Flohrschütz Günther: Seite 96-103
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"Der Adel des ebersbergischen Raumes im Hochmittelalter."                                          


                                               10. Die Anfänge der Grafen von Ebersberg

„Zur Zeit des Kaisers Karlmann gab es in Bayern einen Grafen namens Sighart, der einen Königsmarkt an den Ufern der Sempt besaß ...". Mit diesem Satz beginnt die EBERSBERGER Chronik. Das Gedächtnis der damaligen Zeit verknüpft also anscheinend den Erwerb dieses Krongutes mit König Karlmann, der von 867 bis 880 regierte, aber durch einen Schlaganfall schon 878 gelähmt und praktisch regierungsunfähig war. Mit dem Namen Karlmann verknüpft auch die Forschung die Anfänge der Grafen von Ebersberg in Bayern. 856 hatte König Ludwig der Deutsche die Ostmark seinem Sohn Karlmann übertragen. Dieser erwies sich aber keineswegs als Stütze seines Vaters, versuchte vielmehr sogleich, sich in dem ihm übertragenen Raum eine eigene Herrschaft aufzubauen. Durch eine Reihe konspirativer Maßnahmen, welche der Politik des Königs direkt zuwiderliefen, bemühte er sich, anstelle der Mitarbeiter seines Vaters seine eigenen Verbündeten zu setzen. Erst 863 vermochte sich Ludwig gegen Karlmann durchzusetzen und ihn zur Unterwerfung zu zwingen. Dem Sohn verzieh der König, aber dessen Helfer wurden abgesetzt, darunter auch ein gewisser Graf Sighart vom Kraichgau am Oberrhein. Dieser Graf ist nach Camillo Trotter identisch mit dem Stammvater der EBERSBERGER [1
C. Trotter, Die Grafen von Ebersberg und die Ahnen der Grafen von Götz, in: Zeitschr. des Hist. Vereins Steiermark 25 (1929), 11-61.]; Mitterauer, Tyroller und G. Mayr haben sich im großen ganzen seiner Ansicht angeschlossen [2 M. Mitterauer, Karolingische Markgrafen im Südosten. Fränkische Reichsaristokratie und bayerischer Stammesadel im österreichischen Raum, in: Arch. f. österr. Gesch. 123, Wien 1963. - F. Tyroller, Adel, Tafel 2. - G. Mayr, Ebersberger, 116 f. Ähnlich Störmer, Adelsgruppen 167.]. Durch die Schenkung des Marktes Sempt hat also möglicherweise Karlmann, als er König geworden war, seinem getreuen Anhänger gedankt.
Gegen die von Trotter postulierte fränkische Abkunft der EBERSBERGER, an der auch Tyroller festhält [2a
Tyroller, Adel, Tafel 2 nr. 1.], sind jedoch Bedenken anzumelden. Weit mehr spricht für eine Herkunft aus Alamannien. Daß die Namen der Grafen im Nekrolog des Klosters Einsiedeln erscheinen [3 Nach H. Keller, Das Kloster Einsiedeln im ottonischen Schwaben (Forschungen zur Oberrhein. Landesgesch. XIII (1964)) war der Mönch in Einsiedeln Eticho ein Verwandter der EBERSBERGER. Siehe E Chr 154.], daß Graf Ulrich in St. Gallen erzogen wurde [4 E Chr 1223], daß die EBERSBERGER mit den schwäbischen Geschlechtern der Welfen und vielleicht auch der Grafen von Dillingen verwandt sind [5 Verwandtschaft mit den Grafen von Dillingen vermuten Tyroller und Störmer, weil der spätere Graf Ulrich vom hl. Ulrich, Bischof von Augsburg, getauft wurde: E Chr 1219.], daß ihr erster Kaplan Hunfrid hieß - ein in Rätien bekannter Name [6 W. Prinz von Isenburg, Die Ahnen der deutschen Kaiser, Könige und ihrer Gemahlinnen, Görlitz 1932, Tafel 45/53: Hunfrid von Rätien ist Ahnherr einer hochadeligen Familie.], das ließe sich noch mit späteren Beziehungen der Grafen zu Schwaben erklären. Nicht möglich ist dies aber bei den beiden Geistlichen, die im Anfang der Chronik genannt werden. Die Erinnerung an den Kleriker Konrad von Höwen und den Klausner Gebhart bei Straßburg [7 Chr 1021, 39.] gehören