Udalrich                                            Herzog von Böhmen (1012-1033)(1034)
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um 970
9.11.1034
 

Jüngerer Sohn des Herzogs Boleslav II. der Fromme von Böhmen aus dem Hause der PREMYSLIDEN aus seiner 2. Ehe mit der Hemma
 

Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 1172
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Udalrich, Fürst von Böhmen 1012-1033, 1033-1034
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9. November 1034

Jüngster Sohn Boleslavs II.

Stürzte 1012 seinen Bruder Jaromir und bemächtigte sich des Thrones. Trotz seiner Lehensabhängigkeit von Kaiser HEINRICH II. betrieb er bald eine selbständige Außenpolitik und suchte die Ende des 10. Jh. gestoppte Expansion zu erneuern. 1019 (oder 1020) eroberte er Mähren und setzte seinen Sohn Bretislav I. als Statthalter ein; innenpolitisch strebte Udalrich nach Sicherung der Herrschaft der PREMYSLIDEN in Böhmen und Mähren. Seine Eigenständigkeit führte zum Konflikt mit dem Reich; 1033 zwang Kaiser KONRAD II. Udalrich zum Herrschaftsverzicht zugunsten Bretislavs und hielt ihn gefangen, begnadigte ihn aber schon 1034; doch mußte Udalrich nun die Herrschaft mit seinem 1012 gestürzten Bruder Jaromir teilen. Nur für kurze Zeit, bis zu seinem frühen Tod, konnte er sich nochmals gegen Jaromir, den er blenden ließ, und seinen Sohn Bretislav als Alleinherrscher durchsetzen.


Wegener, Wilhelm Dr. jur.: Tafel 1
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"Genealogische Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte"

UDALRICH
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9.11.1034

1012-1034 Herzog

  1. oo N.N.

  2. oo (verb. illeg.?)
            BOZENA
                
1052


Thiele, Andreas: Tafel 77
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"Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band I, Teilband 1"

UDALRICH
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1034

999 von seinem Bruder Boleslav III. ins bayrische Exil verjagt, wurde Udalrich 1004 Mit-Regent in Teilen Böhmens. Nach Bruderkriegen verjagte er 1012 den Bruder Jaromir, erkannte als Herzog von Böhmen die deutsche Hoheit an und half HEINRICH II. im Kampf gegen Polen. Er wählte 1024 KONRAD II. mit, unterstützte diesen und eroberte in den Kriegen gegen Polen Mähren zurück. Er rebellierte 1032 gegen KONRAD II., wurde abgesetzt und gefangengesetzt. 1034 wurde er zusammen mit dem Bruder erneut Herzog von Böhmen, ließ diesen blenden und inhaftieren und regierte nochmals etliche Monate allein.  


Weinfurter, Stefan: Seite 212,214
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"Heinrich II. (1002-1024) Herrscher am Ende der Zeiten."

Der nächst Schritt wurde durch Ereignisse in Böhmen ausgelöst. Dort war 999 der PREMYSLIDEN-Herzog Boleslav II. gestorben, dem sein Sohn Boleslaw III. nachfolgte. Dieser vertrieb seine Brüder Jaromir und Ulrich wie auch seine Stief-Mutter Hemma aus Prag. Sie alle flüchteten sich nach Regensburg an den Hof des Herzogs, also des späteren Königs HEINRICH II. Dorthin unterhielten die böhmischen PREMYSLIDEN schon immer gute Kontakte. Ulrich ist sogar in Regensburg erzogen worden. Auch umgekehrt wurden die guten Beziehungen geschätzt und genutzt. Der Bayern-Herzog Heinrich der Zänker konnte jedenfalls Jahre zuvor in Prag Zuflucht finden. Noch engere Beziehungen zwischen Prag und Regensburg muß man annehmen, wenn, wie vermutet wird, Hemma die Tochter (Emma) der Kaiserin Adelheid, der Gönnerin der bayerischen HEINRICHE, war.
Im Aufgebot des Königs in den Kämpfen gegen den Polen-Herzog traten von Anfang an bis 1017 bayerische und böhmische Kontingente stets gemeinsam auf. Boleslaw Chrobry war nicht nur der Feind HEINRICHS II., sondern hatte auch den in Regensburg im Exil weilenden premyslidischen Herzogs-Brüdern Jaromir und Ulrich das Herzogtum genommen.

Schneidmüller Bernd/Weinfurter Stefan: Seite 109,110 A,116 A,127,135
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"Otto III. Heinrich II. Eine Wende?"

