Rupp Gabriele: Seite 81-86
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"Die Ekkehardiner"

2.5.4. Der Mord von Pöhlde

Auf seinem Rückweg kam Markgraf Ekkehard nach Northeim, das einem Grafen Siegfried gehörte. Heimlich teilte ihm dessen zweite Ehefrau Ethelinde mit, dass Siegfrieds Söhne Siegfried und Benno [227 Ann. Saxo a. 1082, SS 6, Seite 721. Graf Siegfried, der Großvater Ottos von Northeim, war in 1. Ehe mit Mathilde verheiratet gewesen und hatte mit ihr zwei Söhne, Siegfried und Benno.] mit den Brüdern Heinrich und Udo von Katlenburg und anderen Verschwörern einen Anschlag auf ihn vorbereiteten, und bat ihn, entweder in Northeim zu übernachten oder seine Reiseroute zu ändern. Der Markgraf ließ sich jedoch durch die Warnung der Gräfin nicht von seinem Weg abbringen und zog wie geplant weiter zu dem Königshof Pöhlde. Hier überfielen ihn und seine Reisegesellschaft am 30. April mitten in der Nacht die Verschwörer und Siegfried tötete Ekkehard durch einen Lanzenstoß. Daraufhin enthaupteten sie den Toten und plünderten die Leiche, wie Thietmar voller Abscheu berichtet. Die Mörder konnten entkommen, während die überlebenden Begleiter den toten Markgrafen zu seinem Stammsitz überführten. Dort wurde er von seiner Frau Swanhilde und seinen Söhnen beigesetzt.
Über das Tatmotiv war sich schon der Chronist Thietmar nicht im klaren. Er gibt zwei verschiedene Meinungen wieder, die damals laut wurden. Einmal sei die Tat auf die Anstiftung Heinrichs von Katlenburgs erfolgt, der sich damit für eine von OTTO III. auf Ekkehards Veranlassung verhängte Züchtigung habe rächen wollen. Oder aber der Mord sei ein Racheakt von Männern, die ihn wegen seines herausfordernden Benehmens in Werla gegenüber den Schwestern OTTOS III. bestrafen wollten.
Diese Mutmaßung ist nicht ohne Wahrscheinlichkeit, wenn man bedenkt, über welch großen Einfluß Sophie und Adelheid verfügten und welche Zugeständnisse sie von HEINRICH erhielten, dass sie seine Partei ergriffen hatten. Vielleicht hatten sie selbst durchblicken lassen, dass Ekkehards Verhalten ihnen gegenüber gesühnt werden müsse.
Zum Verständnis des Mordes von Pöhlde ist es von Nutzen, die Familienverhältnisse der Verschwörer zu beleuchten. Dabei ist man zu dem Ergebnis gelangt, dass die Grafen Heinrich und Udo von Katlenburg Söhne des Grafen Luder-Udo I. von Stade gewesen sind. Aufgrund dieser Tatsache ist es sehr gut möglich, dass Thietmar als Neffe Liuthars von Walbeck und Vetter der beiden KATLENBURGER die eigentlichen Hintergründe des Verbrechens gar nicht objektiv darstellen wollte [235 "Das Bemühen des späteren Bischofs, in seiner Chronik die Kenntnisse der Gründe zu leugnen, welche zu dem Morde führten, sowie die Verschleierung des Zweckes der Reise Ekkehards zum Herzog Hermann von Schwaben, dem Günstlinge der NORTHEIMER Brüder" (!), der Umstand, "dass Thietmar am 7. Mai 1002, also wenige Tage nach dem Mord, von seinem nach Rache dürstenden Oheim Liudhar zum Propst in dem von dessen Vater Lothar II. (+ 986) gegründeten Kloster Walbeck ernannt wurde", lassen v. Uslar-Gleichen (Die Abstammung der Grafen von Northeim und Katlenburg von den Grafen von Stade, S. 41) vermuten, dass "Thietmar seine Hand dabei im Spiel hatte". Er denkt an "eine gemeinsame Aktion des Oheims und Neffen". Thietmar unterläßt es, die KATLENBURGER 1002 seine Verwandten zu nennen, wie er es später tut.].
