Flohrschütz Günther: Seite 57-62
******************
"Der Adel des ebersbergischen Raumes im Hochmittelalter."

                                               7. Die Grafen von Ebersberg als Inhaber von Reichsämtern

Seit die EBERSBERGER in den Quellen auftauchen, sind sie Grafen, ja in ihrem Hauskloster sind sie einfach „die Grafen"; andere Hochadlige werden im Kartular vor 1050 nur selten - fast möchte man sagen ungern - mit dem Grafentitel ausgezeichnet [1
Nur E 1 37 (Grafen von Rott), 44 (Graf Guntbold). Bezeichnend ist, daß weder die von Rott (E 1 7, 24) noch die von Viehbach (E 1 36, 37) als Grafen bezeichnet werden.]. Schon ihr Stammvater Sighart, ein Nicht-Bayer, heißt in der Chronik „Praeses"; wahrscheinlich hat er nach seiner Übersiedlung nach Sempt vom König ARNULF in Bayern eine Grafschaft erhalten. Wir wollen im folgenden zusammenstellen, was wir über die Reichsämter der Ebersberger in Erfahrung bringen können.
1. Die Markgrafschaft Krain. Die Ebersberger Chronik berichtet, daß Kaiser ARNULF dem Sohn dieses Sighart namens Ratold die Mark in Karantanien - also seine eigene Mark - übertragen habe [2
E Chr 1039.]. Diese Angabe ist nicht genau; die Mark Ratolds dürfte südlich der karantanischen Mark gelegen haben. Graf Eberhart, der Gründer des Klosters Geisenfeld, wird in der deutschen Übersetzung einer gefälschten Urkunde als Graf von Murach (Mureck südöstlich Gras an der jugoslawischen Grenze) bezeichnet [2a MB 14, 271 f.]. Dort lag also wohl eines der Machtzentren, die spätere Mark Krain aber lag weiter westlich an der Save. Im Jahr 1004 kam sie an den Grafen Ulrich von Sempt-Ebersberg [3 Franz Schmudi, Die Herren v. Krain u. d. Windfischen Mark. Versuch einer urkundlichen Studie über die Verwaltungsgesch. Krains bis zur Vereinigung unter dem Haus Habsburg (Archiv f. Heimatkunde (Laibach) 1) 1882/83, 97-168, bes. 116 ff. 1011, 22.5. liegt Veldes in pago Creina in Comitatu Oudalrici (MG DD 3, nr. 228).]; im Jahr 1040 er scheint sie erstmals als selbständiges Gebiet unter einem Grafen Eberhart [4 Urkunde HEINRICHS III. vom 16.1.1040, nr. 22, Seite 29.], des mit Eberhart II., dem oben genannten Gründer Geisenfelds, identisch sein dürfte. Mehr wissen wir nicht über EBERSBERGER als Besitzer der Mark Krain, doch ver mute ich, daß schon Graf Adalbero I. (928/34-965/96) dort tätig gewesen ist. Die Chronik berichtet nämlich, der sterbende Graf Eberhart, der Gründer des Klosters Ebersberg, habe Boten zu ihm gesandt, Graf Adalbero aber habe die Reise hinausgezögert [5 E Chr 1214.]; er war also jedenfalls weit von seinem Bruder entfernt. Außerdem wäre es merkwürdig, wenn Ratold und sein Enkel Ulrich, nicht aber ein Sohn Ratolds im Südosten gewirkt hätten. Es ist vielmehr damit zu rechnen, daß die EBERSBERGER fast eineinhalb Jahrhunderte ohne größere Unterbrechungen eine Mark dort besessen haben. In dieser Zeit muß allerlei an Besitz und Rechten zusammengekommen sein und einen spürbaren Machtfaktor gebildet haben: Hadamuot, Enkelin des Grafen Ulrich von Ebersberg, heiratet den Grafen Poppo von Weimar-Orlamünde; ihrem Sohn Ulrich gelingt es, die Mark Krain zu gewinnen [6 K. Reindel, Bayern im Dienste des Reiches, in HBG I, 245.].
2. Die Grafschaft Persenbeug. Störmer ist der Auffassung, daß die EBERSBERGER ihre neue Burg nach der Königsburg Eparesburg" nannten, die wiederun mit Ybbs gegenüber von Persenbeug identisch sein könnte [7
Störmer, Adelsgruppen, 170. Möglicherweise handelt es sich aber um Ebelsberg nah, der Ennsmündung.]. Demnach wäre die Herrschaft der Grafen im Raum Persenbeug älter als die im Raum Sempt Ebersberg. Die erste Spur für diese Herrschaft im Osten finden wir im EBERSBERGER Kartular aber erst zum Jahr 970: Als erster Zeuge für die Schenkung des Grafen Ulrich zu Reisen wird hier Otachar von Persenbeug genannt [8 E I 11.]. Damals war Herzog Heinrich II., später der Zänker" genannt, gerade mündig geworden und hatte sogleich mit einer aggressiven Politik gegen die Ungarn begonnen. In diesem Zusammenhang werden im Osten einige Marken erstmals erwähnt [9 Reindel, wie Anm. 9, 221.]; vielleicht ist damals auch die Grafschaft Persenbeug geschaffen worden.
