Annalista Saxo: Seite 113,126,147,150,152
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"Reichschronik"
 

Das Jahr 1103.

 
Graf Kono [Otto's, des ehemaligen Herzogs von Baiern Sohn] hatte eine Frau Namens Kunigunde, die Tochter des Markgrafen Otto von Orlagemunde. Diese hatte zuerst den König von Ruzien geheirathet, nach dessen Tode sie in die Heimat zurückkehrte und diesen Kono heirathete. Ihre Tochter aber, welche sie vom Könige der Ruzen hatte, empfing einer von den Fürsten der Thüringer Namens Gunter und zeugte mit ihr den Grafen Sizo. Darnach gebar sie vom Grafen Kono vier Töchter, von denen eine Graf Heinrich von Suitfene bekam, die zweite Graf Willehelm von  Licelenburg und die dritte, welche Adela hieß, Graf Thiederich von Katelenburg; als er aber todt war, führte Graf Helprich von Ploceke sie heim und sie gebar ihm den Markgrafen Konrad und den Grafen Bernhard. Die vierte, welche Kunigunde hieß, wie die Mutter, heirathete den jüngern Wipert; als er gestorben war, nahm sie Markgraf Thieppold von Baiern. Der ältere Wipert heirathete die Mutter jener Mädchen als ihr dritter Mann. Markgraf Heinrich von Ilburg, der Sohn des Markgrafen Dedo von der Markgräfin Adhela, welche des Markgrafen Otto von Orlagemunde Witwe war, ist gestorben, zu seiner Zeit der mächtigste Mann in Sachsen. Er hatte aber von der Gräfin Gertrud von Bruneswik einen Sohn, den Markgrafen Heinrich den Jüngern, von dem gesagt wurde, daß er untergeschoben und in Wahrheit nicht sein Sohn sei. Die Fürsten Sachsens versammeln sich gegen den Markgrafen Udo und belagern Alesleve, das Vaterland aber wird von beiden Theilen durch gar großes Brennen verwüstet. Graf Rotbert von Flandern bat den Kaiser durch seine Boten um Frieden und erhielt Waffenstillstand, um mit dem Kaiser bei Lüttich zusammenzutreffen, damit der Streit dort entschieden würde. Am Feste der Apostel Petrus und Paulus also kam  der Kaiser Heinrich mit einer sehr zahlreichen Versammlung von Fürsten aus dem ganzen Reiche nach Lüttich und daselbst gewann Rotbert die Gnade desselben. Des Kaisers Sohn Heinrich nahm die sehr feste Burg Glizberg ein.
 

Das Jahr 1118.

 
Die Fürsten Sachsens belagern die sehr feste Burg Kusese, welche unter Friderich dem jüngern von  Sumersenburg, dem Sohne des Pfalzgrafen Friderich, stand, weil er die umliegende Gegend mit Plünderungen und vielen  Unbequemlichkeiten belästigte. Ermüdet durch die große Arbeit der langen Belagerung nehmen sie es endlich ein. Der Havelberger Bischof Bernhard starb und ihm folgte Hemmo. Priester Bernhard, ein Einsiedler vom Sankt Michaelsstein, starb in Christo. Ferner starb Graf Heinrich von Ploceke. Sein Vater Theoderich, Sohn des Grafen Bernhard und der Irmingardis, welche aus Baiern war, heirathete Machtild, des Magedaburger Grafen Konrad Tochter, mit der er zwei Söhne  Konrad und diesen Heinrich und zwei Töchter Irmingardis und Adelheid zeugte; von diesen heirathete Irmingardis den Markgrafen Udo und die ganze Erbschaft ihres Großvaters Konrad, des Magedaburger Grafen, fiel ihr zu. Adelheid nahm der Regensburger Graf Otto zur Frau. Konrad ist, wie man sagt, als reiner Junggesell gestorben und sein Bruder Helprich führte die Witwe des Grafen Theoderich von Katelenburg Namens Adela heim, welche ihm zwei Söhne gebar, Bernhard und den Markgrafen Konrad, mit welchem eine Tochter des Herzogs der Polanen verlobt wurde. Sein Bruder Bernhard nahm eine Frau aus Baiern und beide starben kinderlos. Ferner starb in diesem Jahre der Magedaburger Graf Heremann, für welchen Wikbert zum Grafen erwählt wurde. In ganz Europa war große Wassersnoth.
 

Das Jahr 1130.