Vor dem Hintergrund der Verwandtschaft zwischen Liuthar von Walbeck und den Katlenburger Brüdern [236 Sie sind die Neffen von Liuthars Schwägerin, der STADERIN Kunigunde, der Mutter Thietmars von Merseburg.] sind einige Historiker zu dem Schluß gelangt, dass diese offenbar "als Helfershelfer ihres Verwandten" - Liuthars von Walbeck - gehandelt haben, der die Thronfolge HEINRICHS II. unterstützt habe und ein persönlicher Gegner Ekkehards gewesen sei. Lange hält es darüber hinaus für möglich, dass der tiefere Grund des Mordes in einem Wiederaufleben des alten, zwischen STADERN und BILLUNGERN bestehenden Spannungsverhältnisses, mit denen die beiden Kontrahenten - Liuthar und Ekkehard - versippt waren, zu suchen sei [238 Ekkehard war als Gemahl der Swanhilde, der Schwester Herzog Bernhards I., der angeheiratete Schwager von dessen Gemahlin Hildegard von Stade, deren Stiefschwester Kunigunde die Schwägerin Liuthars von Walbeck war.].
Die Beteiligung der NORTHEIMER Brüder läßt sich hingegen nicht über die Verwandtschaft erklären, da sich diese These einer Verwandtschaft zwischen den KATLENBURGERN und den NORTHEIMERN als falsch erwiesen hat. Auch ist die Abstammung der Grafen von Northeim von den Grafen von Stade unterwiesen und darüber hinaus unwahrscheinlich. Vermutlich sind die Gründe ihrer Teilnahme an dem Mord in dem engen nachbarschaftlichen Verhältnissen zu suchen, das die KATLENBURGER und die NORTHEIMER während des gesamten 11. Jahrhunderts verbunden hat.
Uslar-Gleichen wiederum sieht die wahren Ursachen des Mordes in dem "Streben der northeimischen Brüder, ihrem Günstling, dem Herzog von Schwaben, durch Beseitigung eines gefährlichen Nebenbuhlers den Weg zum Throne zu bahnen. Ihr Interesse daran wurzelte in verwandtschaftlichen Verhältnissen".
Nach Uslar-Gleichen war Eila, die Gattin Bennos, die Tochter des Grafen Bruno IV. von Braunschweig und der Gräfin Gerburg II. von Stade. Nach deren Tod habe Bruno Gisela, die Tochter Hermanns II. von Schwaben, geheiratet. Diese verwandtschaftlichen Verhältnisse beruhen jedoch nur auf Hypothesen des Verfassers; quellenmäßig läßt sich eine solche Erklärung nicht bewesien.
Die Parteinahme Siegfrieds für Hermann von Schwaben glaubt Uslar-Gleichen auch daran ablesen zu können, dass Siegfried gleich im ersten Jahr nach HEINRICHS Thronbesteigung am Aufstand des Markgrafen Heinrich von Schweinfurt teilgenommen habe. Was dieses Ereignis angeht, wird man sich jedoch eher der Vermutung Gisebrechts anschließen können, dass Siegfried "sich in dem Lohn seines Verbrechens getäuscht zu haben scheint" und in dem Aufstand Heinrichs eine Gelegenheit sah, sich Genugtuung zu verschaffen.
Dass die Täter hofften, Herzog Heinrich durch die Beseitigung seines politischen Gegners einen Dienst zu erweisen, ist gut möglich. Schließlich ebnete dieser Mord HEINRICH den Weg zum Thron. Nach Giese führte Ekkehards Tod HEINRICH wesentlich leichter zur späteren Anerkennung durch die Sachsen als die Werlaer Versammlung, von der "keine erkennbare Wirkung" ausgegangen sei. Es wäre aber sicher falsch, daraus zu schließen, HEINRICH habe von der Tat gewußt oder sie sogar in Auftrag gegeben.
