Winkelmann Eduard: Seite 398-408
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"Kaiser Friedrich II."

Im Nordwesten war wieder Graf Wilhelm von Holland der Unruhestifter. Vom Kreuzzuge heimgekehrt und durch den Tod des Grafen Ludwig von Looz von einem gefährlichen Nebenbuhler um den Besitz Hollands befreit, versuchte er sofort, die Gräfin Johanna von Flandern, deren Gemahl Ferrand noch immer zu Paris im Kerker schmachtete, um ihre Hoheitsrechte über seinen Anteil an W-Seeland zu bringen. Wilhelm erwirkte auf dem großen Reichstage zu Frankfurt im April 1220 einen Rechtsspruch, durch welchen Johanna, wahrscheinlich weil bisher noch nicht beim Könige nachgesucht hatte, ihres Reichslehens verlustig erklärt und dieses ihm selbst verliehen wurde. Die Lage Johannas war eine recht gefährliche. Von der Feindschaft ihres verhassten Schwagers Burkhard von Avesnes hatte sie augenblicklich allerdings nichts zu fürchten, da derselbe vor kurzem von ihren Leuten gefangen und sein Bruder Guido bei derselben Gelegenheit getötet worden war. Höchst bedenklich war es dagegen für die Gräfin, dass Wilhelm von Holland, welcher in Frankfurt mit dem Herzog Heinrich von Brabant zusammengetroffen war, obwohl er selbst schon in ziemlich hohen Jahren stand, dessen Tochter Maria, die junge und schöne Witwe Kaiser OTTOS IV., sich zur Gattin gewann und somit mindestens auf das Gewähren lassen des BRABANTERS zählen durfte, wenn er den Kampf mit Flandern beginnen sollte.
Man konnte nicht umhin, die Geschicklichkeit und die Festigkeit zu bewundern, mit welcher die alleinstehende Gräfin von Flandern den sie von allen Seiten bedrohenden Gefahren die Spitze bot. Dadurch, dass sie sich mit ihrer Schwester Margarethe versöhnte, bekam sie auch die Kinder aus deren ungültig erklärter Ehe mit Burkhard von Avesnes in ihre Gewalt. Den Herzog Walram von Limburg, welcher die Ansprüche seiner Gemahlin Erminsind von Luxemburg auf Namur verfocht, fand Johanna, im Einverständnis mit ihrem Vetter Philipp II. von Namur, am 13. März 1223 mit dem östlich von der Maas gelegenen Teil der Markgrafschaft ab. Sie hörte endlich nicht auf, auf die Befreiung ihres Gatten aus der französischen Gefangenschaft hinzuarbeiten; im Jahre 1223 glaubte sie auch damit am Ziele zu sein.
Sie hatte sich mit König Philipp August schon über die Höhe des Lösegeldes geeinigt, für welches längst auch bei der Geistlichkeit ihres Landes gesammelt worden war, und der Papst, der die Bedingungen der Freilassung billigte, übernahm am 9. April 1223 dem König gegenüber die Bürgschaft für Ferrands künftige Treue. Da starb Philipp August und sein Sohn Ludwig VIII. scheint der Meinung gewesen zu sein, dass es für ihn vorteilhafter sei, Ferrand nicht loszugeben. Vergebens wiederholte Honorius III. am 22. April 1224 seine Verwendung, vergebens wurde sie durch das ganze Kardinalskollegium unterstützt. König Ludwig wusste sehr wohl, dass die Kurie, welche ihn damals gegen die Albigenser ins Feld zu schicken suchte, nichts Ernstliches gegen ihn unternehmen werde, wenn er ihre Fürsprache überhörte. Dazu kam, dass er als Sohn Elisabeths von Flandern, der Schwester des als Kaiser von Konstantinopel verschollenen Grafen Balduin, selbst Erbansprüche auf die Grafschaft hatte, falls die Ehe der Tochter Balduins mit Ferrand kinderlos blieb wie bisher. Die aus unrechtmäßiger Ehe entsprossenen Kinder ihrer Schwester würden in diesem Falle die französische Krone nicht haben abhalten können, die erledigte Grafschaft für sich einzuziehen.
