Chronik des Albert von Stade
************************
 

Das Jahr 1144.
 

Rodolf, der jüngere Graf, wurde in Thietmarsien in seiner Grafschaft getödtet, und sein Bruder Hartwich, Dompropst zu Bremen, gab sein gesammtes Erbgut der Bremer Kirche, damit ihm dafür die Grafschaft Bremen zugestanden würde. Und so empfing die Bremer Kirche alles, was die Fürsten von Stade in ruhigem Besitz während langer Zeit gehabt hatten, zu ihrem Eigenthum, nämlich die Erbschaft der  ürsten, der Ida und des Friderich; und sie wurde gesetzmäßige Erbin der Eltern des Propstes Hartwich durch eine feierliche und gesetzmäßige Schenkung. Es wurde daher Propst   Hartwich belehnt und Pfalzgraf Friderich, sein Schwager, empfing den Blutbann vom Könige Conrad, und es ward  verordnet, daß er sein Coadjutor sein und im Grafending für ihn Recht sprechen sollte. Aber Herzog Heinrich, der noch  ein Knabe war, klagte dem Könige und allen Fürsten durch  seine Vormünder, daß der Erzbischof Albero seiner Mutter versprochen hätte, daß die Grafschaft, wenn Rodolf sterben würde, ihrem Sohne, dem Herzoge, zufallen sollte. Daher kamen sie nach langen Streitigkeiten auf Befehl des Königs zu Rameslo zusammen zur Beendigung der Angelegenheit. Der  Erzbischof stand auf der einen Seite dem Schiedsgericht vor, auf der anderen der jugendliche Herzog. Der Propst und der Pfalzgraf waren zur Erörterung der Sachlage bestellt. Urtheiler waren Thietmar, Bischof von Verden, Markgraf Albert, Graf Hermann von Winceberch, sein Bruder Heinrich von Asle und eine große Menge Ritter. Dort ergriffen bei der Darlegung der Streitsache die Leute des Herzogs die Waffen, ein Aufstand entstand, sie nahmen den Erzbischof gefangen und hielten ihn eine Zeit lang in Lunenburg in der Gefangenschaft, um etwas von ihm zu erpressen. Endlich, da sie sahen, daß er weder durch Peinigung noch durch Drohungen sich bewegen ließ, erlaubten sie ihm, frei fortzugehen. Propst Hartwich, von Hermann von Luchouwe gefangen genommen, wurde während  die Leute des Herzogs hofften, er würde ihnen übergeben werden und als sie ihm bereits mit dem Tode drohten, zum Markgrafen Albert gebracht und so befreit.

Es ist nothwendig, auf früheres ein wenig zurückzukehren, um die Genealogie ebendesselben Hartwich darzulegen. Zur  Zeit Kaiser Heinrichs II, hatte Heinrich der Kahle, welcher in der  Burg Hersevelde lebte, ein tüchtiger und friedliebender Herr, zur Frau die Hildigarda; diese überlebte nur ein Sohn, Heinrich, Canoniker in Hildensem. Als dieser von den Seinigen dem  geistlichen Stande entzogen war, errichtete er, um den Abfall durch Almosen wieder gut zu machen, nachdem die Burg Hersevelde zu Zeit Libentius des Aelteren, Erzbischofs von Bremen, und  Bernards, Herzogs von Saxonien, zerstört war, ebendaselbst einen Convent für Geistliche. Dieser kaufte sich, gleichsam als  ob er gesetzlich verurtheilt wäre, dreifach durch Landgüter,  Kostbarkeiten und andere Besitzungen frei, übertrug alles derselben Kirche und gründete ebendaselbst eine Propstei, indem Erzbischof Libentius zustimmte und die Kircheeinweihte. Dieser wurde Heinrich der Gute genannt, und zeugte zwei Söhne, den Grafen Sifrid, welcher Stade erbaute. Dieser wurde, nachdem die Burg von Seeräubern genommen war, mit seinem Bruder gefangen genommen. Während der Bruder nun an der Ruderbank mit Fußschellen gefesselt saß, sprang er in das  Schiff eines Fischers, und wurde so davongeführt und befreit. Die Seeräuber nämlich hatten denjenigen, welche Gefangene  loskaufen wollten, friedlichen Zutritt gewährt, und so stand dem Fischer der Zutritt frei. Die Barbaren waren daher durch die Flucht des Fürsten erzürnt, hieben Sifrid beide Hände ab und tödteten alle Gefangenen mit verschiedenen Qualen. Der Entkommene aber sammelte die Nachbarn und besiegte die Seeräuber und alle, die er lebend fängt, hängt er bei Stade an einem Orte auf, welcher von ebendemselben Ereigniß Wargabor genannt wird. Der verstümmelte aber wurde befreit, heirathete  eine Frau aus Bawarien und erzeugte einen Sohn Sifrid, während der Bruder ohne Erben starb. Der jüngere Sifrid nahm Adala zur Frau und gab Hersevelde die Güter Trebenece bei Berneburg. Dieser zeugte den Grafen Luder, welcher die Adelheithis zur Frau nahm, die Muhme Rodolfs, welchen die Saxonen zum König gegen Heinrich erwählten, und erzeugte mit ihr Udo den Ersten, welcher Markgraf geworden ist. Zur Zeit dieses Udo wurde die Grafschaft Stade der Bremer Kirche geschenkt und von ihm zum Lehn empfangen.

