Althoff Gerd: Band I Seite 311-314
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"Die Billunger in der Salierzeit" in: Die Salier und das Reich

Die Keimzelle des billungischen Herzogtums sieht die Forschung in der Ernennung Hermann Billungs zum princeps militae im Jahre 936.  Dieses Amt beinhaltete eine militärische Kommandogewalt im Grenzgebiet an der unteren Elbe, wie sie bereits zuvor Bernhard besessen hatte, der im Jahre 929 in der Schlacht bei Lenzen gegen die Redarier siegreich blieb. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass dieser Bernhard ein Verwandter seines Nachfolgers Hermann Billung war. Dennoch stiftete die Ernennung Hermanns durch OTTO I. einigen Unfrieden unter den sächsischen Großen. Es gab mehrere, die größere Ansprüche auf diese Stellung zu haben glaubten, allen voran der ältere Bruder Hermanns, Wichmann, der sich daraufhin aus dem Heer entfernte. Aber auch Ekkehard, der Sohn eines Liudolf, war durch die Entscheidung so verärgert, dass er, um etwas Größeres als der neue Amtsinhaber zu leisten, mit 18 Gefährten einen tollkühnen Angriff auf die Slawen unternahm und dabei mit allen Beteiligten umkam. Die Maßnahme OTTOS DES GROSSEN aber stand im Kontext anderer Entscheidungen, mit denen der neue König die königliche Entscheidungsgewalt stärker betonte, eine Herrschaftskonzeption, die sich bewußt von der seines Vaters abgrenzte. Mit Hermann Billung war ein jüngerer Sohn aus einer bedeutenden Adelsfamilie in ungewöhnlicher Weise aufgestiegen und hatte so die Rangordnung unter den sächsischen Großen erheblich verändert.
Bei der nächsten Erwähnung Hermann Billungs, zum Jahre 953, sieht man ihn mit der procuratio des Königs in Sachsen beauftragt. Widukind von Corvey bezeichnet ihn in diesem Zusammenhang - im Unterschied zum Sprachgebrauch der Hofkapelle, der in den Königsurkunden faßbar ist - als dux. Es ist jedoch nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass dux im sächsischen Sprachgebrauch dieser Zeit einen militärischen Befehlshaber, nicht einen Herzog meint. Wiederholt wurde dieser Auftrag der Stellvertretung des Königs in Sachsen in den Jahren 961 und 966. Anlaß dazu waren jeweils die Italienzüge OTTOS DES GROSSEN. Die Herzogsstellung der BILLUNGER in Sachsen entwickelte sich also aus der militärischen Befehlsgewalt im Grenzgebiet und aus dem zeitlich begrenzten Auftrag der königlichen Stellvertretung in Sachsen, der sein besonderes Gewicht nicht zuletzt durch die Tatsache bekam, dass OTTO DER GROSSE von seinen letzten 12 Regierungsjahren rund 10 außerhalb Sachsens, vor allem in Italien, weilte.
Lange Zeit hat man in der Forschung in diesem Zusammenhang Hermann Billung als den treuen Gefolgsmann OTTOS DES GROSSEN par excellence dargestellt. In der Tat gilt dies für die ersten Jahrzehnte seiner Tätigkeit zu Recht und gründet nicht zuletzt darauf, dass die Interessen Hermanns mit denen des Königs untrennbar verbunden waren, da er dessen Förderung seinen Aufstieg verdankte. So fanden nicht zufällig die Auseinandersetzungen OTTOS DES GROSSEN mit den Mitgliedern seiner Familie und mit den Herzögen sozusagen ihr Pendant in den Kämpfen Hermanns mit seinen Neffen Wichmann und Ekbert. Namentlich für die Zeit der Abwesenheit OTTOS DES GROSSEN in Italien gilt das Urteil von der treuen Stellvertretung Hermanns jedoch nicht uneingeschränkt. Vielmehr sind zwei Vorkommnisse in den Quellen erwähnt, die deutlich waren, dass auchHermann zu den Kräften in Sachsen gehörte, die der Italienpolitik OTTOS reserviert bis ablehnend gegenüberstanden. Das spektakulärere dieser Vorkommnisse ist sicherlich der königsgleiche Empfang, den Erzbischof Adalbert Hermann Billung im Jahre 972 in Magdeburg bereitete. Der Stellvertreter wurde wie der König unter Glockengeläut mit einer Prozession in die Kirche geleitet, saß an der Tafel auf dem Platz des Königs und schlief sogar in dessen Bett. Diese Anmaßung rief in Sachsen Widerstände und den Zorn OTTOS DES GROSSEN hervor, der dem Erzbischof aus Italien befahl, ihm so viele Pferde zu senden, wie er dem Herzog habe Glocken läuten und Kronleuchter anzünden lassen. Dieser Empfang war sicherlich keine Ungeschicklichkeit, sondern hatte aller Wahrscheinlichkeit nach programmatischen Charakter und eine paränetische Funktion. Er sollte dem König wohl signalisieren, dass mittelalterliche Herrschaft persönlich ausgeübt wird und nicht durch Stellvertretung zu regeln ist.
Nicht viel weniger eigenmächtig ist aber die zweite Regierungshandlung, die von Hermann Billung aus dem Jahre 968 überliefert ist. Er erhob nämlich auf einem Stammestag in Werla Hildiward als Nachfolger des verstorbenen Bernhard zum Halberstädter Bischof. Einmal fragt sich natürlich grundsätzlich, ob er damit den Kompetenzbereich einer procuratio nicht überschritt. Problematischer wird die Handlungsweise aber noch, wenn man sich vergegenwärtigt, wer da erhoben wurde. Dieser Hildiward war zuvor Halberstädter Probst gewesen und wurde von seinem Vorgänger Bernhard als Nachfolger empfohlen. Dies war aber beileibe keine unproblematische Empfehlung, denn Bernhard hatte sich bis zu seinem Tode erfolgreich gegen den Plan OTTOS DES GROSSEN zur Wehr gesetzt, in Magdeburg ein Erzbistum zu errichten. Von dem empfohlenen Nachfolger aber war nicht zuletzt deshalb keine allzu große Gefügigkeit gegenüber dem kaiserlichen Plan zu erwarten, weil OTTO den Vater Hildiwards im Zusammenhang der Auseinandersetzungen mit seinem Bruder Heinrich 941 hatte hinrichten lassen. Die Erhebung Hermanns traf mit anderen Worten einen Kandidaten, bei dem eine Fortsetzung des Halberstädter Widerstands gegen den Erzbistumsplan zu erwarten stand. Thietmar von Merseburg berichtet denn auch ausführlich von den eindringlichen Verhandlungen, die der Kaiser in Italien mit Hildiward vor dessen Bestätigung im Amt führte. Und der Satz, mit dem der Kaiser den neuen Bischof nach diesen Verhandlungen investiert haben soll, macht deutlich, dass man in Sachsen genau um die Problematik dieser Erhebung wußte: "Empfange das Wehrgeld Deines Vaters".
Für die Frage nach dem Charakter der billungische Herrschaft scheinen die beiden Episoden wichtige Mosaiksteine zu sein, die erkennbar machen, wie neuartig die Stellung war, in die Hermann Billung hineinwuchs. Die procuratio des Königs hinderte den BILLUNGER offensichtlich nicht daran, eigenständige Politik auch gegen die Interessen des Königs zu vertreten. Nur: Seine Herzogsstellung hatte keinesfalls eindeutige Konturen.