Grafen von Öttingen
 

EUROPÄISCHE STAMMTAFELN NEUE FOLGE BAND XVI Tafel 98-108
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 1365
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Oettingen, Grafen von
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Edelfreies schwäbisches Geschlecht, welches seit ca. 1140 im Ries über Absplitterungen staufischer Güter das Grafenamt ausübte. Nach dem Untergang der STAUFER konnten die Grafen durch Zuerwerb von Forsten, Burgen, Geleit- und Zollrechten, Reichsvogteien und -pfandschaften, auch durch Privilegien für ihr Landgericht, ein relativ geschlossenes Territorium azfbauen, dessen Kern das Riesbecken bildete. Um 1300 erreichten sie den Höhepunkt ihrer Macht, deren Niedergang durch Verkäufe und Parteinahme Graf Ludwigs VI. für seinen Schwager König FRIEDRICH DEN SCHÖNEN und gegen LUDWIG DEN BAYERN eingeleitet sowie durch Teilungen beschleunigt wurde. Die Erbeinung von 1522 konsolidierte die Teilgrafschaften Oettingen-Oettingen und Oettingen-Wallerstein. In den meisten schwäbischen, fränkischen und bayerischen Domkapiteln vertreten, hatten die Grafen auch in der Reichskirche ein bemerkenswertes Gewicht.

Quellen und Literatur:
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G. Grupp, Oetting. Reg., 3 H, 1896-1908 - R. Dertsch-G. Wulz, Die Urk. der fsl. Oetting. Archive in Wallerstein und Oe. 1197-1350, 1959 - D. Kuodorfer, Nördlingen (HAB Schwaben I, 8, 1974) - Das älteste Lehrbuch der Gft. Oe., bearb. E. Grünewald, 2, Bde, 1975, 1976 - D. Kudorfer, Die Gft. Oe. (HAB Schwaben II, 3, 1985).
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Paul Friedrich Stälin: Seite 429
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"Geschichte Württembergs"

In ähnlichem Verhältnis wie die Grafen von Dillingen stehen zu Württemberg die Grafen, heutigen Fürsten, von Öttingen, welche nach ihrer Burg dieses Namens im nunmehrigen bayerischen Landgericht Öttingen heißen, als Territorialherren jedoch erst im späteren Mittelalter für das jetzige Königreich Württemberg von größerer Bedeutung werden. Sie sind ohne Zweifel Nachkommen der alten Riesgaugrafen, so vielleicht schon Sigehards und Friedrichs vom Jahr 987, weiterhin Sigehards von 1007,1016 und Friedrichs von 1027 (? vgl. Seite 200), 1030,1053. Mit dem von jener Burg herrührenden Geschlechtsnamen treten sie uns seit dem 12. Jahrhundert entgegen: Ludwig I., ohne den gräflichen Titel, im Gefolge König KONRADS III. vielleicht schon 1141, jedenfalls 1143, Graf Kuno, Konrad I., wahrscheinlich sein Bruder, zugleich mit ihm ums Jahr 1150, sodann 1153, Graf Ludwig II. bei Kaiser FRIEDRICH I., Graf Konrad II. auf dessen Kreuzzug. Ludwig und Konrad blieben die vorherrschenden Namen der Familie während dieser Zeit und Träger derselben fanden sich bei allen STAUFERN bis herab auf Konradin nicht selten ein.

Dr. Heinz Bühler: Seite 24-27
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"Die Geschichte der frühen Staufer"

