Böhmenchronik des Cosmas von Prag mit zwei Fortsetzungen
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Das erste Buch

Kapitel 40.

 
Mittlerweile erreichte Bracizlaus, der Sohn des Herzogs, das Jünglingsalter und schritt von Tugend zu Tugend. Mehr als Anderen war ihm Glück in seinen Unternehmungen, Ansehnlichkeit des Körpers, Schönheit der Gesichtsbildung, Größe an Kraft und Weisheit, im Unglück Muth und im Glück Mäßigung und Bescheidenheit eigen. Damals lebte in Deutschland ein sehr mächtiger Graf, Otto, mit dem Beinamen der Weiße, welcher aus dem königlichem Geblüte seiner Heimath entstammte. Dieser hatte eine einzige Tochter, Judita genannt; ihr war an Schönheit nirgends, so weit die Sonne uns leuchtet, ein Mädchen vergleichbar. Von ihren Eltern war sie zur Erlernung des Psalmengesanges in das durch Mauern und Lage sehr feste Kloster Zuinprod gegeben. Aber welche Thürme, wenn auch noch so  hoch, und welche Mauern, wenn auch noch so fest, können der Liebe Widerstand leisten und einen Liebenden abhalten?
 
Alles besieget die Lieb', ihr beugt sich der König, der Herzog,
 
Als nun Bracizlaus, der schönste der Jünglinge, der tapferste der Helden, von Vielen die außerordentliche Schönheit der genannten Jungfrau, wie die Trefflichkeit und den Adel ihrer Verwandtschaft rühmen hörte, dachte er an nichts Anderes mehr und überlegte bei sich, ob er sie gewaltsam entführen oder um sie freien sollte.  Er wollte aber lieber entschlossen zu Werk gehen als bitten und sich verbeugen, da er den angebornen Stolz der Deutschen kannte und wußte, wie sie beständig voll Hochmuth die Slaven und ihre Sprache verachten. Je schwieriger aber die Befriedigung der Liebe wird, um so mehr feuert der Sohn der Venus die Liebenden an. Der Geist des Jünglings, einmal von Begierde entzündet, wogt hin und her, gleich den Flammen des Aetna, und er spricht zu sich selber: "Entweder werde ich eine ausgezeichnete Gemahlin haben, oder mit unauslöschlichem Hohn überschüttet werden. Es  wird aber kaum sein können, daß Judita nicht die meine wird, die Tochter edler Eltern, die schöne, liebenswürdige Jungfrau, herrlicher als das Sonnenlicht, die mir lieber ist als mein Leben, welche leben möge zum immerwährenden Lobe Gottes". Und sofort giebt er von seinen Leuten denjenigen, welche er als die entschlossensten und treuesten kannte, Befehl, verläßige und ausdauernde Pferde bereit zu machen, indem er sich stellte, als wollte er schnell zum Kaiser reiten und noch schneller zurückkehren. Die Mannen  vollziehen den Befehl ohne zu wissen was ihr Herr im Schilde führt; sie wundern sich im Stillen, daß sie so schnell reiten, und kommen nach einer Reise von ungefähr sieben Tagen als Gäste vor die Pforte des genannten Klosters. Der Herzogs-Sohn hatte ihnen aber untersagt, irgend Jemand merken zu lassen, wer, oder woher er wäre, sie sollten ihn vielmehr wie einen ihresgleichen behandeln. Nicht rühme sich der Ithaker, daß er den Sohn der Thetis durch seine Schlauheit ausgespürt, nicht der Hirte von Ilium, daß er die Tyndaridin aus Amyklä geraubt, da dieser junge Bracizlaus durch die Kühnheit und Größe seines Unternehmens beide übertrifft. Denn nachdem ihnen die Erlaubniß zu übernachten gegeben war, machte es Bracizlaus wie ein Wolf, wenn er den Schafstall umschleicht, und sucht wo er einbrechen könnte, um ein glänzendes Lämmlein zu rauben, und durchspähte mit scharfem Blick und gespannter Aufmerksamkeit das Kloster, wollte mit Gewalt einbrechen, wagte es aber doch nicht, weil er dazu nicht die hinreichende Anzahl Leute hatte. Zum Glück war gerade dem Festtag und sieh, Judita, die so heiß ersehnte Jungfrau,  verläßt mit ihren Altersgenossinnen das Kloster, um nach dem Brauch der zarten Jungfrauen die Vesperglocken in Mitte der Kirche zu  läuten. Bei ihrem Anblick kommt der kühne Räuber vor Freuden außer sich, und wie ein Wolf, der aus seinem Versteck hervorbrechend ein Lamm raubt und, der That sich bewußt, mit gesenktem Schweife davon eilt und sich ein entfernteres Versteck aufsucht, so raubt auch er die Jungfrau und entflieht mit ihr. Als er an das Thor kam, fand er dasselbe durch eine eiserne Kette die dicker als ein Mühlstrick war, versperrt, und so den Ausgang gehindert; sofort riß er sein Schwert heraus und hieb dieselbe wie einen Halm entzwei, wie es noch heute gezeigt wird zum Zeichen des kräftigen Hiebes. Da aber seine übrigen Gefährten nicht darum wußten und noch in ihren Zelten verweilten, so wurden sie von den herbeieilenden Feinden ergriffen, einigen die Augen ausgestochen und die Nasen abgeschnitten, andere an Händen und Füßen verstümmelt, während der Herzog mit nur Wenigen und der geraubten Jungfrau in der finsteren Nacht entkam. Judita wurde aber geraubt im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1021.  Damit aber die Deutschen keinen Grund hätten, sich über die Boehmen wegen des ihnen zugefügten Unrechts zu beklagen, begab er sich, nachdem er seinen Vater, Herzog Oudalrich begrüßt, geraden Weges nach Mähren. Sein Vater hatte ihm nämlich jenes ganze Land übergeben, nachdem die Polen aus allen Städten vertrieben waren, deren er viele gefangen genommen und, je hundert mit Ketten gefesselt, nach Ungarn und weiter hatte verkaufen lassen. Nach dem Tode Bolezlaus II. hatten nämlich die Polen, wie die Stadt Prag, so auch ganz Mähren gewaltsam an sich gerissen.
 
