Böhmenchronik des Cosmas von Prag mit zwei Fortsetzungen
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Kapitel 18.
 
Nach seinem Hingange wurde mit Bestimmung aller Böhmen sein Bruder Wratizlaus auf den Thron erhoben. Dieser vertheilte sogleich das mährische Land unter seine Brüder, indem er Otto den östlichen Theil, den er selbst früher besessen, und der eine bessere Jagd hatte und reicher an Fischen war, Conrad aber, welcher der deutschen Sprache mächtig war, den westlichen, an Deutschland grenzenden, Theil gab. Dieser Theil ist ebener, zum Feldbau geeignet und fruchtbarer. Mittlerweile als die Sonne im ersten Theil der Fische stand, kam Jaromir, ein Jüngling von guten Anlagen, nachdem er den Tod seines Bruders Spitignev erfahren, den er wie einen Vater gefürchtet und geliebt hatte, von der Schule zurück; er hatte die kindische Furcht schon abgelegt, und hoffte auch einen Antheil am väterlichen Erbe zu erhalten. Als sein Bruder Wratizlaus bemerkte, daß er das weltliche Ritterthum dem der Gottesgelehrtheit vorzog, tadelte er seinen Entschluß mit folgenden Worten: "Wolle dich nicht durch Abfall von dem Haupte, dessen Glied du geworden bist, trennen und zur Hölle verdammt werden. Die göttliche Gnade und Vorhersehung hat dich einmal zum priesterlichen Stand erwählt und deswegen hat dich dein Vater in den Wissenschaften unterrichten lassen, damit du ein   brauchbarer Nachfolger des Bischofs Severus würdest, wenn du ihn mit der Gnade Gottes überlebst." Und bald darauf, Eingangs März, ließ er ihn an dem Samstag, an welchem die  heiligen Weihen ertheilt werden, obgleich er nicht wollte und sich auf alle Weise sträubte, scheeren und ihm in seiner Gegenwart die Weihen bis zum Diakon geben, worauf derselbe vor Allen das Evangelium sang und dem Bischof, der das Meßopfer feierte,  wie es der Brauch ist, diente. Bald darauf warf aber der neue Diakon, oder vielmehr der alte abtrünnige Julian den geistlichen Schild schmählich weg, vernachlässigte die durch die Händeauflegung erhaltene Gnade, griff nach dem Wehrgehäng und entfloh mit seinen Anhängern zum Herzog von Polen, bei welchem er bis zum Tode des Bischofs Severus blieb.

Kapitel 22.
 
Als Conrad und Otto hörten, daß der Bischof von Prag gestorben wäre, riefen sie ihren Bruder Jaromir aus Polen zurück und entkleideten ihn des Rittergürtels, worauf er wieder das geistliche Gewand anzog und die Tonsur annahm. Herzog Wratizlaus aber überlegte bei sich, wie er ihn um das Bisthum bringen könnte, weil er sich für die Zukunft sicher stellen wollte und fürchtete, daß sein Bruder, einmal Bischof geworden, sich  mit den übrigen Brüdern gegen ihn verschwören würde. Es befand sich aber damals am herzoglichen Hofe ein gewisser Capellan Lanczo aus edlem sächsischem Geschlechte entsprossen, ein ansehnlicher und sehr unterrichteter Mann, der Propst von Lutomerici war und sich seinem Charakter und seiner Lebensweise nach wohl zur bischöflichen Würde eignete; und weil er dem Herzog allzeit getreu war, arbeitete dieser auf jegliche Weise darauf hin, daß er Bischof von Prag würde. Mittlerweile kamen Conrad und  Otto aus Mähren, brachten ihren Bruder Jaromir mit sich und baten den Herzog fußfällig, daß er gedenken möchte des brüderlichen Verhältnisses, gedenken der väterlichen Anordnung, gedenken  der Eidschwüre, durch welche ihr Vater die Grafen verpflichtet hatte, nach dem Tode des Bischofs Severus Jaromir zum Bischof zu  erwählen. Dieser aber, wie er denn in der Kunst, den Dingen einen anderen Schein zu geben, sehr geschickt war und listig wie  ein Fuchs, der nicht dahin flieht, wohin er seine Ruthe gewendet, gab seinen Brüdern ein Versprechen, hatte aber Anderes im Sinne. Er sprach: "Es ist nicht Sache eines Einzelnen, über diese Angelegenheit zu entscheiden, welche die gemeinsame Berathung Aller erheischt. Weil aber bereits der größere Theil des Volkes und der Großen in's Feld gezogen ist, so wird man nach meiner Meinung am Besten in den Päßen, welche dort die Grenze schützen, über diese Sache verhandeln können. Dort befinden sich Alle von besserer Geburt, alle Herren und Grafen und der höhere  Klerus, deren Gut befinden die Bischofswahl anheimgegeben ist." Dies sagte der Herzog deswegen, um daselbst in der Mitte seiner Ritter, von Waffen umgeben, von Kriegsleuten geschützt, dem Willen seiner Brüder Widerstand leisten und den von ihm  gewünschten Lanczo auf den bischöflichen Stuhl erheben zu können. Aber seine böse Absicht wurde getäuscht, weil alle Gewalt von Gott ist, und der nicht Bischof sein kann, dem es nicht von Gott  vorausbestimmt oder verliehen ist.