1045, im Jahr, als das Grafenhaus erlosch, befand sich die „comicia" Persenbeug in den Händen der EBERSBERGER [10
E Chr 1440.]. Um zu ermitteln, seit wann sie diese Grafschaft besaßen, müssen wir zunächst versuchen, das Verhältnis der Grafen zu Otachar von Persenbeug zu klären. Dieser ist im EBERSBERGER Kartular im Zeitraum 970-1040/45 sechsmal beurkundet. Der lange Zeitraum spricht dafür, daß es sich um zwei Personen handelt etwa um Vater und Sohn oder, wie Tyroller annimmt [11 Tyroller, Adel, Tafel 4, nr. 3, 6.], um Großvater und Enkel. Viermal steht Otachar an der Spitze der Zeugenreihe [12 E I 11, 27,28,35.], zweimal weiter hinten [13 E I 17,34.]. Dafür wird er aber in der unmittelbar folgenden Urkunde zusammen mit seinem Vasallen Wernher aufgeführt, während uns in der Grafenzeit sonst nie Vasallen der Zeugen genannt werden. Dies könnte darauf hinweisen, daß er in Bezug auf die Grafen von Ebersberg als gleichrangig betrachtet wurde. Dazu kommt, daß bei den Schenkungen der Grafen außer Otachar kein Zeuge aus der Gegend um Persenbeug erwähnt wird. Es ist nach allem nicht mit Sicherheit zu entscheiden, ob dieser Mann zum Hochadel gehört hat - etwa zu den OTACHAREN, die 1055 die Steiermark erhalten haben [11 Tyroller, Adel, Tafel 4, nr. 3,6.] - oder ob es sich nur um einen besonders mächtigen und angesehenen Vasallen der EBERSBERGER gehandelt hat. Jedenfalls sind diese OTACHARE als eigentliche Inhaber der Grafschaft Persenbeug zu betrachten; wahrscheinlich waren sie damit von den Grafen von Ebersberg belehnt. 1045 aber ist vom jüngeren Otachar anläßlich der Verhandlungen auf Persenbeug nicht die Rede; ob er damals dieses Lehen verloren hatte oder ob seine Stellung durch das Aussterben der EBERSBERGER nicht berührt wurde, ist nicht zu entscheiden. Wir müssen uns mit der Annahme behelfen, daß die Grafen von Ebersberg die Grafschaft Persenbeug seit etwa 970 als Reichslehen innehatten, daß aber die eigentlichen Herren dort ihre Lehensleute mit dem Leitnamen Otachar gewesen sind.
3. Die Grafschaft Oxing-Steinhöring. Folgende Urkunden sind hier einschlägig:
a) 950 [14
MG DD Otto I. nr. 126. ]: König OTTO widmet dem Kloster Emmeram in Regensburg den Königshof Neuthing (südlich Erding), der „in pago Hehsinga" (Öxing, in Mkt. Grafing aufgegangen) in der Grafschaft des Grafen Eberhart liegt.
b) 951 [15
Ebendort nr. 135.]: Derselbe gibt dem Markwart, Vasall seines Bruders Heinrich, Besitz zu „Izhzelinga" (Itzling östlich Wartenberg) in der Grafschaft des Adalbero zurück, der diesem Markwart durch Gerichtsurteil entzogen worden war.
c) 1027 [16
F 1624.]: Auf Ersuchen König KONRADS (II.) verkündet Graf Adalbero, daß die Abtei St. Castulus in Moosburg, die in seiner Grafschaft liege, ein bischöfliches Eigenkloster sei.
d) 1034 [17
F 1438 a.]: Bischof Egilbert von Freising tauscht mit dem Grafen Adalbero, dem Sohn des Ulrich, „regula iustitiae Noricae comitatum provinciae gubernantem" seine Kirche zu Oberndorf (bei Ebersberg) gegen die zu (Grün-)Tegernbach (bei Dorfen). Zum Ausgleich dieses Tausches werden auch Grundstücke an anderen Orten herangezogen. (Die entsprechende Urkunde im EBERSBERGER Kartular [18 E II 7.] ist ganz anders formuliert.)
e) 1040 [19
Urkunde HEINRICHS III. nr. 347, MB 29 a, 58.]: König HEINRICH (III.) bestätigt die Gründung des Klosters St. Sebastian, in der Grafschaft Steinhöring gelegen, durch den Grafen Adalbero, und verleiht ihm gewisse Rechte.
Da die Zahl der Belegstellen gering ist, können wir nur wenige Aussagen über diese Grafschaft der EBERSBERGER machen. Die Formulierung der Urkunde von 1034 - „der Graf verwaltet seine Grafschaft nach der Norm des bayerischen Rechts« - weist auf die gräfliche Zuständigkeit hin. Demnach fallen außer Neuching, Itzling und Moosburg auch Oberndorf bei Ebersberg und Grüntegernbach an der Isen in die Zuständigkeit der Grafen. Es dürfte sich um eine einzige Grafschaft handeln, die sich vom Süden des EBERSBERGER Forstes bis zur Isar in der Gegend von Moosburg erstreckte und nach Osten der mittleren Isen entlang etwa bis Grüntegernbach gereicht hat. Dabei läßt sich erkennen, daß sich dieses Gebiet mit Ausnahme des Umfeldes von Moosburg weitgehend mit dem Machtbereich der Grafen von Ebersberg deckt. Da Öxing und Steinhöring keine bedeutenden Stützpunkte der Grafen gewesen sind, haben wir es wohl mit Malstätten zu tun. Eine weitere Thingstätte in dieser Grafschaft dürfte „Morsfuorte" (Furtarn bei Lengdorf an der Isen) gewesen sein, die im Falkensteiner Kodex
erwähnt wird [20
CF 3 (1166).].
