Barth Rüdiger E.: Seite 105-129
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"Der Herzog in Lotharingien im 10. Jahrhundert"

Es gilt allgemein, dass Konrad der Rote von OTTO I. 944 zum Herzog von Lotharingien eingesetzt wurde. Widukind erklärt sich für das Ernennungsjahr 943 und erwähnt im gleichen Absatz, dass Konrad OTTOS I. Tochter, Liutgard, ehelichte, desgleichen im Jahr 943. Zwar für jene Zeit, zum Beispiel aus dynastischen Gründen, keineswegs außergewöhnlich, wäre Liutgard 943 12 Jahre alt gewesen. Eheliche Verbindungen besaßen damals den Charakter von Freundschaftspakten, von einer Art amicia, die den Sippenfrieden auf die angeheiratete Familie ausdehnte. Trotzdem, ein ehefähiges Alter von 16 Jahren 947 erscheint zumindest glaubwürdiger. Die Annales Lamberti datieren diese Verehelichung sogar in das Jahr 949. Köpke-Dümmler entscheidet sich für 947. Der zuverlässige Zeitgenosse Flodoard erwähnt Konrad 944 überhaupt nicht und spricht von Konrad als dux erst 945.
Otto von Verdun war Anfang 944 gestorben. Die Berichte über den Aachener Hoftag 944 enthalten keinerlei Hinweise über eine Einsetzung Konrads. Es hätte nahe gelegen, ihn anläßlich dieses Hoftages zu ernennen. Ganz im Gegenteil wird im Jahre 944 Hermann von Schwaben in herzogsähnlicher Mission zur Anführung eines Heeres gegen Reginar III. und seinen Bruder Rudolf eingesetzt. Zum gleichen Jahr 944 berichtet Flodoard, dass Herzog Hugo von Franzien Hermann von Schwaben, nicht Konrad, um eine Unterredung bat. Und wiederum zum gleichen Jahr 944 heißt es beim selben zuverlässigen zeitgenössischen Chronisten, dass OTTO I. Hugo von Franzien ein unter dem Kommando Herzog Hermanns stehendes Heer entgegensandte. Wiederum nichts von Konrad dem Roten.
Ein September 944 datiertes Diplom OTTOS I. spricht noch von Konrad als comes. Die genannte Königsurkunde betrifft nicht Konrads angestammte, außerlothringische Einflußsphäre, sondern einen Vasallen Heinrichs, des Bruders OTTOS I. Bis einschließlich 944 setzt also die Reichskanzlei recht sorgfältig den Konrad zustehenden Grafentitel. Die erste Königsurkunde, die Konrad den dux-Titel einräumt, ist Juli 945 datiert. Selbst Privaturkunden, die unter seinem Einfluß standen und Institutionen seines angestammten Herrschaftsbereiches betrafen, sprechen erst nach 945 von ihm als dux und unterscheiden in der Titular zwischen seinem ererbten gräflichen und dem ihm gewährten herzoglichen Rang.
Dass nun der deutsche König sich für den in Rheinfranken, im Nahegau, im Mayengau, um Worms und Speyer und in Bingen über beträchtliche Eigengüter und Regalien verfügenden fränkischen Grafen entschied, ist aus vielerlei Gründen erstaunlich. Konrads des Roten Schwerpunkt lag außerhalb Lotharingiens. Das demonstriert erneut die Außergewöhnlichkeit der Wahl OTTOS I. Es bestand also eine politisch wirksame Interdependenz zwischen Konrads binnenlotharingischer Schwäche einerseits und Abhängigkeit vom König andererseits.
Die erzählenden Quellen schildern Konrad als eine mutige und begabte Führungspersönlichkeit. Konrad war aber für die Lotharingier ein Landfremder. Als solcher war ihm eine kooperative Haltung des lotharingischen Adels alles andere als gewiß. Seine anläßlich des Duisburger Hoftages gemäß dem Continuator Regionis im Jahr 944 gegen den Erzkanzler und Metropoliten von Trier und gegen Bischof Richarius von Lüttich auf Untreue erhobene, erfolglose Anklage war der Gewinnung kirchlich-lotharingischer Anhänger zudem kaum dienlich. Sie mochte jedoch den Zweck verfolgen, seine Position beim lotharingischen Adel zu festigen, der die zunehmende Privilegierung der lotharingischen Kirche sicherlich mißtrauisch beobachtete. Auch Köpke-Dümmler erachten es als "befremdend, wenn Konrad, kaum erst Herzog, schon 944 eine Anklage gegen die beiden Bischöfe veranlaßt haben sollte." Sie ordnen den Hoftag dem 15. Mai 945 zu.
