Zettler, Alfons: Seite 119-121,127-129,131-140
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"Geschichte des Herzogtums Schwaben."

Es mag diese prekäre Situation und die schwierigen Verhandlungen spiegeln, die zu führen waren, wenn nach Burchards Tod ein gutes halbes Jahr ins Land ging, bevor der König auf dem Hoftag zu Worms im November 926 den KONRADINER Hermann zum neuen Herzog von Schwaben berief [3 Vgl. H. Beumann, Die Ottonen, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1987, Seite 40; G. Althoff/H. Keller; Heinrich I. und Otto der Große 1 (Persönlichkeit und Geschichte 122/123), Göttingen/Zürich 1985 Seite 66-81; T. Reuter, Germany in the early middle ages (c. 800-1056), London/New York, 1994, Seite 462ff.; J. Ehlers, Die Entstehung des deutschen reiches (Enzykldädie deutscher Geschichte 31), München 1994, Seite 17ff.; G. Althoff, Die Ottonen, Stuttgart 2000, Seite 52f.]. Erst im Spätherbst 926 war offenbar eine Lösung gefunden, wie ein Mann des Königs, was Hermann als naher Verwandter König KONRADS und Eberhards zweifellos war, Burchard nachfolgen könnte, ohne daß die Ansprüche der Familie der Erben gänzlich übergangen werden mußten. Kern der gefundenen Regelung scheint neben der Abfindung König Rudolfs der Ehebund zwischen Reginlind und Hermann gewesen zu sein. "Indem Hermann Burkhards Witwe Reginlind zur Frau nahm, wurde vor aller Augen Kontinuität demonstriert" (Thomas Zotz) [4 Handbuch der baden-württembergischen Geschichte I/1: Von der Urzeit bis zum Ende der Staufer, Stuttgart 2001, Seite 389 (T. Zotz).]. Die weit verzweigte Sippe der KONRADINER, die nach dem Ende des Königtums KONRADS I. durch dessen Bruder Eberhard über großen Einfluß am Hof verfügte, gewann dadaurch - gewissermaßen als Entschädigung für den Verlust der ostfränkischen Krone - ein weiteres Fürstentum, und HEINRICHS Schachzug gelang nur deshalb, weil in Hermann, dem Sohn des Lahngaugrafen Gebhard, ein lediger und wohl auch noch recht junger Anwärter aus dem fränkischen Haus der KONRADINER zur Verfügung stand, mit dem HEINRICH im Zuge seiner Krönung ohnehin schon allerengste Verbindung eingegangen war. Hermann scheint wie sein Vetter Eberhard, den HEINRICH als königlichen "Sonderbeauftragten" in Lothringen eingesetzt hatte, seine Erhöhung zum Herzog von Schwaben auch als Kompensation für das den KONRADINERN entgangene Königtum akzeptiert und die Gewähr dafür geboten zu haben, dem König im Gegenzug für die Entschädigung unverbrüchliche Treue entgegenzubringen [5 Zu dfen KONRADINERN allgemein D.C. Jackman, The Konradiner. A Study in Genealogical Methodology, Frankfurt am Main 1990; C. Settipani, Les Conradiens. Un debat toujours nouvert, in: Francia 23, 1996, Seite 135-166; J. Fried; Prolepsis oder Tod? Methodische und andere Bemerkungen zur Konradiner-Genealogie im 10. und 11. Jahrhundert, in: Papstgeschichte und Landesgeschichte. Festschrift für Hermann Jakobs zum 65. Geburtstag, hg. von J. Dahlhaus/A. Kohnle, Köln/Weimar/Wien 1995 Seite 69-119. - Zu Hermann als Herzog der Schwaben Ch. F. Stälin, Wirtembergische Geschichte 1, Stuttgart/Tübingen 1841, Seite 435-445.].
Aus der Ehe Hermanns und Reginlinds gingen ebenfalls Kinder hervor, wie die Tochter Ita belegt, die später dem ottonischen Königssohn und Herzog Liudolf (949-953) vermählt wurde [8 R. Rappmann/A. Zettler; Die Reichenauer Mönchsgemeinschaft und ihr Totengedenken im frühen Mittelalter (Archäologie und Geschichte 5), Sigmaringen 1998, Seite 444-448 und Stammtafel Seite 436.], indes aber kein Sohn, wie Liutprand in seiner Chronik ebenso deutlich zum Ausdruck bringt wie die Miracula s. Verenae. Die hl. Verena von Zurzach am Hochrhein galt im Volke weit und breit als Helferin beim Mangel von Nachwuchs, und so ging in Zurzach die Geschichte um, wie nicht nur König Rudolf von Hoch-Burgund, sondern auch Herzog Hermann und Reginlind das Verenagrab aufsuchten, wo sie die Heilige in diesen Dingen um Interzension bei Gott baten. Bei dem Herzogspaar zeigte die Wallfahrt indes nicht gewünschten Erfolg. Reginlind brachte zwar alsbald eine Tochter zur Welt, nicht aber den ersehnten Stammhalter.
