Jaromir                                             Herzog von Böhmen (1004-1012)(1032-1034)(1034-1037)
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4.11.1038
 

Jüngerer Sohn des Herzogs Boleslav II. der Fromme von Böhmen aus dem Hause der PREMYSLIDEN und der Hemma
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 304
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Jaromir, Fürst von Böhmen 1004-1012, 1034
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4. November 1035

Sohn Boleslavs II.

Seine Regierung fällt in die Krisenzeit der böhmisch-presmyslidischen Herrschaftsbildung, in der Polen und das Reich um die Vorherrschaft in Böhmen rivalisierten. Sein älterer Bruder Boleslav III. ließ Jaromir entmannen, der mit dem jüngeren Udalrich und seiner Mutter zum bayerischen Herzog, dem späteren König HEINRICH II., floh. Als nach Thronwirren der polnische König Boleslaw I. Chrobry selbst die Herrschaft in Böhmen übernahm, führte HEINRICH mit einem Heer Jaromir, der im Lande (vor allem auf dem Wyschehrad) eigenen Rückhalt besaß, 1004 nach Prag und belehnte ihn dort mit Böhmen. Jaromir leistete dem König bis 1010 mehrmals wertvolle militärische Hilfe bei vier Feldzügen gegen Polen, bis er 1012 von Udalrich gestürzt und vom deutschen König als mögliches Druckmittel gegen den neuen Herzog in Gewahrsam genommen wurde. 1034 von KONRAD II. dem Udalrich als Mit-Herrscher aufgezwungen, wurde Jaromir von diesem geblendet und eingekerkert. Nach dem Tod Udalrichs kehrte er nochmals zur Herrschaft zurück, um sie jedoch bald seinem Neffen Bretislav I. zu übergeben. 1035 fiel Jaromir einem Mordanschlag der mächtigen Adels-Sippe der WRSCHOWITZE zum Opfer.


Wegener, Wilhelm Dr. jur.: Tafel 1
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"Genealogische Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte"

JAROMIR
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4.11.(1035)

1003,1004-1012, 1033-1034 Herzog


Thiele, Andreas: Tafel 77
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"Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band I, Teilband 1"

JAROMIR
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1038

Jaromir war Mitregent, wurde von seinem Bruder Boleslav III. entmannt und verjagt und 1004 als deutscher Vasall Herzog von Böhmen. Er war eine treue Stütze Kaiser HEINRICHS II., floh nach inneren Kämpfen zu Boleslaw I. Chrobry und konnte sein Herzogtum nicht wieder erlangen. HEINRICH II. setzte ihn ab und übergab ihm den Bischof von Utrecht zur Haft. Aus der Haft entlassen, setzte ihn Kaiser KONRAD II. erneut als Herzog ein. 1034 wurde er erneut von Udalrich verjagt und dazu geblendet. Nach dem Tode Udalrichs im selben Jahr erneut Herzog, verzichtete er 1037 zugunsten des Neffen Bretislav.


Rogge, Helmuth: Seite 66-68
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"Das Verbrechen des Mordes begangen an weltlichen deutschen Fürsten in der Zeit von 911 bis 1056"
 
