Zettler, Alfons: Seite 78,80-83,113-116,118,120
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"Geschichte des Herzogtums Schwaben."

Zunächst ist jedoch eine Aufsehen erregende Affäre im Spätjahr 911 näher in den Blick zu fassen, die in der Forschung zumeist als "Vorrunde" des Geschehens bei Wahlwies 915 gilt - der gewaltsame Tod des rätischen Markgrafen Burchard. Diesbezüglich liegen verschiedene Fassungen der alemannischen Annalen und ein (nicht ohne weiteres daraus abzuleitender) Bericht Hermanns von Reichenau vor. Die ausführlichere Fassung in den zeitgenösssichen Annalen (Codex Modoetiensis aus Verona) schildert wie der "Graf und Fürst der Alemannen" Burchard "aufgrund eines ungerechten Urteils" durch einen gewissen Anshelm "mit unangemessenem Strafmaß" zu Tode gebracht worden sei. Schon die verwirrende Formulierung des Chronisten zeigt, wie undurchsichtig die Affäre für viele Zeitgenossen geblieben sein muß. Burchard und Udalrich, die Söhne des Markgrafen, wurden, so heißt er weiter, der Witwe weggenommen und außer Landes verwiesen. Eigengüter und Lehensbesitz Burchards hätten jene Leute, die dafür verantwortlich waren, unter sich aufgeteilt. Auch der im Bericht als "hochedler und höchst geachteter" Graf (im Thurgau und nördlich des Bodensees) gepriesene Bruder des Markgrafen, Adalbert, verlor sein Leben im Zusammenhang mit der Affäre. Auf einen Wink des Konstanzer Bischofs Salomo III. und einiger anderer, die vielleicht schon an der Ausschaltung des Markgrafen Burchard beteiligt gewesen waren, sei er ermordet worden. Sogar Gisela, die Schwiegermutter Burchards des Jüngeren, die sich seinerzeit auf einer Pilgerreise nach Rom befand, entging dem schwäbischen Komplott gegen Burchards Familie nicht. Als sie aus der ewigen Stadt zurückkehrte, wurde sie festgenommen, in der Königspfalz Bodman am Bodensee (in palacio Potamico) vor Gericht gestellt und aufgrund falscher Zeugenaussagen des Hochverrats (publica dominacio) für schuldig befunden [22 Annales Alamannici (Codex Modoetiensios aus Verona) ad anno 911, ed. W. Lendi, Untersuchungen zur frühalemannischen Annalistik. Die Murbacher Annalen (Scrinium Friburgense 1), Freiburg/Schweiz 1971; Seite 188.]. Eine Kurzfassung des Berichts bieten die Annales Laubecanses, wo es zum Jahre 911 heißt: "Schon wieder Ungarn in Alemamnien, in Franzien und sogar jenseits des Rheins ..., und Graf Burchard wurde aufgrund eines ungerechtfertigten Urteils getötet, den Bruder Burchards aber, Graf Adalbert, ließ Bischof Salomo ermorden.
Was hat sich im Jahre 911 in Schwaben zugetragen, und wer waren die treibenden Kräfte des Geschehens? Der offenkundig wohlinformierte Chronist schildert ein weitgespanntes Mordkomplott, das auf die Ausschaltung der gesamten Familie Adalberts und Burchards, der führenden Magnaten im südlichen Alemannien, zielte. Allerdings gelang es den Drahtziehern, darunter der Konstanzer Bischof Salomo, nicht, ihr Ziel zu erreichen, denn sie konnten zwar des älteren Burchards und seines Bruders Adalbert habhaft werden, nicht aber der Söhne Burchards, die wohl außer Landes flohen und sich wahrscheinlich auf die italienischen Güter der Familie zurückzogen. Dazu paßt gut, daß Bischof Salomo III. als selbsternannter königlicher Statthalter in Schwaben sogar Gisela, der arglos von einer römischen Wallfahrt zurückkehrenden Schwiegermutter des jüngeren Burchard, den Prozeß machen ließ [24 Vgl. A. Borst, Die Pfalz Bodman, in: Bodman - Dorf, Kaiserpfalz, Adel, hg. von H. Berner; Sigmaringen 1977, Seite 169-230, hier Seite 210f. (Borst interpretiert "socrus" hier unzutreffend im Sinne von "Mutter").]. Auch die Tötung Burchards muß wohl im Zusammenhang mit einem Gerichtstermin geschehen werden, obwohl sich der Chronist in dieser Hinsicht weitgehend ausschweigt. Es bleibt daher im Dunkel, wohin der "Graf und Fürst der Alemannen", wie der Berichterstatter Burchard nennt, bestellt oder gelockt wurde, bzw. wohin er im Herbst jenen Jahres aus eigenem Antrieb zog. Burchard scheint nichts ahnend einer Einladung gefolgt zu sein, und erst im Verlauf der Versammlung, zu der er wohl nur mit kleinem Gefolge erschienen war, wendete sich die plötzlich gegen ihn.
