Treffer Gerd: Seite 90-94
***********
"Die französischen Königinnen. Von Bertrada bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert)"

                                       ADELHEID VON SAVOYEN - die Strikte
                                       * um 1100, + 18. November 1154
                                                            Abtei von Montmatre

Zweite Gemahlin Ludwigs VI., des Dicken (* 1081; König: 1108-1137) Heirat: 3. August 1115 Paris

Der Tod seines Vaters 1108 bringt Ludwig VI. auf den Thron. In den Vorjahren hat er das "Königshandwerk" erlernt, den desolaten Zustand seines nunmherigen Reiches erfahren, der auf den unablässigen Streitereien der mächtigen Barone und weniger mächtigen, aber um so kampfeswütigeren Hintersassen beruht.
Diese ewig Unzufriedenen zum Schweigen zu bringen, tritt der König an. Er ist der geborene Kämpfer. Von Gestalt ein Riese, mit einem Stiernacken, von mächtiger Muskulatur, erweist er sich als unermüdlicher Streiter, durchreist sein Reich sommers wie winters, fürchtet weder Hitze noch Kälte, verachtet Schnee wie Sonne, schlammige wie ausgedörrte Wege. Ein solch kriegerischer König auf steter Achse braucht einen Minister. Diese Aufgabe vertraut Ludwig Etienne de Garland an, einem simplen Beamten, den der Größenwahn packt, der aber einem wahren Minister den Weg ebnet: Suger, dem Abt von Saint-Denis, einem kleinen, leutscheuen Mönch, der neben dem gekrönten Riesen Ludwig eine lächerliche Figur ist. Suger mag rein äußerlich ein erbärmliches Bild abgeben, er ist aber intelligent, unerschütterlich, unbeugsam. Zunächst geht es darum, das Königreich von Ehrgeiz zahlreicher Vasallen zu säubern. An der Spitze einiger getreuer Ritter - und mit Hilfe wertvoller Milizen, die Suger zur Verfügung stellt - erkämpft der König seine Vorherrschaft, zuletzt auch gegen den deutschen Kaiser HEINRICH V.
Eine Vernunftehe wird am 3. August 1115 in Notre-Dame de Paris geschlossen. Ihre hohe Abkunft macht die Braut Adelheid von Savoyen zur idealen Königin von Frankreich. Adelheids Eltern, Humbert II., Graf von Maurienne und Savoyen, und Gisele de Bourgogne-Ivree gehören dem Haus BURGUND [Korrektur: Selbstverständlich gehört nur die Mutter dem Haus BURGUND an.] an. Überdies ist sie eine Nichte von Papst Calixtus II. Genaugenommen ist Adelheid Ludwigs zweite Gemahlin, denn er war zuvor schon mit Lucienne von Rochefort verheiratet. Manche billigen Lucienne den Titel einer Königin von Frankreich nicht zu.
Tatsache aber ist, daß Lucienne, Tochter von Guy I. dem Roten, Herrn von Rochefort, 1104 Ludwig VI. geheiratet hat. Er wird zwar erst 1108, als diese Ehe schon annulliert war, König. Seite 1100 aber ist Ludwig dem Thron seines Vaters Philipp assoziiert, so daß Lucienne der Titel sehr wohl zuerkannt werden darf. Drei Jahre nur dauert die Ehe, aus der eine Tochter mit Namen Isabella hervorgeht. Die Hintergründe von Luciennes Verstoßung sind unklar. Vielleicht hatte Bertrada von Montfort die Hand im Spiel. Sie ist ihrem Stiefsohn nicht wohlgesonnen - einige Chronisten beschuldigen sie sogar, sie habe den Thronerben beseitigen wollen. Möglicherweise will suie den jungen Mann über seine Frau treffen. Wahrscheinlich aber spielen auch rivalisierende Adelsparteien am Hof eine Rolle, die Familie GARLAND zum Beispiel war den ROCHEFORTS nicht grün. Wie auch immer: 1107 annullierte Papst Pascal II. die Ehe unter dem im übrigen wenig überzeugenden Vorwand der Blutsverwandtschaft.
