Borgolte Michael: Seite 85-87
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"Die Grafen Alemanniens"

BURCHARD
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(Westen der Bertoldsbaar 889, + 911)

Belege mit comes-Titel:
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W II Nr. 673, UB St. Gallen Süd I Nr. 51, D LdK Nr. 20 (= W II Nr. 726, auch mit marchio-Titel), W II Nr. 729, BU I Nr. 86 (= CL I Nr. 59), DD LdK Nrn. 45 (= W II Nr. 748), 65 (= W II Nr. 755), Lendi, Untersuchungen 188f. (Annales Alamannici, Cod. Modoctiensis ad a. 911, Annales Laubacenses ad a. 911), ? D LdK Nr. 82

Belege ohne comes-Titel:
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D Arn Nr. 111 (= W II Nr. 688), D LdK Nr. 38 (= W II Nr. 741, mit marchio-Titel), W II Nr. 761 (= ThUB 1 Nr. 163, UB St. Gallen Süd I Nr. 58, BU I Nr. 89, mit dux-Titel), Herimanni Augiensis Chronicon 112 ad a. 911 (mit dux-Titel), Bernoldi Chronicon 422 ad a. 911 (mit dux-Titel), Annales Colonienses 98 ad a. 911, ? W II Nr. 709 (mit praeses-Titel), ? DD LdK Nrn. 23, 44, ? Codice Necrologico-Liturgico Brescia 62 (fol. 34v), ? Mooyer, Nekrologium Weißenburg 38 ad 5.11.

Literatur:
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Stälin, Geschichte 1 330 - Baumann, Gaugrafschaften 13, 156 - Dümmler, Ostfrk. Reich III 569f. - Baumann, Erchanger und Berchtold 262f. - Zeller, Salomo III. 82-87 - Tellenbach, Königtum und Stämme 52 Nr. 29c - Meyer-Marthaler, Rätien 73 mit A. 190,76,78,87 mit A. 224 - Jänichen, Baar und Huntari, Tafel: "Die Grafen der Baaren" im Anhang - Schulze, Grafschaftsverfassung 123,140,330 mit A. 145 - Zotz, Breisgau 64f.,75f. - Bilgeri, Geschichte Vorarlbergs I 91f. - Borst, Pfalz Bodman 208, 210f. - Goetz, "Dux" und "Ducatus" 17,307,327f. - Maurer, Herzog von Schwaben 30,36,48,129f. u.ö. - Brunner, Oppositionelle Gruppen 168 - Borgolte, Das Königtum am oberen Neckar 72 - Ders., Geschichte der Grafschaften Alemanniens, s.v. - Rappmann, Die älteren necrologischen Aufzeichnungen