 
[Weihnachten feierte der König mit einem zahlreichen Gefolge von Fürsten im Zeltlager vor der Stadt Speier. Als die Speierischen die Ausdauer des Königs sahen, übergaben sie endlich, überdies vom Hunger und Kampf gezwungen, sich und ihre Stadt dem Könige am Tage der heiligen unschuldigen Kindlein.] Die Gemahlin des Herzogs Friderich, welche vom Herzoge zur Ermuthigung der Bürger in der Stadt zurückgelassen worden war, von Hunger und Blöße schwer geplagt, wird vom Könige Lothar mit königlichen Geschenken großmüthig ausgestattet und zieht mit den Ihrigen ab. Der König aber zog mit den Seinen hinein und feierte gekrönt in der Stadt die Erscheinung des Herrn. Der Erzbischof von Trier, welcher dem Könige feindselig gesinnt war, geht ohne zu fragen nach Rom, um der Sache des Königs bei dem Herrn Papste Abbruch zu thun. Aber nach Gottes wunderbarem Gerichte wird er auf eben dieser Reise von dem Gegner des Königs, Konrad, dem er anhing, gefangen genommen, in den Kerker geworfen und stirbt dort in der Gefangenschaft. [Papst Honorius starb und ihm folgte Innocenz]. Als einige Tage nach seiner Einsetzung verstrichen waren, wird ein gewisser Petrus oder Anaclet, der Sohn des Petrus Leonis, der seit langer Zeit das Papstthum erstrebt hatte, von einem Haufen Krieger zum Papste eingesetzt, indem einige Kardinäle mehr aus Furcht als freiwillig mitwirkten.

Der König feierte Ostern in Goslar, Pfingsten in  Quidelingeburg, woselbst einige unter sich entzweite Fürsten sich vertragen. Der König empfing die Unterwerfung der sehr stark befestigten Stadt Nurenberg, welche er im vorigen Jahre belagert hatte.
 
Bischof Bertold von Hildinisheim starb und für ihn wird Bernhard, ein Kanonikus selbiger Kirche, eingesetzt. Graf Udo von Frekenleve, der Sohn des Markgrafen Rodolf, wurde am 15. März bei Ascherleve von den Leuten des Markgrafen Adalbert erschlagen und mehrere von seiner Partei wurden gefangen und verwundet. Ebenso wurde Konrad von Eikstide nebst vielen Anderen zu Halle von den Bürgern derselben Stadt elendiglich erschlagen. Der war ein vornehmer Mann. Nämlich Graf Esik von Ballenstide heirathete Machtild, die Schwester der Kaiserin Gisla, und hatte von ihr den ältern Grafen Adalbert, den Vater Otto's, und eine Tochter Namens Adelheid, welche ein Edler Thiemmo, genannt von Skropponlo zur Frau nahm, und sie gebar ihm Esik den Aeltern und dessen Bruder Ekkihard. Esik der Aeltere zeugte Esik den Jüngern von Burnstide und sein Bruder Ekkihard zeugte diesen Konrad und Ekkihard von Eikstide. Ferner starb Heinrich Raspo, der Bruder des Grafen Lodowich von Thüringen, des Königs Bannerträger, eines frühen Todes, heimlich durchbohrt. Burchard von Luckenheim, des Königs Freund, Graf der Friesen, wurde auf einem Friedhofe von den Rittern seines Herrn, des Grafen Herimann von Winzenburg, weil es dessen Wille war, hinterlistig umzingelt und treulos ermordet. In nicht geringer Betrübniß des Herzens, sowohl über den Untergang des Freundes, als auch über das verübte Verbrechen, belagerte König Liuder Schloß Winzenburg, verbrannte die Umgegend mit Feuer und gab die Grafschaft desselben dem obenerwähnten Lodowich
von Thüringen. Auch wurde die Nordmark, welche Heinrich, Udo's Sohn, gehabt hatte, an Konrad, den Sohn des Grafen Helperich von Ploceke, übergeben.
 
Im Monat Oktober wird vom Könige in Wirceburg ein Concil von sechzehn Bischöfen versammelt, bei welchem der Erzbischof von Ravenna als Legat des apostolischen Stuhles zugegen war, und hier wird Gregorius oder Innocentius, welcher bei der Wahl über Petrus Leonis die Oberhand erhalten, vom König Lothar und allen daselbst versammelten erwählt und bestätigt.
 

Das Jahr 1133.