Es erscheint zwar möglich, daß der sonst ganz unbekannte Anshelm, dem das "ungerechte Urteil" gegen Burchard und/oder dessen Tötung zugerechnet wird (der Wortlaut der Nachricht ist hier nicht ganz klar), ein alemannischer Graf oder Großer gewesen sein könnte. Der Name kommt sonst während des 10. Jahrhunderts öfters im Umkreis der Straßburger Bischöfe und schließlich bei den Nagoldgau-Grafen bzw. den älteren Pfalzgrafen von Tübingen vor. Es mag auch wohl sein, daß sich Auseinandersetzungen um die Lorscher Vogtei und Güter im Neckarland ergeben hatten, die der rätische Markgraf Burchard zu Lehen trug und  die später für den jüngeren Burchard eine wesentliche Rolle bei der Erlangung des schwäbischen Dukats gespielt zu haben scheinen. In diesem Fall wäre daran zu erinnern, daß der Reichenauer Abt und Mainzer Erzbischof Hatto (891-912/13), der zu jener Zeit an der Spitze der Reichsverwaltung stand und entscheidenden Einfluß auf die Wahl KONRADS I. zum König nahm, damals auch den Abbiat im Kloster Lorsch inne hatte. Doch spricht ein später noch zu analysierende Überlieferung eher dafür, in Anselm den (Mark-)Grafen von Verona/Friaul zu sehen, den König BERENGAR I. VON ITALIEN (888-924) im Verlauf des Rückzugs Kaiser ARNULFS aus Oberitalien im Jahre 896 anstelle des arnulf-treuen Markgrafen Waltfred einsetzte. Gesetzt diesen Fall, dürfte sich die Fehde oder der Gerichtstag im Herbst 911 außerhalb Alemanniens und Rätiens, wahrscheinlich im Gebiet von Verona angespielt und wenig mit der Geburts des schwäbischen Herzogtums zu tun gehabt haben (unten Seite 82,113).
Zu den politischen Rahmenbedingungen, unter die das Ringen der Magnaten um die Suprematie in Alemannien zu Beginn des 10. Jahrhunderts einzuordnen ist, gehörte wesentlich die beständig sich verschärfende Ungarnnot und der Thronwechsel des Jahres 911 im ostfränkischen (ebenso wie im hochburgundischen) Reich. Nachdem der für Alemannien zuständige Pfalzgraf Gozbert 910 im Kampf gegen die Ungarn gefallen war und König Ludwig IV. selbst am 24. September vermutlich des Jahres 911 in Regensburg aus diesem Leben schied, befand sich das Regnum Alemannorum in einer prekären Situation. Der beherzte Kommandant von 910, Pfalzgraf Gozbert, fiel aus, aber die Ungarnnot dauerte an. In den Jahren 911 und 912 sollen die Ungarn sogar weiter denn je nach Westen vorgedrungen sein.
