Einige Gedanken zum Thronwechsel 1002 und zum Problem der Richlint, filia Ottonis Magni imperatoris
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Im Zusammenhang mit den Arbeiten von Johannes Fried und Prof. Armin Wolf über die KONRADINER habe ich mich noch einmal intensiv mit den mir zur Verfügung stehenden Arbeiten zum Thronwechsel 1002 und zum Problem der Richlint vertraut gemacht und bin zu folgenden Schlüssen gekommen:
1.
Der Thronwechsel 1002 kann sich nicht so abgespielt haben wie ihn viele Autoren darstellen. Nach meiner Ansicht hatte die angebliche Wahl von 1002, die eigentlich nie stattfand, kaum etwas mit einer Wahl nach Geblütsrecht zu tun, sondern hier setzte sich Heinrich von Bayern gegen die Ansichten seiner Zeitgenossen mit Hilfe einiger Kirchenfürsten gewaltsam in den Besitz der Krone. In vielen Arbeiten wird der Anspruch Heinrichs durch das Geblütsrecht zu erklären versucht. Parallelen zu dieser Thronbesteigung gab es 1138, als sich KONRAD III. mit Hilfe einiger weniger Kirchenfürsten in den Besitz der Krone setzte.
Die vielen Diskussionen um Nachfolge in männlicher oder weiblicher Linie stellten sich nach meiner Ansicht nicht, sondern die Zugehörigkeit zur Königsfamilie, zur 'stirps regia' war entscheidend. Wenn wir den Hof KARLS DES GROSSEN betrachten, so sehen wir, daß hier Kinder ehelicher Geburt zusammen mit denen unehelicher Geburt, Enkel aus ehelichen sowie aus unehelichen Verbindungen unabhägig ob männlicher oder weiblicher Linie gemeinsam aufwuchsen und auch Ämter und Funktionen erhielten. Bei den KAROLINGERN gelangten sogar Kinder unehelicher Geburt auf den Thron, wie dies die Beispiele ARNULFS von Kärnten, seines Sohn Zwentibold oder der Söhne Ludwigs II. des Stammlers im West-Frankenreich aufzeigen.
Auch OTTO I. ließ die Enkel aus seiner 1. Ehe zusammen mit den Kindern aus 2. Ehe aufwachsen. Auch zur Zeit der OTTONEN war illegitime Geburt kein Makel, denn OTTOS I. illegitimer Sohn Wilhelm wurde als Erzbischof von Mainz Primas der deutschen Kirche, während es König Hugo von Italien sogar gelang, seine illegitime Tochter Bertha mit dem byzantinischen Thronfolger Romanos zu vermählen.
2.
Bereits 987 hatte sich in Frankreich/West-Frankenreich gezeigt, daß der als Onkel Ludwigs V. nächstberechtigte Verwandte Karl von Nieder-Lothringen sich nicht durchsetzen konnte, obwohl ihm nach Geblütsrecht die Krone zugestanden hätte. Gründe für sein Scheitern lagen in seinem Charakter, seiner Ehe mit einer Vasallin Hugos des Großen und geringem Ansehen bei seinen Standesgenossen.
3.
Wenn die Wahl von 1002 nach Geblütsrecht erfolgt wäre, dann hätte es 14 Bewerber mit ähnlichen Ansprüchen wie Heinrich von Bayern gegeben. Bereits in den Mathildenviten und bei Thietmar von Merseburg werden Vorgänge verschleiert und zugunsten der bayerischen Liudolfinger geschönt.
Herzog Heinrich IV. von Bayern war Urenkel des Königs HEINRICH I. und Großneffe Kaiser OTTOS I.
Nach Geblütsrecht hätten die folgenden Kandidaten ähnliche oder bessere Ansprüche:

Hermann II. Herzog von Schwaben
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945/50-4.5.1003

