Lange Karl-Heinz: Seite 109/132-136
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"Die Grafen von Northeim 950-1144"

Wer die gräflichen Gerechtsame in den übrigen genanten Gauen nach dem Jahre 1083 wahrnahm, und welche Anteile am väterlichen Erbe dem 3. Sohn, Kuno von Beichlingen, und seinen drei Schwestern zufielen, läßt sich nicht nachweisen. Die Machtstellung Kunos, die dieser als Inhaber der Burg Beichlingen seit etwa 1088 in Thüringen innehatte, beruht zweifellos auf dem weimar-orlamündischen Erbe seiner Gemahlin Kunigunde und darf keinesfalls zu Rückschlüssen auf einen etwaigen thüringischen Herrschaftsbereich Ottosverleiten. Der Übergang gräflicher Rechte auf seine drei Töchter ist unwahrscheinlich, vielmehr scheint auch hier die Rechtsgewohnheit, dass Komitatsrechte und die Vogteigewalt über geistlichen Besitz nur in der männlichen Linie eines Geschlechts vererbt werden, befolgt worden zu sein.
Kuno ist der jüngste Sohn Ottos von Northeim und Richenzas; seine Geburt wird wie die seiner Brüder in die Jahre 1050 bis 1060 fallen. Die erste auf ihn zu beziehende Nachricht besitzen wir aus dem Jahre 1075: am Weihnachtsfest dieses Jahres wurden er und sein Bruder Siegfried als Geiseln in den Gewahrsam des Königs gegeben, in dem beide bis zum Herbst 1076 verblieben. Nach dem Tode seines Vaters (1083) begegnet er zusammen mit seinem Bruder, Heinrich dem Fetten, und Markgraf Ekbert II. von Meißen im Jahre 1086 als eine der maßgebenden Führerpersönlichkeiten der sächsischen Fürstenopposition und Parteigänger HERMANNS VON SALM. Wahrscheinlich auf Grund seiner gleich zu besprechenden Ehe mit der orlamündischen Erbtochter Kunigunde von Beichlingen, die ihm zu einer außerordentlich bedeutsamen Machtstellung in Thüringen verhalf, gelangte er in enge Beziehungen zu Bischof Burchard von Halberstadt, einem der hartnäckigsten Gegenspieler HEINRICHS IV.; möglicherweise war er sogar dessen Lehnsmann. Am 25. Juli 1087 bezeugte er in Goslar als erster der weltlichen Großen eine Urkunde Bischof Burchards für das Kloster Ilsenburg. Auch im folgenden Jahre befand er sich in der Begleitung des Halberstädter Bischofs. Markgraf Ekbert war mit seinem Plan, sich an Stelle HERMANNS VON SALM zum Gegen-König aufzuschwingen, auf den Widerstand Hartwigs von Magdeburg und Burchards von Halberstadt gestoßen, die entschieden die Partei für HERMANN nahmen. Ende März 1088 ging Ekbert, nachdem er sich vorübergehend mit dem Kaiser ausgesöhnt hatte, verwüstend gegen das Halberstädter Bistum vor, um sich an seinem Gegenspieler Burchard zu rächen. Dieser erwirkte einen kurzfristigen Waffenstillstand und versammelte am 5. April in Goslar seine Anhänger, um, wie es scheint, mit ihnen über etwaige, gegen Ekbert zu ergreifende Maßnahmen zu beraten. Unter den in Goslar anwesenden geistlichen und weltlichen Fürsten werden Hartwig von Magdeburg und Kuno von Beichlingen namentlich genannt. Am 7. April wurde Bischof Burchard von den Leuten Ekberts ermordet; mit seinem Tod brach der letzte Widerstand sächsischer Fürsten gegen HEINRICH IV. zusammen.
Kunos Gemahlin Kunigunde war eine Tochter des Markgrafen Otto von Meißen aus dem Hause WEIMAR-ORLAMÜNDE und Adelas von Löwen. Sie brachte ihrem Gemahl aus väterlichem Erbe die Burg Beichlingen in die Ehe, nach der dieser sich hinfort benannte. Die Tatsache läßt darauf schließen, dass Kuno auch einen Teil des orlamündischen Herrschaftsbereiches in Innerthüringen als Mitgift seiner Gemahlin übernommen hatte, von dem wir indessen keine genauere Kenntnis haben. Kuno und Kunigunde müssen im April 1088 bereits verheiratet gewesen sein, denn zu diesem Zeitpunkt wird der NORTHEIMER vom Annalista Saxo anläßlich des oben erwähnten Ereignisses von Goslar "comes.... Cono de Bichlinge" genannt. Diese Meldung wird bestätigt durch die Angabe der Gosecker Chronik, dass Abt Friedrich von Goseck nach dem am 27. Mai 1086 erfolgten Tode seines Onkels, des gleichnamigen Pfalzgrafen von Sachsen, "a Cunone comite de Bigliggen exoratus, abbatiam in Haldeslebe (Oldisleben an der Unstrut) regendam suscepit...." Da auch die durch Kunigunde und Kuno erfolgte Gründung dieser Abtei in die Jahre 1088/89 zu setzen ist, dürfte der oben angegebene terminus ante quem als gesichert erscheinen und zugleich erwiesen sein, dass Kuno schon zu dieser Zeit mit dem Geschlecht der Pfalzgrafen aus dem Hause GOSECK Beziehungen getreten war. Möglicherweise läßt sich aus der Zeugenschaft Kunos in der oben erwähnten Urkunde Bischof Burchards von Halberstadt entnehmen, dass die Ehe bereits am 25. Juli 1087 bestanden hat. Viel früher kann die Verbindung aber nicht geschlossen worden sein, da der Fürst Jaropolk von Kiew, in dem man gemeinhin den ersten Gemahl der Kunigunde