Da Graf Eberhart im Jahr 951 noch gelebt hat (gest. 959), scheint er also die Grafschaft zusammen mit seinem Bruder Adalbero I. verwaltet zu haben. Ulrich von Ebersberg ist, wohl zufälligerweise, nicht als Graf dieser Grafschaft bezeugt - er war ja zugleich Markgraf von Krain. Doch weist die Urkunde Bischof Egilberts, wo Adalbero als Sohn Ulrichs bezeichnet wird, darauf hin, daß vermutlich auch Ulrich hier Graf gewesen ist. Von ihm übernahm die Grafschaft sein Sohn Adalbero II., der ja auch der „Dominns" des Klosters Ebersberg gewesen ist, während sein Bruder Eberhart II. damals die Mark Krain verwaltet haben dürfte. Wahrscheinlich haben also die EBERSBERGER in drei aufeinanderfolgenden Generationen die Grafschaft Oxing-Steinhöring besessen [20a
940 hatte dort noch ein Abraham die gräfliche Amtsgewalt inne (MG DD 1, 29: siehe Trotter, Grafen von Ebersberg a.a.O., 8. 1039/40 (E Ukn 8/1) liegt Landersdort (nordwestl. Dorfen) in der Grafschaft eines Fridrich. Er war meines Erachtens ein EPPENSTEINER und Verwandter der EBERSBERGER, nicht ein Graf von Dießen, wie Tyroller meint (Adel, Tafel 10, nr. 9). Hier zeichnet sich der Rückzug der Grafen aus den Reichsämtern ab, die ihre Grafschaft einem Verwandten zukommen ließen.]. Doch fehlt es an Angaben, aus denen wir Aussagen über die Beschaffenheit und die Grenzen dieser Grafschaft gewinnen könnten. Allenfalls könnte man der Vermutung Raum geben, daß die Vasallen der EBERSBERGER die ja recht zahlreich in dieser Gegend hausten, zu dieser Grafschaft gehörten, daß sie als Bestandteil dieser Grafschaft galten. Damit würde der Raum, den diese Grafschaft einnahm, um ein gutes Stück deutlicher hervortreten. Zwischen Isen und Isar scheint die Grenze dieser Grafschaft ziemlich genau der Nordostgrenze des Bistums Freising zu entsprechen.
Außer den in-comitatu-Nennungen gibt es noch eine andere Möglichkeit, den Inhaber einer Grafschaft zu bestimmen. Wenn nämlich ein Graf als erster Zeuge einer Rechtshandlung aufgeführt wird, so kann es sich bei ihm um den für die in diesem Rechtsakt erwähnten Personen oder Orte zuständigen Grafen handeln. So könnte 956 der an erster Stelle bezeugte Graf Eberhart der für Günzenhausen (bei Mainburg) und Hadersdorf (nordöstlich Moosburg) zuständige Graf sein [21
F 1148.], zumal Moosburg ausdrücklich als innerhalb der Grafschaft Adalberos (II.) gelegen bezeichnet wird. Ebenso ist Graf Adalbero (I.) 957/72 erster Zeuge bei einem Tausch Bischof Abrahams mit dem Edlen Reginold, der Güter zu „Vioht" betrifft [22 F 1165.]. Bitterauf denkt an (Großen- oder Klein-)Viecht nordöstlich Freising; es könnte aber auch Viecht nordöstlich Moosburg gemeint sein. Letzterer Ort liegt im Machtraum der EBERSBERGER; hier wäre also „gräfliche Zuständigkeit" sehr wahrscheinlich. Mit ihr kann um so eher gerechnet werden, wenn der Graf mehrmals Rechtsakte bezeugt, die von der gleichen Person vorgenommen werden oder den gleichen Ort betreffen oder wenn auf ihn besonders verwiesen wird. Fälle dieser Art werden uns im folgenden beschäftigen.
4. Die Grafschaft an Amper und Glonn ist vermutlich identisch mit der Grafschaft Hartwigs von Grögling, in der 1130 Indersdorf liegt [23
Idf 2.]. Sie spielt in der Geschichte der Grafen von Ebersberg eine bedeutende Rolle. Eigengüter, Vasallen und (Vasallen-)Güter, die einst dem Kloster Tegernsee gehörten, zeigen an, daß sich hier ein Machtraum der Grafen befand. Wahrscheinlich ist es die nämliche Grafschaft, welche sich 837-855 in Händen des Ratold, des mutmaßlichen Schwiegervaters des Grafen Sighart von Sempt-Ebersberg, befand [24 Siehe Seite 99 f.]. Tyroller ist der Meinung, daß sie an den Schwager des Grafen Sighart, den Grafen Gotschalk, überging, der sie 860-899 verwaltete [25 Tyroller, Adel, Tafel 2. ]. Folgende Urkunden sprechen dafür, daß sie sich auch einige Jahrzehnte in Händen der Brüder Eberharts I. und Adalberos I. von Ebersberg befand:
a) 930/50 [26
F 1063,1095,1135.]: Graf Eberhart ist dreimal Spitzenzeuge für den Edlen Isanhart, der mit dem Bischof von Freising Hörige tauscht.
b) 957/72 [27
F 1164.]: Graf Eberhart ist Spitzenzeuge für Güter zu Prittlbach und Deutenhausen, wo der Edle Aribo mit dem Bischof tauscht; beide Orte liegen nordöstlich Dachau.
c) 957/72 [28
F 1201.]: „imprimis" Graf Adalbero ist Spitzenzeuge für ein Rechtsgeschäft, das Güter in Moosach (in München nordwestlich vom Stadtzentrum) und Allershausen (am Zusammenfluß von Amper und Glonn) betrifft.