Nicht nur die Alemannen, sondern auch die Franken jenseits des Rheins seien von den Reiterkriegern aus dem Osten heimgesucht worden. Daß sie in zwei aufeinander folgenden Jahren im Lande erschienen und reiche Beute gemacht haben sollen, zeigt auf, wie wenig Widerstand ihnen entgegengesetzt wurde - die Gefahr war alles andere als gebannt. Die mächtigsten und auch über weite Teile des Regnum begüterten Herren im Lande waren die Brüder Burchard und Adalbert. Burchards Amt als "Markgraf der Räter", Adalberts Position als Herr des großen Thurgaus mit der reichen Abtei St. Gallen, beider Brüder Grafschaften und Vogteien nördlich des Bodensees und in Innerschwaben - dies alles machte die beiden eigentlich zu aussichtsreichen Kandidaten für die Nachfolge des Grafen Gozbert in der Pfalzgrafenwürde. Hinzu kamen verwandtschaftliche Verschränkungen zwischen Burchards und Gozberts Familien und die Vormundschaft Adalberts über den in der Obhut des Klosters St. Gallen weilenden und wohl auch noch nicht mündigen Sohn Gozberts, Wolvine [30 O. P. Clavadetscher, Wolfinus Cozperti comitis filius. Eine neuentdeckte Quelle zur Geschichte des beginnenden 10. Jahrhunderts, in: Florilegium Sangallense. Festschrift für Johannes Duft zum 65. Geburtstag, hg. von Dems./H. Maurer/St. Sonderegger; St. Gallen/Sigmaringen 1980, Seite 149-163, hier Seite 155.]. So konnten die Brüder in den Jahren 910/11 zweifellos auf die Pfalzgrafenwürde hoffen, schon allein wegen den drohenden Ungarneinfällen dürfte eine Regelung der Nachfolge Gozberts von höchster Dringlichkeit gewesen sein - aber es kam, wie eingangs geschildert, ganz anders.
Leider ist der Ereignisrahmen, in dem die Tötung Burchards geschah, ebenso wie deren näherer Umstände wegen des Schweigens der Chronisten kaum noch zu rekonstruieren. Eines aber ist sicher: Wesentlichen Einfluß auf das Geschehen dürfte Bischof Salomo III. von Konstanz, Hofkapellan zuerst Kaiser ARNULFS und dann auch König Ludwigs, genommen haben. Als Ludwig nach langen Jahren der vormundschaftlichen Regierung selbst das Zepter zu führen begann, erlangte Salomo mit dem Amt des Kanzlers die Stellung des höchsten politischen Hofbeamten, die er jedoch de facto mit dem Mainzer Erzbischof und Reichenauer Abt Hatto teilen mußte. Von dieser Position aus versuchte Salomo in jenen Jahren, die Kontrolle über Schwaben in der Hand zu behalten zund womöglich weiter auszubauen.
Wie aus einer vor wenigen Jahren wieder aufgefundenen Urkunde hervorgehtr, dürften sich Ansprüche Burchards oder Adalberts auf die Nachfolge Gozberts im schwäbischen Pfalzgrafenamt bereits seit ca. 905/08 abgezeichnet haben, denn in der besagten Urkunde wurden unter der Ägide des Konstanzer Bischofs und St. Gallener Abtes Salomo umfangreiche Sonderregelungen für die Versorgung von Gozberts (damals wohl einzigen lebenden) Sohn Wolvine getroffen. Unter anderem überließ Altbischof Salomo dem Wolvine, der als Schüler und Geistlicher in das von Salomo geleitete Kloster St. Gallen eingetreten war, sogar das Stift St. Mangen in der unmittelbaren Nachbarschaft des Klosters, das der Bischof als eigene Grabkirche und Memoria gestiftet hatte, zum Nießbrauch. Es ging ihm dabei offenbar um die Neutralisierung Wolvines, des hauptsächlichen Erben Pfalzgraf Gozberts, im Kloster und um die Zerschlagung der in Salomos Augen fatal erscheinenden, verwandtschaftlich hintermauerten Allianz zwischen GOZBERTEN und BURKHARDEN, wie die Urkunde ebenfalls deutlich werden läßt. Denn bei den in der Urkunde protokollierten Rechtsgeschäften fungierte BurchardsBruder, der Thurgaugar Adalbert, als Vogt und Vormund des Wolvine, nachdem er schon zuvor bei einer Güterübertragung Gozberts an das Kloster Rheinau als dessen "consobrinus" (naher Verwandter) bezeichnet und ihm deshalb auch ein Vorkaufsrecht auf diese Güter eingeräumt worden war.
