SAVOYEN
 

STAMMTAFELN ZUR GESCHICHTE DER EUROPÄISCHEN STAATEN BAND II Tafel 110-113
 

Lexikon des Mittelalters: Band VII Seite 1415
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Savoyen (frz. Savoi, it. Savoia)
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Grafschaft (später Herzogtum)im Westalpenrand und Jura (SO-Frankreich), umfaßte auch die großen Westalpenpässe und weiträumige Gebiete, unter anderem in der heutigen Westschweiz (Wallis, Genf, Pays de Vaud/Waadtland) und im westlichen Oberitalien

I. DIE BEGRÜNDUNG DES FÜRSTENTUMS IM 11.-12. JAHRHUNDERT

[1] Die Anfänge unter den burgundischen Rudolfingern und den Saliern
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Die Grafen von Savoyen nahmen im frühen 11. Jh. als bedeutendes Fürstenhaus die politisch-administrative Organisation des Landes in Angriff, ein Prozeß, der erst im frühen 15. Jh. seinen Abschluß fand. Unter Umgehung unsicherer Herkunftstheorien muß Humbert I. 'Weißhand' (belegt 1003-1048) als Begründer des regierenden Hauses SAVOYEN gelten. Humbert I. sowie seine Söhne Amadeus I. und Odo und seine Enkel Peter I. und Amadeus II. haben zwischen 1010 und 1080 die Grundlagen des Fürstentums geschaffen. Der Familie wurde von Rudolf III., König von Burgund, der Besitz einer Reihe von Komitaten übertragen bzw. bestätigt (Grafschaften Savoyen, Belley, Aosta, Sermorena, Viennois [Vienne] und Chablais). Auch die Könige und Kaiser (aus dem Hause der SALIER), die seit 1032 das Königreich Burgund beherrschten, führten diese Politik weiter; hierdurch konnten die SAVOYER die Grafschaft Maurienne ihrer Herrschaft unterstellten und sich ihre Rechte in Terentaise, Novalesa, Bugey und Valromey bestätigen lassen. Ihre Politik des Territorialaufbaus wurde vervollständigt durch enge Beziehungen zu den Bischöfen der Region, die zumeist Verwandte waren, und durch Heiratsverbindungen, die den SAVOYERN ein Ausgreifen ins Wallis und ins Tal von Susa ermöglichten.

[2] Investiturstreit und Staufer-Zeit
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Die Wandlungen in den Grundlinien der kaiserlichen Politik, die Auswirkungen der Gregorianischen Reform und des Investiturstreites sowie die rasche Ausbildung des Feudalwesens nötigten die Grafen, ihre politische Orientierung im 12. Jh. zu ändern. Humbert II. (1080-1103) trieb den Aufbau einer Art von "feudaler Monarchie" voran, gestützt auf die Vasallität der in allen größeren Talschaften eingesetzten Vicecomites und auf die großen Adligen, die in den einzelnen 'terrae' des Fürstentums die Herrschaft über Land und Leute ausübten. Auch schloß Humbert Bündnisse mit den großen geistlichen Grundherren, insbesondere der Abtei S. Michele della Chiusa.
Graf Amadeus III. (1103-1148), der zumeist die Unterstützung der Bischöfe genoß, förderte kraftvoll Klostergründungen wie Abondance (Chablais), St-Sulpice (Bugey) und Arvieres (Valmeroy). Er erwarb anstelle des Laienabbiates in St-Maurice d'Agaune, das er 1128 aufgab, die Vogteirechte an dieser vornehmsten burgundischen Abtei; mit der Gründung der Abtei Hautecombe schuf er sich als Ausgleich ein neues Hauskloster. Die von Amadeus geförderten Abteien bildeten zum einen wichtige Fixpunkte des savoyischen Territorialerwerbs, zum anderen waren sie Ausdruck der persönlichen Frömmigkeit des Fürsten.
Amadeus wandte sich auch verstärkt der Errichtung bzw. dem Ausbau von Burgen an strategisch wichtigen Punkten zu (Avigliana am Eingang des Tals von Susa, Stützpunkt für das Ausgreifen nach Turin; Montmelian, seit 1142 Bastion gegen den Vorstoß des Dauphin vom Graisivaudan aus; Pierre-Chatel am Rhoneübergang, zur Kontrolle der großen Handelsroute vom Mittelmeerraum über die Poebene ins Saonetal und zu den Champagnemessen). Auch vollzog der Graf einen Bündniswechsel, nämlich einerseits durch die Heirat seiner Schwester Adelaide mit Ludwig VI., König von Frankreich (1115), andererseits durch den Eintritt der Herren von Beaujolais in die Vasallität des SAVOYERS, der so den Einfluß der großen Adelsfamilien Thoire und Villars in Bresse und Bugey, in der Übergangszone zwischen savoyischen und burgundischen Machtbereich, zurückdrängte. Der weniger bedeutende Nachfolger Humbert III. näherte Savoyen noch stärker dem Papsttum an und plante eine Allianz mit den PLANTAGENET, doch geriet er in Konflikt mit FRIEDRICH BARBAROSSA und dem heiligen Anthelmus, dem einflußreichen Kartäuserbischof von Belley (1163-1178). Eine militärische Initiative gegen HEINRICH VI. mißlang.