Als "die giftige Natter" - so Thietmar über Vladojoj - nur wenige Wochen später starb, wollten Jaromir und Udalrich aus Bayern nach Böhmen zurückkehren [73 LÜBKE (wie Anm. 9), Nr. 358.]. Boleslaw Chrobry kam ihnen allerdings zuvor. Damit zwang er die zu HEINRICH II. geneigten Konkurrenten um die böhmische Herrschaft wieder zurück in ihr bayerisches Exil.
In dieser Situation sandte HEINRICH II. Boten nach Prag: Sie drohten dem Polen mit Feindseligkeiten für den Fall seiner Weigerung, Böhmen nach einem ius antiquum aus der gracia des Königs als Lehen zu empfangen [78 Thietmar, Chronicon V 31 (wie Anm. 13), Seite 255, Zeile 37-Seite 257, Zeile 2. Ob der Begriff ius antiquum so verstanden werden kann, daß es eine Lehnsabhängigkeit Böhmens vom Reich schon 1002 gab, ist umstritten, zumal die Belehnung Vladivojs die überhaupt erste Nachricht von einer Lehnsnahme des böhmischen Herzogs vom deutschen König ist, vgl. HOFMANN (wie Anm. 64), Seite 30f. Als Thietmar diesen Satz schrieb, hatten auch noch Jaromir 1004 und dann Udalrich 1012 Böhmen von HEINRICH II. als Lehen erhalten; möglicherweise sprach Thietmar deshalb von einem ius antiquum. Ob er damit auch die Verhältnisse des Jahres 1003 zutreffend schildert, ist eine offene Frage.].
Bei HEINRICH II. konnte sich Boleslaw aber nicht völlig durchsetzen. Zunächst versuchte er, die ganze Mark Meißen gegen Zahlung einer "unermeßlichen Geldsumme" als Lehen zu erhalten [106 Solche Geldzahlungen  waren nicht unüblich, vgl. Thietmar, Chronicon VI 86 (wie Anm. 13), Seite 376, Zeile 33- Seite 378, Zeile 2 (Werner von Walbeck erhält für 200 Pfund Lehen und Amt seines Vaters Liuthar); eher ungewöhnlich scheint, daß Herzog Udalrich von Böhmen 1012 sein Lehen "unentgeldlich" erhält - gratuito munere suscepit, vgl. Chronicon VI, 83, Seite 374, Zeile 10.].
Als Herzog Jaromir von Böhmen 1012 von seinem Bruder Udalrich vertrieben wurde, wandte auch er sich zunächst an Boleslaw Chrobry, obwohl er zuvor mehrfach mit HEINRICH II. gegen ihn zu Felde gezogen war.
Mieszko hatte angeblich in Böhmen Verhandlungen anknüpfen wollen, die gegen HEINRICH II. gerichtet waren, war dann aber vom böhmischen Herzog Udalrich festgesetzt worden, der ihn seinerseits als Faustpfand im Konflikt mit seinem polnischen Rivalen gebrauchen wollte. Erst auf die energische Forderung des Kaisers und auf sein Versprechen hin, er werde für einen festen Frieden zwischen Polen und Böhmen sorgen, lieferte Udalrich Mieszko II. im Frühsommer 1014 aus [231 Zum folgenden vgl. Thietmar, Chronicon VII 10-12 (wie Anm. 13), Seite 408-412. Nicht zu vergessen ist, daß Udalrichs Bruder Jaromir seit 1012 in HEINRICHS Gewahrsam lebte, Udalrich also darauf bedacht sein mußte, dem Kaiser keinen Anlaß zur Unterstützung dieses Rivalen um seine Herrschaft in Böhmen zu geben; so schon ZEISSBERG (wie Anm. 97), Seite 385.].

Wolfram Herwig: Seite 196,198,237,243
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"Kaiser Konrad II. Kaiser dreier Reiche."