zum ältesten Überlieferungsgut in Ebersberg; beide gehören aber eindeutig nach Alamannien. Es ist nicht recht einzusehen, warum ein fränkischer Graf Botschaften schwäbischer Geistlicher, die in hohem Ansehen standen, entgegennahm, zumal er sich sehr wahrscheinlich selbst an diese beiden gewandt hat. Sicherlich war also der Stammvater der EBERSBERGER im alamannischen Herzogtum mächtig, war vielleicht gebürtiger Schwabe [7a Mitterauer (wie Anm. 2) weist auf eine Familie im Elsaß hin, bei der die Namen Sighart und Eberhart vorkommen. Diese Beobachtung paßt zum Bericht der Chronik. Es ist deshalb zu bedenken, ob mit „Opinpurc'- Willehalm v. O. 934 (E 1 2) unter Zeugen für Graf Eberhart - nicht Offenburg in Baden gemeint ist. Die Grafen waren noch kein Menschenalter in Bayern; möglicherweise bestanden damals noch vasallische Bindungen aus der alten Heimat.]. Wenn er hier nicht faßbar wird, so spricht das nicht gegen unsere Schlußfolgerung, sondern zeigt nur, wie lückenhaft die Quellen des 9. Jahrhunderts sind. Weil Graf Sighart aber wohl zur karolingischenReichsaristokratie" gehört [8 Grundlegend: Gerd Tellenbach, Vom karolingischen Reichsadel zum deutschen Reichsfürstenstand, in: Th. Mayer, Adel und Bauern im Staat des deutschen Mittelalters, Leipzig 1943, 22-73.], ist es allerdings möglich, daß er auch andrerorts, zum Beispiel im benachbarten Süd-Franken, über gewisse Machtpositionen verfügt hat.
Von „auswärtigem" Besitz der EBERSBERGER besitzen wir freilich keinerlei Nachricht, weder schwäbischem noch fränkischen, wenn wir von der Schenkung Kaiser ARNULFS an der Schutter [9
E Ukn 3.] absehen. Sie haben also wohl ihre Güter dort verloren oder abgestoßen. Möglicherweise gab es damals auch eine Linie der Grafen in Schwaben [9a Auf diese Linie beziehen sich vielleicht die Einträge im Nekrolog des Klosters Einsiedeln. Zu ihr gehören Eticho (E Chr 15) und der Abt Eberhart von Tegernsee, der 1003 resignierte (A. M. Zimmermann, Die Familia sancti Quirini im Mittelalter, in StMBO 60, (1949) 191 ff., nr. 15).]. Daß aber die Beziehung des Grafen Sighart zum König Karlman, wie sie in der EBERSBERGER Chronik zum Ausdruck kommt, der geschichtlichen Wahrheit entspricht, ersehen wir auch in der Folgezeit. Im Jahr 887 setzte ARNULF VON KÄRNTEN, der natürliche Sohn Karlmanns, mittels eines Staatsstreichs seinen Oheim KARL III. ("DEN DICKEN") ab und machte sich selbst zum König. Schon ein Jahr später schenkte er dem Grafen Sighart die Kapelle Pergon" (? Berg bei Sempt) [10 E Ukn 1.], möglicherweise das letzte und entscheidene Stück des Marktes Sempt, was auch eine indirekte Bestätigung der Sempter Schenkung durch seinen Vater Karlmann in sich schließen könnte. ARNULF nennt Graf Sighart seinen Verwandten; vermutlich geht diese Verwandtschaft über die Mutter ARNULFS Liutsuuinta [10a K. Trotter hat auf die Erforschung der Vorfahren des Grafen Sighart viel Mühe verwendet (a. a. O. 6 ff.), bezieht sich aber fast nur auf fränkische Quellen.]. Die Schenkung ARNULFS schon ein Jahr nach seinem Regierungsantritt erfolgte aber wohl nicht nur aus Gründen der Verwandtschaft; sie spricht meines Erachtens auch dafür, daß der Graf dem engsten Anhängerkreis des Königs angehörte, welcher ihn bei seinem Staatsstreich unterstützt hatte. Jedenfalls gehörte Graf Sighart zeitlebens zu den engsten Freunden ARNULFS; dafür zeugen nicht nur die Schenkungen des Kaisers kurz vor seinem Tod [11 E Ukn 3, 4.], sondern auch die Nachricht, daß dieser dem Sohn Sigharts sein eigenes Land, die Mark Karantanien, anvertraut hat [12 E Chr 1030.].