 
[König Lothar feierte Weihnachten in Langobardien bei der Ortschaft, die Medicina heißt] und als nach den Festtagen Konrad von Plozeke im Dienste des Königs weiterzog, wird er von einem Pfeile durchbohrt und der herrliche junge Mann starb also, ach! eines zu frühen Todes. Mit diesem war die Tochter des Herzogs der Polanen verlobt; bevor er jedoch sie heimführte, ist er wie das Gerücht geht, unbefleckt wie sein Oheim Konrad aus der Welt gegangen. Seine Leiche ward in die Heimat gebracht und in Kakelinge bei seinen Eltern der Erde übergeben. [König Lothar nimmt in Italien die meisten Orte ein, welche ihm widerstanden], und nachdem er das heilige Osterfest bei Sanct Flavian gefeiert hatte, [zieht er endlich am 30. April unter großem Jubel in Rom ein] und wird zu Sanct Johann im Lateran von dem Papste, dem Klerus und den Römern herrlich empfangen. Also feierte er daselbst Pfingsten und an demselben heiligen Tage ging er unter Krone zur heiligen Sabina auf dem Berge Aventin. Nachdem er daselbst nun sechs Wochen ohne Unterbrechung  verweilt hatte, hat er endlich nach Rath und Willen der Fürsten unter Vermittlung des Erzbischofs Nortbert in der vorgenannten Basilika Konstantins mit seiner Gemahlin Richeza vom Papste Innocentius die Kaiserweihe empfangen am 4. Juni, welcher Tag damals der dritte Sonntag nach dem Feste der Ankunft des heiligen Geistes war.
 
[Der Bischof Bernhard von Paderbrunn, welcher damals mit dem Kaiser zugegen war, erlangte von dem eben genannten Papste Innocentius den Gebrauch des Rationale bei der  Feier der Messe an bestimmten Tagen und bei der Einweihung von Kirchen so wie bei Ertheilung der Weihen an Geistliche, jedoch nur in seinem eigenen Bisthum, für sich und seine  Nachfolger. Als darauf der König mit den Seinen bei der Heimkehr an eine Stelle gekommen war, welche wegen der Enge des Passes Clus, d. h. verschlossen genannt wird - nämlich auf der einen Seite liegt ein steiler, sehr hoher Berg, auf der andern läuft ein sehr tiefer Fluß, zwischen ihnen aber  gewährt der Weg nur für vier oder fünf neben einander Gehende Raum - verwehrten die Einwohner dem Kaiser daselbst den Durchzug. Da griff er mit wunderbarem Erfolge und Gottes sichtlichem Beistande Schnell diesen Platz an, schlug die Feinde in die Flucht und zog mit den Seinen hindurch, nahm auch die Burg, welche auf dem Gipfel jenes hohen Berges liegt, durch plötzlichen Ansturm ein und führte den Fürsten selbiger Burg,] den Urheber dieser Auflehnung, [gefangen mit sich fort. Am 26. Juni erschienen um die dritte Stunde um die Sonne zwei Kreise, ein größerer und ein kleinerer; der kleinere schien denen, welche sich daselbst befanden, um die Hauptkirche des bischöflichen Sitzes Paderbrunn zu gehen, der größere die Stadt zu umgeben. An demselben Tage um die neunte Stunde brannte eben jene Hauptkirche mit fast der ganzen Stadt ab]. Des Kaisers Lothar Vetter Florentius, der Sohn des Grafen Florentius von Holland, wird zu Utrecht von Godefrid und dessen Bruder Herimann von Kuc erschlagen. [Am 2. August um die sechste Stunde geschah eine Sonnenfinsterniß, so stark, daß die Sterne am Himmel erschienen. Es folgte große Veränderlichkeit in der Witterung und viel Regen die ganze Erntezeit  hindurch ].
 
Nachdem Kaiser Lothar die Alpen überschritten hatte, feierte er die Geburt der heiligen Maria in Wirceburg und hielt an seinem Hofe eine ruhmvolle Zusammenkunft mit den Fürsten verschiedener Gebiete, welche theils durch die Erhabenheit  geistlichen Standes, theils durch Rang in der Welt strahlten. Daselbst werden die Wahlen der Bischöfe Heinrich von Regensburg und Walter von Augsburg bestätigt, und weil der Baseler Bischof Heinrich vollständig vom Papste abgesetzt war, folgte ihm der Abt Adalbero von Nienburg, vorher Prior des Klosters des heiligen Blasius im Schwarzwalde, nach dem Rathe des Kaisers durch kanonische Wahl des Klerus und Volkes.
 
[Der König der Dänen fügte mehreren eingewanderten Deutschen, welche sein Land bewohnten, Verstümmelungen ihrer Glieder zu, weshalb der Kaiser eine Heerfahrt gegen ihn beschloß.] In diesem Jahre am 16. Juni wurde der erste Grund zur Kirche des heiligen Godehard gelegt von dem ehrwürdigen Hildinisheimer Bischof Bernard.