Wolf Armin: Seite 42-44
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"Zur Königswahl Heinrichs II. im Jahre 1002. Verwandtschaftliche Bedingungen des Königswahlrechts." in: Genealogisches Jahrbuch Band 42

Zum Schluß sei nunmehr der für unsere Frage entscheidende Kandidat der Königswahl von 1002 behandelt: Hermann von Schwaben, seit 997 als Nachfolger seines Vaters Herzog von Schwaben, beim Tode Kaiser OTTOS III. etwa 35 Jahre alt.
Bei dessen Beisetzung in der Aachener Marienkirche am Ostersonntag (5. April) 1002 beschloß der größte Teil der dort anwesenden Großen, Hermann zu helfen, das Reich zu erwerben und zu schützen [177 Thietmar IV 54 (Seite 192f.]. Nach Heribert Müller stand "hinter dieser Entscheidung ... zweifellos der Kölner Erzbischof" Heribert (999-1021), wahrscheinlich ein naher Verwandter Hermanns von Schwaben [178 Heribert Müller, Heribert, Kanzler Ottos III. und Erzbischof von Köln (Veröffentlichungen des Kölner Geschichtsvereins 33) Köln 1977 Seite 146ff., vgl. auch 53 und 74. Weil Hermanns Vater, Herzog Konrad von Schwaben, einen Bruder Heribert zum Bruder hatte (Thietmar IV 60, Seite 200f.), halte ich Müllers Annahme einer Verwandtschaft mit dem Erzbischof Heribert (Müller Seite 64 ff. und 147) für gut möglich. Wie diese (cognatische?) Verwandtschaft im einzelnen verlief, ist aber noch ungeklärt. Ich halte es übrigens für denkbar, daß Erzbischof Heribert zunächst wirklich den Auftrag OTTOS III., die Insignien den EZZONEN zu überbringen (vgl. oben Kapitel I 1), erüllen wollte und erst später (spätestens im April in Aachen) für Hermann von Schwaben eintrat.]. Von Hermanns weiteren Anhängern namentlich bekannt sind Erzbischof Giseler von Magdeburg, die Bischöfe Lambert von Konstanz und Ulrich von Chur, sowie Brun von Braunschweig und der SALIER Konrad, die Hermann zu seinen Schwiegersöhnen machte.
Nach der Ermordung Ekkehards am 30. April blieb nur noch der Streit zwischen Heinrich von Baiern und Hermann von Schwaben übrig. Der Schwabe griff zu den Waffen und versuchte, dem Baiern zu Anfang Juni bei Worms den Übergang über den Rhein zu verlegen. Hermann konnte jedoch nicht verhindern, daß Heinrich mit Hilfe einer List dennoch den Weg nach Mainz fand, wo wer sich am 7. Juni zum König wählen und salben ließ. Als dieser dann begann, Schwaben zu verwüsten, erobert Herzog Hermann zusammen mit seinem Schwiegersohn Konrad das HEINRICH ergebene Straßburg, wobei seine Scharen ohne sein Wissen das Münster plünderten und niederbrannten.
Am Tage Johannes des Täufers (24. Juni) erfuhr König HEINRICH auf der Reichenau gerüchtweise, Herzog Hermann käme, um ihren Streit durch einen Zweikampf zu beenden. Der König war bereit, sich auf ein solches Kampfurteil einzulassen, und erwarteet am Tage Petri et Pauli (29. Juni) Hermann auf einer weiten, grünen Ebene. Als dann König HEINRICH erfuhr, daß Hermann sein Vorhaben nicht ausführen wollte oder könne, ließ er Höfe des Herzogs zerstören und zog sich nach Franken zurück.