Herzog Jaromir hatte, unfähig zur Regierung, diese nach dem plötzlichen Tode seines Bruders Ulrich an dessen Sohn Bretislav übertragen [Nach Kosmas (I, 1, c. 42, MG. SS. IX, p. 65, 1ff. ließ sich Jaromir auf die Kunde vom Tode seines Bruders aus dem Gefängnis zu Lissa, in das ihn Ulrich hatte werfen lassen, nach Prag führen und hielt dort an der in der St. Georgenkirche aufgebahrten Leiche eine bewegliche Totenrede. Dann geleitete er Bretislav zum Thron, wies ihn in einer zweiten Rede auf die treuen Grafen-Geschlechter des Landes hin und warnte ihn vor dem verruchten Hause der WRSCHOWETZE. - Diese sagenhaft ausgeschmückte Erzählung ist ohne jeden historischen Wert. Vergl. Hirsch I, 497, Breßlau II, 121 nr. 5.]. Schon im nächsten Jahre fiel er dem Haß der WRSCHOWETZE, der Todfeinde des PRZEMYSLIDEN-Hauses, auf merkwürdige und entsetzliche Weise zum Opfer.
Wie Kosmas erzählt, beauftragte Kochan, das Haupt des WRSCHOWETZEN-Hauses einen seiner Leute mit der Ausführung des Verbrechens. Als der blinde Jaromir zur Nachtzeit ein Bedürfnis verrichtete, stieß ihn der Gedungene meuchlings seinen Lanze durch den After bis ins Herz [Auf dieselbe Weise kamen 1069 Markgraf Dedi der Jüngere von der Ostmark und 1076 Herzog Gottfried von Nieder-Lothringen um. Vergl. Meyer von Knonau, Jahrbücher des deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V. (Leipzig 1890 ff.) I 623 und II, 651.]. Man darf annehmen, daß die Tat sich am 4. XI. 1035 ereignte. [Kosmas berichtet sie zum 4. XI. 1038, also ein Jahr nach dem Tode Herzog Ulrichs, den er zu 1037 ansetzt. Andererseits sagt er, daß die Ermordung Jaromirs wenige Tage nach der Einsetzung Herzog Bretislavs erfolgt sei. Dies ist mit der Erzählung von den Vorgängen in der St. Georgenkirche zu Prag zu verwerfen. Die Jahresangabe ist nach Loserth in 1035 umzuändern, das Tagesdatum kann bestehen bleiben. Es wird vom Opatowitzer Nekrolog bestätigt (bei Dobner, Mon. hist. Bohem. III, 15. Das Jahr 1038 geben auch die von Kosmas abhängigen Ann. Pragens. (MG. SS. III. p.120,9). Die Ann. Heinrichs von Heimburg (MG. SS. XVII, p. 712, 38) setzen die Ermordung ein Jahr nach dem Tod Ulrichs an. - Vergl. Breßlau II, 121nr. 3 und 151 nr. 3, Bachmann I, 201 nr. 2, Bretholz S. 128]. Von seiner Sühnung ist uns nichts überliefert; der späten Erzählung in der Chronik des Hagek von der Bestrafung des "Kochan Wrschowsky" durch Bretislav im Jahre 1037 dürfte historischer Wert nicht beikommen.
Jaromir war ein neues Opfer der großen Gegensätze, die die innere Lage Böhmens beherrschten, der Feindschaft der PRZEMYSLIDEN unter einander und zu den einheimischen Großen im Streben nach der höchsten Gewalt. Seine Brüder Boleslav und Ulrich machten ihn zu einem hilflosen und unfähigen Krüppel, die böhmischen Großen bereiteten ihm den Tod.
 
 
 

 
Literatur:
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Beumann, Helmut: Die Ottonen. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln, Seite 164-166 - Boshof, Egon: Die Salier. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln 1987, Seite 73 - Böhmenchronik des Cosmas von Prag mit zwei Fortsetzungen - Bresslau, Harry: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Konrad II. 2 Bände Verlag von Duncker & Humblot Leipzig 1879 - Erkens, Franz-Reiner: Konrad II. Herrschaft und Reich des ersten Salierkaisers. Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1998, Seite 155 - Hirsch, Siegfried: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich II. 1. bis 3. Band, Verlag von Duncker & Humblot Berlin 1864 - Palacky Franz: Geschichte von Böhmen 1842 - Rogge, Helmuth: Das Verbrechen des Mordes begangen an weltlichen deutschen Fürsten in der Zeit von 911 bis 1056. Dissertation Berlin 1918, Seite 66-68 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band I, Teilband 1, R. G. Fischer Verlag Frankfurt/Main 1993 Tafel 77 - Thietmar von Merseburg: Chronik. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Seite 216,222,254,256,258,266,278,304,306,318,320,330,346 - Wegener, Wilhelm Dr. jur.: Genealogische Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte, Heinz Reise-Verlag Göttingen 1962-1969 Tafel 1 - Weinfurter, Stefan: Heinrich II. (1002-1024) Herrscher am Ende der Zeiten, Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1999, Seite 212,214 -