Konrad der Rote, Graf im Wormsgau, Speyergau, Nahe- und Niddagau, war ein Verwandter KONRADS I., damit auch Verwandter des mit Giselbert und OTTOS I. Bruder Heinrich in die Rebellion von 939 gegen den deutschen König verwickelten Eberhard von Franken, Bruder KONRADS I. Die Übertragung des lotharingischen Aufgabenbereichs an Konrad den Roten war ein wesentlicher Beitrag zum rund 80 Jahre später in der Person KONRADS II., Urenkel Konrads des Roten, stattgefundenen Durchbruch der SALIER und machte schon Konrad den Roten zu einem Mitglied der ersten Führungsschicht des Reichs.
Die Einsetzung Konrads wird noch unverständlicher, wenn wir berücksichtigen, dass Bischof Adalbero I. von Metz, Stiefbruder Ottos von Verdun, nebst anderen lotharingischen Großen für den deutschen Herrscher und gegen den aufständischen Konrad eintrat, also ausgerechnet ein Mitglied der einheimischen Führungssippe, deren Sprecher bis 944 sich durch Reichstreue und Fähigkeit ausgezeichnet hatte. Die Annahme liegt nahe, dass auch der spätere sogenannte Unterherzog von Ober-Lothringen, Graf Friedrich I. in dieser Rebellion Parteigänger des deutschen Königs war. Dass auch Reginar III., Graf im Hennegau, sich nicht mit den Aufständischen assoziierte, sondern militärisch gegen Konrad vorging, versteht sich. Eine Amtsenthebung Konrads würde Reginar III. die Wiedererlangung der 939 zu Ende gegangenen Führungsposition seines traditionsreichen Geschlechts näher rücken. Mit der von Flodoard 953 zugeordneten Absetzung Konrads fand der Aufstand noch immer nicht sein Ende. Es bedurfte des militärischen Eingreifen Bruns, um 954 nach einem Waffenstillstand Konrads Unterwerfung und Begnadigung sicherzustellen. Auf seinen lotharingischen Aufgabenbereich und auf seine Lehen mußte er verzichten. Seinen ererbten Besitzstand in den links- und rechtsrheinischen Gebieten durfte er behalten, das heißt die zeitweilige königliche Ungnade bedeutete nur eine geringe soziale Disqualifikation.
Konrad fiel 955 auf dem Lechfeld und wird von Widukind und im Chronicon Hugonis ehrenvoll erwähnt und sogar noch mit dem dux-Titel bedacht, während Ruotger ihm zwar den dux-Titel nicht mehr zuordnet, aber Konradseine militärische Treuepflicht in Ehren erfüllen läßt. Nach Entzug der Lehen konnte ja an sich von einer vasallitischen Verpflichtung nicht mehr gesprochen werden.
Schon 945 wurde Konrad als OTTOS I. Stellvertreter in dem delikaten westfränkischen Balancespiel zwischen Königtum und Lehnsfürsten zu Hugo von Franzien entsandt. Der KAPETINGER hatte um eine Unterredung mit dem deutschen Herrsche selbst gebeten. Im Jahre 949 mußte Konrad erneut in westfränkischen, auch OTTOS Schwester Gerberga betreffenden Wirren eingreifen. Zusammen mit Gerberga griff er im Jahre 952 in die wiederum gespannten Verhältnisse im westfränkischen Reich ein. Im Februar 952 hatte er die Stellung als OTTOS Stellvertreter für Italien übernommen.
Bei aller Würdigung der machtpolitisch realisierbaren Elemente und bei angemessener Einschätzung des Herrschaftsstils OTTOS I. ist kaum anzunehmen, dass OTTO I. seinen Beauftragten in diesem militärpolitisch bedeutenden Grenzraum ohne adäquate Reichslehen als Vollstreckungs-Instrumente für die Gewährleistung lotharingischer Heerfolge beließ. So dürfte Konrad Vogt oder Obervogt des Klosters Stablo-Malmedy gewesen sein, wie aus einer Präkerie mit Stablo aus dem Jahr 947 hervorgeht. Des weiteren lassen Passagen bei dem Continuator Regionis und ein Diplom des Jahres 982 vermuten, dass Konrad in Lotharingien, neben einigen kleineren Eigengütern, in der Tat Reichslehen besaß, diese ihm 953 nach seiner Rebellion abgesprochen wurden.