Dieses „imprimis" der zuletzt zitierten Urkunde weist eindeutig auf gräfliche Zuständigkeit hin, desgleichen die Lage der Orte im vorhergehenden Stück. Hingegen muß die Beziehung Isenharts zum Raum Amper-Glonn noch erläutert werden. Dieser Edle gehörte nicht zu den Vasallen der EBERSBERGER, sonst hätte er sich sicher in Ebersberg neben anderen Vasallen der Grafen aus diesem Raum - aus Marbach-(Amper-)Moching, Pellheim, Roth, Kammerberg, Oberhausen (-Schleißheim), Nöbach - sehen lassen. Graf Eberhart war also nicht sein Lebensherr, sondern als Graf für ihn zuständig. Wir kennen den Besitz dieses Isanhart aus anderen Freiringer Urkunden: Er gibt 948/57 Grundstücke zu Halsberg, Biberbach, Raderstetten und erhält ein gleiches Maß zu Mammendorf. Bald darauf tauscht er gegen Eigen zu Halsberg (Kirche!), Gartelshausen, Roggendorf, (? Langen-)Bach, Bergbauren, Jedenhofen und „Alpoldeshofen" ein gleiches Maß in Straßbach bei Indersdorf  [29
F 1133,1134.]. Die Mehrzahl der genannten Orte liegt in der Nähe der Amper und nördlich davon in Richtung Abensquellen. Vermutlich war Isanhart ein Vasall des Bischofs von Freising; er begegnet nämlich 937/48 fast in jeder Urkunde. Sein Name ist selten und im späten 11. Jahrhundert bei den Edlen dieser Gegend nicht mehr im Gebrauch. Als einziger trägt ihn um diese Zeit ein Freisinger Dienstmann aus einem häufig bezeugten und bedeutenden Geschlecht, das sich nach (Grandl- oder Zinkl-)Miltach nennt [30 Flohrschütz, Freising unter Miltach.]. Nun liegt auch dieses Miltach im Raum zwischen Amper und Glonn; darüber hinaus befand sich dort ein dem Kloster Tegernsee enteignetes Gut, das an die Grafen von Ebersberg gefallen war [31 Siehe Seite 34.]. Wenn wir also auch die Beziehung dieses älteren Iranhart zu den Grafen von Ebersberg nicht genau rekonstruieren können, so steht doch außer Zweifel, daß es da Zusammenhänge gegeben hat.
Im Zeitraum zwischen 930 und 969 scheint also diese Grafschaft in Händen der EBERSBERGER gewesen zu sein, und zwar erscheinen auch hier die beiden Brüder Eberhart und Adalbero nacheinander in ihrer Funktion als Grafen. Später wird kein Angehöriger des Hauses EBERSBERG hier als Graf beurkundet; die Familie scheint also diese Grafschaft nach dem Tod Adalberos II. verloren zu haben. Den Grund dafür kennen wir nicht, doch fällt auf, daß schon 970 Persenbeug eine Grafschaft der EBEERSBERGER gewesen sein könnte. Möglicherweise fand hier also ein Tausch statt, über dessen Hintergründe wir freilich im dunkeln tappen. Jedenfalls zeigt sich auch hier, daß „Machtraum" und Grafschaft ungefähr zusammenfallen.
Zusammenfassung: Als Amtsträger der deutschen Könige besaßen die EBERSBERGER jeweils für mindestens drei Generationen drei Distrikte: 1. Die Mark Südkarantanien-Krain
2. die Grafschaft Oxing-Steinhöring und
3. zuerst die Grafschaft an Amper und Glonn, dann die Grafschaft Persenbeug.
Unsere Beobachtungen lassen darauf schließen, daß diese Ämter schon seit dem 10. Jahrhundert erblich gewesen sind. In den Räumen Sempt-Isen und Amper-Glonn konnte außerdem gezeigt werden, daß sich „Machtraum" und Grafschaft überlagern, sich vielleicht sogar gegenseitig bedingen.

                                               10. Die Anfänge der Grafen von Ebersberg

„Zur Zeit des Kaisers Karlmann gab es in Bayern einen Grafen namens Sighart, der einen Königsmarkt an den Ufern der Sempt besaß ...". Mit diesem Satz beginnt die EBERSBERGER Chronik. Das Gedächtnis der damaligen Zeit verknüpft also anscheinend den Erwerb dieses Krongutes mit König Karlmann, der von 867 bis 880 regierte, aber durch einen Schlaganfall schon 878 gelähmt und praktisch regierungsunfähig war. Mit dem Namen Karlmann verknüpft auch die Forschung die Anfänge der Grafen von Ebersberg in Bayern. 856 hatte König Ludwig der Deutsche die Ostmark seinem Sohn Karlmann übertragen. Dieser erwies sich aber keineswegs als Stütze seines Vaters, versuchte vielmehr sogleich, sich in dem ihm übertragenen Raum eine eigene Herrschaft aufzubauen. Durch eine Reihe konspirativer Maßnahmen, welche der Politik des Königs direkt zuwiderliefen, bemühte er sich, anstelle der Mitarbeiter seines Vaters seine eigenen Verbündeten zu setzen. Erst 863 vermochte sich Ludwig gegen Karlmann durchzusetzen und ihn zur Unterwerfung zu zwingen. Dem Sohn verzieh der König, aber dessen Helfer wurden abgesetzt, darunter auch ein gewisser Graf Sighart vom Kraichgau am Oberrhein. Dieser Graf ist nach Camillo Trotter identisch mit dem Stammvater der EBERSBERGER [1
C. Trotter, Die Grafen von Ebersberg und die Ahnen der Grafen von Götz, in: Zeitschr. des Hist. Vereins Steiermark 25 (1929), 11-61.]; Mitterauer, Tyroller und G. Mayr haben sich im großen ganzen seiner Ansicht angeschlossen [2 M. Mitterauer, Karolingische Markgrafen im Südosten. Fränkische Reichsaristokratie und bayerischer Stammesadel im österreichischen Raum, in: Arch. f. österr. Gesch. 123, Wien 1963. - F. Tyroller, Adel, Tafel 2. - G. Mayr, Ebersberger, 116 f. Ähnlich Störmer, Adelsgruppen 167.]. Durch die Schenkung des Marktes Sempt hat also möglicherweise Karlmann, als er König geworden war, seinem getreuen Anhänger gedankt.
