Innocenz IV.                                   Papst (25.VI.1243-7.XII.1254)
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   -7.XII.1254
    Neapel

Sohn des N.N.

vorher Sinibald Fieschi, Graf von Lavagna
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 437
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Innozenz IV., Papst seit 25. Juni 1243 (Wahl)
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* um 1195, + 7. Dezember 1254
Genua          Neapel

eigentlich Sinibaldo Fieschi

Stammte aus der genuesischen Familie der Grafen von Lavagna; Studium der Rechte in Bologna, dort als Lehrer tätig, 1226 Auditor an der römischen Kurie, 1227 Kardinal, 1228 Vizekanzler der römischen Kirche, 1235-1240 Rektor der Marken und Legat in Oberitalien. Seine Wahl zum Papst erfolgte während des ersten "Konklaves" der Papstgeschichte (1241). Von seinen Vorgängern Honorius III. und Gregor IX. erbte er den Konflikt mit Kaiser FRIEDRICH II., der ihn zunächst als Vertreter einer Friedenspartei im Kardinalskollegium begrüßte. FRIEDRICHS Freilassung zweier gefangener Kardinäle am Beginn des Pontifikats sollte als Geste des guten Willens gelten, seine politischen Zugeständnisse konnten aber die Atmosphäre des Mißtrauens zwischen Papst und Kaiser nicht beseitigen. Mitten in den Verhandlungen zwischen beiden über die Frage der Stellung der lombardischen Städte überraschte die als "Flucht" gedeutete, überstürzte Abreise des Papstes aus dem Kirchenstaat in seine Vaterstadt am 28. Juni 1244 und im Spätherbst von dort nach Lyon, das zum Reich gehörte, aber im Einflußgebiet des französischen Königs lag, der jedoch die Bitte um Hilfe oder Unterstützung ablehnte. Übergriffe kaiserlicher Truppen auf Gebiete des Kirchenstaates und die unversöhnlichen Manifeste und Flugschriften des als päpstlichen Vertreter in Italien zurückgebliebenen Kardinals Rainer von Viterbo verschärften die Lage weiter. Von seiner nunmehrigen Residenz Lyon aus nahmen der Papst den Endkampf gegen FRIEDRICH II. auf, der schließlich zugunsten des Papsttums entschieden wurde, das dadurch freilich an Ansehen eher verlor. Im Mittelpunkt des von Innozenz IV. auf den 24. Juni 1245 einberufene Konzil in Lyon stand der Konflikt zwischen dem Kaiser, den Thaddeus von Suessa rhetorisch eindrucksvoll verteidigte. Die Kirchenversammlung verabschiedete in der Schlußsitzung am 17. Juni eine zuvor von der Mehrzahl der Konzilteilnehmer besiegelte Absetzungssentenz FRIEDRICHS, "privans ipsum omni honore et imperio et aliis regnis suis" (MGH Const. 2, 516). Die Sentenz spitzte den Konflikt, der ursprünglich mehr um die Sicherung des Kirchenstaates gegen die "unio regnis (Siciliae) ad imperium" gegangen war, auf den Kampf um das Bestehen des staufischen Hauses zu. Er überdauerte, von beiden Seiten mit Flugschriften und Manifesten, päpstlicherseits auch mit Kreuzzugsaufrufen publizistisch weitergeführt, den Tod FRIEDRICHS (13. Dezember 1250). Innozenz IV. kehrte nach Italien zurück und kämpfte gegen KONRAD IV., den er ebenfalls überlebte. Weitere Beschlüsse des Konzils betrafen die Vorsorge gegen die Tatarengefahr und die Hilfe für das Lateinische Kaiserreich von Konstantinopel sowie die Kreuzfahrerstaaten. Es wurde eine Reihe von Dekreten zur Kirchenreform, die als päpstliche Konstitutionen am 25. August 1245 veröffentlicht wurden, verabschiedet. Sie bildeten im wesentlichen die erste von insgesamt drei innozenzianischer Dekretalen, die der Rechtssammlung Gregors IX. ("Liber extra") eingefügt werden sollten; die zweite Sammlung von 1246 enthielt mit 22 Stücken hauptsächlich die Rechte der Metropoliten, die 3. vom 9. September 1253 gab die Anfänge von 41 seiner Dekretalen, darunter 8 neue, zur Aufnahme in den "Liber extra" bekannt. In dieser gesetzgeberischen Tätigkeit erwies sich Innozenz IV. ebenso als bedeutender "Juristen-Papst" wie in seinem "Apparatus in quinque libros decretalim", dem wohl wichtigsten Kommentar zu den Dekretalen Gregors IX. Bemerkenswert war die noch vor dem Konzil inaugurierte "Ostpolitik" des Papstes, die - insbesonders mit Hilfe der Franziskaner und Dominikaner - die Mission unter den Heiden vorantreiben sollte. Innozenz IV. hatte Kontakt zu islamischen Herrschern und suchte das Gespräch mit dem in Nikaia residierenden byzantinischen Kaisern. Die Bistümer Kulm, Pomesanien, Ermland und Samland wurden durch seinen Kardinallegaten Wilhelm von Modena gegründet, der auch das Provinzialkonzil von Skänninge in Schweden leitete.