Die Erwerbung von Sempt bedeutete für den Grafen Sighart einen großen Gewinn. Es handelte sich ja hier nicht um ein vereinzeltes Königsgut; dieser Ort war vielmehr durch seine Funktion als Markt mit vielen umliegenden Siedlungen, die wie der Königsforst ebenfalls zum Krongut gehörten, verklammert. Das war also nicht ein Stützpunkt, sondern ein Herrschaftsraum. Vervollständigt wurde dieser Komplex, als Sighart auch die Kapelle in Berg („Pergon") anstelle von Lehen als Eigengut erhielt. Sempt besaß außer dem bäuerlichen Grundstock auch Mühlen, vermutlich sogar Handwerker - eine Vorform dessen, was man heute als Stadt bezeichnet. Sempt war ferner Knotenpunkt: Hier kreuzten sich damals zwei wichtige Straßen, die einstige Römerstraße, die von Augsburg zum Inn, und eine andere, die von Regensburg nach „Isinica", dem heutigen Helfendorf, führte. Später trat die Salzstraße Reichenhall-Wasserburg-Freising in den Vordergrund, die als „halwec" um 1040/45 erwähnt wird [13
E I 35.]. Darüber hinaus besaß der Raum um Sempt auch eine gewichtige strategische Position: Jeder, der von Nordosten her in die Münchner Ebene wollte, mußte die natürliche Enge zwischen Erdfinger Moos und EBERSBERGER Forst passieren, die an ihrer schmalsten Stelle kaum sechs km breit ist. Noch heute führen die Straßen München-Haag, München-Erding sowie die Bahnlinie München-Dorfen durch diese „Gasse". Sie war leicht zu überwachen und gegebenenfalls zu sperren.
Sempts Vergangenheit reicht weit zurück bis in die Bronzezeit. Schon die Kelten hatten sich hier niedergelassen; bei Berg fand man die Überreste eines römischen Landhauses [14
Der Landkreis Ebersberg, 1960, 81.]. Die nahe Römerstraße hat bewirkt, daß sich hier eine Siedlung bildete. Die „Romani proseliti", die Barschalken, welche gelegentlich im EBERSBERGER Kartular erwähnt werden [15 E I 79,108.], gehörten vielleicht ursprünglich zu dieser Siedlung. Sogar vom Namensbestand der Römer scheint sich einiges erhalten zu haben: „Lauf" - ein „vir Tiber Lovf" um 1047, ein jüngerer Mann dieses Namens ca. 1050-1076 [16 E I 50,55,77,111,II 17.] - entspricht lautlich völlig dem lateinischen „lupus"; auch „Milo" scheint kein germanischer Name zu sein [17 Zu Milo findet sich im Register der Freisinger Traditionen kein Vollname.]; bei den Römern hingegen ist er geläufig. Sempt war also möglicherweise keine Gründung der Baiuwaren, sondern reicht weiter zurück in die Römer-, vielleicht sogar in die Keltenzeit.
Der Sohn des Grafen Sighart, welchem Kaiser ARNULF wegen seiner Tüchtigkeit die Mark Karantanien anvertraute, hieß Ratold. Das ist ein Name, welcher im Urkundenbestand der Freisinger Traditionen schon sehr früh begegnet, und nicht wenige Belegstellen weisen auf Gegenden hin, wo später die EBERSBERGER mächtig waren [18
Zusammenstellung bei Störmer, Adelsgruppen 165 f.]. Zum Jahr 839 berichtet eine Freisinger Urkunde mit seltener Ausführlichkeit, wie der Edle Ratold seinen Herrenhof in Daglfing, dazu Güter in Gronsdorf und „Hupphinheim" (? Hipflham, Weiler bei Kirchanschöring) der Freisinger Kirche darbringt [19 F 634. Vielleicht ist dieser Ratold identisch mit dem „laicus" Ratold, der 813 ein Gut zu Zorneding gibt (F 308).]. Sein ältester Sohn, der dies alles einmal hätte erben sollen, ist vermutlich vor dem Vater gestorben, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Erwähnt wird in dieser Schenkung außer einem Bruder des Ratold namens Adalgoß ein Sohn Kunihoch, der als Bischof bezeichnet wird - sein Bistum muß außerhalb Bayerns gelegen haben oder er war Chorbischof. Dieser Bischof Kunihoch widmete 850 der Freisinger Kirche ebenfalls Besitz zu Daglfing und Gronsdorf, ferner zu Eggelburg - also dicht bei Ebersberg, den er von seinen Eltern geerbt hat [20 F 721 a,b.].