Gegen die von Trotter postulierte fränkische Abkunft der EBERSBERGER, an der auch Tyroller festhält [2a
Tyroller, Adel, Tafel 2 nr. 1.], sind jedoch Bedenken anzumelden. Weit mehr spricht für eine Herkunft aus Alamannien. Daß die Namen der Grafen im Nekrolog des Klosters Einsiedeln erscheinen [3 Nach H. Keller, Das Kloster Einsiedeln im ottonischen Schwaben (Forschungen zur Oberrhein. Landesgesch. XIII (1964)) war der Mönch in Einsiedeln Eticho ein Verwandter der EBERSBERGER. Siehe E Chr 154.], daß Graf Ulrich in St. Gallen erzogen wurde [4 E Chr 1223], daß die EBERSBERGER mit den schwäbischen Geschlechtern der Welfen und vielleicht auch der Grafen von Dillingen verwandt sind [5 Verwandtschaft mit den Grafen von Dillingen vermuten Tyroller und Störmer, weil der spätere Graf Ulrich vom hl. Ulrich, Bischof von Augsburg, getauft wurde: E Chr 1219.], daß ihr erster Kaplan Hunfrid hieß - ein in Rätien bekannter Name [6 W. Prinz von Isenburg, Die Ahnen der deutschen Kaiser, Könige und ihrer Gemahlinnen, Görlitz 1932, Tafel 45/53: Hunfrid von Rätien ist Ahnherr einer hochadeligen Familie.], das ließe sich noch mit späteren Beziehungen der Grafen zu Schwaben erklären. Nicht möglich ist dies aber bei den beiden Geistlichen, die im Anfang der Chronik genannt werden. Die Erinnerung an den Kleriker Konrad von Höwen und den Klausner Gebhart bei Straßburg [7 Chr 1021, 39.] gehören zum ältesten Überlieferungsgut in Ebersberg; beide gehören aber eindeutig nach Alamannien. Es ist nicht recht einzusehen, warum ein fränkischer Graf Botschaften schwäbischer Geistlicher, die in hohem Ansehen standen, entgegennahm, zumal er sich sehr wahrscheinlich selbst an diese beiden gewandt hat. Sicherlich war also der Stammvater der EBERSBERGER im alamannischen Herzogtum mächtig, war vielleicht gebürtiger Schwabe [7a Mitterauer (wie Anm. 2) weist auf eine Familie im Elsaß hin, bei der die Namen Sighart und Eberhart vorkommen. Diese Beobachtung paßt zum Bericht der Chronik. Es ist deshalb zu bedenken, ob mit „Opinpurc'- Willehalm v. O. 934 (E 1 2) unter Zeugen für Graf Eberhart - nicht Offenburg in Baden gemeint ist. Die Grafen waren noch kein Menschenalter in Bayern; möglicherweise bestanden damals noch vasallische Bindungen aus der alten Heimat.]. Wenn er hier nicht faßbar wird, so spricht das nicht gegen unsere Schlußfolgerung, sondern zeigt nur, wie lückenhaft die Quellen des 9. Jahrhunderts sind. Weil Graf Sighart aber wohl zur karolingischenReichsaristokratie" gehört [8 Grundlegend: Gerd Tellenbach, Vom karolingischen Reichsadel zum deutschen Reichsfürstenstand, in: Th. Mayer, Adel und Bauern im Staat des deutschen Mittelalters, Leipzig 1943, 22-73.], ist es allerdings möglich, daß er auch andrerorts, zum Beispiel im benachbarten Süd-Franken, über gewisse Machtpositionen verfügt hat.
Von „auswärtigem" Besitz der EBERSBERGER besitzen wir freilich keinerlei Nachricht, weder schwäbischem noch fränkischen, wenn wir von der Schenkung Kaiser ARNULFS an der Schutter [9
E Ukn 3.] absehen. Sie haben also wohl ihre Güter dort verloren oder abgestoßen. Möglicherweise gab es damals auch eine Linie der Grafen in Schwaben [9a Auf diese Linie beziehen sich vielleicht die Einträge im Nekrolog des Klosters Einsiedeln. Zu ihr gehören Eticho (E Chr 15) und der Abt Eberhart von Tegernsee, der 1003 resignierte (A. M. Zimmermann, Die Familia sancti Quirini im Mittelalter, in StMBO 60, (1949) 191 ff., nr. 15).]. Daß aber die Beziehung des Grafen Sighart zum König Karlman, wie sie in der EBERSBERGER Chronik zum Ausdruck kommt, der geschichtlichen Wahrheit entspricht, ersehen wir auch in der Folgezeit. Im Jahr 887 setzte ARNULF VON KÄRNTEN, der natürliche Sohn Karlmanns, mittels eines Staatsstreichs seinen Oheim KARL III. ("DEN DICKEN") ab und machte sich selbst zum König. Schon ein Jahr später schenkte er dem Grafen Sighart die Kapelle Pergon" (? Berg bei Sempt) [10 E Ukn 1.], möglicherweise das letzte und entscheidene Stück des Marktes Sempt, was auch eine indirekte Bestätigung der Sempter Schenkung durch seinen Vater Karlmann in sich schließen könnte. ARNULF nennt Graf Sighart seinen Verwandten; vermutlich geht diese Verwandtschaft über die Mutter ARNULFS Liutsuuinta [10a K. Trotter hat auf die Erforschung der Vorfahren des Grafen Sighart viel Mühe verwendet (a. a. O. 6 ff.), bezieht sich aber fast nur auf fränkische Quellen.]. Die Schenkung ARNULFS schon ein Jahr nach seinem Regierungsantritt erfolgte aber wohl nicht nur aus Gründen der Verwandtschaft; sie spricht meines Erachtens auch dafür, daß der Graf dem engsten Anhängerkreis des Königs angehörte, welcher ihn bei seinem Staatsstreich unterstützt hatte. Jedenfalls gehörte Graf Sighart zeitlebens zu den engsten Freunden ARNULFS; dafür zeugen nicht nur die Schenkungen des Kaisers kurz vor seinem Tod [11 E Ukn 3, 4.], sondern auch die Nachricht, daß dieser dem Sohn Sigharts sein eigenes Land, die Mark Karantanien, anvertraut hat [12 E Chr 1030.].