Quellen und Literatur:
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TRE XVIU, 182-185 - Potthast, Reg. II, 943-1285 - St. Kuttner, Die Konstitutionen des ersten allg. Konzils v. Lyon (Stud. et documenta hist. et iuris 6, 1940), 70-131 - H. Wolter, Lyon I (Gesch. der ökumen. Konzilien 7, hg. G. Dumeige-H. Bacht, 1972)


Kühne Hans: Seite 190-194
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"Lexikon der Päpste"

Ob dem neuen Papst wirklich, und wie weitgehend, am Frieden mit Kaiser FRIEDRICH II. gelegen war, ist schwer zu sagen. Die kommenden Entwicklungen in dieser Hinsicht berechtigen eher zu einem negativen Urteil. Der mächtigste Kardinal des Kollegiums, Raniero Capocci von Viterbo, zettelte im kaiserlichen Viterbo einen Aufstand gegen den Kaiser an, der die Stadt belagerte, jedoch bald ohne Ergebnis abziehen mußte, während der Kardinal unter der kaiserlichen Besatzung, nach feierlichem Versprechen freien Abzugs, ein Gemetzel anrichtete. Der Papst nahm in dieser Situation eine zwielichtige Haltung ein. Doch trotz Enttäuschung und Rachegedanken wegen Viterbo zeigte der Kaiser sich weiter nachgiebig. Der Papst sah sich, wie übrigens während seines ganzen Pontifikats, von Ludwig IX. dem Heiligen von Frankreich energisch zu einem Frieden gedrängt. Die Bedingungen eines Präliminarfriedens jedoch änderte er selbstherrlich ab, als der kaiserfeindliche Lombardische Städtebund protestierte. Er verlangte die vollständige Räumung des Kirchenstaates, ehe die Lösung vom Bann erfolgen könne, wovon zuvor keine Rede gewesen war. Der Ablehnung des Kaisers von vornherein gewiß, beschuldigte der Papst diesen fälschlich des Vertragsbruches. Erneut zeigte der Kaiser, bis an die Grenze seiner elementaren Interessen gehend, Bereitschaft zum Frieden. Als er jedoch den Papst zu einer Zusammenkunft nach Narni bewogen hatte, setzte der längst zum Bruch Entschlossene seinen bereits gefaßten Plan in die Tat um und entfloh nach Frankreich. Seine Behauptung einer Gefährdung durch den Kaiser war unwahr. Dieser machte vielmehr trotz des unerhörten Affronts erneute Friedensangebote - ohne Erfolg. Der Papst ließ sich im praktisch selbständigen Reichsgebiet Lyon nieder. Ihn im Königreich aufzunehmen, weigerte sich Ludwig IX., der neutral bleiben, dem Frieden mit dem Kaiser dienen und dessen Lösung vom Bann erreichen wollte. Dieser Friede schien erneut möglich zu werden, als Jerusalem endgültig verloren ging und der Kaiser neue Anerbieten machte, darunter das Versprechen eines Kreuzzuges und der Rückgabe der besetzten Teile des Kirchenstaates. Der Papst mußte nachgeben, doch der Kaiser lieferte den Vorwand zum neuen Bruch, als er erneut Viterbo, die Stadt Kardinal Capoccis, belagern und das umliegende Land verwüsten ließ. Damit waren alle Möglichkeiten zum Frieden vertan, denn der Kardinal, Statthalter für den Kirchenstaat und Legat für ganz Italien, ein Mann von pathologischer Rachgier, führte von nun an einen privaten Flugschriftenkrieg gegen den Kaiser. Er stellte die Lage ganz bewußt unwahr und verzerrt dar und beeinflußte damit entscheidend das nach Lyon einberufene 13. allgemeine Konzil. Dem Papst kam es jetzt nur noch auf völlige Vernichtung des Kaisers an. Er erklärte ihn auf dem Konzil für abgesetzt und ließ HEINRICH RASPE, den letzten Landgrafen von Thüringen, zum Gegen-König erheben, nach dessen Tod den Grafen Wilhelm II. von Holland, den König KONRAD IV. jedoch besiegte. Beide waren erfolglose Schattenkönige.