Die ältere Forschung vertrat die Auffassung, die Grafen von Oettingen stammten von den alten Riesgrafen Sigehard (987, 1007-1016) und Friedrich (1027,1030 und 1053) ab. Da wir die Riesgrafen namens Friedrich jetzt als Angehörige des STAUFER-Hauses betrachten und auch den Grafen Sigehard ihrem Sippenkreis zurechnen dürfen, wären die Grafen von Oettingen Verwandte der STAUFER.
Eine Verwandtschaft zwischen OETTINGERN und STAUFERN ist nirgends ausdrücklich bezeugt; es sei denn, man wertet die Aussage König KONRADS IV. von 1251, Graf Ludwig IV. von Oettingen sei sein "dilectus familiaris et fidelis", in diesem Sinne. Eine Verwandtschaft müßte auf alle Fälle bis ins frühe 12. Jahrhundert zurückreichen. Da König KONRAD IV. bereits der 5. Generation nach Friedrich I. (1079-1105) angehörte, konnte es sich zu seiner Zeit ohnehin nur noch um eine entfernte Vetternschaft handeln, was seine ziemlich unbestimmte Aussage verständlich machen würde.
Wir sind jedoch bereits zweimal auf so enge Beziehungen der OETTINGER zu den STAUFERN gestoßen, dass man tatsächlich eine Verwandtschaft annehmen muß. Es ist zum einen die Geschichte der Riesgrafschaft, zum anderen die Besitzgeschichte Wallersteins.
a) Die von Oettingen bekleideten, wie erwähnt, seit 1147 das Grafenamt in einem Bezirk, der offenbar der staufischen Grafschaft im "pagus Raetia" entsprach. Wie es scheint, waren sie die unmittelbaren Nachfolger der staufischen Riesgrafen. Kein Zufall kann es sein, dass Ludwig von Oettingen am 4. Juni 1147 zum 1. Mal mit dem Grafentitel erscheint, nachdem 8 Wochen zuvor, am 4. oder 6. April, der STAUFER Herzog Friedrich II. von Schwaben, den wir als den Inhaber der Ries-Grafschaft betrachten, gestorben war. Zwischen dem Tod des Herzogs Friedrich und der Erhebung des OETTINGERS in den Grafenrang besteht offensichtlich ein Zusammenhang.
Mit dem Tode Herzog Friedrichs II. wurde die Ries-Grafschaft frei, und es bot sich die Gelegenheit, sie neu zu besetzen. König KONRAD III., der als 1. STAUFER 1138 das Königtum erlangt hatte, mag es für ratsam erachtet haben, die Ries-Grafschaft jetzt vom Herzogtum zu trennen und sie jemandem anzuvertrauen, der im Bereich der Grafschaft selbst ansässig war. Scheint es doch, dass der Sohn Friedrichs II., Herzog Friedrich III., der zukünftige Kaiser FRIEDRICH I. BARBAROSSA, endgültig den Hohenstaufen zum Herrschaftsmittelpunkt erwählt hatte und sich somit um das Grafenamt im Ries hätte wenig kümmern können. Die Söhne KONRADS III., HEINRICH und Konrad, aber waren erst 10 bzw. 2 Jahre alt und kamen somit für das Grafenamt nicht in Betracht. So erklärt sich die Ernennung Ludwigs von Oettingen. Sicher hat er das Grafenamt nur deshalb erhalten, weil er zur Sippe der STAUFER gehörte. Einem Fremden hätte KONRAD III. die staufische Hausgrafschaft, in deren Bereich viel staufisches Hausgut lag, kaum anvertraut.
So legt die Grafengeschichte des Rieses eine Verwandtschaft der OETTINGER mit den STAUFERN sehr nahe.
b) Der Besitz der OETTINGER ist mit dem der STAUFER so eng verzahnt, dass man auf gemeinsame Abstammung schließen muß. Leider sind aus dem 12. und frühen 13. Jahrhundert zu wenig Besitztitel der OETTINGER bekannt, als dass sich im Einzelfall mit Sicherheit feststellen ließe, inwieweit die OETTINGER ihre Besitzrechte schon gleichzeitig mit den STAUFERN ausübten bzw. inwieweit sie ehemals staufisches Gut erst seit dem Interregnum übernahmen. Aber gerade die Tatsache, dass sie staufisches Gut übernehmen und offenbar unangefochten behaupten konnten, spricht eindeutig für ihre Verwandtschaft. Besitznachfolge der OETTINGER in ehemals staufischen Gut liegt zum Beispiel in Wallerstein vor, das seit 1261 - offenbar als Ganzes - in Händen der OETTINGER nachweisbar ist. Auch im Brenztal haben die OETTINGER staufisches Gut übernommen (Güssenberg bei Hermaringen ist 1328 oettingisch), desgleichen im Remstal die Herrschaft Lauterburg mit Zugehörden in Dettingen, Heuchlingen, Setzingen und Asselfingen.
Die erkennbare Verwandtschaft zwischen OETTINGERN und STAUFERN muß über Träger des Namens Ludwig gelaufen sein. Dieser Name hat im Hause OETTINGEN besondere Bedeutung. Dabei ist er noch im 12. Jahrhundert in Ostschwaben sehr selten. Er findet sich im Hause SIGMARINGEN-SPITZENBERG-HELFENSTEIN und leitet sich dort von Ludwig von Sigmaringen (1083) her. Er findet sich im Hause WÜRTTEMBERG und erklärt sich hier möglicherweise aus einer Verbindung mit Sigmaringen-Spitzenberg. Er findet sich sodann bei den STAUFERIN unter den Söhnen der Hildegard von Schlettstadt und stammt aus deren Familie. So kann die Verwandtschaft zwischen OETTINGERN und STAUFERN nur von Hildegards Sohn, dem Pfalzgrafen Ludwig (ca. 1095-1103), ausgehen. Dies hat schon Ernst Klebel vermutet. Söhne Ludwigs sind nicht bekannt und - wie die Geschichte des Pfalzgrafenamtes zeigt - auch nicht anzunehmen. Somit muß die Verbindung über eine (unbekannte) Tochter Ludwigs gelaufen sein. Sie hätte sich mit dem Stammvater der OETTINGER vermählt, einem Edelfreien namens Konrad; der Name Konrad ist ja neben Ludwig der 2. Leitname der OETTINGER; und sie hätte ihrem Gemahl beträchtlichen staufischen Besitz zugebracht.