Da geschah es, dass in der Fastenzeit des Jahres 1225 ein Einsiedler, welcher eine Zeitlang im Walde bei Vicogne bei Valenciennes gehaust hatte, mit der Behauptung hervortrat, er sei Kaiser Balduin, von dem man glaubte, er sei in bulgarischer Gefangenschaft gestorben. Der Mann fand Zulauf und am Gründonnerstag, dem 27. März, stellte er sich in Valenciennes einigen höheren Geistlichen und Laien vor, welche Balduin gekannt hatten: er überzeugte sie. Er war ein beredter und in allen ritterlichen Dingen wohlerfahrener Mann; er wies an seinem Körper Narben auf, wie solche der echte Balduin gehabt hatte; er war unstreitig demselben sehr ähnlich, und wenn er etwas kleiner zu sein schien, so schrieben diejenigen, welche an ihn glaubten, dieses Mindermaß und ebenso dem Umstand, dass er das Französische fehlerhaft sprach und in seiner Heimat nicht recht Bescheid wusste, den langen Lebensjahren zu, welche er in Not und Drangsal aller Art unter Griechen und Ungläubigen verbracht haben wollte. Sein Anhang wuchs ganz gewaltig, als die Gräfin Johanna, die ihn in Valenciennes aufsuchte, ihn zwar nicht als ihren Vater anerkannte, immerhin aber selbst zweifelhaft war, ob er es nicht doch sei. Der Bischof von Lüttich, Hugo von Pierrepont, zu dessen Beförderung der fremde Mann beigetragen zu haben sich rühmte, wollte von ihm allerdings nichts wissen; Herzog Heinrich von Brabant dagegen sprach sich entscheiden für seine Echtheit aus und gewährte ihm öffentlich und im Geheimen seine Unterstützung. Wohin er kam, zog man ihm in feierlichem Aufzug entgegen. Die Städte Lillie und Gent und viele von der Ritterschaft huldigten ihm. Wurde auch noch hier und da ein Zweifel laut, so überwog doch die ihm günstige Stimmung in dem Maße, dass er zwei Monate lang tatsächlich in Flandern und Hennegau das Heft in Händen hatte. Wer sich ihm widersetzte, den bekämpfte er; wer sich ihm anschloss, dem stellte er als Kaiser von Konstantinopel und Graf von Flandern Gnadenbriefe aus. Er verlieh Lehen, erteilte den Ritterschlag, umgab sich mit fürstlicher Pracht, ging zu Pfingsten als Kaiser unter Krone und ließ als solcher ein Kreuz vor sich hertragen. Sein Emporkommen erregte in England die größte Freude: schon am 11. April richtete Heinrich III. an den angeblichen Grafen von Flandern die Aufforderung, sich mit ihm gegen Frankreich zu verbünden.
König Ludwig VIII. hatte bisher diesen Vorgängen ruhig zugesehen, und erst dann, als die Gräfin Johanna, welche zu spät ihre anfängliche Unentschiedenheit bereute, mit ihrer Schwester vor dem angeblichen Vater nach Paris flüchtete, ihn als ihren Lehnsherrn um Hilfe anrief und im Mai ihm den Ersatz aller aus der Wiedereroberung Flanderns erwachsenen Kosten, außerdem die Hälfte der Kriegsbeute zusagte, entschloß sich der König zu persönlichem Eingreifen.
Die Prüfung des Fremden, welche Ludwig trotzdem vorzunehmen sich verpflichtet hielt, kann unter diesen Umständen nur als ein auf die Täuschung der Welt abzielendes Gaukelspiel betrachtet werden, nicht als Ausfluss der Erwägung, dass jener doch vielleicht Balduin sein möchte. Er lud den angeblichen Grafen unter Zusicherung freien Geleits auf den 30. Mai nach Peronne vor und kam selbst mit dem damals bei ihm weilenden päpstlichen Legaten Romanus von S. Angelo und großem Gefolge in diese Grenzstadt. Auch Balduin fand sich mit zahlreicher Begleitung ein, unter welcher auch Herzog Heinrich von Brabant gewesen, aber nicht in die Stadt hineingelassen worden sein soll. Balduin selbst hatte über den Empfang beim König nicht zu klagen; dessen Begrüßung: "Herr, wenn Ihr mein Oheim seid, wie Ihr sagt, sollt Ihr willkommen sein," war wenigstens nicht geradezu unfreundlich. Aber in der großen und glänzenden Versammlung, in welche er eintrat, sah er nur misstrauische und feindliche Gesichter, den Bischof von Lüttich, welcher ihn von Anfang an für einen Betrüger erklärt hatte, und seine Töchter, welche ihn verleugneten. Das verwirrte ihn und er tat das Törrichste, was er tun konnte. Er weigerte sich, auf die ihm vorgelegten Fragen zu antworten: er sei erschöpft und bedürfe der Ruhe. Der Versammlung konnte dieses Verhalten, selbst wenn sie nicht von vornherein an einen Betrug geglaubt hätte, nur als Ausflucht erscheinen, zu dem Zwecke, Zeit zu gewinnen und inzwischen Erkundigungen einzuziehen, und auch der König selbst tat erzürnt, ließ jedoch den Verklagten wegen des gewährten Geleits unversehrt aus Peronne abziehen.
