Mohr Walter: Band I Seite 43-45
***********
"Geschichte des Herzogtums Lothringen. Geschichte des Herzogtums Groß-Lothringen (900-1048)"

Denn es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, als sei Friedrich lediglich ein Herzog von Ober-Lothringen gewesen. Er titulierte sich jedenfalls ausdrücklich Herzog der Lothringer [311 Kienast, Herzogst. 383.]. Die Neigung zu einer These von Ober- und Nieder-Lothringen kam vor allem auch dadurch, daß in den Quellenberichten über den Italienzug OTTOS I. ein lothringischer Herzog Gottfried genannt wird [312 dux Lothariensis. Contin. Regin. 964; Ruotger cap. 41. Köpke/Dümmler, Jbb. 227; Parisot, Origines 69, der jedoch in seinen Schlußfolgerungen zu weit geht; Sproemberg, Beiträge 175f. Die von der älteren Forschung bei Ruotger cap. 11 auf diesen Gottfried geschehene Bezugsetzung, vgl. Giesebrecht, Wilhelm, Geschichte der deutschen Kaiserzeit I, Braunschweig 1873, Seite 826, ist von Schrörs, Ann. Hist. Ver. Niederrh. 88, 36 Anm. 2 in einer Identifizierung mit dem Bischof Gottfried von Speyer eliminiert worden. Brunner, Intit. II, 296 nimmt das dux Lothariensis lediglich als Angabe der Abstammung Gottfrieds aus Lothringen, was jedoch an sich schon fraglich ist. Sproemberg, Beiträge 175. Im übrigen kann auf Grund der allgemeinen Ausdrucksweise der damaligen Quellen diese Formulierung nicht besagen: ein aus Lothringen stammender Herzog. Da Bruno ein Hilfskontingent Lothringer mit Herzog Gottfried an der Spitze nach Italien schickte (Ruotger cap. 41), bedeutet das wohl ausdrücklich, daß er ihn als Heerführer, als dux, an seiner Stelle diesen Lothringern voranstellte.]. Dieser Gottfried stammte wahrscheinlich aus dem Raum um Jülich und ist durch Erzbischof Bruno in besonderem Sinne gefördert worden. Er hat nach der Niederwerfung des Grafen Reginar vom Hennegau in der Hauptsache dessen Erbe übernommen.
Als Hauptbeweisstück für Gottfrieds Herzogstellung gilt eine Urkunde, die Bruno für das Kloster Stablo ausstellte, in der bei der Datierung hinter dem Namen König OTTOS die Angabe Godefrido duce steht. Indes ist diese Urkunde sehr umstritten. Zunächst einmal kann das Datum von 953 in diesem Schriftstück nicht stimmen, denn es wird darin der Abt Werinfrid von Stablo genannt, der erst nach dem 3. Oktober des folgenden Jahres Abt geworden sein kann. Die Schwierigkeit glaubte man lösen zu können, durch die Annahme, der Kopist der Urkunde habe bei den Regierungsjahren OTTOS I. irrtümlich XVIII statt XXIII geschrieben. Dadurch sollte die Urkunde im Datumsjahr mit der Ernennung des Grafen Friedrich zusammenfallen, was indes ein Irrtum war, denn in Wirklichkeit gelangt man dadurch bis zum 31. Oktober 958. Daraufhin wurde vorgeschlagen, bei der Datierung ein versehentliches Auslassen einer X anzunehmen, so daß man mit XXVIII in das Jahr 963 gelangen würde. Ein Zeugnis für die Existenz der Herzogswürde Gottfrieds in diesem Jahre würde also die Annahme einer gleichzeitigen Ernennung mit Friedrich im Jahre 959 ermöglichen. Indessen ist auf der anderen Seite die Echtheit der Urkunde überhaupt angezweifelt worden. Aus bestimmten Gründen soll sie auf den Namen Brunos gefälscht worden sein, wobei man vielleicht einen Grafen Gottfried mit dem Herzogsnamen bedachte.
Mit einer Berufung auf die Titulierung Gottfrieds an sich ist wohl kaum weiter zu kommen, da der Titel Herzog noch nichts Entscheidendes besagt. Nun kann man seine Benennung als lothringischer Herzog in der Fortsetzung der Chronik Reginos im Zusammenhang mit der bei Ruotger, dem Biograhhen Brunos, berichteten Entsendung eines Hilfskontingentes Lothringer nach Italien sehen, an dessen Spitze Bruno den Herzog Gottfried gestellt hat. Möglicherweise ist daraus der Schluß erlaubt, Gottfrieds Bezeichnung als Herzog beziehe sich auf einen militärischen Auftrag, und die Ausdrucksweise des Fortsetzers der Chronik Reginos, bei dem Gottfried nicht Herzog der Lothringer, sondern lothringischer Herzog genannt wird, könnte sich gerade auf diese lediglich militärische Aufgabe seines Amtes beziehen.
Es ergibt sich also keine eindeutige Berechtigung, von Gottfried als von einem Herzog von Nieder-Lothringen zu sprechen, wohl könnte seine Stellung eine ähnliche wie die Friedrichs gewesen sein und wurde ihm vielleicht erst anläßlich des Italienzuges OTTOS I. als eine militärische Funktion in Stellvertreterschaft Brunos übertragen, der selbst nicht mitziehen konnte. Er ist übrigens auf diesem Zuge im Juli 964 gestorben. In seinem herzoglichen Amt erhielt er keinen Nachfolger, wohl aber in seinen aus dem Besitz Reginars stammenden Gütern in Nieder-Lothringen, die einem Grafen Richer  übertragen wurden. Man kann daraus vermuten, daß sich hier seit Reginar eine Art Markgrafschaft herausgebildet hat, und daß Gottfried eine solche, einem Markgrafen ähnliche Stellung bekleidet hat.