Thietmar von Merseburg: Seite 116,198,200,232
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"Chronik."

BUCH IV
 

Kapitel 2
 

Von Magadaburg begab sich Heinrich nach Quidilingeburg, wo er die demnächst eintretende Osterfeier beging. Dort versammelten sich in großer Anzahl die Fürsten des Reiches; einige aber, die daselbst nicht erscheinen wollten, schickten Abgeordnete, um auf alles sorgfältig Acht geben zu lassen. Während dieses Festes ward Heinrich von den Seinen als König begrüßt und mit kirchlichen Lobgesängen geehrt. Dorthin kamen die Herzoge Miseco [von Polen], Mistui [der Obotriten] und Bolizlav [von Böhmen] mit unzähligen anderen, und sicherten ihm, indem sie ihm als ihrem Könige und Herrn huldigten, jeglichen Beistand zu. Viele der anwesenden Fürsten jedoch, die aus Furcht vor Gottes Zorn nicht wagten, ihre Treue zu brechen, entfernten sich allmählich und eilten nach Hesleburg, wo ihre Genossen zusammenkamen, die nun schon eine offene Verbindung gegen den Herzog eingingen. Die Namen der Verbündeten waren folgende. Aus dem östlichen Theile des Landes traten mit Herzog Bernhard [von Sachsen] und Markgraf Thiedrich [zu Thüringen] zusammen die Grafen Ekkihard [von Thüringen], Bijo [von Merseburg], Esich [von Merseburg], Graf Bernward, ein Geistlicher, ferner Sigfrith und dessen Sohn [Grafen von Northeim], nebst den Gebrüdern Fritherich
[Graf von Eilenburg] und Ciazo. Von den dortigen Stammgenossen [den Sachsen] aber erhoben sich mit gegen Herzog Heinrich die Gebrüder Thiedrich und Sibert, nebst den Brüdern Hoico, Ekkihard und Bezeco, und Brunig und die Seinen, und auf Antrieb des Erzbischofs Willigis [von Mainz] die Ritter des heiligen Martin, denen die im Westen des Landes zum größten Theile anhingen. Als das der Herzog erfuhr, entließ er seine Anhänger reich beschenkt in Gnaden; er selbst aber eilte mit einer starken Schaar nach Werlu [bei Goslar], um jene Verbindung mit Gewalt zu sprengen, oder sie auf friedlichem Wege zu beseitigen, und schickte den Bischof Poppo hin, welcher versuchen sollte, diese seine Gegner zu trennen oder zu versöhnen. Dieser erlangte, indem er von dem einmal betretenen Wege nicht abließ, mit Mühe von den verbündeten Gegnern, welche schon bereit waren, gegen den Herzog vorzurücken, das Versprechen, an einem nach Uebereinkunft  bestimmten Tage an einem Orte, Namens Seusun [Seesen], wegen des Friedens unterhandeln zu wollen. Während aber der Herzog zu
dieser Uebereinkunft, da er sofort nach Baiern aufbrach, nicht kommen wollte, oder wegen Herzog Heinrichs, der vom verstorbenen Kaiser mit Baiern und Kärnthen belehnt war, nicht konnte, so
belagerte ein sehr großer feindlicher Heerhaufe eine Burg des Grafen Ekbert, Namens Ala, und indem sie nach Zerstörung der Ringmauer in dieselbe einzogen, führten sie die Tochter Otto's II., Ethelheid, welche daselbst erzogen ward, nebst vielem dort aufbewahrten Gelde hinweg, und kehrten erfreut heim.
 