Der vom Papst veranlaßte 6. Kreuzzug und ein Kreuzzug gegen den Kaiser sind völlig mißlungen. Im ersten geriet Ludwig IX. in Gefangenschaft und forderte von dort aus den Papst zum letzten Male auf, mit dem Kaiser Frieden zu schließen, wobei er ihm androhte, ihn aus Frankreich auszuweisen. Der Versuch des Papstes, bei Heinrich III. von England Aufnahme zu finden, scheiterte. Der König lehnte ab, weil der Papst sich, wie in ganz Europa, auch in England durch seine erpresserische Steuerpolitik allgemeinen Haß zugezogen hatte. Um den Kaiser endlich loszuwerden, billigte der Papst den Plan eines Meuchelmordes durch seinen Schwager Orlando di Rossi, der seinerseits durch das kriegerische Vorgehen Kardinal Capoccis gegen den Kaiser unterstützt wurde. Die Verschwörung, bei der auch der Sohn FRIEDRICHS II., König Enzio, umgebracht werden sollte, scheiterte. Die furchtbare Rache, die der Kaiser an den Verschworenen nahm, soweit er ihrer habhaft werden konnte, leitete den letzten Akt der Tragödie ein. Auch ein Versuch, den Kaiser durch Gift zu ermorden, wurde vom Papst gebilligt, wenn nicht sogar veranlaßt.
Der Kaiser rüstete bereits zum Zuge nach Lyon, als die Erhebung Parmas eine allgemeine Wendung zugunsten des Papstes in Italien brachte, der im Kampf mit seinem Gegner alle geistlichen Mittel anwendete und mißbrauchte. Obwohl in Lyon fast eingekreist, verfocht der Papst Weltherrschaftsansprüche im Sinne der Behauptung Gregors IX. Er stellte die These auf, Petrus habe Priestertum und Königsherrschaft über die Erde verliehen bekommen. Neu war, dass die berechtigte Kritik des Kaisers an dem unerhörten Luxus und der völligen Verweltlichung des hohen Klerus und der Kurie vom Papst als Beweis für die Ketzerei des Kaisers bezeichnet und somit das zweifelhafte und skrupellose Finanzgebahren des päpstlichen Hofes zur Qualität eines Glaubensartikels erhoben wurde.
Nach dem Tode des Kaisers kehrte der Papst nach Italien zurück und residierte zunächst in Perugia, von wo aus er den Kampf gegen den Kaisersohn, König KONRAD IV., aufnahm, der nach Italien gekommen war und aus der Hand seines Verwesers und Halbbruder Manfred seine Erblande entgegennahm. Friedensangebote des jungen Königs lehnte der Papst ab und suchte statt dessen nach neuen Gegen-Königen. Die Eroberung Siziliens, wo der jüngere Heinrich, der jüngste Sohn des Kaisers und Isabellas von England, als Vizekönig saß, jedoch starb, als er KONRAD aufsuchen wollte, erklärte der Papst zum Kreuzzug. Vorangegangen waren, wie gewöhnlich, dunkle Geldgeschäfte mit Heinrich III. von England, dessen Sohn Edmund Lancaster Sizilien erhalten sollte. Als auch