Schon zwei Jahre vor der Schenkung des Ratoldvon Daglfing" hören wir von einem gleichnamigen Grafen, der anscheinend für Orte zwischen Amper und Glonn zuständig ist; er wird bis 855 erwähnt [21
F 626 a, 694,741,745. Siehe dazu Tyroller, Adel, Tafel 2.], erscheint aber möglicherweise schon 825/26 unter den Edelfreien, die für Güter in der gleichen Gegend Zeugenschaft leisten [22 F 515, 538 a,539.]. Störmer hält diesen Grafen Ratold für identisch mit Ratold „von Daglfing" [23 Störmer, Adelsgruppen 166.]. Dagegen sprechen aber einige gewichtige Argumente: Ratold von Daglfing führt nicht den Grafentitel; sein Sohn ist bereits Bischof; in der gleichen Urkunde trifft er auch Vorsorge für einen unebenbürtigen Sprößling. Dieses Dokument trägt also typische Züge einer letztwilligen Verfügung. Sicher war dieser Ratold 839 schon ein alter Mann. Da ist es kaum glaubhaft, daß er noch mindestens 15 Jahre als Graf tätig war. Bei der Vielfalt der Namen und den zahlreichen Variationsmöglichkeiten, wie sie im 9. Jahrhundert noch gegeben waren, ist aber, noch dazu bei nicht allzu großer Entfernung, auf Verwandtschaft zu schließen [23a In seiner Studie „Untersuchungen zur Namensgebung im frühen Mittelalter nach den bayerischen Quellen des achten und neunten Jahrhunderts" (ZBLG 45, 1982, 1-21) zeigt L. Holzfurtner, daß bei Personen mit gleichen Namensteilen nicht notwendigerweise auf Verwandtschaft geschlossen werden muß. Dies gilt aber nicht bei Namensidentität. Wenn auch verwandte Personen mit Namensidentität in den Urkunden relativ selten begegnen, so zeigen doch die Stammtafeln der großen Geschlechter, der MEROWINGER, KAROLINGER, AGILULFINGER usf., deutlich, daß bestimmte Namen bei bestimmten Familien beliebt waren und daß der Namensübergang auf eine andere Familie - Chlodwig, Ludwig - auf Verwandtschaft hinweist. Den umgekehrten Fall, daß den Kindern prominenter Adeliger die Namen von anderen, aber nicht verwandten großen Herren gegeben wurden, kann ich mir nicht vorstellen. Name steht im 8. und 9. Jahrhundert für Geschlecht. Die Vielfalt und Wandlungsfähigkeit der Namen - noch zwischen 880 und 930 gibt es allein in den Freisinger Traditionen bei 230 verschiedene Namen von Edlen - erlaubte es, daß jedes Kind einen „geschlechtseigenen" Namen bekam.]. Dieser Graf Ratold könnte recht gut ein Neffe des Ratoldvon Daglfing" gewesen sein. Störmer [24 Störmer, Adelsgruppen 166.] verweist in diesem Zusammenhang auf Ratold, den Sohn eines Starcholf, der im Raum Aßling begütert war. Dieser Ratold besaß einen Bruder Rimideo, der dem Ort Rinding - wiederum nicht weit von Ebersberg, seinen Namen gegeben haben dürfte. So gelangen wir bei der Untersuchung der Ratold-Sippe immer wieder in Räume, wo später die EBERSBERGER mächtig waren, zu der Grafschaft Amper-Glonn, für die im 10. Jahrhundert anscheinend zeitweise die Brüder Eberhart und Adalbero von Ebersberg zuständig waren, vor allem aber in die nächste Nachbarschaft der späteren Burg Ebersberg. Nicht ohne Grund sieht Tyroller in jenem Grafen Ratold, Verwandten des Ratold von Daglfing, den Schwiegervater des Grafen Sighart und somit Großvater des EBERSBERGERS Ratold [25 Tyroller, Adel, Tafel 2.]. Er macht sogar den Freisinger Vogt und Grafen Ratold des 10. Jahrhunderts zu einem Bruder der Grafen Adalbero und Eberhart von Ebersberg, was zwar möglich, aber keineswegs erwiesen ist. Hingegen kann es auf Grund verblüffender Übereinstimmungen der Namen und der Lage des Besitzes als ziemlich sicher gelten, daß Graf Sighart in eine Ratold-Familie einheiratete, die seit langem in Bayern begütert und mächtig war.