Den Namen Konrad trug in der fraglichen Zeit ein Edelfreier, der sich nach Wallerstein nannte (ca. 1112-1147). Die ältere Forschung rechnet ihn zu den Vorfahren der OETTINGER. Diese Annahme ist bestechend, und zwar nicht nur wegen des Namens Konrad. Konrad von Wallerstein stand in hohem Ansehen; dies beweisen seine Zeugenschaften. Er hatte offenbar enge Beziehungen zu den Herren von Truhendingen, die mit den STAUFERN verwandt waren, und zu denen von Ursin-Ronsberg. Er war Vogt der Abtei Ellwangen, vielleicht in Nachfolge der STAUFER. Abt Helmerich hatte ihm um 1136 das Truchsessen-Lehen in Rattstadt (Kr. Aalen) zugeschanzt. Helmerichs Nachfolger, Abt Adalbert von Ronsberg (1136-1173), dürfte ein Verwandter Konrads gewesen sein und vielleicht mit seiner Unterstützung die Abtwürde erlangt haben. Der Übergang Wallersteins auf die Oettinger ließe sich auf einfache Weise erklären, wenn Konrad deren Stammvater wäre.
Konrad von Wallerstein stammte selbstwohl nicht aus dem Ries. Er steht einerseits in Beziehungen zu Edelgeschlechtern Bayrisch-Mittelschwabens, leistet Zeugenschaft bei Schenkungen an Kloster Rottenbuch (bei Schongau) und verkauft selbst ein "predium" in Unterknöringen an Kloster Ursberg (Kr. Krumbach). Andererseits, und zwar vielleicht von Mutterseite, scheint er mit der Vogtfamilie des Hochstifts Eichstätt, den Herren von Grögling, verwandt gewesen zu sein; dadurch würde sich der Name seines Sohnes Gotebolt und vielleicht auch oettingischer Besitz in Biberbach (bei Beilngries) erklären. So kam Konrad wahrscheinlich erst durch seine Heirat (um 1100) ins Ries.
Wir kennen das "castrum" Wallerstein als alte STAUFER-Burg; läßt es sich doch mindestens bis auf den Riesgaugrafen Friedrich "von Büren" 1053 zurückverfolgen. Unter dessen Söhnen wurde die Burg geteilt. Während die eine Hälfte unter den Nachkommen Herzog Friedrichs I. vererbte und 1188 in den Händen Konrads von Rothenburg (1188-1196) war, mußte die andere Hälfte an den Pfalzgrafen Ludwig (ca. 1095-1103) und über dessen (erschlossene) Tochter in die Verfügungsgewalt ihres Gemahls gelangt sein, der offensichtlich identisch ist mit Konrad von Wallerstein. Dieser hätte somit auf dem Heiratsgut seiner Frau Wohnung genommen und sich danach benannt. Er wäre der Stammvater der Grafen von Oettingen.
Konrad von Wallerstein ist noch beurkundet zu einer Zeit, als bereits Ludwig I. von Oettingen (1141- ca. 1150) auftritt. Dieser nannte sich nach einer Burg, die er vermutlich auf seinem mütterlichen Erbgut erbaut hatte. In Oettingen war seit dem frühen 9. Jahrhundert das Kloster Fulda begütert. Dessen Besitz im Ries war größtenteils als Lehen an die STAUFER gelangt und so dem Kloster allmählich entfremdet worden. So mag es auch mit Oettingen gegangen sein, das über den Pfalzgrafen Ludwig an seine Tochter gelangt wäre.
Es ist bemerkenswert, dass Ludwig I. von Oettingen den Grafentitel erstmals im Juni 1147 führt, nachdem Konrad von Wallerstein im März desselben Jahres letztmals bezeugt ist. Auch das wird kein Zufall sein; vielmehr ersehen wir daraus, dass Ludwig I. erst in den Grafenrang erhoben wurde, nachdem Konrad von Wallerstein tot war. So spricht tatsächlich nichts gegen die Annahme, Konrad von Wallerstein sei der Vater Ludwigs I. von Oettingen. Dass sie nie gemeinsam bezeugt sind, ist kein Gegenargument, denn es läßt sich feststellen, dass wechselweise in bestimmten Zeitabständen bald der eine, bald der andere am Königshofe weilte.
Ein 2. Sohn Konrads von Wallerstein, wohl personengleich mit dem namentlich nicht genannten Bruder Ludwigs I. von Oettingen, wäre Gotebolt von Wallerstein, der seinem Vater als Vogt von Ellwangen nachfolgte und in einer Urkunde Herzog Welfs VI. für Kloster Polling um 1144-1147 als Zeuge auftritt.
Indem wir die von Wallerstein - Konrad und Gotebolt - in die Genealogie der OETTINGER einreihen, schließt sich die Lücke zwischen dem STAUFISCHEN Pfalzgrafen Ludwig und Ludwig I. von Oettingen; es erklärt sich der Übergang von halb Wallerstein auf die OETTINGER sowie deren Anspruch auf die Ellwanger Vogtei. Waren die OETTINGER die Rechtsnachfolger des Pfalzgrafen Ludwig, versteht man, weshalb sie im 13. Jahrhundert, spätestens nach dem Tode König KONRADS IV. (+ 1254), mit anderem staufischen Gut auch die staufische Hälfte Wallersteins sich angeeignet haben; konnten sie sich doch auf einen Erbanspruch berufen.