Kapitel 35.
 
Ich glaube, auch nicht übergehen zu dürfen, daß Herzog Wratizlaus und seine Brüder Chounrad und Otto einen Feldzug gegen den östlichen Markgrafen Lupold, den Sohn des Lucz, unternommen. Zuerst ist aber zu untersuchen, wodurch so große Feindschaft zwischen Lupold und Chonrad, dem Theilfürsten von  Mähren, entstanden ist, da sie doch früher die besten Freunde waren. Da die Grenzen ihrer Länder nicht durch Wälder, Gebirge oder sonst ein Hindernis getrennt sind und lediglich das Flüßchen Dia, welches durch eine Ebene fließt, dieselben von einander scheidet, so machten bei Nacht nichtswürdige Menschen fortwährend Einfälle, raubten Vieh, verwüsteten die Dörfer und machten Beute bei beiden Völkern. Und wie oft durch einen kleinen Funken ein großes Feuer entsteht, so kamen auch die genannten Herren, weil sie es versäumten, den schädlichen Zunder zu ersticken, von diesen unscheinbaren Anfängen zu großem Schaden der Ihrigen. Denn nachdem Chounrad wegen Beilegung dieser Streitigkeiten häufig an den Markgrafen geschickt, dieser aber in aufgeblasenem Hochmuth dessen Worte nicht beachtet hatte, ging er seinen Bruder Wratizlaus, den Herzog der Böhmen, mit der Bitte an, ihm gegen den Stolz der Deutschen Beistand zu leisten. Dieser, obgleich er sich auf seine eigene Kräfte verlassen konnte, nahm doch eine Schaar auserlesener Ritter des Bischofs von Regensburg in Sold. Auch machte er dem Markgrafen kein Geheimnis aus seiner bevorstehenden Ankunft, sondern schickte einen seiner Großen und ließ ihm, in der Antiphrasis sprechend, sagen, er sollte ihm ein großes Gastmahl bereiten, mit dem Versprechen, bald selbst zum Würfelspiele des Mars zu kommen. Darüber war der Markgraf erfreut und befahl Allen, vom Sauhirten bis zum Rinderhirten, sich mit jeglicher Art Waffen, vom Pfriem bis zum Rinderstachel, zum Kampfe bereit zu halten. Herzog Wratizlaus war mit den Böhmen und mit den deutschen Mannen des Regensburger Bischofs gekommen; auf der andern Seite schlossen sich Otto und Conrad mit den Rittern von ganz Mähren an. Als sie der Markgraf von weitem über das ebene Feld herankommen sah, ordnete er die Seinen in Keilform und ermuthigte sie durch folgende Anrede: "Ihr Ritter, deren Kräfte ich schon in vielen glücklichen Schlachten erprobt habe, fürchtet nicht jenes feige Gesindel, welchem zu meinem großen Leidwesen das Feld zum Davonlaufen offen steht. Ich weiß, daß sie nicht wagen werden, sich mit euch in einen Kampf einzulassen. Seht  ihr nicht, daß sie selbst ihre Schwäche verrathen, indem sie sich aus Furcht auf einen Haufen zusammendrängen? Man sieht gar keine Waffen bei ihnen, es sind, wie mir scheint, Schafe, eine Beute der Wölfe. Was steht ihr da, raubgierige Wölfe, junge Löwen? Stürzt euch auf die Schafherde und zerreißt die Körper,  die blutlos dastehen und fallen werden ehe sie den Kampf gesehen, um unseren Habichten und Geiern zum Fraße zu dienen. O Herr der Unterwelt, wie viele Opfer werden wir dir heute darbringen, erweitere deine Werkstätte, um die Seelen der Böhmen aufzunehmen. Ich weiß es ja, daß sie Gott und seinen Heiligen verhaßt sind, Menschen ohne Barmherzigkeit, die in unser Land kommen, um nicht nur unsere Güter, sondern auch unsere Frauen und deren Sprößlinge zu rauben, was Gott verhüten wolle. Sollte aber einer von euch fallen, so ist ein solcher Tod seliger als jeder andre: süß ist es ja, für das Vaterland zu sterben". Er wollte noch mehr sprechen, allein der Angriff der Böhmen schnitt ihm das Wort ab. Denn als Herzog Wratizlaus sah, daß die Feinde den Platz nicht räumten, gab er den Deutschen Befehl, den rechten Flügel zu bilden, seine Brüder Chounrad und Otto aber ließ er auf dem linken Flügel kämpfen. Er selbst ließ sein Heer im Mitteltreffen, wo die feindlichen Haufen am dichtesten standen, absitzen und zu Fuß angreifen. Diese springen schneller, als man es sagen kann, von den Pferden, ermuntern sich durch lautes Geschrei und, wie wenn Feuer in den Stoppeln wüthet und in einem Augenblicke Alles verzehrt, so werfen sie die Feinde zu Boden und vernichten sie, so daß von einer so großen Menge kaum einer übrig bleibt, um mit dem Markgrafen zu entfliehen. So säugten die Schafherden die jungen Löwen und die Böhmen errangen mit geringem Verlust einen herrlichen Sieg über die Ostmark. In diesem blutigen Kampfe fielen Ztan und sein Bruder Radim, Gridon, der Sohn Zaneks, Dobrogost, der Sohn des Hines und noch einige Wenige im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1082 am 12. Mai.
 