Als KONRAD II. der Nachfolger HEINRICHS II. wurde, bildeten im Reich acht Männer die Spitzengruppe der Laienfürsten und dies nicht nur in den Augen Wipos. Der langelebige Bernhard II. von Sachsen (1011-1059) führte die Reihe der Herzöge an, gefolgt von Adalbero von Karantanien-Kärnten (1012-1035) und Heinrich V. von Bayern (1004-1009,1017/18-1026), dem Bruder der Kaiserin-Witwe Kunigunde. Obwohl noch minderjährig und unter der Vormundschaft seines Vater-Bruders, des Trierer Erzbischof Poppo (1015-1047), stehend, setzt Ernst II. von Schwaben (1015-1030) als nächster die Reihe fort. Dann kommt Herzog Friedrich II. von Ober-Lothringen (um 1020-1026/27), aber nicht dessen Vater, der regeirende Herzog Dietrich (978-1026/27). Daran schließt Gozelo I., Herzog von Nieder-Lothringen (1023-1044) an. Auf Platz sieben steht "Cuono, der Wormser Herzog der Franken", Konrad der Jüngere und 1024 der Rivale des älteren gleichnamigen Vetters um das Königtum. Den Abschluß bildet Udalrich von Böhmen (gestorben 1034), dem Wipo in herkömmlicher Weise den "herzoglichen" Dux-Titel zuteilt.
Adalbero von Kärnten und Ulrich von Böhmen traten während der Wahl auf keine Weise in Erscheinung, so daß sie wohl nicht gekommen waren.
Die Niederlagen Mieszkos II. nach außen bewirkten, daß er die geschlossene Unterstützung im Innern Polens verlor; die Großen des Landes spalteten sich in Fraktionen, so daß der zweite PIASTEN-König seine Sache für verloren gab und im Herbst 1031 zum PREMYSLIDEN-Fürsten Udalrich floh. Mieszko II. konnte dieses Exil wählen, weil sich die Böhmen im Unterschied zu früheren Jahren nicht am Kampf gegen Polen beteiligt hatten. Jedenfalls sagt Wipo, Mieszko sei zum Fürsten Udalrich geflohen, "über den damals der Kaiser erzürnt war." Jedenfalls suchte Udalrich von sich aus die Versöhnung mit KONRAD und bot ihm die Auslieferung Mieszkos an. Die wahrhaft kaiserliche Antwort war: Er wolle nicht einen Feind dem Feinde abkaufen.
Auf diese Weise kam es auch zu den blutigen Auseinandersetzungen zwischen PREMYSLIDEN und SLAVNIKIDEN, in deren Verlauf die letzteren fast zur Gänze ausgerottet wurden. Im Gegenzug, wenn auch nicht in unmittelbarem Zusammenhang damit, ging das premyslidische Prag zeitweise an einen piastischen Halb-PREMYSLIDEN verloren. Erst als der PREMYSLIDE Udalrich ganz auf die Karte
HEINRICH II. setzte, wurde er von diesem im Herbst 1012 mit Böhmen belehnt, wodurch eine gewisse Beruhigung des gentilen Fürstentums eingeleitet wurde. Allerdings blieb Mähren, das 1003 gleichzeitig mit der bis 1004 dauernden polnischen Herrschaft in Böhmen an die PIASTEN gekommen war, bis 1029 polnisch. Als KONRAD II. die Nachfolge HEINRICHS II. antrat, änderte sich am Verhältnis des Reichs mit Böhmen nichts, weil das Fürstentum in den Händen Udalrichs blieb und daher kein Herrscherwechsel eintrat, bei dem KONRAD sein traditionelles Königsrecht hätte durchsetzen müssen. Zum ersten Mal hätte der böhmische Udalrich dem Kaiser 1029 im Kampf gegen Mieszko II. zu Diensten sein können. Aber wie die Liutizen, so blieben auch die böhmischen Truppen dem Kriegsschauplatz fern; dafür nützte der Udalrich-Sohn Bretislav die Bedrängnis der Polen und setzte sich unter großen Verlusten für den Gegner in den Besitz Mährens.

 
 
 
 

Kinder:
Illegitim

  Bretislav I.       von Bozena ( 1052)
  um 1005
10.1.1055
 
 
 
 

Literatur:
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Beumann, Helmut: Die Ottonen. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln, Seite 166,171 - 
Boshof, Egon: Die Salier. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln 1987, Seite 72,93 - DIE SALIER UND DAS REICH. Gesellschaftlicher und ideengeschichtlicher Wandel im Reich der Salier. (Hg.) Stefan Weinfurter. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1991 Band III Seite 198 - Erkens, Franz-Reiner: Konrad II. Herrschaft und Reich des ersten Salierkaisers. Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1998, Seite 153 - Palacky Franz: Geschichte von Böhmen 1842 - Rogge, Helmuth: Das Verbrechen des Mordes begangen an weltlichen deutschen Fürsten in der Zeit von 911 bis 1056. Dissertation Berlin 1918, Seite 65 - Schneidmüller Bernd/Weinfurter Stefan: Otto III. Heinrich II. Eine Wende? Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1997 Seite 87,90,106,109,110 A, 116 A,127,135,138 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band I, Teilband 1, R. G. Fischer Verlag Frankfurt/Main 1993 Tafel 77 - Thietmar von Merseburg: Chronik. Wissenschaftliche Buchgemeinschaft Darmstadt 1992 Seite 216,222, 318,330,346,362,364,370,372,420,424 - Wegener, Wilhelm Dr. jur.: Genealogische Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte, Heinz Reise-Verlag Göttingen 1962-1969 Tafel 1 - Weinfurter, Stefan: Heinrich II. (1002-1024) Herrscher am Ende der Zeiten, Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1999, Seite 212,214 - Wipos Leben Konrads II. in: Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters Band XI Seite 534,562,588, 594 - Wolfram Herwig: Kaiser Konrad II. Kaiser dreier Reiche. Verlag C.H. Beck München 2000 Seite 196,198,237,243,342 -