In einem Profil der eher blassen, gleichwohl ein knappes Vierteljahrhundert währenden Herzogsherrschaft Hermanns, die in allererster Linie durch unverbrüchliche Treue zu seinem Herrn, König HEINRICH I., und auch noch dessen Nachfolger OTTO DEM GROSSEN gekennzeichnet erscheint, ist an vorderer Stelle die Gründung des Klosters Einsiedeln südlich von Zürich zu erwähnen.
Tatkräftig zur Stiftung der Ehe OTTOS und Edgiths beigetragen hat Hermann, in dessen Herzogtum diese ostfränkischen Hauptorte imperialer Tradition lagen. Er erwies sich als wichtigster, ja als geradezu unverzichtbarer Helfer HEINRICHS in diesen Dingen 929/30, und möglicherweise wurde damals durch Übernahme einer Patenschaft schon jene Eheverbindung zwischen Hermanns Tochter Ita und Liudolf, dem Sohn OTTOS und Edgithas, angebahnt, die Liudolf später die herzogliche Potestas in Schwaben eintrug. Als Pedant zu solcher Patenschaft wird die "Schwurfreundschaft" König OTTOS mit Hermanns Bruder Udo zu sehen sein. Jedenfalls dürfte das im Frühjahr 930 in Frankfurt ausgestellte Diplom HEINRICHS für Hermanns Kapellan Hartbert als Belohnung für die treuen Dienste des Herzogs aufzufassen sein - und die dem Herzog von König OTTO bereitete Grabstätte mit Seelgerät bei der Hl.-Blut-Reliquie in Reichenau ist ohne diese bislang weitgehend ignorierte Vorgeschichte kaum verständlich.
In der ersten großen Krise des ottonischen Königtums in den Jahren 938/39 erwies sich Herzog Hermann von Schwaben als entscheidende Stütze OTTOS. Schon 937, als König Rudolf II. von Hoch-Burgund und der Bayern-Herzog Arnulf verstarben, warfen deren Nachfolgequerelen lange Schatten auf OTTOS eben errungenes Königtum.
In den ersten Auseinandersetzungen mit den königlichen Kräften kamen unter anderen Thankmar und Gebhard um, letzterer ein Neffe des Herzog Hermann von Schwaben, der sich daraufhin von seinem Vetter abwandte und an die Seite König OTTOS trat.
Breisach überstand OTTO nur mit der vereinten Hilfe Herzog Hermanns, dessen Bruders Udo und dem Vetter der beiden, Konrad Kurzbold, also der königstreuen Fraktion der KONRADINER, und bei Andernach gab der beherzte Zugriff Hermanns und seiner Leute den Ausschlag für den Sieg der Königlichen: Eberhard fiel und Giselbert ertrank auf der Flucht im Rhein.
In dem folgenden Jahrzehnt, das als Periode der Konsolidierung von OTTOS Königtum gilt, sehen wir Hermann nur gelegentlich bei außerordentlichen Anlässen seines schwäbischen Amtes walten, unter anderem auch als Vermittler in Angelegenheiten zwischen Italien und dem ottonischen Königshof nördlich der Alpen. Als der gegen König Hugo von Italien opponierende Markgraf Berengar von Ivrea im Jahre 941 über die Alpen nach Norden floh, nachdem ihm zu Ohren gekommen war, daß Hugo ihn blenden lassen wollte, begab er sich zuerst nach Schwaben. Dort fand er Aufnahme bei Herzog Hermann, der ihn anschließend mit großen Ehren an den Hof OTTOS DES GROSSEN geleitete.