[König Heinrich belagert Rom zwei Jahre lang.] 


Kapitel 37.
 
Im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1086 wurde in der Stadt Mainz auf Befehl und Betreiben des römischen Kaisers Heinrich III. eine große Synode abgehalten, bei welcher vier Erzbischöfe und zwölf Bischöfe, deren Namen wir später angeben werden, zugleich mit den Aebten der Klöster und den übrigen Gläubigen viele Beschlüsse über den Stand der heiligen Kirche schriftlich festsetzten. Bei dieser Versammlung setzte der  Kaiser in Gegenwart und mit Beistimmung aller Großen seines Reiches, der Herzöge, Markgrafen, Grafen und Bischöfe, den Böhmen-Herzog Wratizlaus, sowohl über Böhmen wie über Polen, und indem er ihm mit eigener Hand eine Königskrone aufsetzte, befahl er dem Erzbischof von Trier Namens Egilbert, ihn in seiner Hauptstadt Prag zum König zu salben und zu krönen. Bei demselben Concil reichte Bischof Gebeard seine alte Klage über den oben erwähnten Bischof Johannes von Mähren schriftlich ein. Obgleich der letztere bereits in demselben Jahr gestorben war, so war der Bischof doch sehr besorgt für die Zukunft und ließ durch seine Freunde das Ohr des Kaisers bestürmen, damit nicht wieder ein anderer Bischof anstatt seiner dahin gesetzt würde. Auch legte er das sowohl von Papst Benedict, wie von Kaiser Otto I. bestätigte Privilegium des heiligen Adalbert, seines Vorgängers, vor. Auf seine gerechte Beschwerde ertheilte der Kaiser, bewogen durch die Bitten des Herzogs Wratizlaus, Gebeards Bruder, und nach dem Rath Wezelos, des Erzbischofs von  Mainz, und anderer redlicher Männer ein neues, dem alten  beinahe gleichlautendes Privilegium und bestätigte es mit dem kaiserlichen Handzeichen, wie sich nachstehend zeigen wird. Es scheint uns nicht überflüssig, wenn wir dasselbe diesem unseren Werke einfügen; es hat aber den hier folgenden oder einen ähnlichen Wortlaut:
 