II. DER TERRITORIALSTAAT DES 13.-15. JAHRHUNDERTS

[1] Der Aufbau
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Nach dem Tode des wenig erfolgreichen Humbert III. (1189), der ohne Erben verstorben war, hielten die großen Lehnsadligen (Miolans, Vilette, Briancon, La Chambre) einen politischen Wechsel für dringend geboten. Diesen vollzog Thomas I. (1189-1233) mit seiner  weitsichtigen Politik, die für die nachfolgenden Grafen des 13. und 14. Jh. in den Grundzügen verbindlich bleiben sollte. Sie zielte auf die Errichtung eines mächtigen alpinen Territorialstaates ab, der sich im Raum des Königreiches Burgund entfalten sollte, aber auch bereits das Ausgreifen in den piemontesischen Bereich einschloß. Die Verwirklichung dieser politischen Konzeption stieß auf Widerstand der Bischöfe, die zum Teil schon von Rudolf III. eigene Komitatsrechte empfangen hatten (Tarentaise, Sitten, Lausanne) und als geistliche Reichsfürsten unter FRIEDRICH BARBAROSSA im unmittelbare Lehnsbeziehungen zum Imperium eingetreten waren (Genf, Belley, Maurienne), ebenso auf die Konkurrenz der großen Laienadligen, die als eigenständige Allodialherren und unter Ausnutzung der oft ungeklärten Besitzverhältnisse im Markengebiet zwischen Dauphine und der Grafschaft Burgund eigene Fürstentümer zu errichten trachteten (Grafen von Genf, Herren von Faucigny, Herren von Thoire-Villars). Die aufstrebenden Städte und großen Talschaften (in Wallis, Chablais, Faucigny, Tarentaise, Maurienne und Bugey) bemühten sich nachdrücklich um Privilegierungen und Selbstverwaltungsrechte. Gespannt, oft feindselig waren die Beziehungen der SAVOYER zu den Nachbarmächten (Dauphin des Viennois und Markgraf von Montferrat, später dann HABSBURGER und VISCONTI). Die Expansion des Königs von Frankreich in den Rhone- und Westalpenraum (Einflußnahme auf die Provence seit Ludwig dem Heiligen durch die kapetingische Seitenlinie der ANJOU, auf Grafschaft Burgund und Lyon seit Philipp dem Schönen) wurde von ca. 1290 an als beunruhigender Störfaktor des savoyischen Territorialpolitik empfunden.