Im Ganzen betrachtet, erscheint die vergleichsweise sehr lange Regierungszeit Herzog Hermanns in all ihren Facetten als treuer Dienst am ottonischen Herrscherhaus, und dies bruchlos über den Thronwechsel von HEINRICH zu OTTO hinweg. Die traditionelle burchardingische Orientierung nach Italien hat Hermann trotz seiner Ehe mit der "italienischen" Alemannin Reginlind nicht aufgenommen, sondern den ottonischen Hof in dessen eigener Italienpolitik tatkräftig unterstützt. Das gleiche gilt für die burgundische Verbindung, die unter OTTO ebenfalls der Hof für die Interessensphäre des Königtums zu reklamieren begannn. Sie spielte für Hermann ebensowenig eine Rolle. Wo er in italienischen Angelegenheiten insolviert war, handelte er als Vasall seines Königs OTTO, zu dessen engster Umgebung er zählte [52 Vgl. T. Zotz, Die ottonischen Schwabwenherzöge in Oberitalien, in: Schwaben und Italien im Hochmittelalter, hg. von H. Maurer/H. Schwarzmaier/T. Zotz (Vorträge und Forschungen 52), Stuttgart 2001, Seite 83-108, hier Seite 94.]. Angesichts der Rolle Hermanns bei der Eheanbahnung König OTTOS mit der angelsächsischen Edgith 929/30 möchte man sogar meinen, Hermann habe damals so etwas wie eine Patenschaft für OTTO bzw. das Paar übernommen. Das würde die unbedingte Treue des Herzogs gemeinsdam mit seinem Bruder Udo gegenüber OTTO in allen Situationen besser erklären (oben Seite 133).
Und noch auf anderer Ebene kommt die Königsnähe Hermanns und gleichzeitig die ganz Schwaben umspannende Reichweite seines Wirkens zum Ausdruck. Im oberrheinischen Breisach, wo sich 939 auf dem Höhepunkt der Krise von OTTOS Königsherrschaft die opponierenden Fürsten verschanzten, ließ der Herzog ebenso wie in Zürich, und vielleicht auch schon in Esslingen am oberen Neckar, Münzen prägen. Ein Breisacher Denar trägt Bild und Namen des Königs und daneben den Namen Hermanns. Wir sehen den Herzog in seinen letzten Jahren als unermüdlichen Fürsprecher bei Hof für seine Gründung Einsiedeln, und aus anderen maßgeblichen Klöstern Schwabens und Churrätiens, wie Pfäfers, Reichenau und St. Gallen, ist kein schlechtes Wort über Hermann zu vernehmen. Unter seinem Regiment wuchs Schwaben in das ottonische Reich hinein, durch Hermanns Amtswaltung erfuhr das Herzogtum seine entschieden Prägung als ein vom König verliehenes Amt. Seither verfügten die ottonischen Herrscher - wie nach ihnen die SALIER und die STAUFER - über Schwaben wie über die anderen Fürstentümer im ostfränkisch-deutschen Reich auch: Sie gaben sie, wann immer möglich, an eigene Familienangehörige aus oder behielten sie überhaupt bei sich, wie es über lange
Strecken die SALIER, insbesondere HEINRICH III., praktizierten.
Eine Charakterskizze von ähnlicher Farbigkeit wie bei Burchard I. gibt es von Hermann nicht. Am besten portraitierte ihn wiederum der italienische Chronist Liutprand von Cremona, wenn er anläßlich seiner Bemerkungen über den Thronfolger Liudolf zunächst über Hermann berichtete:

  "Als nach dem Tode (der aufständischen Herzöge) Eberhard und Giselbert und nach der
  Gefangennahme Heinrichs, des Bruders des Königs, die Großen des Reiches von allen Seiten
  herbeieilten, um dem König Glück zu wünschen (939), da kam auch eins ehtr reicher Mann, der
  Schwaben-Herzog Hermann. Auch erbrachte dem König seinen Glückwunsch dar, richtete dann
  aber folgende Worte an ihn: 'Es ist meinem Herrn nicht unbekannt, daß ich bei meinem
  ausgedehnten Landbesitz und unermeßlichen Reichtum an Geld ohne Söhne bin. Außer einer
  kleinen, noch unmündigen Tochter ist niemand da, der mich nach meinem Tod beerben soll. Es
  gefalle also dem König, meinem Herrn, daß ich seinen kleinen Sohn Liudolf an Kindes Statt
  annehme, damit er sich mit meiner einzigen Tochter vermähle und nach meinem Tode als mein Erbe
  mächtig werde.' Weil dieser Rat dem König gefiel, erfüllte er Hermanns Wunsch ohne Zögern"

Trotz der Einrichtung von drei Klöstern unter maßgeblicher Beteiligung der Herzöge im 10. Jahrhundert - Waldkirch, Einsiedeln und Hohentwiel/Stein am Rhein - erlangte keine dieser Gründungen den Status eines "Hausklosters" der schwäbischen Herzöge. Weder diese selbst noch ihre Familienangehörigen fanden in der Regel eine Grabstätte in Waldkirch, Einsiedeln oder Staein am Rhein, abgeshen von Reginlind (in Einsiedeln) und vielleicht einigen anderen Familienmitgliedern, deren Graborte ohnehin völlig unbekannt blieben.
