Thorau Peter: Seite 123-126
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"Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich (VII.) Teil I

Graf Wilhelm I. von Holland war ein hartnäckiger Rivale der Gräfin Johanna von Flandern, für die der deutsche Thronstreit beziehungsweise der englisch-französische Krieg einen schlechteren Ausgang genommen hatte als für den wendigen Herzog Heinrich I. von Brabant.
Johanna war die Erb-Tochter des Grafen Balduin IX. (VI.) und nachmaligen Kaisers von Konstantinopel, der die Grafschaft Flandern von Frankreich zu Lehen hatte, während er die Grafschaften Namur und Seeland vom Reich zu Lehen trug und die von Hennegau vom Bischof von Lüttich.
Als man Kaiser Balduin I. von Konstantinopel seit der Schlacht von Adrianopel gegen die Bulgaren vermisste, folgte ihm im Februar 1206 in der Herrschaft seine Tochter Johanna. Auf Betreiben des französischen Hofs wurde sie noch minderjährig im Januar 1212 mit Ferrand von Portugal verheiratet. Er enttäuschte aber die französischen Erwartungen und schlug sich auf die englisch-welfische Seite, auf welcher er bei Bouvines focht und in französische Gefangenschaft fiel. Aus ihr sollte ihn erst 1226 der Vertrag von Melun befreien, mit dem sich die Gräfin Johanna im Einvernehmen mit ihrem Adel und ihren Städten in die Unterwerfung unter Frankreich schickte. Nicht nur die Gefangenschaft Ferrands, sondern auch die Niederlage Englands, das dadurch seinen Einfluss im Norden Frankreichs und am Niederrhein zunächst verloren hatte und als mögliche Rückendeckung ausfiel, war schon jetzt der Handlungsspielraum Flanderns als französisches Lehen erheblich eingeschränkt.
Die Schwäche Flandern versuchte nun Graf Wilhelm I. für sich auszunutzen. Als Graf von Seeland war er zwar Lehnsmann der Grafen von Flandern, gleichzeitig aber ein Aftervasall des deutschen Königs. Seit Robert I. von Flandern seinen Schwiegersohn Dietrich V. von Holland mit der nördlich der Westerschelde gelegenen Grafschaft Seeland belehnt hatte, versuchten die holländischen Grafen die Lehensbindung an Flandern abzuschütteln, zunächst vergeblich. Im Vertrag von Brügge 1167 hatten sie die Lehenshoheit Flanderns anzuerkennen. Gleichzeitig mussten sie zugestehen, dass die Einkünfte Seelands geteilt wurden und man den flämischen Kaufleuten in Holland Zollfreiheit gewährte.
Da die Gräfin Johanna von Flandern nicht auf dem Frankfurter Reichstag erschien, um FRIEDRICH II. zu huldigen, ergab sich in Verbindung mit der Königswahl HEINRICHS (VII.) für Graf Wilhelm die günstige Gelegenheit, ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Vielleicht mit Unterstützung seines Schwiegervaters - er war 1220 eine Ehe mit der wesentlich jüngeren Kaiserin Maria, der Witwe OTTOS IV. und Tochter Heinrichs I. von Brabant - erreichte er es, dass FRIEDRICH II. die Gräfin Johanna ihrer Reichslehen für verlustig erklärte und dieselben ihm übertrug. Bei diesen Reichslehen wird es sich jedoch nur um die Grafschaft Seeland als Zankapfel zwischen Flandern und Holland gehandelt haben und nicht etwa auch noch um die Markgrafschaft Namur.
Wilhelm von Holland konnte sich indes nicht lange seines Erfolges freuen. Nur wenige Monate später revidierte FRIEDRICH seinen Frankfurter Rechtsspruch. Dies geschah möglicherweise durch die Vermittlung des Papstes, an den sich Johanna hilfesuchend gewandt haben könnte. Dass Honorius der Gräfin wohlgesonnen war, belegen zumindest drei Schreiben vom Ende August, in denen er Johanna in seinen Schutz nahm. Mit der Begründung, dass Gräfin Johanna unverschuldeterweise nicht vor ihm erschienen sei - da ihr Gemahl sich noch in französischer Gefangenschaft befinde und ihr die Reise an den Hof wegen der unterwegs drohenden Gefahren nicht zuzumuten sei, erklärte FRIEDRICH II. die Belehnung Wilhelms für ungültig und investierte sie mit allen von ihren Vorfahren auf sie gekommenen Reichslehen.