Um nochmals zusammenzufassen: Zunächst sorgte Bischof Salomo mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften für die Neutralisierung des Gozbert-Sohnes und natürlichen Erben des im Jahre 910 gefallen Pfalzgrafen, und dann schritt er mit Macht gegen die diesbezüglichen Ansprüche der mit diesem verwandtschaftlich verbundenen BURKHARDE ein.
Mit Rätien und dem Thurgau, der damals fast das gesamte linksrheinische Kerngebiet Alemanniens und die Kontrolle über die Alpenpässe umfaßte, sowie nicht wenigen Besitzungen nördlich des Bodensees und in Innerschwaben überschnitt sich die Einflußsphäre der Brüder Adalbert und Burchard nahezu vollständig mit der des Altbischofs, und es dürfte außer Zweifel stehen, daß diese damals die weitaus mächtigsten laikalen Herren in Alemannien und dem nähren Umkreis des Landes waren und daß es ihnen auch nicht am Willen mangelte, dies künftig zur Geltung zu bringen. Also paktierte Salomo mit den anderen einigermaßen aussichtsreichen Bewerbern um die Pfalzgrafenwürde, Bertold und Erchanger, bis ihm auch diese zu mächtig wurden. Ihr Ende ist bekannt: Im Jahre 917 wurden sie auf Betreiben König KONRADS im Benehmen mit der Kirche und Bischof Salomos, des mächtigsten Kirchenfürsten im Lande, hingerichtet.
Anders fallen demgegenüber die Nachrichten zum Jahre 911 in einer anderen hauptsächlichn Quelle unseres Wissens, in der ein gutes Jahrhundert später verfaßten Chronik Hermanns von Reichenau (+ 1054) aus. Herzog Burchard von Alemannien sei anläßlich eines von ihm veranstalteten "Landtags" im Tumult getötet worden, heißt es in dem Bericht; an seiner Stelle habe Erchanger den Dukat an sich gerissen (Burchardus dux Alamanniae in conventu suo orto tumulto occius est; pro quo Erchanger ducatum invasit). Hermann ordnete diese Nachricht unter dem vergleichweise ausführlichen Jahresblock seiner Chronik zu 911 ein, wo auch der Tod Ludwigs IV. des Kindes, des letzten karolingischen Königs im Ostfrankrenreich, gemeldet wird. Es liegt daher nahe, daß Hermann eine enge Verbindung zwischen den von ihm, zusammengestellten Ereignissen sah. Zweifelllos bilden diese in seiner Darstellung zumindest eine sinnvolle Abfolge. Doch gibt der im 11. Jahrhundert schreibende Chronist eine völlig andere Darstellung von der Geburt des Herzogtums als es die Annalisten ein rundes Jahrhundert zuvor getan hatten. Bereits im Jahre 911 hätte demnach Burchard als Fürst und Herzog in Schwaben geherrscht und wäre als solcher in der Lage gewesen, den schwäbischen Adel zu einem "Landtag" zusammenzurufen. Da aber die versammelten Großen keinen politischen Konsens erzielen konnten, sei es zu einem Tumult gekommen, in dem der Fürst den Tod gefunden habe. An Burchards Stelle riß, so Hermann, der schwäbische Magnat Erchanger den Dukat an sich.