Hermann jedenfalls erhielt, als er am 10. oder 13. Dezember 949 verstarb [57 Vgl. T. Zotz, Der Breisgau und das alemannische Herzogtum (Vorträge und Forschungen, Sonderband 15), Sigmaringen 1974 Seite 102 mit Anm. 226; H.-W. Goetz, "Dux" und "ducatus", Bochum 1977, Seite 442. - Das St. Galler Nekrolog (Cod. 915) meldet zum 10. Dezember Obitus... Herimanni ducis Alammanorum; E. Dümmler/H. Wartmann, St. Galler Todtenbuch und Verbrüderungen, in: Mittheilungen zur vaterländischen Geschichte, hg. vom historischen Verein in St. Gallen 9, St. Gallen 1869, Seite 60; vgl. Annales Sangallenses maiores, ed. C. Henking, Die annalistischen Aufzeichnungen des Klosters  St. Gallen, in: Mittheilungen zur vaterländischen Geschichte, hg. vom historischen Verein St. Gallen 19, 1884, Seite 286 mit Anm. 215: 949. Waldo Curienesis episcopus et Herimannus dux Alamannorum obierunt; vgl. ferner das Jahrzeitbuch des Liber Heremi (10. Dezember): H. Keller, Kloster Einsiedeln im ottonischen Schwaben (Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte 13) Frieburg im Breisgau 1964, Seite 163 und Seite 166.], eine wahrhaft fürstliche Ruhestätte in dem altehrwürdigen geistlichen Zentrum Schwabens und initiierte damit gewissermaßen die "ansatzweise Herzogsgrablege" des 10. Jahrhunderts in Reichenau. "Herzog Hermann von Alemannien starb, welcher der Kultur, der Gestalt, den Sitten und den Einrichtungen des ihm anvertrauten Landes viel Ansehen und Ehre verschafft hat. Er wurde in der Kapelle des hl. Kilian zu Reichenau begraben", berichtet der Reichenauer Chronist Hermann der Lahme. Schon der Ort der Grabstätte war auffällig und prominent, denn die Kilianskapelle bildete einen Anbau am Chor der Abteikirche, wo Kaiser KARL III. (+ 888) neben dem Hochaltar seine Grab gefunden hatte. Sie grenzte außerdem an den Friedhof der Mönche und beherbergte laut einer spätmittelalterlichen Überlieferung das Grab des Altbischofs Johannes (+782).
Noch erstaunlicher als der Ort der Ruhestätte, der eigentlich hohen kirchlichen Würdenträgern, insbesondere den Reichenauer Äbten und im Ausnahmefall dem königlichen Schutzherrn des Klosters vorbehalten war, sind die Zuwendungen König OTTOS an die Reichenau. Die erste Urkunde OTTOS für Reichenau steht offenbar im Zusammenhang mit dem Tod der Königin Edgith (+ 946), die zweite aus den ersten Tagen des Jahres 950 mit dem Tod Herzog Hermanns. Wenige Tage nach dem Hinscheiden Hermanns trug OTTO selbst Sorge für die Kommemoration und das Seelenheil des KONRADINERS, der ihm so treu gedient hatte, indem er unter Mitwirkung seines Sohnes Liudolf und dessen Gemahlin Ita, der Tochter Hermanns, ein Seelgerät für sich und den Herzog stiftete.
Er habe keinen Sohn und niemanden, dem er seinen Besitz hinterlassen könne - so begründete Liutprand in seiner Geschichte Hermanns angebliche Adoption des Königssohnes. Dahinter steckt wohl wiederum eine Erklärung Liutprands, die er sich zurechtgelegt hat, um einen weiteren erstaunlichen Sachverhalt zu begründen, der ihm auffiel. Denn es gab ja meistens Seitenverwandte, die ebenfalls Erbansprüche stellen konnten, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg. Reginos Fortsetzer berichtet zum Jahre 949 den Tod von Hermanns Bruder Udo, "der mit Erlaubnis des Königs das, was er an Ämtern und Lehen besaß, unter seine Söhne wie ein Erbe verteilte". Diese Nachricht beleuchtet nochmals den Erbfall Herzog Hermanns, in den der König auf ungewöhnliche Weise eingriff, nicht ohne offenbar die Familie Hermanns mit dem Erbe des kurz zuvor verstorbenen Bruders Udo entschädigt zu haben.