"Im Namen der heiligen und untheilbaren Dreifaltigkeit. Heinrich der Dritte von Gottes Gnaden römischer Kaiser. Wir wissen, daß es sich für den kaiserlichen und königlichen Namen geziemt, die Kirchen Gottes allenthalben zu unterstützen und, wo es immer nothwendig ist, jeglichen Schaden und Unrecht von ihnen abzuwenden. Deshalb wollen wir kund gethan haben allen unseren und unseres Reiches Getreuen, den gegenwärtigen wie den kommenden, daß unser Getreuer, Gebeard Bischof von Prag, seinen Brüdern und Mitbischöfen, unseren übrigen Fürsten und neuerdings uns selbst geklagt hat, wie das Bisthum Prag, welches von Anfang an für das gesammte Herzogthum Böhmen und Mähren ganz und untheilbar errichtet und sowohl vom Papst Benedict wie von Kaiser Otto dem Ersten als solches bestätigt  ist, später mit Beistimmung seiner Vorfahren und aus bloser Machtvollkommenheit der Herrschenden durch die Einsetzung eines neuen Bischofs innerhalb seiner Grenzen getheilt und verkürzt worden sei. Nachdem er nun zu Mainz vor den Gesandten des apostolischen Stuhles in unserer und der meisten Reichsfürsten Gegenwart diese seine Klage vorgebracht hatte, wurde von den Erzbischöfen Wezlo von Mainz, Sigewin von Köln, Egilbert von Trier und Liemar von Bremen, sowie von den Bischöfen Tiedrich von Verdun, Chounrad von Utrecht, Oudalrich von Eichstädt und Otto von  Regensburg mit Beistimmung der Laien, des Herzog Wratizlaus von Böhmen, seines Bruders Chounrad, Herzog Friedrichs, Herzog Lutolds, des Pfalzgrafen Rapoto und aller Versammelten jener ursprüngliche Bezirk seinem ganzen Umfang nach dem Prager Stuhle zugesprochen, dessen Grenzen sind aber folgende: Gegen Westen Tugost, das sich gegen die Mitte des Flusses Chub erstreckt, Zelza, Zedlica, Liusena und Dasena, Lutomerici, Lemuzi bis zur Mitte des Waldes, von dem Böhmen begrenzt wird; von da gegen Norden Psovane, Ghrwati und das andere Chrowati, Slasane, Trebowane, Bobrane und Dedosane bis zur Mitte des Waldes, wo die Grenze der Milcianer anstößt; von da gegen Osten bilden folgende Flüsse die Grenze, nämlich Bug und Ztir mit der Stadt Cracova und dem Vag genannten Gau und allem zu der Stadt Cracova gehörendem Land; von da dehnt sich das Bisthum nachdem es die Grenze der Ungarn erreicht hat, bis zu den Tritri genannten Bergen; endlich auf  der Südseite, Mähren mit eingerechnet, bis zu dem Wag genannten Flusse und bis zur Mitte des Waldes und Berges Moure, welche Bayern begrenzen. Durch unsere Dazwischenkunft also und das übereinstimmende Urtheil aller Fürsten ist es geschehen, daß Herzog Wratizlaus von Böhmen und sein Bruder Chounrad dem obgenannten Bischof von Prag, ihrem Bruder, das auf gerichtlichem Wege zurückverlangte Bisthum von Neuem zusprachen und übergaben. Demgemäß bestätigen und bekräftigen wir, durch die Vorstellungen desselben Bischofs überzeugt und bewogen, ihm und seinen Nachfolgern die Herstellung des Prager Bisthums durch diesen Erlaß unserer kaiserlichen Vollmacht, und beschließen  unabänderlich, daß hinfür Niemand, wessen Standes er sei, und keine Vereinigung von Leuten es wagen soll, der Prager Kirche innerhalb der bezeichneten Grenzen etwas ihr Gebührendes zu entfremden. Damit die Giltigkeit dieser Erneuerung und Wiederherstellung zu allen Zeiten fest und unverrückt bleibe, haben wir diesen Brief schreiben und, nachdem wir ihn, wie man unten sieht, eigenhändig bekräftigt, durch Beidruckung unseres Zeichens bestätigen lassen. Gegeben den 29. April im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1086, in der 9. Indiction, des Herrn Heinrichs im 32, seines Kaiserthums aber im 3. Zeichen des Herrn Heinrich des Dritten römischen Kaisers.
 