sieht, am 22.11.1086 oder 1087 ermordet worden war. Ihrer ersten Ehe mit Jaropolk entstammten zwei (?) Söhne, Jaroslav und Wjatschelsav, sowie möglicherweise eine Tochter Anastasia, die in Rußland zurückblieben. Eine weitere Tochter, deren Namen wir nicht kennen, kehrte mit ihrer Mutter unmittelbar nach dem Tode ihres Vaters nach Deutschland zurück und wurde durch ihre Ehe mit dem thüringischen Grafen Günther die Stammutter der späteren Grafen von Schwarzburg. Die baldige Wiederverheiratung Kunigundes mit dem NORTHEIMER Kuno erklärt sich am zwanglosesten aus den engen verwandtschaftlichen Beziehungen, die damals zwischen dem northeimischen und dem wettinischen Hause bestanden. Da Kunigundes Mutter Adela nach dem Tode ihres 1. Gemahls mit dem WETTINER Dedi, dem Markgrafen von der Lausitz, nach 1068 eine 2. Ehe geschlossen hatte, und andererseits dessen Bruder Thiemo mit Ida, einer Schwester der Northeimer Brüder, vermählt war, heiratete Kuno eine Angehörige eines ihm verschwägerten Familienkreises. Wenn auch zum Zeitpunkt der Eheschließung Kunos die Stiefeltern seiner Gemahlin, Dedi und Adela, bereits gestorben waren, so werden wettinisch-orlamündische Beziehungen über ihren Sohn, Heinrich I. von Eilenburg, fortbestanden haben, zumal auch die northeimisch-wettinischen Gemeininteressen beim Prozeß Ekberts II. von Meißen im Jahre 1088, dem vermutlichen Jahre der Eheschließung Kunos, klar zutage traten. Da Kunigunde um das Jahr 1060 geboren sein wird, war sie nur wenig jünger als ihr northeimischer Gemahl.
Im Jahre 1088, als nach der Ermordung Bischof Burchards von Halberstadt der Friedensschluß zwischenHEINRICH IV. und den letzten aufständischen sächsischen Fürsten zustande kam, wird auch Kuno von Beichlingen zusammen mit seinen Brüdern auf die Seite des Kaisers übergetreten sein. Im Jahre 1093 hat, wie wir aus dem oft genannten Brief Bischof Ruperts von Bamberg erfahren, ein gutes Einvernehmen zwischen ihm und HEINRICH bestanden, eine Feststellung, die auch für die folgenden Jahre zutreffen wird, über die die Quellen fast völlig schweigen. Erst am Pfingstfest des Jahres 1097 begegnet er mit anderen sächsischen und süddeutschen Fürsten in Regensburg, als der Kaiser hier, aus Italien kommend, Hof hielt. Weshalb sich Kuno zu dieser Zeit in Süddeutschland aufhielt, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Am Italienzug HEINRICHS, der sich über 7 Jahre (1090-1097) hingezogen hatte, scheint er nicht beteiligt gewesen zu sein, da er in keiner Kaiserurkunde dieser Zeit genannt ist und außerdem sein Aufenthalt in Sachsen für das Jahr 1093 als gesichert gelten kann. Wie es scheint, hat Kuno in Regensburg den Kaiser getroffen, um ihn für die Durchsetzung der Ansprüche seines Verwandten, des späteren Pfalzgrafen Siegfried bei Rhein, auf die rheinische Pfalzgrafschaft zu gewinnen, die seit dem Tode Pfalzgraf Heinrichs von Laach (+ 1095) zwischen Heinrich von Limburg und Siegfried strittig war. Zu diesem Schluß führt uns die Tatsache, dass Kuno am 9. November 1099 wiederum in S-Deutschland begegnet, als er zusammen mit dem Pfalzgrafen Siegfried in einer in Mainz ausgestellten Urkunde Bischof Johann von Speyer in Gegenwart des Kaisers genannt wird, was auf enge Beziehungen Kunos zu Siegfried hindeutet. Als Gemahl der Kunigunde, einer Schwester von Siegfrieds Mutter Adelheid, und Oheim von dessen Gemahlin Gertrud von Northeim war er mit ihm auf doppeltem Wege verwandt. Es ist daher anzunehmen, dass er die Ansprüche des Aspiranten auf die rheinische Pfalzgrafenwürde nach Kräften unterstützt hat. Andererseits wird von HEINRICH IV. vornehmlich mit Rücksicht auf sein zu den einflußreichen Northeimer Brüdern bestehendes freundschaftliches Verhältnis genötigt gesehen haben, Heinrich von Limburg fallen zu lassen und Siegfried von Ballenstedt zur pfalzgräflichen Würde zu verhelfen. Kunos Anwesenheit anläßlich der Gründung des Klosters Lippoldsberg im Jahre 1100 ist zugleich das letzte sichere Zeugnis vor seinem Tode. Gegen Ende des Jahres 1103 wurde er von zweien seiner Lehnsleute, Adelger von Ilfeld und Christian von Rothenburg, ermordet. Mit dem frühen Tod Kunos fiel der von ihm verwaltete orlamündische Machtbereich an Kunigunde und deren Erben zurück. Auch der Allodialbesitz Kunos aus northeimischen Erbe gelangte an seine Gemahlin und seine vier Töchter, während sein northeimischen Komitatsbereich, über den sich allerdings keinerlei Nachrichten erhalten haben, bei der männlichen Linie des gräflichen Hauses - ähnlich wie der seines Bruders, Heinrichs des Fetten - verblieben sein dürfte. Ob er auf seinen älteren Bruder Siegfried oder seinen Neffen Otto, den Sohn Heinrichs des Fetten, überging, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen.