Böhmenchronik des Cosmas von Prag mit zwei Fortsetzungen
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Kapitel 20.
 
Im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1062, am  27. Januar, starb Herzogin Adleyth, die Mutter der Judith und der Ludmila, sowie des jüngeren Bracizlaus und des Wratizlaus, welcher am 19. November in der ersten Jugendblüthe starb. Ungefähr ein Jahr nach dem Tode der Herzogin Adleyth nahm Herzog Wratizlaus eine Gemahlin Namens Zuatava, die Tochter des Polen-Herzogs Kazimir und Schwester des Bolezlaus und Wladizlaus, von welcher er vier Söhne erhielt, trefflich geartete  Männer, nämlich Bolezlaus, Borivoy, Wladizlaus und Sobezlaus. Von diesen wird an geeigneter Stelle, wenn es Gottes Wille ist,  ausführlich gehandelt werden.


Kapitel 58.
 
Im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1125, als Sobezlav vernahm, daß sein Bruder schwer krank wäre, kehrte er auf den heilsamen Rath seiner Freunde, oder vielmehr weil es Gott so wollte, mit seiner ganzen Begleitung aus Sachsen zurück und kam in der Nacht des 2. Februar in der Nähe von Prag, in dem Walde, der das Kloster Brevnov umgiebt, an. Man weiß nicht, was er in dieser seiner Angelegenheit zu unternehmen vorhatte, gewiß aber wäre ein so gescheidter Mann nicht unüberlegter Weise in's Land gekommen, wenn nicht, wie ich vermuthe, einige Grafen gewesen wären, nach deren Rath er handelte. Denn in derselben Nacht ging er wieder zurück, bald hierhin bald dorthin, durchzog heimlich Wälder und Dörfer, ohne Jemand Gewalt anzuthun, aber immer bestrebt, sich die Gnade seines Bruders zu erwerben. Alle Böhmen des ersten und zweiten Ranges liebten ihn nämlich und begünstigten seine Partei und nur die Herzogin und einige Wenige mit ihr unterstützten Otto. Weil dieser mit einer Schwester der Herzogin vermählt war, trachtete sie aus allen Kräften danach, ihm nach dem Tode ihres Gemahls den Thron zu verschaffen. Die Krankheit des Herzogs aber verschlimmerte sich mehr und mehr und zehrte an seinen Kräften. Unter diesen Umständen waren die Großen des  Landes verwirrt wie Fische in trübem Wasser und schwankten ungewiß und furchtsam hin und her; die Mutter des Herzogs aber, Königin Suatava, kam, aufgefordert und unterwiesen von den Freunden Sobezlaus', um ihren Sohn zu besuchen, und sprach ihn also an: "Obgleich ich deine Mutter bin und Königin, so komme ich doch flehend und zagend zu deinen Füßen und beuge zu Gunsten deines Bruders meine schon schlotternden Kniee, auf welchen ich dich als zartes Kind gewiegt habe. Ich verlange übrigens nichts, was mit Recht abgeschlagen werden dürfte,  sondern nur was Gott und den Menschen wohlgefällig ist. Nun gefällt es aber Gott, daß du meine Bitten, die Bitten eines alten Weibes, ruhig anhörst, wie er ja selbst gesagt hat: "Ehre Vater und Mutter", und ich flehe, daß du mein runzeliges, von Thränen überströmtes Gesicht nicht schamroth machen wollest. Es sei mir, deiner alten Mutter, gestattet, von ihrem Sohne zu erhalten, was sie und das ganze vor dir liegende böhmische Volk verlangt; es sei mir, der Abgelebten, gestattet, euch versöhnt zu sehen, welche ich mit gleichen Ansprüchen geboren und mit der Gnade Gottes gut erzogen habe; es sei mir, der Alten, welche bald sterben wird, gestattet, nicht früher zu sterben, als bis mich Gott in dieser meiner unvergleichbaren Trauer getröstet hat. Ich trauere nämlich mit Recht, weil in diesem Lande eine wilde Furie regiert und euch Brüder, früher einig, jetzt zum Kampfe rüstet. Wer weiß nicht, daß ihm das Hemd näher ist als der Rock? Denn die Natur, welche uns durch die Geburt näher verbindet, bewirkt auch, daß man den Seinigen mehr Gunst und Fürsorge zuwendet. Jener aber, den du dir zum Bruder machst und dessen   Sorge und Schutz du jetzt deine Kinder und deine Gemahlin übergiebst, eben dieser wird ihnen, glaube es mir, deiner Mutter, zuerst Fallstrick, Grube und Anstoß werden; dagegen wird der, den du jetzt von dir entfernst und, obgleich er dein Bruder ist,  gleich einem Fremdling verschmähst, viel gütiger gegen die Deinen sein als der Sohn deines Vatersbruders, welchen du zu deinem Thronfolger bestimmst."
 
Also sprach sie und rührte den Sohn durch Weinen und Klagen, und als sie sah, daß er mit ihr weinte, fügte sie noch hinzu:
"Mein Sohn, nicht dein Loos, das unvermeidliche, beweine ich, sondern das Leben deines Bruders, das erbärmlicher ist als der Tod, da er jetzt, flüchtig, unstät und verbannt, lieber glücklich sterben möchte, als unglücklich leben." Darauf antwortete ihr der Sohn unter Thränen: "Ich werde thun, o Mutter, ich werde thun was du verlangst, ich bin nicht von Stein und kein Sohn der abscheulichen Caribdis, daß ich mich meines leiblichen Bruders nicht erbarmen sollte." Unterdessen besuchte Otto, der Bischof der Bamberger Kirche, ein berühmter Streiter Christi, nachdem er die Götzen der Pommern besiegt und zerstört hatte, auf seinem Rückwege den Herzog, der durch die Krankheit bereits sehr von Kräften gekommen war. Nachdem der Herzog demselben sich und seine Seele in der heiligen Beichte anvertraut hatte, sagte dieser, die Lossprechung könnte nicht eher ertheilt und erlangt werden, als bis er seinem Bruder wahren und unverbrüchlichen Frieden und Gnade zugesagt hätte. Bald darauf machte sich der genannte Bischof, von der fürstlichen Freigebigkeit reich mit Geschenken beladen, auf den Weg, nachdem er die Sorge für die Seele des Herzogs und die Angelegenheit des abzuschließenden  Friedens dem Bischof Megnard übertragen hatte; er beeilte sich nämlich, noch vor dem Gründonnerstage seinen Sitz zu erreichen. Man schickte also nach Sobezlaus und das Volk verhandelte bereits laut über das, was es vorher im Stillen geplant hatte.
 
Als nun dieses erfuhr der Fürst Moraviens Otto, der bisher immer um den Herzog gewesen war, fürchtete er, er könnte festgenommen werden, und kehrte traurig nach Mähren zurück. Wladizlaus versöhnte sich aber mit seinem Bruder am Mittwoch der Charwoche. Acht Tage nach der Osterwoche, am Sonntag den 12. April, als Misericordia domini war, wanderte der fromme und barmherzige Herzog Wladizlaus unter dem  Wehklagen der Seinen zu Christus und erlangte von dem barmherzigen Herrn selber die Barmherzigkeit, welche er immer in Christi Namen gegen die Armen geübt hatte. Er wurde begraben in der Kirche der heiligen Jungfrau Maria, welche er selbst Christo und seiner Mutter errichtet und mit allen kirchlichen Gaben genügend ausgestattet, und wo er auch eine recht ansehnliche Abtei  für Mönche errichtet hatte. Der Name dieses Ortes ist Cladorubi.
 
Was für ein großer Mann der Herzog im Leben gewesen,  
Kann man aus dem, was bereits von ihm erzählt ist, ersehen,  
Seh'n, welch' Lob er verdient und wie hoch er in Ehren zu halten.  
 Aber das Ende des Herrn sei auch das Ende des Buches.