Dieses Zeichen sah ich den Kaiser eigenhändig dem Privilegium der Prager Kirche beifügen.


Kapitel 43.
 
Im selben Jahre verbrannte am 17. April, am Mittwoch der zweiten Woche nach Ostern, das Münster der heiligen Martirer Vitus, Wencezlaus und Adalbert in der Stadt Prag. Im gleichen Jahre wurde König Wratizlaus sehr zornig über seinen Bruder Chounrad, weil es dieser mit den Söhnen seines Bruders Otto, Zuatopluk und Ottik, hielt, welche der König von ihrem väterlichen Erbe vertrieben hatte, indem er die Stadt Olmütz und andere Städte seinem Sohne Bolezlaus übergab, der in der genannten Stadt nicht lange darauf, am 11. August, eines frühzeitigen Todes starb. Weil jene drei Brüder, nämlich Jaromir, Otto und Chounrad, so lange sie lebten, immer so einig waren, daß sie der König durch keinerlei Ränke entzweien  konnte, so wagte er ihnen niemals zu nahe zu treten - wie  man vom Löwen erzählt, daß er drei junge Stiere, welche Horn an Horn da standen, gefürchtet - nachdem er aber Chounrad  jetzt nach dem Tode seiner Brüder allein und ohne alle brüderliche  Hülfe wußte, zog er mit einem Heere nach Mähren, um auch ihn aus der Provinz zu vertreiben, die ihm nach Erbrecht und vermöge väterlicher Anordnung von Rechts wegen zustand. Man war vor die Stadt Brünn gekommen und der König ordnete im Beisein der Großen des Landes die Belagerung der  Stadt an, indem er jedem Grafen den Platz bezeichnete, wo er seine Zelte aufzuschlagen hätte; da bereitete der Schatzmeister Sderad, wie er denn ein durchtriebener Mensch war, dem König mit den Augen zuwinkend, dem jungen Bracizlaus in Mitte der Grafen und vor seinem Vater eine Beschämung. "O Herr König", sprach er, "weil dein Sohn sich im Sommer gern im Wasser belustigt und schwimmt, so möge er, wenn es deiner Majestät gefällt, auf dieser Seite der Stadt, neben dem Flusse, seine Zelte aufschlagen". Dies sagte er deshalb, weil in Sachsen früher  einmal, während der Prinz in einem Flusse schwamm, die Feinde herbeikamen und sie angriffen, wie wir oben berichtet haben. Diese Rede ging aber dem jungen Manne sehr zu Herzen, und schmerzte ihn nicht minder, als ob ein vergifteter Pfeil sein Herz durchbohrt hätte; er ging traurig in's Lager und nahm keine Speise zu sich bis es Nacht war. Bei finsterer Nacht versammelte er die Seinigen, theilte ihnen seinen Verdruß mit und  fragte sie, wie man sich an dem unverschämten Schatzmeister rächen könnte. Auch schickte er in derselben Nacht heimlich zu seinem Vaters-Bruder Chounrad, setzte ihm auseinander, wie und von wem er beleidigt worden, und ging ihn um Rath an, was zu thun wäre. Dieser antwortete: "Wenn du erkennst, wer du  bist, so scheue dich nicht, das Feuer, das mich nicht minder brennt als dich, auszulöschen, ein Versäumnis wäre nicht zu loben". Chounrad wußte nämlich recht wohl, daß der König dies alles auf den Rath Zderads that. Als aber der Bote Bracizlaus die Worte seines Vaters-Bruders hinterbrachte, wurden sie von Allen gebilligt, sie stimmten ihnen bei und priesen den Ausspruch des Herzogs als von Gott ihnen gegeben, weil sie selbst früher das Nämliche gerathen hatten. Wozu viele Worte? Während dieser ganzen Nacht wird über das verhandelt, was am Morgen zum Vollzug kömmt.