Nachdem HEINRICH als König nun mehr und mehr Anhänger fand - in Thüringen, in Sachsen, in Nieder-Lothringen - und am 8. September von den Ober-Lothringern auf den Thron in Aachen gesetzt wurde, begannen über Mittelsleute Verhandlungen mit Hermann von Schwaben [188 Hirsch, Jahrbücher (wie Anm. 29) Seite 229.]. Vielleicht versuchte Hermann jetzt noch, das Reich wenigstens zu teilen, wie es die St. Galler Annalen überliefern [189 Annales Sangallenses maiores a. 1002 (wie Anm. 75) Seite 301: cum quo [Heinrico] et Herimannus dux Alamanniae et Alsatiae regnum forte dividere et parti aspirare temptabat.]. Darauf ist HEINRICH aber nicht eingegangen [190 Vgl. MGH D H II 34, Seite 38, wo HEINRICH sich rühmt, das Reich sine aliquia divisione gewonnen zu haben. Diese Nachricht über eine mögliche Teilung des Reiches werden nunmehr wieder ernst genommen. Vgl. zuerst Thomas Zotz, Der Breisgau und das alemannische Herzogtum (Vorträge und Forschungen, Sonderband 15), Sigmaringen 1974, Seite 172-176 und Ulrich Nonn; Rezension in: Rheinische Vierteljah´esblätter 41, 1977, Seite 371.].
Das Ergebnis war folgendes: Am 1. Oktober 1002 erschien Hermann von Schwaben in Bruchsal (also auf fränkischem Gebiet) demütig vor König HEINRICH und erlangte dessen Gnade; man einigte sich
wegen des Lehens und über alles, was Hermann - nach der Auffassung des königstreuen Thietmar - rechtmäßig wünschen konnte. Nur der Straßburger Schaden blieb ausgenommen: er mußte ihn aus seinem Eigengut ersetzen und die in der Stadt gelegene Abtei St. Stephan abtreten. So wurde er zu einem Lehnsmann und treuen Freund des Königs gemacht. Nach der Formulierung der Hildesheimer Annalen unterwarf sich Herzog Hermann der königlichen Herrschaft und blieb auf Intervention der Königin Kunigunde und der Fürsten in seiner Ehre (in suo honore) [192 Annales Hildesh. ad a. 1003 (MGH SS rer. Germ. [8] Seite 29.].
Beim Weihnachtsfest in Frankfurt leistete Herzog Hermann dem König in Ergebenheit Dienste und wurde von diesem mit Hochschätzung, wie sie einer Person dieses Ranges gebührte, behandelt. Schon im Januar 1003 stand er wieder in Opposition zum König und versuchte, im Bunde mit Dietrich von Ober-Lothringen ein vom König in Diedenhofen einberufenes generale colloquium zu verhindern. Ob es diese Versammlung oder eine im April 1005 abgehaltene Synode war, auf der Beschlüsse gegen die Ehen zwischen nahen Verwandten gefaßt wurden, namentlich die von Hermanns Tochter Mathilde mit dem SALIER Konrad, ist strittig [195 Das Datum ist strittig. Für 1005 Beate Schilling, Zur Datierung einer Synode Heinrichs II., in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 17, 1991, Seite 67-73. Dagegen weiterhin für 1003 Hlawitschka 1993 (wie Anm. 8) Seite 188 für Anm. 140.]. Thietmar nannte Hermann und seinen Bundesgenossen jetzt nur noch "dem Namen nach Herzog" [196 Thietmar V 27 (Seite 253).].
Hermann starb wenig später am 4. Mai 1003 [197 Annales Necrol. Fuld. (1003): 4. Non. Mai. ob. Heriman dux (MGH SS 13,208).]. Im Herzogtum Schwaben folgte sein Sohn Hermann III., ein unmündiges Kind von höchstens vier Jahren, mit dem die schwäbische Linie der KONRADINER im Mannesstamm bereits 1012 ausstarb. Hermanns Ansprüche vererbten sich jedoch über seine Töchter und vereinigten sich mit den Ansprüchen von deren salischen und brunonischen Nachkommen: Hermanns Tochter Mathilde war die Mutter Konrads des Jüngeren, der im Jahre 1024 als Königskandidat auftrat. Und Hermanns Tochter Gisela wurde aus ihrer dritten Ehe mit dem späteren Kaiser KONRAD II. die Stammutter aller späteren salischen und staufischen Könige und Kaiser und aus ihrer ersten Ehe mit Brun von Braunschweig - über die drei Erbtöchter von Braunschweig, Northeim und Sachsen - die Stammutter der WELFEN.