KONRAD IV. bald starb, blieb als Erbe nur sein Kind Konradin. Der Papst forderte von Manfred die bedingungslose Auslieferung Siziliens und bannte ihn. Als dieser sich unterwarf, wurde er als eine Art Statthalter des Papstes anerkannt, Edmund Lancaster war vergessen. Der Papst machte sich zur Eroberung Siziliens auf. Manfred erkannte bald, dass der listenreiche Papst nur nach einer günstigen Gelegenheit suchte, um ihn zu verraten und auszuschalten. Er sammelte Truppen und schlug die Päpstlichen bei Foggi (2.XII.1254), wenige Tage vor dem Tode des Papstes in Neapel.
Noch die Inschrift auf dessen Grabdenkmal im Dom von Neapel rühmt ihn als den Vernichter der Schlange FRIEDRICH: eine Formulierung fortlebenden Hasses wie ebenso bedenkliche, unwahre Behauptung. Der Papst war ein machtbewußter Jurist und ein in der Wahl seiner Mittel völlig amoralischer Politiker. Sinnlos bannte er Könige und setzte sie ab - außer dem Kaiser noch Sancho II. von Portugal und Jacob I. von Aragon. Seine Geldgier, sein schrankenloser Nepotismus und seine dauernde Hinterlistigkeit haben ihn allenthalben verhaßt gemacht. Seine fürchterliche Bulle zuhanden der Inquisition, Ad extirpanda, ermächtigte zur willkürlichen Anwendung jeder Folter. Den Juden gegenüber war seine Haltung so doppeldeutig wie die Gregors IX. Wohl verdammte er als erster Papst, jedoch vergebens, den Wahn der Ritualmordlegenden, doch verlangte er von Ludwig IX., sonst seinem Gegner, die Vernichtung aller ereichbaren Exemplare des Talmud. Diese Verbrennung von 24 Wagenladungen des heiligen Buches wurde zu einem Ereignis von zeichenhafter Bedeutung für das immer weitergehende Auseinanderleben von Juden und Christen.
Das treffendste Urteil über Innocenz IV. hat Ferdinand Gregorovius formuliert: "Ein gewissenloser Priester, das entschiedene Parteihaupt der guelfischen Richtung seiner Zeit, listig mit Verträgen spielend, vor nichts zurückschreckend, was ihm der eigene Vorteil bot, so erfüllte er die Welt mit Empörung und Bürgerkrieg und zog er die Kirche tief in die weltlichen Dinge herab, die er zu heiligen stempelte. Jeder Mensch von freiem Urteil kann nur mit Widerwillen auf den Zustand eines beständigen Feldlagers oder Diplomatenkabinetts oder eines Geldgeschäftes blicken, in welchen Innocenz die Kirche versetzte, und er wird Mühe haben, das Urteil über ihn durch den Charakter seiner Zeit zu mildern."


Innocenz IV. ließ nach seiner Flucht nach Frankreich 1245 auf einem Konzil in Lyon Kaiser FRIEDRICH II. als Kirchenfeind absetzen. In Deutschland bewirkte er die Erhebung von Gegen-Königen (HEINRICH RASPE 1246, WILHELM VON HOLLAND 1247), in Italien unterstützte er die lombardischen Städte gegen Kaiser FRIEDRICH. Nach FRIEDRICHS Tod (+ 13.12.1250) kehrte Innocenz nach Italien zurück und setzte den Kampf gegen des Kaisers Söhne, KONRAD IV. und Manfred fort.
 
 
 
 

Literatur:
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Cawthorne Nigel: Das Sexleben der Päpste. Die Skandalchronik des Vatikans. Benedikt Taschen Verlag 1999 Seite 113,114,116,117 -