Die Erwerbung von Sempt bedeutete für den Grafen Sighart einen großen Gewinn. Es handelte sich ja hier nicht um ein vereinzeltes Königsgut; dieser Ort war vielmehr durch seine Funktion als Markt mit vielen umliegenden Siedlungen, die wie der Königsforst ebenfalls zum Krongut gehörten, verklammert. Das war also nicht ein Stützpunkt, sondern ein Herrschaftsraum. Vervollständigt wurde dieser Komplex, als Sighart auch die Kapelle in Berg („Pergon") anstelle von Lehen als Eigengut erhielt. Sempt besaß außer dem bäuerlichen Grundstock auch Mühlen, vermutlich sogar Handwerker - eine Vorform dessen, was man heute als Stadt bezeichnet. Sempt war ferner Knotenpunkt: Hier kreuzten sich damals zwei wichtige Straßen, die einstige Römerstraße, die von Augsburg zum Inn, und eine andere, die von Regensburg nach „Isinica", dem heutigen Helfendorf, führte. Später trat die Salzstraße Reichenhall-Wasserburg-Freising in den Vordergrund, die als „halwec" um 1040/45 erwähnt wird [13
E I 35.]. Darüber hinaus besaß der Raum um Sempt auch eine gewichtige strategische Position: Jeder, der von Nordosten her in die Münchner Ebene wollte, mußte die natürliche Enge zwischen Erdfinger Moos und EBERSBERGER Forst passieren, die an ihrer schmalsten Stelle kaum sechs km breit ist. Noch heute führen die Straßen München-Haag, München-Erding sowie die Bahnlinie München-Dorfen durch diese „Gasse". Sie war leicht zu überwachen und gegebenenfalls zu sperren.
Sempts Vergangenheit reicht weit zurück bis in die Bronzezeit. Schon die Kelten hatten sich hier niedergelassen; bei Berg fand man die Überreste eines römischen Landhauses [14
Der Landkreis Ebersberg, 1960, 81.]. Die nahe Römerstraße hat bewirkt, daß sich hier eine Siedlung bildete. Die „Romani proseliti", die Barschalken, welche gelegentlich im EBERSBERGER Kartular erwähnt werden [15 E I 79,108.], gehörten vielleicht ursprünglich zu dieser Siedlung. Sogar vom Namensbestand der Römer scheint sich einiges erhalten zu haben: „Lauf" - ein „vir Tiber Lovf" um 1047, ein jüngerer Mann dieses Namens ca. 1050-1076 [16 E I 50,55,77,111,II 17.] - entspricht lautlich völlig dem lateinischen „lupus"; auch „Milo" scheint kein germanischer Name zu sein [17 Zu Milo findet sich im Register der Freisinger Traditionen kein Vollname.]; bei den Römern hingegen ist er geläufig. Sempt war also möglicherweise keine Gründung der Baiuwaren, sondern reicht weiter zurück in die Römer-, vielleicht sogar in die Keltenzeit.
Der Sohn des Grafen Sighart, welchem Kaiser ARNULF wegen seiner Tüchtigkeit die Mark Karantanien anvertraute, hieß Ratold. Das ist ein Name, welcher im Urkundenbestand der Freisinger Traditionen schon sehr früh begegnet, und nicht wenige Belegstellen weisen auf Gegenden hin, wo später die EBERSBERGER mächtig waren [18
Zusammenstellung bei Störmer, Adelsgruppen 165 f.]. Zum Jahr 839 berichtet eine Freisinger Urkunde mit seltener Ausführlichkeit, wie der Edle Ratold seinen Herrenhof in Daglfing, dazu Güter in Gronsdorf und „Hupphinheim" (? Hipflham, Weiler bei Kirchanschöring) der Freisinger Kirche darbringt [19 F 634. Vielleicht ist dieser Ratold identisch mit dem „laicus" Ratold, der 813 ein Gut zu Zorneding gibt (F 308).]. Sein ältester Sohn, der dies alles einmal hätte erben sollen, ist vermutlich vor dem Vater gestorben, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Erwähnt wird in dieser Schenkung außer einem Bruder des Ratold namens Adalgoß ein Sohn Kunihoch, der als Bischof bezeichnet wird - sein Bistum muß außerhalb Bayerns gelegen haben oder er war Chorbischof. Dieser Bischof Kunihoch widmete 850 der Freisinger Kirche ebenfalls Besitz zu Daglfing und Gronsdorf, ferner zu Eggelburg - also dicht bei Ebersberg, den er von seinen Eltern geerbt hat [20 F 721 a,b.].