Ugoberto Alfassio Grimaldi: Seite 256
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"Das Haus Savoyen" in "Die großen Dynastien"

Bis zum 2. Weltkrieg wurde der italienische Geschichtsunterricht um die regierenden Herrscherhäuser herumgruppiert. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so wüßte man nur wenig über das Haus SAVOYEN vor der Zeit Amadeus' VIII. Diesem hatte Kaiser SIGISMUND im Jahre 1416 die Herzogswürde verleihen. Dem neuernannten Herzog gelang es, alle verstreut liegenden Besitzungen seiner weitverzweigten Familie zu einem Staat zusammenzuschließen, dem er dann seine Verfassung, die "Generalstatuten", verleih.
Im Mittelalter hatten die Herrscher dieser Dynastie noch keine große Bedeutung - es waren kluge, aber keineswegs überragende Persönlichkeiten. Mit ihrer Geschichte befaßte sich eine Reihe emsiger Hagiographen, die sogar erfinderisch waren. "Sabaudia" - den ursprünglichen Namen für "Savoyen", der sich zuerst bei Ammian Marcellinus, dem römischen Geschichtsschreiber des 4. Jahrhunderts, findet - von "salva via" abzuleiten. Damit wollten sie darauf hinweisen, dass den Fürsten dieses Hauses die Rettung der Seelen ihrer Untertanen oblag. Sie wußten ferner davon zu berichten, dass der erste Graf, Humbert, ein Feudalherr aus Burgund, den es im 11. Jahrhundert nach Italien verschlagen hatte, deshalb "Biancamano", das heißt "Weißhand", genannt wurde, weil seine Hände weiß wie Lilien waren. KONRAD II., der SALIER, hatte ihm die Grafschaft vermacht. Humberts Ländereien erstreckten sich über die Westalpen; damit hatte er die Kontrolle über die Bergpässe - gerade zur Zeit der kaiserlichen Invasionen in Italien war dies eine echte Schlüsselposition. Sie erlaubte es dem Inhaber dieser Position, mit den Expansionsgelüsten zweier Seiten zu jonglieren: Burgundische Interessen richteten sich auf Frankreich, und von der Poebene her wollte man nach Italien eindringen. Die Grafen von Savoyen ließen sich keine Gelegenheit entgehen, ihr Gebiet zu erweitern. Sie schlossen wechselnde Bündnisse, wobei sie dem Grundsatz treu blieben, sich selbst aus Kriegen herauszuhalten - denn dazu waren sie zu schwach -, aber von den Kriegen der anderen zu profitieren. Dabei achteten sie darauf, sich niemals unwiderruflich auf der einen oder der anderen Seite zu engagieren. Dieselben Grundsätze befolgten sie bei den internen Auseinandersetzungen zwischen der Haupt- und den Nebenlinien ihrer Familie sowie bei Konflikten zwischen der Dynastie und ihren Vasallen.
Anfangs waren die französischsprechenden transalpinen Gebiete in der Überzahl (auf piemontesischer Seite standen die mächtigen Markgrafschaften Montferrat und Saluzzo sowie die Grafschaft Asti, die im Besitz der Familie ORLEANS war, der savoyischen Expansion im Wege); das Herzogtum war in Wirklichkeit ein Vasall Frankreichs. Allerdings gab es auch Zeiten relativer Unabhängigkeit, zum Beispiel wenn die Nachbarmacht gerade von inneren Krisen geschüttelt wurde oder in einen Krieg verwickelt war. Das Herzogtum Savoyen war eine Bergregion und somit ein wirtschaftlich armes Gebiet.
Zu den Herrschern von Savoyen, die die expansionistische Politik der Dynastie lancierten, gehörte Oddone, der Sohn Humberts. Seine Gemahlin, Adelheid von Susa, hatte als Teil ihrer Mitgift die Grafschaft Turin in die Ehe eingebracht. Amadeus VI. (1343-1383) (nach der Farbe des Rockes, den er bei Turnieren zu tragen pflegte, der "Grüne Graf" genannt), schloß zunächst ein Bündnis mit den VISCONTI von Mailand, mit dem Ziel, die ANGIOVINER aus Piemont zu vertreiben, um sich danach selbst einige der VISCONTI-Städte anzueignen. Dies waren die ersten Anzeichen für eine Neutralitätspolitik gegenüber dem Gebiet der Poebene. Amadeus VI. wurde später beim Vertrag von Turin 1381 zwischen Genua und Venedig zum Vermittler bestellt - dies bedeutete einen beträchtlichen Zuwachs an Prestige für Savoyen. Amadeus VII., der Rote Graf (1383-1391), gehörte  ebenfalls zu dieser Gruppe der "Expansionisten": Er erhielt die Grafschaft Nizza und damit einen Zugang zum Meer.
1434 zog sich Amadeus VIII. (1391-1440) zurück, um als Eremit zu leben und später einmal Gegenpapst zu werden (unter dem Namen Felix V., Konzil von Basel 1439). Diese ungeahnte Mischung von religiösem Mystizismus und dem skrupellosesten Materialismus und Nützlichkeitsdenken ist nichts Ungewöhnliches für das Haus SAVOYEN. Die Abdankung Amadeus' führte das zwischen zwei mächtige Staaten eingezwängte Herzogtum in eine andauernde Krise. Viele Jahre lang übten seine unmittelbaren Nachbarn Frankreich und  Mailand - mittlerweile ein spanisches Herrschaftsgebiet -, einen doppelten Druck bzw. auch eine Anziehung auf das kleine Herzogtum aus. Damit lassen sich die Unsicherheit und die Schwankungen in seiner Politik erklären.
Auf Amadeus VIII. folgte Ludovico (1440-1465). Er war für diese Position nicht geeignet und stand ganz unter dem Einfluß seiner Frau Anna, der Tochter des Königs von Zypern, Jerusalem und Armenien. Sie war eine zauberhaft schöne, ehrgeizige und intrigante Frau, die sich aufs Zwietrachtsäen verstand. Es war Anna, die Mutter von 16 Kindern, die das Heilige Grabtuch nach Savoyen brachte, jenes Tuch, in das, der Überlieferung zufolge, Christus nach der Kreuzabnahme gewickelt worden war: Für Savoyen war der Besitz dieser Reliquie ein weiterer Prestigegewinn.
Gleich nach dem Ende des Hundertjährigen Krieges besetzte Frankreich Savoyen, die Alpenpässe und die wichtigsten Ortschaften des Herzogtums. Zu jener Zeit war der kraftlose Karl III., der Gute, Herzog von Savoyen. Sein größter Wunsch war es, in Frieden zu regieren. Er bildete sich ein, er könnte als Schwager Kaiser KARLS V. und Onkel Franz'I., des Königs von Frankreich, diese seine beiden verfeindeten Verwandten miteinander versöhnen. Im Endeffekt wurde er zwischen den beiden Mühlsteinen zerrieben und allen möglichen Demütigungen ausgesetzt.
 