Abgesehen von seiner mehrmonatigen Rolle als Stellvertreter des Königs in Italien im Jahr 952 war Konrad zwischen 945 und 952 mit der Durchführung von 6 außenmilitärischen und 5 außenpolitischen Aufgaben betraut worden. 948 stellte sich der westfränkische König sogar unter Konrads Schutz und machte ihn zum Taufpaten seiner Tochter. Die Taufpatenschaft besaß eine Qualität hoher politischer Bedeutung. Im Auftrag OTTOS I. übernahm Konrad amit eine Art Schutzherrschaft über den westfränkischen König. Wenngleich Konradansonsten OTTOS I. häufiger Begleiter bei Hoftagen war, partizipierte Konrad nicht an der der Wiederherstellung der westfränkischen königlichen Autorität gewidmeten Ingelheimer Synode vom 7. Juni 948, obwohl diese Konrads westfränkischen Gegenspieler, Hugo von Franzien, zu exkommunizieren berufen worden war.
Konradsbedeutende Aufgaben und häufige Abwesenheiten von Lotharingien hinderten ihn nicht daran, im Jahre 951 im Umkreis von Verdun einige Befestigungsanlagen einheimischer Großer zu schleifen und ihnen Lehen zu entziehen, also ein herzogliches Hoheitsrecht par excellence auszuüben. Gleichermaßen im Sinne der herzoglichen Aufgabe der Friedenswahrung mußte Konrad im gleichen Jahr sich eines Angriffs Reginars III., Neffe Giselberts, erwehren.

Als Abschluß kommen wir zu folgenden Ergebnissen:
1. Konrad der Rote wurde nicht 944, sondern 945 eingesetzt.
2. Seine Amtsaufgaben waren, wie bei Giselbert und Otto von Verdun, in erster Linie ausgerichtet auf den dem Gleichgewicht   der westfränkischen Kräfte gewidmeten, also westwärts orientierten außenmilitärischen und außenpolitischen Bereich.
3. 939, nach der Zerschlagung der reginarischen Führungssippe, hatte eine raumpolitische Zerteilung Lothringens gezielt begonnen. 945, Jahr der Amtsernennung Konrads, des ersten Lotharingienbeauftragten ohne herrschaftliches Eigenreservoir in Lotharingien, kam diese politische Linie verstärkt zum Ausdruck. Ohne eigenständige binnenlotharingische Machtquellen war Konrad geradezu verurteilt, seinem Herrscher Treue zu bewahren.
4. Seine nur von landfremden Kräften unterstützte Rebellion war eine Verkennung des Stellenwertes seiner fehlenden binnenlotharingischen Rückendeckung.
5. Mit Konrad dem Roten begannen die OTTONEN, einheimische Geschlechter von einem Herzogtum Lotharingien zu trennen und durch landferne oder landfremde Funktionsträger zu ersetzen. Ob und inwieweit diese Politik unter OTTOS DES GROSSEN Nachfolgern fortgesetzt wurde, werden wir noch erfahren.
6. Jedenfalls sehen wir bei Otto von Verdun eine stufenweise Entwicklung zu einem sichtbar befugnisbeschränkten Amtsauftrag des lotharingischen Herzogtums und zu einer binnenlotharingischen Ausbalancierung unter Beibehaltung des gesamtlotharingischen Verbunds in seiner politischen und militärischen Bedeutung als Grenzmark. Die Funktion eines königlichen Amtsträgers kommt mit dem vorübergehenden Einsatz Konrads in Italien verstärkt zum Ausdruck.
7. Die mit Otto von Verdun und seiner Sippe verbundene südwärtige Schwerpunktverlagerung war unter Konrad ohne binnenlotharingisches Gegengewicht geblieben. Das Auseinandertriften zwischen Süd- und Nord-Lotharingien hatte wohl in der Person des ottonischen Amtsbeauftragten Konrad nach außen eine anscheinde Neutralisierung erfahren. Die die Nord-Süd-Distanzierung betonenden südlotharingischen Adelsgruppierungen um den Führer des ARDENNER-Geschlechts setzten sich jedoch fort, wie wir noch ausführlich sehen werden: Die bis in die Zeit Giselberts offenkundige, aus den Urkunden ersichtliche, geographisch-genealogische Gemengelage des Adels erfuhr zur Zeit Konrads des Roten keine  merkliche Wiederbelebung. Das mit dessen Vorgänger offenbar gewordene südlotharingische Identitätsbewußtsein hörte auch unter Konrad dem Roten nicht auf, sich zu einer den Adelsgruppierungen inhärenten, innerlotharingischen, sozialen und  geographisch-politischen Strukturverschiebung zu entwickeln.