Im zweiten Jahr König ARNULFS (889) fand nach einer St. Galler Notitia ein placitum in pago, qui dicitur Para, in uilla nuncupata Durroheim, coram Burghardo comite, filio Adalberti illustris, statt, bei dem die Rechte an der Kirche von Löffingen geklärt wurden (W II Nr. 673). Nach dem Wortlaut der Urkunde zu schließen, hat Burchard Grafschaftsrechte über (Bad) Dürrheim und Löffingen ausgeübt; er kann so als Amtswalter im Westen der Bertoldsbaar bestimmt werden (zum Comitat s. Borgolte, Geschichte der Grafschaften Alemanniens 157). Burchards Vater, Adalbert (II) "der Erlauchte", ist in der näheren Umgebung der beiden Ortschaften noch im Juni 889 (D Arn Nr. 48) als Graf bezeugt; es könnte sein, dass Adalbert neben dem Comitat im Osten der Bertoldsbaar zeitweise auch die Grafschaft im Westen verwaltet hat. Da er im Thurgau noch einige Zeit später, vielleicht bis ins Jahr 893, belegt ist, könnte Burchard Adalberts Aufgaben im Westen der Bertoldsbaar schon zu dessen Lebzeiten übernommen haben. Neben W II Nr. 673 ist kein weiteres Zeugnis für Burchard in der Baar erhalten geblieben; zu Unrecht haben deshalb Jänichen und Schulze die Amtsführung mit 889 und 901 bzw. 889 und 893 begrenzt (Jänichen, Tafel; Schulze 123, wohl nach Meyer-Marthaler 76, vgl. aber Baumann, Gaugrafschaften 156, Stälin 330). Vielleicht war allerdings der Spitzenzeuge Purchart preses in einer St. Galter Urkunde von ?897 (W II1 Nr. 709), die sich auf ein Rechtsgeschäft im Thurgau und im Linzgau bezieht, mit Burchard identisch (zum Titel s. Artt. Gozbert I, Otwin, Pirihtilo).
Im Thurgau folgte Adalbert (III) auf Adalbert (II) "den Erlauchten". Der naheliegende Schluß, dass der jüngere Adalbert daher ein Bruder Burchards gewesen ist, wird durch eine Nachricht der Annales Alainannici, Codex Modoetiensis, zum Jahr 911 bestätigt (Lendi 188): Purgbart comes et princeps Alamannorum iniusto iudicie ab Anshelmo censura inequitatis occisus omnibus viduv illius addemptis filiisque ipsius Purchardo et Vodalricho extra patrtam eiectis prediumque atque beneficium eius inter illos distribuerunt. Frater vera ipsius Adalbertus nobilisstmus atque iustissimus comes nutu episcopi Salomonis et quorundam aliorum interemptus est. Die Nachricht, dass der Graf Burchard und sein Bruder Adalbert 911 getötet wurden, findet sich in kürzerer Fassung auch in den Annales Laubacenses.
Aus der Perspektive des 11. Jahrhunderts hielt Hermann der Lahme das Schicksal Burchards mit etwas anderen Worten fest: Burchardus dux Alamanniae in conventu suo, orto tumultu, occisus est; pro quo Erchanger ducatum invasit (vgl. Bernoldi Chronicon, Annales Colonienses). Der Reichenauer Chronist sah also Burchard als dux von Alemannien, den Dukat als tradierbare Größe an. Unter dem Einfluß Hermanns und nach analogen Vorgängen in anderen Stammesgebieten des Ostfränkischen Reiches faßt die Forschung die Ereignisse von 911 als Scheitern eines ersten Versuches auf, in Alemannien das sogenannte jüngere Herzogtum zu errichten (zuletzt Maurer 36, Brunner, Goetz 17, Borst 210f., Bilgeri, Meyer-Marthaler 87; Borgolte, Geschichte der Grafschaften Alemanniens 205 f.).
Der Todestag Burchards ist nicht sicher bezeugt; ein Reichenauer Necrologeintrag vom 23. November (Necrologium Augiae Divitis 281), den man seit Dümmler (570 A. 1) auf Burchard bezogen hat, kann nach Forschungen Rappmanns Burchard nicht betreffen. Rappmann (vgl. Dümmler, loc. cit.) weist statt dessen auf den Eintrag des Weißenburger Necrologs zum 5.11.: Burghartus comes occius est hin (Mooyer).
Zwischen 889 und 911 wird durch einige Königsdiplome und "Privaturkunden" ein marchio bzw. comes Burchard von Rätien bezeugt (DD LdK Nrn. 20,38, danach W II Nr. 761, D LdK Nr. 65; ferner die neuzeitliche Fälschung UB St. Gallen Süd I Nr. 51); dieser fungierte offenbar auch als Vogt für die alemannisch-rätischen Besitzungen des mittelrheinischen Klosters Lorsch (BU I Nr. 86; dazu Zotz). Burchard steht in Intervenientengruppen wiederholt neben Graf Adalbert, den wir mit dem damaligen Amtswalter im Thurgau gleichsetzen können (DD LdK Nrn. 20, 65; Adalbert (III). Da es auch einen Purchart marchio Thuringionum und einen Purchart filius Vualahonis gab (D LdK Nr. 20, vgl. weitere Nachweise von Kehr ebd. S. 302), ist bei anderen Diplomen mit Intervenienten (oder Zeugen) desselben Namens die Identifikation mit dem rätischen Magnaten problematisch (DD LdK Nrn. 23,44, das Falsifikat Nr. 82; vgl. Goetz 327 f. mit dem wohl unzutreffenden Hinweis auf D LdK Nr. 13; Borst 208). Dagegen dürfte der Bezug auf alemannische bzw. rätische Angelegenheiten bei weiteren Urkunden sicherstellen, dass mit einem primas regni (D Arn Nr. 111, dazu Schulze 330 mit A. 145) oder comes Burchard (W 11 Nr. 729; D LdK Nr. 45 mit Rottweil als Actumort: Purucharius dilectus comes noster) Burchard von Rätien gemeint war.
Der rätische Markgraf wird übereinstimmend mit dem Grafen in der Baar und Prätendenten der alemannischen "Herzogswürde" gleichgesetzt (zuletzt Maurer, Goetz, Borst, Bilgeri). Für diese Annahme sprechen die häufige Nachbarschaft Adalberts (III) in Intervenienten- und Zeugenreihen und die Beobachtung einer alemannisch-rätischen Doppelstellung auch bei BurchardsVorgänger Rudolf (I, II). Allerdings ist ungeklärt, wie Burchard zu seinem Amt in Rätien gelangen konnte. Rudolf (I, II), Graf im Zürichgau und dux Retianorum, gilt nach Forschungen Tellenbachs nicht mehr als Onkel Burchards (so noch Meyer-Marthaler 76), sondern als Angehöriger des WELFEN-Geschlechtes. Andererseits konnte die weithin angenommene Filiation Adalberts (II) "des Erlauchten" und seiner Nachkommen von Hunfrid von Rätien, einem Zeitgenossen KARLS DES GROSSEN, nicht erwiesen werden. Dass in der Umgebung Hunfrids mit Adalbert und Udalrich dieselben Namen wie in der Genealogie Adalberts (II) auftauchen (vgl. Borgolte, Geschichte der Grafschaften Alemanniens, Exkurs, bes. 228), dürfte für die Rekonstruktion eines HUNFRIDINGER-Geschlechts kaum ausreichen (bereits Schmid, Familie, Sippe und Geschlecht 8). Im Liber vitae von Brescia (Codice Necrologico-Liturgico Brescia 62) sind in einer Namengruppe, an deren Spitze wohl Adalbert (II) und Udalrich (V) stehen, ein weiterer Adelbertus und ein Burchardus aufgeführt. Damit könnten die Söhne Adalberts "des Erlauchten", also Burchard und Adalbert (III), gemeint gewesen sein.