Humbert I. Weißhand 1000-1048 
Amadeus I. Schwanz  1048-1051 
Oddo  1051-1059 
Peter I.  1059-1078 
Amadeus II.  1078-1080 
Humbert II. der Dicke  1080-1103 
Amadeus III.  1103-1148 
Humbert III. der Selige  1148-1189 
Thomas I.  1189-1233 
Amadeus IV.  1233-1253 
Bonifaz  1253-1263 
Peter II.  1263-1268 
Philipp I.  1268-1285 
Amadeus V. der Große  1285-1323 
Eduard der Freigiebige  1323-1329 
Haymon der Friedfertige  1329-1343 
Amadeus VI. der Grüne Graf  1343-1383 
Amadeus VII. der Rote Graf  1383-1391 
Amadeus VIII.   1391-1416/40 
Ludwig I.  1440-1465 
Amadeus IX. der Selige  1465-1472 
Philbert I. der Jäger 1472-1482 
Karl I. der Kämpfer  1482-1490 
Karl II. Johann Amadeus  1490-1496 
Philipp II. von Bresse  1496-1497 
Philibert II. der Schöne  1497-1504 
Karl III. der Gute  1504-1553 
Emanuel Philibert  1553-1580 
Karl Emanuel I. der Große  1580-1630 
Viktor Amadeus I. 1630-1637 
Franz Hyazinth  1637-1638 
Karl Emanuel II.  1638-1675 
Viktor Amadeus II.  1675-1730 
Karl Emanuel III.  1730-1773 
Viktor Amadeus III.  1773-1796 
Karl Emanuel IV.  1796-1802 
Viktor Emanuel I.  1802-1821 
Karl Felix  1821-1831 
Karl Albert  1831-1849 
Viktor Emanuel II.  1849-1878 
Umberto I.  1878-1900 
Viktor Emanuel III.  1900-1946 
Umberto II.  1946