Burchard aber, der besagt "Graf und Fürst der Alemannen", den Helmut Maurer als den ersten Herzog dieses Namenas zählt, fiel etwa zur selben Zeit, im Herbst jenes Jahres, mitsamt dem Grafen Adalbert, seinem Bruder, dem geschilderten Komplott zum Opfer - offenbar unter maßgeblicher Beteiligung des Konstanzer Bischofs Salomo - und wurde so doch wohl an der Beteiligung bzw. Einflußname bei der Wahl des Königs zu Forchheim gehindert. Wenn sich der Eintrag "Burghartus comes occius est" im Weißenburger Nekrolog zum 5. November tatsächlich auf den rätischen Markgrafen bezieht, würden Königswahl und gwaltsamer Tod des Burchard zeitlich sogar fast zusammenfallen, und es wäre dann zu überlegen, ob der Gewaltakt an dem Markgrafen an unbekanntem Ort möglicherweise mit dem Geschehen in Forchheim in Verbindung zu bringen ist. Soviel jedenfalls läßt sich aus den Quellen mit einiger Sicherheit entnehmen, und dazu paßt auch, wenn des weiteren zu hören ist, des Markgrafen Söhne Burchard der Jüngere und Ulrich seien außer Landes geflohen und Burchards Schwiegermutter sei in der Pfalz zu Bodman wegen Hochverrats vor Gericht gestellt worden.
In der politischen Krisensituation der Thronvakanz im Herbst 911 scheint sich ein Großteil des alemannischen Adels noch dem legitistisch im Sinne des Königtums agierenden Bischof Salomo angeschlossen und so die Überrumpelung Burchards ermöglicht zu haben. Es ist mit großer Sicherheit anzunehmen, daß sich darunter Erchanger und Bertold befanden, die selbst nach der Pfalzgrafschaft und der Vorherrschaft im Lande strebten.
Ähnlich dürfte Burchard der Ältere wegen der (sicher noch von ihm arrangierten) Heirat Burchards und Reginlinds um das Jahr 911 stark in die oberitalienischen Auseinandersetzungen hineingezogen worden sein, wenn er dies nicht durch seine markgräfliche Funktion an der Nahtstelle zwischen Alemannien/Rätien und dem italienischen Reich schon vorher war. Die Heimführung einer nahen Verwandten des italienischen Königs BERENGAR mag sogar in seinem eigenen politischen Kalkül gelegen haben und nicht zuletzt im Blick auf eine mögliche Nachfolge auf dem Thron des KAROLINGERS Ludwig IV. (+ 911) angestrebt worden sein. Möglicherweise gedachte Burchard der Ältere aber auch nach der heiß umkämpften italienischen Krone zu greifen, wie es dann später sein Schwiegersohn Rudolf tat.
Zumindest von den Umständen des bislang überaus rätselhaften Todes Burchards des Älteren läßt sich angesichts der Erkenntnisse über seine nach Italien und auf Verona/Friaul ausgerichtete Heiratspolitik ein schärfer konturiertes Bilde gewinnen. Vielleicht war es genau dieses politisch hochbrisante Ehe-Arrangement, das zur Opposition gegen den Markgrafen und schließlich zu dessen Ermordung durch die Hand eines (Grafen) Anselm führten. Denn zweifellos handelte es sich bei dem Kontrahenten oder Mörder Burchards im Jahre 911 um diesen Vasallen BERENGARS I., den der italienische König an die Stelle des abtrünnigen, 896 im belagerten Verona verstorbenen (Mark-)Grafen Waltfred gesetzt hatte. Graf Anselm verband mit seinem Herrn König BERENGAR und dessen erster Gemahlin Bertilla eine Compaternitas (Patenschaft, geistliche Verwandtschaft), und er war, wie gesagt, unter Mißachtung der Erbansprüche von Waltfreds Nachkommen in Verona eingesetzt worden, wo er bis 912/13 seines Amtes waltete.
Politischer Hintergrund der Bluttat vom Jahre 911 war somit auch die anstehende Nachfolgeregelung in der Veroneser (Mark-)Grafschaft, bei welcher die BURCHARDE wegen Reginlind, der Tochter Graf Waltfreds und Giselas, zumindest mitzureden hatten (und um die es vielleicht, um das noch in Klammer anzufügen, einige Zeit später auch Herzog Burchard I. bei seinem Italienzug im Bündnis mit König Rudolf 926 unter anderem ging). Deshalb erscheint die Vermutung plausibel, Burchard der Ältere sei im Spätherbst 911 mit einschlägigen Versprechungen zu einem Hoftag König BERENGARS oder zu einem Placitum (Gerichtsversammlung) in Verona gelockt und dort im Streit mit Graf Anselm um seine italienischen Ansprüche umgekommen. Dazu paßt die Nachricht von einer Wallfahrt nach Rom, die Gisela, des Ermordeten Schwägerin, offenbar unter dem Eindruck dieser familiären Katastrophe in eben jenen Tagen unternahm.