Wir müssen hier nochmals auf Eggelburg eingehen. Mehrere Anzeichen lassen erkennen, daß es den Grafen zunächst nicht gelang, sich in den Besitz dieser Burg zu setzen, die, wie schon gesagt, wesentlich älter ist als Ebersberg [26
Störmer, Früher Adel, a.a.O., 183 f.]. Zwar gehörte ihnen im Ort Grund und Boden [27 E II I, wohl auch I 83 („presbiterissa") Liutbirg.], das Herzstück jedoch, die Kirche, die bei der Burg gelegen haben dürfte, gewann das Kloster Ebersberg erst nach dem Erlöschen des Grafenhauses. Wir erfahren nämlich, daß sich diese Kirche um 1040 in Händen eines miles Adalbert befand [28 E II 9.], aber erst um 1080 erhielt sie Abt Williram tauschweise von einem miles Rorichi [29 E II 24.], der also Besitznachfolger und wohl auch Nachkomme des Adalbert gewesen ist. Einige Zeugen dieses Aktes wie Raffold von Haimpertshofen und Walchun von Scheyern (beide bei Pfaffenhofen) lassen übrigens erkennen, daß dieser Rorichi im Raum Pfaffenhofen ansässig gewesen sein muß, doch vermögen wir ihn in den Urkunden der benachbarten Klöster nicht aufzufinden. - Außerdem ist nicht einzusehen, warum sich die Grafen nicht in Eggelburg selbst festgesetzt hätten, wenn es ihnen gelungen wäre, diesen Platz frühzeitig in ihre Hand zu bekommen. Dieser Punkt ist von Natur aus ebensogut befestigt wie Ebersberg; obendrein kontrolliert er den einzigen natürlichen Zugang zum Raum südlich des EBERSBERGER Forstes von der Münchner Ebene her. Die Burg besaß auch einen eigenen Zugang durch den EBERSBERGER Forst, den „Eggelburgerweg" [30 E 1 43.], der bei Anzing seinen Anfang nahm.
Mit der Eggelburg hat auch meines Erachtens die Teilung des EBERSBERGER Forstes zu tun. Es ist schwer verständlich, warum der König dem Grafen Sighart nur den Ostteil des Forstes gab, wenn er ihm den ganzen hätte geben können. Es ist demnach anzunehmen, daß der westliche Teil schon in der Zeit König Karlmanns den Besitzern der Eggelburg gehört hat. In diesem Zusammenhang fällt uns auch auf, daß der Name des Ortes Eglharting (westlich Kirchseeon) nicht ein einziges Mal im EBERSBERGER Kartular genannt wird, obwohl er doch im Machtbereich der Grafen und dann des Klosters gelegen war; auch die Namensbildung weist auf eine frühe Epoche. Ferner könnte der Name des Ortsgründers (Egilhart, Eigilhart) auf Zusammenhang mit dem ersten Besitzer der Eggelburg (Eckilinburg von Eckilo, möglicherweise eine Verformung von Eigilo = Kurzform zu Eigilhart) hindeuten. Jedenfalls könnte sich auch Eglharting anfänglich im Besitz der EGGELBURGER befunden haben, während in Gronsdorf, Neukirchen, Kirchseeon und Zorneding Güter der EBERSBERGER lagen. Diese Beobachtungen lassen auf einen Vertrag schließen; anscheinend wurde das Erbe der Ratold-Sippe, den alten Besitzern der Eggelburg, unter deren Nachkommen aufgeteilt. Dies würde bedeuten, daß auch die Güter der Grafen von Ebersberg südlich des Forstes nicht zu ihrem alten Hausbesitz gehörten, sondern eben durch diese Erbschaft erworben wurden. Doch scheinen sich die EGGELBURGER nicht lange gegen die EBERSBERGER behauptet haben; die Gründung der Orte Obelfing und Wolfesing (bei Anzing am „Eggelburger Weg"!) kann nämlich erst erfolgt sein, als die Grafen auch westlich des Forstes den Ton angaben.
