Otto                                               Graf von Northeim
-----
    -
 

Sohn des Grafen N.N.
 

Lange Karl-Heinz: Seite 9-12
***************
"Die Grafen von Northeim 950-1144"

In dem Bestreben, das erste noch feststellbare Mitglied des Geschlechts der Grafen von Northeim zu ermitteln, stoßen wir bereits auf ein Problem. Schrader beginnt seine Darstellung mit der Person des zuerst im Jahre 982 nachweisbaren Grafen Siegfried, aber schon vor ihm hatten die Bearbeiter der Origenes Guelficae einen um 950 auftretenden Grafen Otto als northeimischen Ahnherrn beansprucht, eine Tatsache, auf die neuerdings Göbel wieder aufmerksam gemacht hat. Einem Königsdiplom zufolge, das vor 956 ausgestellt ist, schenkte OTTO DER GROSSE dem Kloster Fulda unter Abt Hadamar "villam Northeim vocatam in pago Salzgowe in comitatu Ottonis comitis fidelis nostri." Da es im Salzgau keinen Ort Northeim gegeben hat, handelt es sich hierbei zweifellos um einen Überlieferungsfehler. Für die Identifizierung des Ortsnamens stehen drei Ortschaften zur engeren Wahl: Northeim an der Rhume, Nordheim Kr. Meiningen und Nordheim Kr. Mellrichstadt, beide im Gau Grabfeld gelegen.
Die Frage, welcher Ort mit der villa Northeim in unserer Urkunde identisch sein könnte, ist bisher noch nicht befriedigend geklärt worden. Die neuere Forschung vertritt im allgemeinen die Ansicht, dass es sich um einen der Orte im Grabfeld handelt, wo das Kloster Fulda in der Tat seit frühester Zeit begütert war. Nicht weniger umfänglich waren jedoch dort die Besitzungen des Hochstifts Würzburg, was in der Tatsache seine Erklärung findet, dass sowohl im Grabfeld als auch auf dem Würzburger Bischofsstuhl die Grafen von Henneberg schon im 10. Jahrhundert eine entscheidende Rolle spielten.
Im Jahre 941 tauschte OTTO DER GROSSE mit der Würzburger Kirche "cuicquid in Nordheimono marco proprietatis habuimus in pago Craffelda in comitatu Popponis" gegen "talis proprietas qualem Poppo comes noster ad Altendoref (?) pro eadem commutatione prius suscepit, quando Nordheim in beneficium habuit." Damit ist offenbar gesagt, dass der gesamte liudolfingische Besitz in und um Nordheim - entweder Kr. Meiningen oder Kr. Mellrichstadt - schon 941 an das Hochstift Würzburg übergegangen war. Es ist daher nicht möglich, die villa Northeim von ca. 950 (D O I 132), die von OTTO I. dem Kloster geschenkt wurde, mit dem "Nordheim" von 941 (D O I 44), das außerdem, im Gegensatz zu D O I 132, ganz richtig als "in pago Craffelda in comitatu Popponis" gelegen bezeichnet wird, zu identifizieren. Weiterhin ist zu beachten, dass ein Graf Otto, wie er uns in D O I 132 begegnet, um 950 im Grabfeld nicht nachgewiesen werden kann. Hingegen läßt sich der würzburgische Einfluß in den Ortschaften mit Namen Nordheim im Grabfeldgau auch fernerhin beobachten. Im Jahre 1031 schenkte KONRAD II. der Würzburger Kirche den Bann über einen Wald bei Mellrichstadt, der sich auch um Nordheim erstreckte. Eine nach dem Tode KONRADS III. im Jahre 1152 ausgestellte Urkunde, die ein Tauschgeschäft zwischen Bischof Eberhard II. von Bamberg und dem Würzburger Burggrafen Poppo von Henneberg beinhaltet, führt unter den die Handlung bezeugenden Würzburger Ministerialen einen Heinricus de Northeim an. Im 12. und 13. Jahrhundert sind weitere Ministeriale des Hochstifts in dem gleichen Ort Nordheim belegbar.