Als Ludwig dann Adelheid von Savoyen heiratet, ist er schon fünfunddreißig, ein eingefleischter Junggeselle und Genüßling, etwas verbraucht von guter Küche und anderen Vergügungen, ganz zu schweigen von den un ablässigen Streitigkeiten, die er seit zwanzig Jahren mit größeren und kleineren Vasallen ausficht, die mit ihren kleinen Burgtürmen und ihrer Arroganz Paris belagern. Die Heirat wird nichts an der Gewohnheit als Kriegsherr ändern, wohl aber seine anderen wilden Gepflogenheiten eindämmen. Ludwig, der bislang eine ungezähmte Leidenschaft für die Frauen zeigte, wandelt sich zum treuen Gatten: Adelheid ist genau die Frau, die er braucht. Er hat die unlösbaren Verwicklungen vergifteter Eheständes Vaters Philipp hautnah erlebt. Nachdem er nun jahrelang die Vergnügungen eines Manneslebens ausgekostet hat, wünscht er sich ein soldes und friedliches Heim. Genau das bietet ihm Adelheid. Die Chronisten sind sich einig: sie ist zwar nicht hübsch, aber sanft, intelligent, auch fromm. Gemeinsam machen sich Ludwig und Adelheid ans Werk, die Macht der Kirche gegen beutegierige und streitsüchtige, plündernde Adelige zu stärken. Sie werden zum Bau von Kirchen beitragen und zum Beispiel das Kloster Montmartre gründen.
Adelheid schenkt ihrem Reich acht Kinder.
Der Älteste, Philipp (1116), wird rasch dem Thron verbunden, stirbt aber zwei Jahre darauf, 1131, bei einem Sturz vom Pferd.
An seine Stelle tritt Ludwig (1120), der in Reims gekrönt wird und ab 1131 an der königlichen Macht teil hat.
Heinrich (1121) wird Erzbischof von Reims,
Hugues (1122) stirbt jung,
Robert (1123) wird zum Stammvater des Grafenhauses DREUX,
Konstanze (1124) wird erst Eustache von Blois, den Grafen von Boulogne und dann Raymond V., Graf von Toulouse heiraten,
Philipp (1125) wurde Archidiakon von Paris und
Pierre (1126) Stammvater des Hauses COURTENAY.
1124 kommt es zu kriegerischen Verwicklungen zwischen Frankreich und England, das in der Normandie eine starke Bastion auf dem Kontinent hat. Als Verbündeter seines Schwiegervaters König Heinrichs I. von England zieht Kaiser HEINRICH V. gegen Frankreich. In der französischen Geschichtsschreibung heißt es: Kaiser HEINRICH V. hatte schon lange ein Auge auf dieses "biaux Reyaume" - dieses schöne Königreich - geworfen, hielt die Zeit für gekommen, sich diese Beute angesichts der andauernden Streitigkeiten zwischen König und großen - und minder großen, ja kleinen - Vasallen einzuverleiben.
Die kaiserlichen Truppen dringen in Frankreich ein. Ludwig ruft seine Vasallen zu Hilfe. Nicht nur seine von jeher getreuen Vasallen, nicht nur die Volksmilizen, sondern auch die bislang gegen ihn stehenden Rebellen füllen jetzt seine Ränge, von seinen Großen und seinem Volk umgeben, kann er sich dem Eindringling entgegenstellen. Die französische Streitmacht steht fest bei Reims. Der Feind rückt ab, aus welchen Gründen auch immer. Wenn diese Kampagne von 1124, militärisch betrachtet, auch unbedeutend war, so war sie doch Ausgangspunkt einer zusammenwachsenden Nation - hatte bewiesen, daß die großen Barone, mochten sie im einzelnen dem König schädlich sein, ihm im Augenblick der Gefahr treu zur Seite stehen würden.
Obgleich der König zwanzig Jahre älter als Adelheid ist, scheint sie doch einen nicht unbeachtlichen Einfluß auf ihn und die Führung des Reiches besessen zu haben. Aufgrund ihrer familiären Beziehungen - und ihres vorbildlichen Lebens - sorgt sie für eine Aussöhnung mit dem Papsttum, nach Philipps Eskapaden eine Notwendigkeit. Es gelingt ihr auch, Ludwig von der Familie GARLAND zu trennen, die auf ihn einen für das Reich gefahrvollen Einfluß erlangt hatte (und vielleicht bei der Verstoßung seiner ersten Frau Lucienne im Spiel war - dann hätte die zweite, die erste Ehefrau gerächt, was für beide spräche). Sie trägt zur Ablösung des Kanzlers Etienne de Garland bei, der Sugers Aufstieg möglich macht.