Zum Schluß darf auch nicht vergessen werden, dass sich Ekkehard zeitlebens aufgrund seines Verhaltens viele Feinde gemacht hat. Doch wäre die Annahme, den Grund des Mordes allein in Ekkehards Rücksichtslosigkeit und Neigung zu Gewalttätigkeit, die sich hier "in einem einmaligen maßlosen Ausbruch Luft gemacht" habe, zu suchen, sicher zu monokausal.
Es ergibt sich also ein ganzer Komplex von Motiven, die alle mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit besitzen. Eine eindeutige Erklärung wird wohl nicht mehr zu finden sein. Die Ausführung der Mordtat wird in erster Linie durch persönliche Motive erfolgt sein, aber sicher haben auch politische stark mit hineingespielt.
War die ältere Forschung der Meinung, dass die Mörder Ekkehards straffrei ausgingen, so können wir heute das Gegenteil beweisen. Die Untersuchungen von Hucke haben gezeigt, dass Heinrich von Katlenburg, der neben Siegfried II. offenbar als hauptschuldig galt, genötigt wurde, einen großen Teil seines im Comitat der Grafen von Stade gelegenen Allodialbesitzes als Sühne dem neu gegründeten Stift Harsefeld zu übergeben, nachdem er vorübergehend Geistlicher in Hildesheim gewesen war. Weiterhin ist anzunehmen, dass er alle seine Grafenrechte verlor, die ihm als dem ältesten Sohn Luder-Udos von Stade zugestanden hätten, da sein jüngerer Bruder Udo Anfang des 11. Jahrhunderts als Graf im Rittigau, Lisgau und Hemmerfeld auftrat.
Es ist nicht klar, ob auch Udo für seine Teilnahme an dem Mord bestraft wurde. Wenn ja, muß er bald Verzeihung erlangt haben, da er bereits nach fünf Jahren in einer kaiserlichen Urkunde genannt wird.
Als sicher kann angenommen werden dass auch Siegfried II. von Northeim bestraft wurde. Keine Quelle sagt aus, dass er jemals in die Grafenrechte seines Vaters nach dessen Tod im Jahr 1004 eingetreten ist. Vielmehr ist - analog zu den KATLENBURGERN - sein jüngerer Bruder in der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts als Graf in mehreren Gauen nachweisbar.
In die gleiche Richtung weist ein Diplom HEINRICHS II. aus dem Jahr 1007, in dem als Zeuge unter anderem "Udo comes, Sigifrid, Bernherd comes", das heißt der KATLENBURGER und die beiden NORTHEIMER, erscheinen, die also "zumindest seit 1007 wieder öffentlich auftreten konnten. Das Fehlen des Titels "comes" bei Siegfried II. beweist aber eindeutig, dass er bereits zu diesem Zeitpunkt seiner gräflichen Rechte zugunsten seines jüngeren Bruders Benno verlustig gegangen war, der folgerichtig als "Bernherd comes" erscheint.
Offenbar hat Siegfried II. - wie Heinrich von Katlenburg- auch einen Teil seines Eigengutes an den König abtreten müssen, denn 1015 schenkt HEINRICH II. dem Kloster Hersfeld tauschweise ein Gut, das er von "Sigefridus Sigefridi filius" erhalten hatte; dieser aber ist mit dem NORTHEIMER identisch und erscheint bezeichnenderweise auch hier ohne den "comes"-Titel.
Fassen wir diese belege zusammen, so ergibt sich, dass HEINRICH II. zweifellos auf einer Bestrafung der Hauptschuldigen am Mord an Ekkehard, Siegfrieds II. von Northeim und Heinrichs von Katlenburg, bestanden hat. Er zwang beide, auf die Ausübung der väterlichen Grafenrechte zugunsten ihrer jüngeren Brüder zu verzichten und einen Teil ihrer Allodien abzutreten. Dass HEINRICH II. in den Mord von Pöhlde involviert gewesen wäre, ist von dieser Bestrafungsaktion her gesehen sehr unwahrscheinlich.