Kapitel 45.
 
Unterdessen kam Chounrads Gemahlin Wirpirk, eine aus der Zahl der klugen Frauen, ohne Wissen ihres Gemahls in das Lager des Königs. Nachdem sie demselben angemeldet war, rief er die Großen zusammen, und vorgelassen erschien sie angsterfüllt vor dem König, das Antlitz von Thränen überströmt, und von Schluchzen unterbrochen brachte sie endlich mühsam die Worte hervor:
 
"Kaum je bin ich es werth, daß du mich Schwägerin nennest, Gnädigster König, vor dem ich in Demuth bittend erscheine".
 
Und sie fiel auf ihr Antlitz nieder und verehrte den König. Nachdem sie sich auf Befehl erhoben, fuhr sie fort: "Mein Herr und König, du hast keinen Grund, in unserem Lande Krieg zu  führen und wirst keinen Schlachtenruhm mit fort nehmen, denn du führst einen Krieg, der mehr als ein Bürgerkrieg ist. Beschließest du aber, daß wir und das Unsere eine Beute deiner Ritter werden sollen, so kehrest du die Spitze gegen dich selbst,  weil du deinen Bruder, dessen Beschützer du sein solltest, grausam beraubst und plünderst. Wer sich gegen die Seinigen vergeht, der vergeht sich gegen Gott. Was du auch an Beute hier, ferne von deinen Grenzen suchen magst, ich will dir mitten in deinem Lande bessere zeigen, denn nirgends wirst du dich mehr bereichern und höher erheben können, als in der Vorstadt von Prag und dem Burgflecken von Wissegrad. Dort giebt es Juden, die von Gold und Silber strotzen, dort die reichsten Kaufleute jedweden Volkes, dort ansehnliche Geldwechsler, dort einen Markt, auf welchem deinen Rittern Beute im Überfluß zu Gebot steht. Oder freut es dich, den Brand von Troja zu schauen, so wirst du nirgends Vulcan ärger wüthen sehen, als wenn die beiden genannten Städte in flammen stehen. Du wirst mir zwar einwenden: "Dies Alles gehört ja mir", allein wem glaubst du, daß das gehört, was du jetzt wie ein Feind verheerst? Sind nicht wir und all' das Unserige dein? Willst du aber deine Streiche lediglich gegen das Haupt deines Bruders richten, so sei es ferne, daß du für einen zweiten Kain gehalten werden wollest. Mit deiner Gnade steht deinem Bruder Griechenland und  Dalmatien offen; er will lieber den Wanderstab ergreifen, als daß du dich mit einem Brudermord befleckst. Nimm lieber an was er dir schickt, nicht mehr als Bruder, sondern als Diener". Und eine Scheere und ein Bündel Ruthen hervorziehend, sprach sie:  "Wenn sich der Bruder gegen den Bruder vergangen hat, so weis ihn zurecht, das Land aber, welches dir gehört, gieb wem du willst". Mit diesen Worten rührte sie den König und die Fürsten so, daß keiner sich der Thränen enthalten konnte. Der König hieß sie sich an seine Seite setzen, ehe sie sich aber  niedersetzte, sagte sie: "Da ich Gnade vor deinen Augen gefunden, so habe ich noch eine Bitte und flehe dich an, mir sie nicht abzuschlagen. Der Vater begnügt sich ja mit einer geringen Strafe für ein großes Vergehen des Sohnes." Darauf der König: "Ich  weiß, wo du hinaus willst, aber gehe lieber und bringe mir meinen Bruder und meinen Sohn herbei, damit ich mich durch den Friedenskuß mit ihnen versöhne". Und er küßte sie. Er war nämlich sehr besorgt, sein Bruder und sein Sohn könnten sich gegen ihn verbünden. Als nun diese, von Frau Wirpirk geführt, zum König kamen, gab er ihnen den Friedenskuß und sprach zu seinem Sohne: "Mein Sohn, wenn du recht gehandelt hast, so wird es für Niemand besser sein, als für dich; hast du aber gefehlt, so wird deine Sünde vor deiner Thüre stehen".