Schon zwei Jahre vor der Schenkung des Ratoldvon Daglfing" hören wir von einem gleichnamigen Grafen, der anscheinend für Orte zwischen Amper und Glonn zuständig ist; er wird bis 855 erwähnt [21
F 626 a, 694,741,745. Siehe dazu Tyroller, Adel, Tafel 2.], erscheint aber möglicherweise schon 825/26 unter den Edelfreien, die für Güter in der gleichen Gegend Zeugenschaft leisten [22 F 515, 538 a,539.]. Störmer hält diesen Grafen Ratold für identisch mit Ratold „von Daglfing" [23 Störmer, Adelsgruppen 166.]. Dagegen sprechen aber einige gewichtige Argumente: Ratold von Daglfing führt nicht den Grafentitel; sein Sohn ist bereits Bischof; in der gleichen Urkunde trifft er auch Vorsorge für einen unebenbürtigen Sprößling. Dieses Dokument trägt also typische Züge einer letztwilligen Verfügung. Sicher war dieser Ratold 839 schon ein alter Mann. Da ist es kaum glaubhaft, daß er noch mindestens 15 Jahre als Graf tätig war. Bei der Vielfalt der Namen und den zahlreichen Variationsmöglichkeiten, wie sie im 9. Jahrhundert noch gegeben waren, ist aber, noch dazu bei nicht allzu großer Entfernung, auf Verwandtschaft zu schließen [23a In seiner Studie „Untersuchungen zur Namensgebung im frühen Mittelalter nach den bayerischen Quellen des achten und neunten Jahrhunderts" (ZBLG 45, 1982, 1-21) zeigt L. Holzfurtner, daß bei Personen mit gleichen Namensteilen nicht notwendigerweise auf Verwandtschaft geschlossen werden muß. Dies gilt aber nicht bei Namensidentität. Wenn auch verwandte Personen mit Namensidentität in den Urkunden relativ selten begegnen, so zeigen doch die Stammtafeln der großen Geschlechter, der MEROWINGER, KAROLINGER, AGILULFINGER usf., deutlich, daß bestimmte Namen bei bestimmten Familien beliebt waren und daß der Namensübergang auf eine andere Familie - Chlodwig, Ludwig - auf Verwandtschaft hinweist. Den umgekehrten Fall, daß den Kindern prominenter Adeliger die Namen von anderen, aber nicht verwandten großen Herren gegeben wurden, kann ich mir nicht vorstellen. Name steht im 8. und 9. Jahrhundert für Geschlecht. Die Vielfalt und Wandlungsfähigkeit der Namen - noch zwischen 880 und 930 gibt es allein in den Freisinger Traditionen bei 230 verschiedene Namen von
Edlen - erlaubte es, daß jedes Kind einen „geschlechtseigenen" Namen bekam.
]. Dieser Graf Ratold könnte recht gut ein Neffe des Ratoldvon Daglfing" gewesen sein. Störmer [24 Störmer, Adelsgruppen 166.] verweist in diesem Zusammenhang auf Ratold, den Sohn eines Starcholf, der im Raum Aßling begütert war. Dieser Ratold besaß einen Bruder Rimideo, der dem Ort Rinding - wiederum nicht weit von Ebersberg, seinen Namen gegeben haben dürfte. So gelangen wir bei der Untersuchung der Ratold-Sippe immer wieder in Räume, wo später die EBERSBERGER mächtig waren, zu der Grafschaft Amper-Glonn, für die im 10. Jahrhundert anscheinend zeitweise die Brüder Eberhart und Adalbero von Ebersberg zuständig waren, vor allem aber in die nächste Nachbarschaft der späteren Burg Ebersberg. Nicht ohne Grund sieht Tyroller in jenem Grafen Ratold, Verwandten des Ratold von Daglfing, den Schwiegervater des Grafen Sighart und somit Großvater des EBERSBERGERS Ratold [25 Tyroller, Adel, Tafel 2.]. Er macht sogar den Freisinger Vogt und Grafen Ratold des 10. Jahrhunderts zu einem Bruder der Grafen Adalbero und Eberhart von Ebersberg, was zwar möglich, aber keineswegs erwiesen ist. Hingegen kann es auf Grund verblüffender Übereinstimmungen der Namen und der Lage des Besitzes als ziemlich sicher gelten, daß Graf Sighart in eine Ratold-Familie einheiratete, die seit langem in Bayern begütert und mächtig war.
Wir müssen hier nochmals auf Eggelburg eingehen. Mehrere Anzeichen lassen erkennen, daß es den Grafen zunächst nicht gelang, sich in den Besitz dieser Burg zu setzen, die, wie schon gesagt, wesentlich älter ist als Ebersberg [26
Störmer, Früher Adel, a.a.O., 183 f.]. Zwar gehörte ihnen im Ort Grund und Boden [27 E II I, wohl auch I 83 („presbiterissa") Liutbirg.], das Herzstück jedoch, die Kirche, die bei der Burg gelegen haben dürfte, gewann das Kloster Ebersberg erst nach dem Erlöschen des Grafenhauses. Wir erfahren nämlich, daß sich diese Kirche um 1040 in Händen eines miles Adalbert befand [28 E II 9.], aber erst um 1080 erhielt sie Abt Williram tauschweise von einem miles Rorichi [29 E II 24.], der also Besitznachfolger und wohl auch Nachkomme des Adalbert gewesen ist. Einige Zeugen dieses Aktes wie Raffold von Haimpertshofen und Walchun von Scheyern (beide bei Pfaffenhofen) lassen übrigens erkennen, daß dieser Rorichi im Raum Pfaffenhofen ansässig gewesen sein muß, doch vermögen wir ihn in den Urkunden der benachbarten Klöster nicht aufzufinden. - Außerdem ist nicht einzusehen, warum sich die Grafen nicht in Eggelburg selbst festgesetzt hätten, wenn es ihnen gelungen wäre, diesen Platz frühzeitig in ihre Hand zu bekommen. Dieser Punkt ist von Natur aus ebensogut befestigt wie Ebersberg; obendrein kontrolliert er den einzigen natürlichen Zugang zum Raum südlich des EBERSBERGER Forstes von der Münchner Ebene her. Die Burg besaß auch einen eigenen Zugang durch den EBERSBERGER Forst, den „Eggelburgerweg" [30 E 1 43.], der bei Anzing seinen Anfang nahm.