 Im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1022 wurden in  Polen die Christen verfolgt.
 
Im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1023, am 8. August, verließ Occard, der vierte Bischof der Prager Kirche, diese Welt, um ein ewiges Leben zu leben. Es war aber dieser Bischof gegen Mächtige unbeugsam, gegen Niedrige freundlich, gütig und sanftmüthig, ein beredter Prediger, ein Geber reichlicher Almosen und ein treuer Vertheiler des göttlichen Weizens unter die Familie des Herrn. Derselbe hat bestimmt, daß ein Jeder, gleichviel ob  mächtig, reich oder arm, von jedem Acker seines Lehen- oder  Freigutes dem Bischof als Zehnt zwei Gemäße von fünf Spannen  und zwei Fingerbreiten, und zwar eines mit Weizen, das andere  mit Hafer gefüllt entrichten sollte. Früher gab man nämlich, wie es unter dem ersten Bischof Dethmar festgesetzt war, zwei Haufen von der Ernte als Zehent, den Haufen zu fünfzig Garben gerechnet. Nach seinem Tode erlangte Izo die Bischofswürde und wurde im selben Jahre am 29. December von dem Erzbischof von Mainz geweiht.


Das zweite Buch.
 
Hier beginnt das zweite Buch.

Kapitel 1.
 
Nachdem sich also Herzog Bracizlaus auf dem väterlichen Throne befestigt hatte, folgte er in Gott und den Menschen wohlgefälligen Thaten den Spuren seiner Väter, welche er durch seine erhabene Tugenden noch übertraf; und wie die Sonne in ihrer Kraft das Licht des Mondes und der Sterne überstrahlt und abschwächt, so verkleinerte und verdunkelte Bracizlaus, der neue Achilles, der neue Sohn des Tydeus, durch neue Triumphe die Großthaten und die herrlichsten Siege seiner Vorvordern. Denn Gott hatte ihm solche Gnade gegeben, daß er ihm die Tugenden,  welche er einzelnen Menschen verleiht, jederzeit alle zusammen gewährte. Er besaß nämlich einen solchen Inbegriff aller Tugenden, daß er im Kriege den Gedeon an Tapferkeit, an Körperkräften den Samson, an Weisheit durch eine ganz besondere Begabung den Salomon übertraf. Daher kam es, daß er in allen Schlachten, wie Josua, Sieger blieb, an Gold und Silber mehr besaß, als die Könige Arabiens; und da er Überfluß hatte an  unerschöpftem Reichthum, und in Ertheilung von Geschenken nicht  nachließ,
 
Ähnlich dem Wasser erschien, das nimmer versieget im Strome.
 
Seine Gemahlin Judita aus sehr edlem Geschlechte, die Mutter vieler Kinder, gebar ihm fünf Söhne, ansehnlich von Körper, alle die Anderen überragend gleich den Bergen von Ehematia, ausgezeichnet durch Weisheit, an Tugend Niemanden zu vergleichen, wohlgefällig durch ihr Betragen, versöhnlich gegen Fehlende, in jeglicher Tugend und Ehrbarkeit lobenswerth. Der erstgeborene hieß Spitignew, der zweite Wratizlaus, der dritte Conrad, der vierte Jaromir, und der fünfte, der jüngste und schönste, Otto. Über ihr ruhmreiches Leben wird an geeigneten Stellen, wie sich die Worte darbieten, hinreichend berichtet werden. Ihr Vater freute sich sehr, als er sah, wie sie, noch in den Knabenjahren, sich schon durch männliches Streben hervorthaten:
 
Sehend die treffliche Zier, und die edle Gesellschaft der Brüder.
 
 Und nicht mindere Luft erfüllte die Seele der Mutter  über das so herrliche Gedeihen und den Ruhm der Söhne.

Kapitel 17.

 
Im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1058, am 2. August, starb Herzogin Judith, die Wittwe des Bracizlaus. Weil sie von ihrem Sohne Spitignev aus dem Lande vertrieben war und diesen Schimpf nicht auf andere Weise an ihm rächen konnte, hatte sie sich zu seiner und aller Böhmen Schande mit König Peter von Ungarn vermählt. Später wurde ihr Leib von ihrem Sohne Wratizlaus nach Prag übertragen und in der Kirche der heiligen  Martirer Vitus, Wencezlaus und Adalbert neben ihrem Gemahl ehrenvoll bestattet.