BUCH V
 

Kapitel 3
 

Ekkihard ertrug dies, weil er sammt den Seinen nicht anwesend war, als dies geschah, mit verstellter Geduld, denn, wie die Schrift bezeugt, Manches, was von Vielen gesündigt wird, bleibt ungerächt. Als es aber Abend ward, und man den ebengenannten Herrinnen in einem großen Hause mit Teppichen geschmückte Sitze und eine mit mancherlei Speisen reich besetzte Tafel hingestellt hatte, kam Ekkihard herbei und nahm sie für sich in Beschlag, und speiste daselbst mit Bischof Arnulf und Herzog Bernhard. Denn wenn einer zu Grunde gehen soll, wird sein Herz zuvor stolz, und ehe man zu Ehren kommt, muß man zuvor leiden. Dies vermehrte zunächst die Betrübniß der beiden Schwestern, dann aber setzte es die übrigen Anwesenden sehr in Erbitterung, und wieder entbrannte gegen Ekkihard der lange verborgene Haß, der jetzt leider schnell zum Ziele kommen sollte. Denn als der Margraf sah, wie dort alles anders sich entwickelte, als er je gehofft hatte, hielt er es für's beste, sich gen Westen zu begeben, und sich mit dem Herzog Heriman und den übrigen dortigen  Großen wegen seiner und des Reiches Angelegenheiten zu berathen. Nachdem er darauf am anderen Tage von seinen  Verwandten Abschied genommen, seine Feinde aber sich vorsichtig gemerkt hatte, kam er mit dem Bischof Bernward nach Hillinishem [Hildesheim], wo er wie ein König empfangen und hoch geehrt ward. Als er aber von da nach Pathelbrunn [Paderborn] kam, fand er die Thore verschlossen, ward indeß auf Befehl des hochwürdigen Bischofs Rethari eingelassen, und ging zuerst zum Gebet in die Kirche, dann aber in das Haus, wo der Bischof speiste, und wurde von demselben gastlich empfangen. Hier indeß ward ihm angekündigt, daß eine Unterredung in Diusburg, weshalb er hierher gekommen war, durchaus nicht Statt finden könne. Ueberhaupt bemerkte Ekkihard, das sein ungebührliches Unternehmen dem Bischofe sehr mißfiel. Darum brach er auf, und als er nun nach Northeim, einem Hofe des Grafen Sigifrit, kam, ward er freundlich empfangen und gebeten, dort zu übernachten. Die Gräfin Ethelinde hatte ihm heimlich Nachricht gegeben, daß die Söhne ihres Eheherrn, Sigifrith und Benno, mit ihren Brüdern Heinrich und Udo und anderen Mitverschworenen ihm einen Hinterhalt  gelegt hätten, in der Absicht, ihn zu tödten, und bat ihn inständigst dort bis zum nächsten Tage zu bleiben, oder nach einer anderen Richtung sich hinzubegeben. Der Markgraf aber, der dies dankbar aufnahm, erwiderte doch, daß er jener wegen seinen Reiseplan irgendwie zu unterbrechen weder im Stande, noch gewillt sei. Und indem er sofort von da aufbrach, hatte er vorsichtig den ganzen Tag über die seinen unter Augen, die er als der tüchtige Kriegsmann, der er war, ermahnte, unerschrocken zu bleiben. Als das die Feinde aus der Ferne vom Hinterhalte aus gewahrten, verschoben sie die Sache, weil sie sie nicht für thunlich hielten, gelobten sich aber vermittelst Handschlages, in der folgenden Nacht ihr Vorhaben auszuführen.
 