Die bisherigen Darlegungen sollen zeigen, wie unsicher, ja unwahrscheinlich - vor allem auf Grund der genannten liudolfingischen Besitzübertragung an die Würzburger Kirche im Jahre 941 - es sein würde, wollte man annehmen, dass OTTO I. um 950 mit der villa Northeim eine der Ortschaften dieses Namens im Grabfeld dem Kloster Fulda geschenkt hätte. Es ist daher jetzt zu prüfen, ob es bessere Gründe gibt, die oftgenannte villa Northeim mit Northeim an der Rhume zu identifizieren.
Wir wissen, dass das Kloster Fulda bereits zu Beginn des 9. Jahrhunderts in Northeim und in Orten seiner näheren und weiteren Umgebung, wie Medenheim, Sudheim, Sultheim, Edesheim, Hammerstedt und Lutterhausen, Besitzungen erworben hatte. Diese Güter lagen zum großen Teil an verkehrsstrategisch wichtigen Punkten, ein Umstand, der die Fuldaer Äbte bewegen mußte, hier als alleinige Grundherren zu gelten. Die spärlichen Quellen lassen nun in der Folgezeit erkennen, dass keine Geringeren als die LIUDOLFINGER in der gleichen Gegend begütert waren. Aus einer im Jahre 982 von OTTO II. für das Kloster Fulda ausgestellten Urkunde erhellt eindeutig, dass schon zu diesem Zeitpunkt Königsgut in dem Ort Medenheim (wüst südwestlich Northeim) an den Abt übergegangen war, in einem Ort also, wo Fulda bereits zu Beginn des 9. Jahrhunderts Besitz hatte. Das Bild vervollständigt sich, wenn wir die Urkunde D O I 132 in diesen Zusammenhang einreihen. Wenn es dem Fuldaer Abt um 950 gelang, die bis dahin königliche villa Northeim als Schenkung OTTOS I. zu erhalten, so gewann er mit diesem zentralgelegenen Besitz einen hervorragenden Ausgangspunkt für die Arrondierung der bereits um 800 erworbenen Gütermasse an der Rhume und Leine. Der Ausbau seiner allodialen Stellung in diesem Gebiet ist dem Kloster Fulda anscheinend nicht gelungen; die Quellen geben uns nach 982 jedenfalls keine weiteren Aufschlüsse. Alles deutet vielmehr darauf hin, dass spätestens gegen Ende des 10. Jahrhunderts die Grafen von Northeim, die im Jahre 1002 als Inhaber einer curtis in Northeim nachweisbar sind, hier die Rechts- und Besitznachfolge der Fuldaer Äbte angetreten haben. In welcher Form sich dieser Übergang vollzog, läßt sich nicht mehr feststellen.
Der Ort Northeim wurde in der Folgezeit zum Stammsitz des nach ihm benannten Grafengeschlechts. Bevor er an die Grafen von Northeim gelangte, waren seine verschiedenen Besitzelemente, die sich ursprünglich in den Händen der LIUDOLFINGER und anderer Eigentümer befanden, unter der Herrschaft der Fuldaer Äbte bereits zu einer Einheit verschmolzen.
Entbehrt unsere These von der Identität der villa Northeim mit Northeim an der Rhume nicht einer gewissen Wahrscheinlichkeit, so werden wir vermutlich auch mit der Tatsache zu rechnen haben, dass der in der gleichen Urkunde genannte Graf Otto gräfliche Rechte in und um Northeim, das heißt etwa im Gebiet des Rittigaus, ausgeübt hat. Eine andere Frage ist, ob Otto vielleicht zum Geschlecht der Grafen von Northeim gehörte. Wenn wir bedenken, dass sein Name bei der Familie gebräuchlich war, und etwa 30 Jahre später, im Jahre 982, in der Person des Grafen Siegfried I. das erste mit Sicherheit feststellbare Mitglied unseres gräflichen Hauses auftritt, so könnte Graf Otto durchaus der Vater des Grafen Siegfried I. gewesen sein. Da sich indes Genaueres nicht ermitteln läßt, muß es bei dieser Vermutung sein Bewenden haben. Zwischen OTTO I. und dem gleichnamigen Grafen wird ein enges Verhältnis bestanden haben, da ihn der König seinen "fidelis" nennt: Diese Bezeichnung erklärt sich offenbar aus dem Umstand, dass dem Grafen Otto die Verwaltung des in seinem Komitatsbereich gelegenen Königsgutes oblag.