainer nach einem eigenen, nie verschriftlichten Gewohnheitsrecht. Um 838 ist in der Krain ein bayerischer Graf Salacho bezeugt. In der Zeit ARNULFS 'VON KÄRNTEN', des unabhängigen Gebieters über ein großes 'regnum Carantanum' seit 876, das als karantanisch-pannonischer Herrschaftskomplex auch die Grafschaft an der oberen Save sowie das Sisak-Fürstentum an deren Mittellauf umfaßte, begegnen keine Krainer Grafen, erst um 900 ein Ratold. Schon zu Beginn des 9. Jh. war fast die gesamte Krain kirchlich dem Patriarchat Aquileia unterstellt worden. Wie Karantanien hatte auch Krain etwas weniger unter den Ungarn-Einfällen des 10. Jh. zu leiden als der weithin offene Donauraum.
Beim Aufbau des ottonischen Markensystems seit 960 wurde die in karolingischer Zeit einheitliche Krain in zwei Markengebiete zerlegt (Krain und Windische Mark), in die 973 genannte 'Creina marcha' (Ober-Krain, Gorenjska) und die Mark Saunien (ausgehend von der Mark im Sanntal, später Grafschaft Cilli), die südlich der Save bis Unter-Krain (Dolenjska) unter Einschluß der Windischen Mark reichte (der südliche Teil wurde nach 1036 markgräflich-krainisch, Vereinigung im Doppelnamen festgehalten). 989,1002 und 1004 erscheint ein Waltilo als Graf von Krain, zwischen 1004 und 1011 der Bayer Ulrich von Sempt-Ebersberg und seit 1040 als erster ausdrücklicher Markgraf ein Eberhard, was der Politik Kaiser HEINRICHS III. entsprach, die seit 976 dem Herzogtum Kärnten mehr oder weniger eng zugeordneten Marken selbständiger zu gestalten. Auf Eberhard folgte seit 1058 Ulrich von Weimar-Orlamünde aus einer jener mitteldeutschen Familien, die sich in der OTTONEN-Zeit im Ostalpenraum festgesetzt hatten.
Wie Istrien und Friaul gab König HEINRICH IV. die Mark Krain, die im Hochmittelalter nur wenig von deutscher Siedlung erfaßt wurde und slowenisches Bauernland mit deutschem (oder assimiliertem) Adel und Klerus blieb, 1077 und endgültig 1093 an die Patriarchen von Aquileia, die aber zu schwach waren, um sich selbst gegen die Konkurrenz der vierzehn großen bischöflichen (vor allem Freising, Brixen) und edelfreien Herrschaftskomplexe durchzusetzen. So gaben sie im 12. Jh. das Markgrafenamt als Lehen an die in Krain ansässigen, mächtigen Grafen von Andechs-Meranien. Deren Besitz und Machtstellung sind durch die ANDECHSERIN Agnes erst an den babenbergischen Herzog Friedrich II. von Österreich und Steiermark (28.F.), dann an den spanheimischen Herzog Ulrich III. von Kärnten übergegangen, die sich beide 'dominus Carniolae' nannten. 1269 kam das spanheimische Erbe an König Premysl Otakar II. von Böhmen, der im Osten der Krain kurzfristig über die Sotla vorstieß. König RUDOLF I. behandelte Krain und die Windische Mark nach 1278 als Reichslehen und gab sie 1282 an seine Söhne aus, um sie gleichzeitig dem neuen Herzog von Kärnten (seit 1286), Graf Meinhard II. von Görz und Tirol, zu verpfänden. Die aquileische Lehenshoheit ist seither verschwunden. 1311 wurde der nördlich Teil Sauniens, die alte Mark im Sanntal, an die HABSBURGER abgetreten und verschmolz mit der Steiermark. Mit Kärnten kam 1335 auch Krain nach dem Erlöschen der MEINHARDINER im Mannesstamm an die HABSBURGER, deren an die Adria ausgreifende Territorialpolitik das Gebiet Krains ans Meer erweiterte und zwar 1366 um die Herrschaften derer von Duino zwischen dem Timavo und dem Quarnero und seit 1382 um Triest. 1366 kauften die HABSBURGER auch Adelsberg (Postojna). 1364 nahm Herzog Rudolf IV. von Österreich den Titel eines Herzogs von Krain an und erhob damit das bisherige 'dominium' stillschweigend zum Herzogtum. 1374 fielen den Herzögen Albrecht III. und Leopold III. von Österreich infolge von Erbverträgen die görzischen Herrschaften in der Windischen Mark (samt Möttling) und in Istrien (die Grafschaft Mitterburg) zu.
Erst in der 1. Hälfte des 13. Jh. entstanden im Binnenland alle heute noch bedeutenden Städte, mehrheitl. als Neugründungen. Zur Hauptstadt wurde Laibach (Ljubljana), wo sich wie anderswo auch deutscher Einfluß im Bürgertum geltend machte. Im unbewohnten Waldgebiet zwischen Reifnitz (Ribnica) und der Ku(l)pa kam es im 14. Jh. mit der Gottschee zur größten deutschen Rodungssiedlung der Krain. In den 70-er und 80-er Jahren des 15. Jh. wurde die Krain von Türken-Einfällen heimgesucht. Bedrohungen wie diese stärkten den Zusammenhalt Inner-Österreichs (Kärnten, Steiermark, Krain), wie er sich noch im 15. Jh. in gemeinsamen Ausschußlandtagen dokumentiert.

G. Hödl