Kapitel 4
 

Der Markgraf kam nun an den Ort seiner Bestimmung, Namens Palithi [Pölde], und als es Abend ward, speiste er und ging mit einigen Anderen in ein hölzernes Gemach zum Schlafen. Die meisten Uebrigen aber schliefen auf dem nahen Söller. Als diese alle nun, ermüdet, wie sie waren, vom Schlaf
befangen lagen, fiel plötzlich, ohne daß sie sich dessen versahen, die Schaar der Feinde über sie her. Ekkihard, von dem außerordentlichen Lärmen erweckt, stand sogleich auf, warf seine Beinkleider und was er sonst noch finden konnte ins Feuer, um dasselbe heller zu machen, und verschaffte, was er augenblicklich nicht im voraus zu überlegen im Stande war, indem er die Fenster aufbrach, den Angreifenden mehr Gelegenheit, ihm zuzusetzen, als er sich selbst seine Vertheidigung erleichterte. Sogleich ward nun vor der Thür der Ritter Heriman und von außen, seinem Herrn zu Hülfe eilend, Athulf erschlagen, beide tapfer und bis zum Tode getreu. Außerdem ward verwundet Erminold, kaiserlicher Kämmerer, und allein kämpfte noch gegenan Ekkihard, lobenswerth im Kriege, wie im Frieden. Ihm durchstieß Sigifrith mit einem heftigen Lanzenstoße den Nacken und brachte ihn zum Sinken. So wie die Uebrigen ihn fallen sahen, eilten sie heran, schnitten ihm das Haupt ab und plünderten kläglicher Weise den Leichnam. Dies geschah am 30. April. Nachdem die Mörder also diese wilde Schandthat verübt hatten, kehrten sie hocherfreut und unangefochten heim. Die aber auf dem Söller waren, unterstützten voll Feigheit weder irgendwie ihren bedrängten Herrn, noch versuchten sie den Ermordeten zu rächen. Der Abt des Ortes, Namens Alfker, hielt die Leichenschau und empfahl die Seele des Ermordeten in frommem Gebete dem Herrn.
 

Kapitel 23
 

Graf Heinrich aber, der jetzt wohl sah, daß seine Macht gesunken war, eilte nach der Burg Crana hin, und wußte, als er daselbst Sigifrid [von Nordheim], den jungen Sohn des Grafen Sigifrid, fand, der ihn mit einem versammelten Hülfsheere erwartete, weder diesem, noch sich selbst von einem Empörungskriege in diesen Gegenden irgend einen Erfolg zu versprechen. Nachdem er sich daher lange mit ihm beredet, steckte er zuletzt die Burg in Brand und begab sich sammt Herrn Bruno [K. Heinrichs Bruder] und seinen übrigen Anhängern zu Bolizlav, der damals Böhmen in Besitz genommen hatte. Sigifrid jedoch, in der Erwartung offenen Kampfes getäuscht, begleitete sie nicht, sondern kehrte heim, entschlossen künftig sein Vergehen gegen den König wieder gut zu machen. Der König aber, der dem fliehenden Feinde nach Crana [Kronach] hin nachsetzte, fand eine Milderung seines Grimmes darin, daß er gewahrte, wie der Feind ihm im Zerstören zuvor gekommen war. Er sandte darauf den Bischof Heinrich von Würzburg und den Abt Erkanbald von Fulda hin, um die Burg Suinvordi anzuzünden und zu zerstören. Diese wurden daselbst bei ihrer Ankunft von der erlauchten Eila, der Mutter des Grafen Heinrich, wie es ihrem Range gebührte, empfangen und begrüßt; als sie aber des Königs Gebot verkündeten, eilte die hohe Frau voll Entsetzens in die Kirche und schwur, wenn dieselbe angezündet würde, lieber mit derselben in den Flammen umkommen, als sie lebend verlassen zu wollen. Daher änderten jene Herren, aus christlicher Liebe alle irdische Furcht bei Seite setzend, das gesprochene Urtheil dahin ab, daß sie nur die Mauern und die Gebäude der Burg dem Erdboden gleich machten, indem sie die bekümmerte Frau noch durch das Versprechen zu besänftigen suchten, daß sie auch dies alles soviel sie vermöchten wieder herstellen wollten, sobald es ohne Gefahr königlicher Ungnade möglich sein werde. Der König aber kam, nachdem er alle Besitzungen des Grafen verheert und sie lehnweise weithin vertheilt hatte, nach Bavanberg [Bamberg], wo er sein Heer in gutem Frieden entließ und den Geburtstag der Mutter Gottes [8. Sept] festlich beging. Von da reiste er in den Wald, der Spechteshart [Spessart] heißt, und erholte sich nach den beschwerlichen Kriegszügen durch das Vergnügen der Jagd. Nachdem er also dort die Herbstfreude genossen, zog er durch Franken nach Sachsen hinein, indem er dort im Winter eine Unternehmung gegen die Milziener ankündigte. Dann feierte er zu Ralithi [Pölde] das Weihnachtsfest mit geistlichen und weltlichen Ehren nach Art seiner Vorfahren.