Mit der Eggelburg hat auch meines Erachtens die Teilung des EBERSBERGER Forstes zu tun. Es ist schwer verständlich, warum der König dem Grafen Sighart nur den Ostteil des Forstes gab, wenn er ihm den ganzen hätte geben können. Es ist demnach anzunehmen, daß der westliche Teil schon in der Zeit König Karlmanns den Besitzern der Eggelburg gehört hat. In diesem Zusammenhang fällt uns auch auf, daß der Name des Ortes Eglharting (westlich Kirchseeon) nicht ein einziges Mal im EBERSBERGER Kartular genannt wird, obwohl er doch im Machtbereich der Grafen und dann des Klosters gelegen war; auch die Namensbildung weist auf eine frühe Epoche. Ferner könnte der Name des Ortsgründers (Egilhart, Eigilhart) auf Zusammenhang mit dem ersten Besitzer der Eggelburg (Eckilinburg von Eckilo, möglicherweise eine Verformung von Eigilo = Kurzform zu Eigilhart) hindeuten. Jedenfalls könnte sich auch Eglharting anfänglich im Besitz der EGGELBURGER befunden haben, während in Gronsdorf, Neukirchen, Kirchseeon und Zorneding Güter der EBERSBERGER lagen. Diese Beobachtungen lassen auf einen Vertrag schließen; anscheinend wurde das Erbe der Ratold-Sippe, den alten Besitzern der Eggelburg, unter deren Nachkommen aufgeteilt. Dies würde bedeuten, daß auch die Güter der Grafen von Ebersberg südlich des Forstes nicht zu ihrem alten Hausbesitz gehörten, sondern eben durch diese Erbschaft erworben wurden. Doch scheinen sich die EGGELBURGER nicht lange gegen die EBERSBERGER behauptet haben; die Gründung der Orte Obelfing und Wolfesing (bei Anzing am „Eggelburger Weg"!) kann nämlich erst erfolgt sein, als die Grafen auch westlich des Forstes den Ton angaben.
Wir sind nun in der Lage, die Umstände einigermaßen zu erkennen, unter denen Sighart, ein Mann, der vor allem in Schwaben und vielleicht auch in Süd-Franken mächtig war, nach Bayern übergesiedelt ist. Als getreuer Anhänger des Königs Karlmann hatte er von diesem einen sehr bedeutenden Besitz, nämlich den Königsmarkt Sempt mit Umgebung, erhalten und dazu durch seine Heirat mit der Tochter eines bayerischen Grafen mehrere Großgüter am Südrand des EBERSBERGER Forstes. Als nun Karlmanns Sohn Arnulf ans Ruder gelangte - vielleicht unter tätiger Mithilfe dieses Sighart -, da lag dem neuen König anscheinend viel daran, diesen seinen Verwandten, auf den er sich verlassen konnte,
nach Bayern zu holen, wo er wirklich der Herr war. In den anderen Teilen Ost-Frankens mußte sich nämlich ARNULF mit einer formalen Oberhoheit begnügen. Schon bald nach seinem Regierungsantritt gab er ihm das letzte Stück der Sempter Herrschaft, die Kapelle bei Berg nahe Sempt, die bisher nur Lehen des Grafen gewesen war, zu Eigen. So hatte dieser Sighart in kurzer Zeit bedeutenden Besitz in Bayern gewonnen. Seine Entscheidung, nach Bayern überzusiedeln, machte er aber wohl davon abhängig, ob der Teil des damaligen Sempter Forstes, den er besaß, sich für Rodung eigne. Er ließ zu diesem Zweck den Rat von einigen heiligmäßig lebenden und hochangesehenen schwäbischen Geistlichen einholen. Erst als diese in bejahendem Sinn geantwortet hatten, entschloß er sich nach Bayern zu gehen. Hier haben wir ein Beispiel, wie ein Mitglied der „karolingischen Reichsaristokratie" nach Bayern übergesiedelt ist und dort Wurzel geschlagen hat.



                              Die Anfänge der Grafen von Ebersberg (nach Trotter, Tyroller und Störmer)

                             -------------------------------------------------------
                          Adalgoß                    Ratold                          (?Schwester)
                           839                         ?813-39
                                                           trad. u. a.
                                                           Daglfing,                            ?
                             I                             ? Zorneding                        I
                             I                                    I                                   I   
                             I                            Kunihoch                        Ratold                  Sighart
                                                           ? 826-50                         837-55                Gf im Kraichgau
                             I                             Bischof                          Gf a. d. Amper    abgesetzt 862 I  
                                                           trad. u. a.
                             I                            Daglfing,
                             I                            Gronsdorf,
                             I                            Eggelburg                            I
                             I                                                                        I                                 I   
                                                             ---------------------------------
                       Adalgoß                    NN(Tochter)                       Gotini    oo              Sighart
                       898                           oo Gotschalk                                                       ca. 887-906
                       Praefekt                   Gf a. d. Amper                                                    ? Gf in Ala-
                       a. d. Schutter              860-99                                                               mannien
                       (sein Lehen                                                                                           besitzt Sempt
                       erhält Gf
                        Sighart)                                                                                                     I    
                                                                                                                             --------------------------
                                                                                                                           Ratold                 Sighart
                                                                                                                          ca. 890-919            908-16
                                                                                                                          Mkgf in                 Gf im oberen
                                                                                                                          Karantanien         Salzburggau
                                                                                                                                  I    
                                                                                           --------------------------------------
                                                                                       Ratold                    Eberhart       Adalbero
                                                                                       926-57                        + 959       928/39-65/69
                                                                                       Vogt in Frei-       Gf a. d. Amper  Gf v. Ebersberg
                                                                                        sing, dann Graf  Gründer von
                                                                                             I                     Ebersberg
                                                                                      ---------------
                                                                               Sighart           Ratold             
                                                                                + ca. 1000    +1003                                        v                 v
                                                                       Gf um Freising        Domherr in
                                                                       oo Bertha               Freising                             Ebersberger    Sighartinger
                                                                          „v. Preising"        Abt v. Benediktbeuern