Dieser Udo heirathete Odo, die Stieftochter Herzogs Otto, und erzeugte mit ihr Heinrich den Langen, Udo den Zweiten, welcher auch Luder genannt wird, Rodolf und Sifrid, Magdaburgischen Probst zum heiligen Nicolaus und Canoniker an der Domkirche und zwei Töchter, von denen die eine  Aebtissin zu Alesleve war, die andere, Adelheidis, heirathete Lodowich und gebar den zweiten Lodewich, welcher von dem Könige Lothar die Landgrafschaft in Thüringien erhielt, als Hermann von Wincenburg derselben durch einen Urtheilsspruch beraubt war. Der zweite Lothewich erzeugte den dritten, der dritte den vierten, welcher ein Sohn der Schwester Kaiser Friderichs ist.

Heinrich der Lange starb ohne Erben, er hatte eine Frau  aus Rucia. Markgraf Udo beabsichtigte Eilika zu heirathen,  die Tochter des Herzog Magnus, kehrte aber ein im Hause des Grafen Helprich von Ploceke, und als er dessen sehr schöne Schwester, Ermengarda, sah, führte er sie heim. Daher  wurden seine Vasallen sehr entrüstet, weil sie Standesgenossen des Helprich waren und einige von ihnen hervorragender. Er erzeugte aber mit ihr Heinrich, welche Adelheithis heirathete, Schwester des Markgrafen Albert, welche, als er ohne Erben  starb, sein Vasall Werner von Velthem heirathete, dieser erzielte Albert von Asterburg und die übrige Nachkommenschaft. Gleichfalls erzeugte MarkgrafUdo mit Ermengarda eine Tochter, welche Markgraf Heinrich heirathete, der vermeintliche Bruder der Kaiserin Rikence, welchen sie, obwohl von einer Slavin geboren, deßhalb ihren Bruder nannte, damit sie die Erbschaft nicht verlöre, welche, von vielen erstrebt, streitig war.  Endlich besaß Frau Rikence nach derVergiftung ihres Bruders allein die Erbschaft; diese heirathete Lothar. Sie hatte aber eine Schwester, Frau des Pfalzgrafen Otto von Rinekge, von welcher die Brüder von Hollant abstammten. Es hatte auch Udo eine Tochter, welche Poppo von Hinneberch  heirathete. Nachdem nun Udo gestorben war und auch sein Sohn Heinrich, heirathete Ermengardis Gherard von Heinsberche, Bruder Gozwins; von ihm hatte sie einen Sohn Sifrid, welcher auf dem Zuge Lothars bei Baris in Appulien durch einen Pfeil ums Leben kam; ferner eine Tochter Uda, welche Sifrid von Erteneburg heirathete, welcher genannt wurde "Mit dem Schwein"; mit ihr erzeugte er drei Töchter, Alheida, welche der Burggraf von Groche, Luder, heirathete, der ohne Erben  starb, Oda, welche Albert von Osterburg heirathete, und viele Nachkommenschaft erzeugte.

Ferner Rodolf, der Sohn Udos des Ersten, heirathete  Richardis von Franconien mit reicher Erbschaft. Mit dieser erzeugte er Udo, welcher die Schwester des Hermann heiratete, der zu Wincenburg getödtet ist; aber bevor er einen Erben erzielte, wurde er bei Ascergsleve von den Vasallen des Markgrafen Albert getödtet. Ferner den Rodolf, welcher Elizabeth heirathete, Schwester Ottokkars von Stire; aber vor Erzielung eines Nachkommen wurde er von den Thietmarchen getödtet. Gleichfalls den Erzbischof Hardwig.

Gleichfalls Lutgardis, welche Friderich, Pfalzgraf von Sommersgenburg heirathete und mit ihr den Pfalzgrafen Albert erzeugte, welcher die Tochter Poppos von Hinnenberch heirathete, und er starb ohne Erben; gleichfalls die Aebtissin von Quidelingeburg. Endlich, nachdem Lutgardis auf Grund der Verwandtschaft vom Pfalzgrafen getrennt war, heirathete sie Erich, welcher Lam genannt wurde, König der Dänen. Und nachdem derselbe gestorben, kehrte sie zurück und heirathete Hermann von Winceburg; aus dieser Ehe stammen drei Töchter. Eine heirathete Hinrich -  welcher nachher zu Erfordia in einer Latrine ertrank - Graf von Svarceburg. Diese heirathete nachher Olrich von Witin.  Die zweite heirathete Magnus Burtzius, Herzog von Danien. Nachdem dieser von dem Könige Waldemar geblendet und entmannt war, kehrte sie nach Saxonien zurück und durch ein  beklagenswerthes Geschick wurde sie von einem Sclaven durch Abschneiden der Nase verstümmelt.