Kapitel 46.
 
Darauf zog Bracizlaus, weil er erkannt, daß sein Vater nicht aus aufrichtigem Herzen, sondern nur nothgedrungen Frieden gemacht, mit Allen, die in seine Reihen übergetreten waren, in  die Gegend der Stadt Gradec und wartete dort vergebens auf einen Umschwung des Glückes. Von Allen, die ihn begleitet, wagte es keiner, nach Hause zurückzukehren, weil sie sehr fürchteten, daß sie der König, den sie beleidigt, gefangen nehmen und in den Kerker werfen, oder zum Tod verurtheilen könnte. Als aber der König sah, daß er nicht, wie er wollte, seinen Zorn an seinem Sohne und dessen Anhängern auslassen konnte, rief er seinen Bruder Chounrad herbei, versammelte die Angeseheneren des Volkes und ließ alle Grafen eidlich festsetzen, daß nach seinem Tode sein Bruder Chounrad den Thron und das Herzogthum Böhmen erhalten sollte. Hierauf ging er, durch den Rath und die Hilfe seines Bruders unterstützt, offen darauf aus, Rache an seinem Sohne zu nehmen. Dies blieb Bracizlaus nicht verborgen;  ngesäumt sammelten sich mehr als dreitausend tapfere Männer um ihn, welche sich beeilten, am Bächlein Rokitnica ein Lager zu  schlagen, bereit, dem König des anderen Tages eine Schlacht zu  liefern. Bracizlaus hatte nämlich einen Boten an seinen Vater vorausgeschickt und ihm sagen lassen: "Sieh, ich, den du in der Ferne suchen wolltest, bin zur Stelle; was du später thun wolltest, das thue heute". Es darf auch nicht mit Stillschweigen übergangen werden, daß wir beim Beginn dieser Nacht einer göttlichen Offenbarung gewürdigt wurden, denn wenn wir schon die Thaten der Menschen zur Richtschnur bekannt geben, wäre es  unrecht, die Wunder Gottes, welche wir selbst gesehen haben, zu  verschweigen.


Kapitel 47.
 