Damit war dessen Zukunft entschieden. Nirgends zeigt sich eine Spur davon, dass er auch nur daran gedacht hätte, sich, gestützt auf die Anhänglichkeit seiner Untertanen, mit Gewalt in Flandern und Hennegau zu behaupten. Er selbst war unsicher geworden und machte dadurch auch andere an sich irre. Schon auf dem Rückweg nach Valenciennes verlief sich seine Begleitung. Er hatte nur noch einige Laienbrüder aus der Abtei Villers bei sich, als er von Valenciennes wieder aufbrach, um nun, da von Frankreich nichts mehr zu hoffen war, den Schutz des deutschen Gubernators anzurufen, welcher in dieser Angelegenheit wegen des Hennegaus und Reichsflanderns auch ein Wort mitzureden hatte, und von dem er vielleicht um so mehr erwartete, wenn ihm dessen Abneigung gegen Frankreich und Hinneigung zu England bekannt war. Der englische König aber hatte den angeblichen Balduin anerkannt, und es konnte diesem zustatten kommen, dass eine englische Gesandtschaft sich gerade in Köln aufhielt, als er dort eintraf.
Was in Köln mit ihm geschah, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Nach dem einen Bericht soll er den Gubernator gar nicht zu Gesicht bekommen haben, nach dem andern aber von Engelbert nicht unbedingt abgewiesen worden sein. Auf seine Bitte habe Engelbert den Bischof von Lüttich, welcher jenen stets als Betrüger bezeichnet hatte, nach Köln vorgeladen, den Bischof vor der Hostie beschworen, die Wahrheit zu sagen, und der Bischof daraufhin seine früheren Aussagen widerrufen. Der so Gerechtfertigte soll von Engelbert die Zusicherung seiner Unterstützung erhalten haben und zur Durchführung seiner Sache an den Papst gewiesen worden sein. Man könnte verstehen, wenn es dem Gubernator willkommen gewesen wäre, auch von dieser Seite her dem Könige von Frankreich Verlegenheit zu bereiten. Aber man muss sich doch auch wieder fragen, weshalb er in diesem Falle nicht dafür Sorge trug, dass sein Schützling sicher nach Rom gelangte, weshalb er namentlich es geschehen ließ, dass derselbe statt des gewöhnlichen Weges vom Rhein nach Rom den weiteren und für ihn äußerst gefährlichen durch die Champagne und das französische Burgund nahm. So lief er ja seinen Feinden geradezu in die Hände.
Er wurde trotz seiner Verkleidung als Kaufmann schon in der Gegend von Bar-sur-Seine erkannt, vom Ritter Clarembald de Chappes festgenommen und mit Erlaubnis des französischen Königs der Gräfin Johanna ausgeliefert, seiner Tochter, wenn er das war, wofür er sich ausgab. Er kam ihr gerade recht. Denn, obwohl sie für die Niederwerfung ihrer aufständischen Untertanen über die Hilfe Frankreichs verfügte, welche sie sich gleich nach der Zusammenkunft in Peronne durch noch weitere Zugeständnisse gesichert hatte, erzielte sie zunächst nur geringe Erfolge. Immer mehr zeigte es sich, dass die Leichtigkeit, mit welcher der angebliche Balduin sich Flanderns und Hennegaus hatte bemächtigen können, ihren wahren Grund in der Unzufriedenheit mit dem Regiment der Gräfin und ihres Günstlings Arnulf von Oudenarde hatte. Darum übte das Verschwinden des Prätendenten auf die Fortdauer des Aufstandes keinen sonderlichen Einfluss aus, und die furchtbare Härte, mit welcher Johanna verfuhr, die Verbannungsurteile, gegen ihre Feinde unter dem Adel, die gewaltigen Strafgelder, welche sie von den Städten erhob und auch wohl erheben musste, um die französische Hilfe zu bezahlen, waren nicht geeignet, die Herzen ihrer Untertanen zurückzugewinnen. Man schmeichelte sich wohl der Hoffnung, dass der rechte Landesherr demnächst mit Hilfe aus dem Reich zurückkehren werde.
Der Gefangene wurde deshalb erst unter Spott und Hohn im Lande zur Schau herumgeführt, bevor ein Pairsgericht unter Leitung Arnulfs das Todesurteil über ihn sprach. Er wurde dann im Herbst zu Lille gehängt, unter den Tränen des Volks, das noch immer an ihm glaubte. Auf der Folter soll er seinen wahren Namen Bertrand de Rais bekannt haben. Aber freilich Johanna musste daran liegen, ihn um jeden Preis zum Betrüger zu stempeln, und sonst zuverlässige Berichterstatter versichern, dass er weder überführt worden sei noch gestanden habe. Es habe niemand aufgetrieben werden können, der ihn unter jenem Namen kannte, und er selbst sei bis zum letzten Augenblick dabei geblieben, der echte Balduin zu sein.
Völlige Gewissheit wurde nie erlangt. War er ein Betrüger, so bleibt zweifelhaft, ob er anderen als Werkzeug diente, oder von sich aus auf den Gedanken kam, die Unbeliebtheit der Regentin und die Ungewissheit über die Zukunft des Landes für sich auszubeuten. Aber nicht bloß in Flandern und Hennegau, sondern auch in Frankreich und England stand bei vielen die Überzeugung fest, dass der Mann, welcher in Lille am Galgen geendet hatte, in der Tat Kaiser Balduin gewesen sei, und sich die Gräfin des Vatermordes schuldig gemacht habe.