Wir sind nun in der Lage, die Umstände einigermaßen zu erkennen, unter denen Sighart, ein Mann, der vor allem in Schwaben und vielleicht auch in Süd-Franken mächtig war, nach Bayern übergesiedelt ist. Als getreuer Anhänger des Königs Karlmann hatte er von diesem einen sehr bedeutenden Besitz, nämlich den Königsmarkt Sempt mit Umgebung, erhalten und dazu durch seine Heirat mit der Tochter eines bayerischen Grafen mehrere Großgüter am Südrand des EBERSBERGER Forstes. Als nun Karlmanns Sohn Arnulf ans Ruder gelangte - vielleicht unter tätiger Mithilfe dieses Sighart -, da lag dem neuen König anscheinend viel daran, diesen seinen Verwandten, auf den er sich verlassen konnte,
nach Bayern zu holen, wo er wirklich der Herr war. In den anderen Teilen Ost-Frankens mußte sich nämlich ARNULF mit einer formalen Oberhoheit begnügen. Schon bald nach seinem Regierungsantritt gab er ihm das letzte Stück der Sempter Herrschaft, die Kapelle bei Berg nahe Sempt, die bisher nur Lehen des Grafen gewesen war, zu Eigen. So hatte dieser Sighart in kurzer Zeit bedeutenden Besitz in Bayern gewonnen. Seine Entscheidung, nach Bayern überzusiedeln, machte er aber wohl davon abhängig, ob der Teil des damaligen Sempter Forstes, den er besaß, sich für Rodung eigne. Er ließ zu diesem Zweck den Rat von einigen heiligmäßig lebenden und hochangesehenen schwäbischen Geistlichen einholen. Erst als diese in bejahendem Sinn geantwortet hatten, entschloß er sich nach Bayern zu gehen. Hier haben wir ein Beispiel, wie ein Mitglied der „karolingischen Reichsaristokratie" nach Bayern übergesiedelt ist und dort Wurzel geschlagen hat.



                              DIE ANFÄNGE DER GRAFEN VON EBERSBERG
                               (nach Trotter, Tyroller und Störmer)

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                          Adalgoß                    Ratold                          (?Schwester)
                           839                         ?813-39
                                                           trad. u. a.
                                                           Daglfing,                            ?
                             I                             ? Zorneding                        I
                             I                                    I                                   I   
                             I                            Kunihoch                        Ratold                  Sighart
                                                           ? 826-50                         837-55                Gf im Kraichgau
                             I                             Bischof                          Gf a. d. Amper    abgesetzt 862 I  
                                                           trad. u. a.
                             I                            Daglfing,
                             I                            Gronsdorf,
                             I                            Eggelburg                            I
                             I                                                                        I                                 I   
                                                             ---------------------------------
                       Adalgoß                    NN(Tochter)                       Gotini    oo              Sighart
                       898                           oo Gotschalk                                                       ca. 887-906
                       Praefekt                   Gf a. d. Amper                                                    ? Gf in Ala-
                       a. d. Schutter              860-99                                                               mannien
                       (sein Lehen                                                                                           besitzt Sempt
                       erhält Gf
                        Sighart)                                                                                                     I    
                                                                                                                             --------------------------
                                                                                                                           Ratold                 Sighart
                                                                                                                          ca. 890-919            908-16
                                                                                                                          Mkgf in                 Gf im oberen
                                                                                                                          Karantanien         Salzburggau
                                                                                                                                  I    
                                                                                           --------------------------------------
                                                                                       Ratold                    Eberhart       Adalbero
                                                                                       926-57                       
959       928/39-65/69
                                                                                       Vogt in Frei-       Gf a. d. Amper  Gf v. Ebersberg
                                                                                        sing, dann Graf  Gründer von
                                                                                             I                     Ebersberg
                                                                                      ---------------
                                                                               Sighart           Ratold             
                                                                               
ca. 1000    1003                                        v                 v
                                                                       Gf um Freising        Domherr in
                                                                       oo Bertha               Freising                             Ebersberger    Sighartinger
                                                                          „v. Preising"        Abt v. Benediktbeuern