Während nämlich in dieser Nacht sich zwischen den Fürsten das Erzählte zutrug, besuchten unsere Schutzherren, der heilige Wencezlaus und der heilige Adalbert, die in den Gefängnissen Liegenden und befreiten die von übergroßer Betrübnis darniedergedrückten durch ihre gnädige Erbarmung auf folgende Weise. Nachdem sie zuerst die äußeren Thürpfosten zugleich mit der Thüre herausgerissen, brachen sie die eiserne Thüre des Kerkers selbst mit den Riegeln, brachen den Stock, in welchen die Füße der Gefangenen grausamer Weise eingeschlossen waren, und warfen  ihn hinaus; zugleich ertönte in den Ohren der Verurtheilten eine süße Stimme, welche sprach: "Bisher hat euch und euerem Lande unser Beistand gefehlt, weil ihr der göttlichen Gnade unwürdig waret, seitdem die Fürsten diesen Krieg zwischen Böhmen und  Mähren, der schlimmer ist als ein Bürgerkrieg, führen Weil aber die Gnade, die Barmherzigkeit und die Bedachtnahme Gottes seinen Heiligen und Auserwählten zugewendet ist und wir dahin gewiesen werden, wo diese Gnade schon gewirkt hat, so kann unsere Fürbitte nirgends etwas nützen, wo nicht jene vorhergegangen ist. Darum erhebt euch jetzt, der göttlichen Erbarmung sicher, eilt in die Kirche und verkündet, daß wir, der heilige Wencezlaus und der heilige Adalbert, euch befreit und Allen den  Frieden gebracht haben". Diese aber gingen sofort, wie aus einem schweren Traume erwacht, ihrer Bande entledigt, an den schlafenden Wächtern vorüber in's Freie und vollzogen den erhaltenen Befehl. An demselben Tage ereignete sich noch ein  anderes Wunder, indem, wie die heiligen Martirer geoffenbart hatten, Chounrad, der Bruder des Königs, zwischen diesem und seinem Sohne Frieden stiftete. Vorher war ihre Uneinigkeit nämlich so groß, daß jeder den andern in Verdacht hatte und höchlich besorgte, dieser, er könnte vom Throne verdrängt, jener,  er könnte von seinem Vater gefangen genommen werden. Mit jenem hielten es aber die mit ihm in gleichem Alter stehenden jungen Männer und der größere Theil der Vornehmen, welche schneller bei der Hand und tapferer im Kriege waren, mit diesem der Bischof Cosmas von Prag, die Vorsteher der Kirchen und alle Große des Landes, die, im Alter schon vorgerückt, mehr im Rathe galten, sowie das ganze Volk, und alle verehrten ihn auf's Höchste. Sicher wäre damals die schlimmste That seit der Erbauung Prags vollbracht worden, wenn nicht die Fürbitte des heiligen Wencezlaus und die große Barmherzigkeit Gottes alle Aufregung der Fürsten und des Volkes nach Wunsch beschwichtigt  hätten.


Kapitel 50.
 
Mittlerweile kam uns eine schlimme Nachricht zu Ohren, daß nämlich König Wratizlaus am 14. Januar zu Christus gewandert und sein Bruder Chounrad ihm in der Regierung gefolgt wäre. Dieser schickte sogleich einen Eilboten an den Kaiser und bat ihn unter Geldversprechungen, die oben erwähnte Bischofswahl umzustoßen. Der Kaiser aber, der mehr die Gerechtigkeit als das Geld der Ungerechtigkeit zu Rath zog, sprach: "Was ich gethan habe, das hab' ich gethan und kann es nicht wieder ändern". Der Gesandte, Namens Woclin, ging betrübt hinweg, weil er nicht erreicht, um was er im Namen des Herzogs gebeten hatte. Die Bischöfe aber blieben dem Befehl des Kaisers gemäß bis zum Anfang der Fastenzeit in Verona und warteten daselbst  auf die Rückkehr und das Geleite des genannten Grafen Rapota. Am Palmsonntage aber kamen sie nach Prag, wurden von Klerus und Volk ehrenvoll empfangen und begaben sich am Dienstage derselben Woche nach der Stadt Bolezlav zu Herzog  Chounrad. Dieser hatte seinen Sinn bereits geändert, empfing sie gütig und feierte Ostern mit ihnen auf der Burg Wissegrad. In der Osterwoche selbst, gegen Anfang des April, trat starker Schneefall ein und Alles starrte vor Kälte und Eis, wie es mitten im Winter selten der Fall ist. Über die Thaten dieses Herzogs haben wir nicht viel zu berichten, weil er schon nach sieben Monaten und siebzehn Tagen, am 6. September desselben Jahres, in welchem er das Herzogthum übernommen, dasselbe zugleich mit dem Leben verlor. Ihm folgte der jüngere Bracizlaus. Bei seiner Ankunft in der Stadt Prag wurde er von dem erfreuten Volke durch Reihentanz der auf seinem Wege aufgestellten Jünglinge und Jungfrauen, unter Pfeifenklang, Paukenschall und Glockengeläute empfangen. Bischof Cosmas erwartete ihn mit seinem Klerus in feierlicher Procession am  Stadtthore vor der Kirche der heiligen Maria, und führte ihn zum Throne, auf welchen er nach Landessitte von allen Grafen und Herrn gesetzt wurde, am 14. September.