Nach Prof. Armin Wolf und Johannes Fried war der Herzog Hermann von Schwaben ein Enkel Herzog Liudolfs von Schwaben und Urenkel OTTOS I., seine Mutter Richlint wäre gleichzeitig die Cousine Kaiser OTTOS II.
Aus mir unverständlichen Gründen wird für Hermann von Schwaben unbedingt OTTONEN-Verwandtschaft nachzuweisen versucht. Aufgrund des Ansehen seines Vaters Konrad, seinen verwandtschaftlichen Beziehungen, seiner eigenen Machtpositionen und seiner nahen Beziehungen zum Hof OTTOS III. muß Hermann als einer der drei bedeutenden Thronkandidaten des Jahres 1002 gelten. Die Ehe mit der ottonen- und karolinger-blütigen Gerberga von Burgund, einer Nichte der Kaiserin Adelheid, ersetzt die zum Teil konstruierten Versuche der OTTONEN-Verwandtschaft Hermanns. Man sollte in diesem Zusammenhang nicht den Einfluß der Kaiserin Adelheid unterschätzen, die fast 50 Jahre lang Einfluß auf die Politik der Reichsregierung nahm. Den Gemahl ihrer Nichte wird sie sicher gefördert haben, denn sie zeigte oft einen beinahe schon übertriebenen Familiensinn.
Hermann unterhielt verwandtschaftliche Beziehungen zu den Grafen von Stade und Walbeck, zu den Königen von Burgund, zu Markgraf Heinrich im Nordgau und über seine Gemahlin sogar zu Heinrich von Bayern. Erzbischof Heribert von Köln und Bischof Heinrich von Würzburg gehörten ebenfalls dem Hause der KONRADINER an. Viele Große des Reiches schienen den Herzog Hermann II. von Schwaben zu bevorzugen, wie die Quellen immer wieder erkennen lassen. Ihn hätten sie geschätzt, weil er die Eigenschaft der Milde besessen habe.
Ob diese Eigenschaft der Milde unbedingt positiv zu sehen ist, möchte ich doch bezweifeln. Vermutlich war Hermann das, was man heute ein "Weichei" nennen würde. Vielleicht war sogar Gerbergadie treibende Kraft war [Die Töchter Mathilde und Gisela waren außergewöhnlich tatkräftige, politisch engagierte und ehrgeizige Frauen, ihr Vater dagegen, wenn wir Thietmar glauben wollen, ein zurückhaltender und milder Mann. Könnten dann die Töchter den politischen Ehrgeiz von ihrer Mutter geerbt haben?]. Sein fast schon passiv zu nennendes Verhalten in den Thronkämpfen war erschreckend. Auch wenn ihn die beim Begräbnis OTTOS III. anwesenden Fürsten die Zusicherung zur Wahl gegeben hatten, so wartete er auf die Ansetzung eines Wahltages, den es dann nie gab. Er griff erst in die Kämpfe ein, als sich schon alles gegen ihn entscheiden hatte.

Ich würde zusammenfassend sagen, daß Hermann ein Mann von weichem Charakter war, der sich auf die Zusage seiner Standesgenossen verließ und anscheinend erwartete, daß ihn diese zum Königsthron verhelfen würden. Vielleicht fühlte er sich aufgrund seines Ansehens und seiner Beliebtheit des Thrones zu sicher. Auch von Hermann von Schwaben sind mir große Erfolge bei der selbständigen Durchführung von Reichsaufgaben nicht bekannt.



OTTONEN-Verwandtschaft Hermanns II. nach Prof. Wolf
 

                                            König HEINRICH I.
 

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                    Gerberga                                             OTTO I. DER GROSSE

                 2. oo Ludwig IV. von Frankreich             1. oo Edgitha
 

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            Mathilde                                    Liudolf                                   Liutgard

          oo 2. Konrad König von Burgund      oo Ida von Schwaben              oo Konrad der Rote
 

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          Gerberga                                  Richlint                                        Otto von Worms

                                                           oo Konrad/Kuno
                                                               Herzog von Schwaben
 

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         oo ---------------------------------    Hermann II.                   Konrad I.                           Heinrich
                                                         Herzog von Schwaben       Herzog von Kärnten
 
 

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                  Beatrix       Gisela      Mathilde      1. oo -----------------------                        KONRAD II.
 

                                  3. -------------------------------------------------------------------------------
 

Wenn wir Richlint als Tochter Liudolfs von Schwaben anerkennen wollten, dann wäre Mathilde von Schwaben mit Konrad I. von Kärnten in einer Nahehe 4 : 3 verheiratet gewesen.