Ludwig kämpft derweil unablässig. Von Andelys bis Saint-Briot sind Belagerungen, Erstürmung von Städten, Brandschatzungen, Ruinen, der Anblick von Toten sein Los. Er ist ein wackerer Krieger - aber des endlosen Streitens schließlich so leid, daß er daran denkt, den Karren hinzuwerfen und ein einfacher Mönch zu werden. Aber der König von Frankreich ist in seinen Wünschen nicht frei: der  König des Himmels hat ihm eine zu große Verantwortung gegeben, einen zu großen Besitz, als daß er sich ihrer anders als durch seinen Tod entledigen könnte. Um diesen Besitz zu vergrößern, hat er seinen Sohn Ludwig nach Bordeaux entsandt, um Alienor von Aquitanien zu freien, deren Vaters seinen Schutz erbeten hat. Alienor ist eine reiche Erbin. Ihr Reich, so sagt sich der müde, alte König, wird eines Tages der Krone zufallen. Und welch gewaltiges Reich würde dies sein!
Ludwig VI., vor der Zeit von unablässigen kriegerischen Handeln ebenso wie von einem unbändigen Appetit erschöpft, der ihn dickleibig gemacht hat, baut mehr und mehr ab. Er ist auf Reisen, als er in Chateauneuf-sur-Loire hingestreckt wird. In kleinen Etappen nach Paris verbracht, hat er die Genugtuung eines einzigartigen Schauspiels. Überall stehen die kleinen Leute, die Bauern, denen er seine Aufmerksamkeit gewidmet hat, Spalier, in Massen, schweigend. Ihre Blicke begleiten den Karren, auf dem der Körper dieses Riesen liegt. Sie sind nicht aus Neugier gekommen, sie beklagen weinend und stumm einen Mann, der für sie mehr als ein König, ein Vater, gewesen ist. In seinen Pariser Palast heimgekehrt, empfiehlt der König sein Erbe seinem getreuen Suger. Er befiehlt, man möge ihn auf einem Bett von Asche ausbreiten, mit gekreuzten Armen, demütiger als der Demütigste seiner Untertanen. Dann überantwortet er sein Seele seinem Schöpfer. Ludwig stirbt so am 1. August 1137. Er hat eine Last von seinen Vorfahren ererbt - seinen Nachfahren übereignet er eine Nation.
Adelheid ist inzwischen siebenunddreißig. Sie braucht die Bürde einer Regentschaft nicht auf sich zu nehmen, da ihr zweiter Sohn Ludwig, mit seinen siebzehn Jahren schon in die politischen Geschäfte eingeführt, seit kurzem mit Alienor, der jungen aquitanischen Fürstin, verheiratet ist und umgehend zum König gekrönt wird. Natürlich möchte Adelheid als Königin-Mutter noch ihren politischen Einfluß bewahren, stößt aber rasch auf den Widerstand ihrer Schwiegertochter Alienor. Die junge Frau hat aus dem Süden des Landes ganz andere, heiterere Vorstellungen, eine raffinierte Kultur, die Literatur der Troubadoure an den strengen Pariser Hof mitgebracht, neben denen die alte Königin wie ein Inbild des Klichees der bösen Schwiegermutter, eine fossile Matrone wirken muß. Recht kurze Zeit danach vermählt sie sich wieder - hat hier etwa Alienor nachgeholfen? - mit einem durchaus attraktiven großen Baron: Matthieu de Montmorency. Die neue Ehe wird fast fünfzehn Jahre dauern.
In ihren letzten Lebensjahren, als Adelheid ihr Ende nahen fühlt, glaubt sich die fromme Frau verpflichtet, sich aus dem weltlichen Leben zurückzuziehen und an ihr Seelenheil zu denken. 1153 bittet sie ihren zweiten Gemahl um seine Erlaubnis, sich nach Montmartre zurückziehen zu dürfen: in das Kloster, das sie selbst begründet hat. Dort stirbt sie am 18. November 1154 nach einem Leben, in dem sie nie aufgetrumpft, das sie aber nach strikten Regeln geführt hat.