Die erwähnten Einträge im Reichenauer und im jüngeren St. Galler Verbrüderungsbuch gewähren noch weiteren Einblick in das nährer verwandtschaftliche Umfeld von Herzog Burchards Familie. In der Reichenauer Namsngruppe folgt Gisela erst an vierter Stellle nach dem Paar Burchard/Reginlind. Vor ihr rangieren noch Liutgard, eine ebenfalls durch Majuskeln hervorgehobene Dame, die demnach - so steht zu vermuten - der UNRUOCHINGERIN Gisela im Familiengefüge an Rang sicher nicht nachstand und wohl dem Zweig Burchards zuzurechnen ist. In Liutgard könnte die Muttwer des jüngeren Burchard, die das Mordkomplott im Jahre 911 ebenfalls überlebte, oder eine Tante bzw. Schwester desselben zu erblicken sein. Nun ist der Name der Mutter Herzog Burchards I. in den Nachrichten aus der Zeit nicht bezeugt, doch blieb in der späteren Überlieferung des schwäbischen Klosters Neresheim eine nekrologische Notiz erhalten, die unter anderen Familienangehörigen des hl. Bischofs Ulrich von Augsburg (923-973) eine Liutgardis ducissa Sueviae erwähnt. Diese "Liutgard, Herzogin von Schwaben" in der Familie des berühmten Augsburger Bischofs bietet den Ansatzpunkt zu einer Bemerkung hinsichtlich der altbekannten, in der Literatur immer wieder zu Recht betonten engen Verwandtschaft zwischen den BURCHARDEN und der Familie des hl. Ulrich.
In der "Vorrunde" des Ringens um die Aufrichtung eines Fürstentums in Schwaben, die Burchard der Ältere eingeläutet hat und in deren Verlauf er wohl in Italien unterging, stand dem rätischen Markgrafen noch andere Optionen offen, vor allem in Italien, und es ist in meinen Augen stark zu bezweifeln, daß es im Jahre 911 überhaupt vorrangig um die Vorherrschaft in Schwaben ging. So gehört Burchard der Ältere zwar ins Vorfeld der Geschichte des Herzogtums, aber als erster Herzog der Schwaben ist er gewiß nicht zu betrachten.
Seit dem Ende Kaiser KARLS III. im Spätherbst 887 hatten die rätisch-südalemannischen Grafen mit ihren in das Regnum Italiae ausgreifenden Bindungen und Besitzungen eine Zurücksetzung nach der anderen hinnehmen müssen, verursacht durch die unklaren und umstrittenen Herrschaftsverhältnisse beidseits der Alpen und Alpengebiet selbst. Die "neuen Könige" BERENGAR I. VON ITALIEN und Rudolf I. von Hoch-Burgund, die infolge der Entmachtung Kaiser KARLS (876-887) durch seinen Neffen ARNULF (887-900, Kaiser 896) hochgekommen waren, drängten von allen Seiten auf das Gebiet dees späteren Herzogtums ein und versuchten Teile davon ihren Reichen einzuverleiben. Die BURCHARDE mußten in der Tat befürchten, zwischen diesen Mächten zerrieben zu werden. So stellte sich die Lage nicht nur in den Augen des älteren, sondern auch des jüngeren Burchard dar, der bezeichnenderwesie ebenso wie sein Vater in Italien zu Tode kam - bezeichnend deshalb, weil beider BURCHARDE gewaltsames Ende ein und denselben Grund hatte: ihr Streben nach einem alpenübergreifenden Fürstentum, das die Machtsphäre von drei Königen berührte.