Hlawitschka, Eduard: Seite 55-57,94,144-146
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"Die Anfänge des Hauses Habsburg-Lothringen. Genealogische Studien zur Geschichte Lothringens und des Reiches im 9.,10. und 11. Jahrhundert"

Nach der zitierten Stelle der Vita Adelheids von Vilich müßte es im 10. Jahrhundert zwei Herzöge namens Gottfried gegeben haben, Vater und Sohn, von denen der Sohn noch unverehelicht und wohl noch nicht in allzu fortgeschrittenem Alter stehend starb. Bei letzterem dürfte es sich, worauf schon Schenk zu Schweinsberg hinwies, um den im Sommer 964 in Mittelitalien von einer Seuche im kaiserlichen Heer dahingerafften Godefridus dux Lotharensis handeln [23 Contin. Reginonis ad 964, ed. F. Kurze, SS rer. Germ. Seite 174: Ex qua pestilentia obierunt Heinricus archiepiscopus  Trevirensis et Gerricus abbas Wirzeburgensis et Godefridus dux Lothariensis. Auch Ann. Hildesheim. ad 963, ed. G. Waitz, SS rer. Germ. (1878) Seite 22: dux Goderfridus ... ceterique non pauci.]. Jener wird auch in Ruotgers Vita Brunonis erwähnt.
Diesen jüngeren Gottfried hat man dann wohl auch in der Urkunde vom 2. Juni 965 vor sich, mit der OTTO I. auf Bitten Bruns von Köln und des Grafen Richar pro remedio anime ... dilecti quondam ... ducis nostri Godefridi den Ort Villers-Ghislain der Abtei St. Ghislain bestätigte; quam videlicet terram olim Godefridus bone memoriae dux noster ad stipendia fratrum ... ex beneficio, quod ex nobis habuerat, destinaverat pro remedo animae suae concedendam [26 MG DD Otto I Seite 408 nr. 291. - Als Todestag dieses Herzogs Gottfried läßt sich der 5. August 964 ermitteln; vgl. F. W. Oediger, Die Regesten der Erzbischöfe von Köln I Seite 141 nr. 456, und ders., Die Stiftskirche des hl. Viktor zu Xanten Band II, 3: Das älteste Totenbuch des Stiftes Xanten, hrsg. von F. W.Oediger (1958) Seite 63.].
Da seine Tätigkeit also im zweiten Viertel des 10. Jahrhunderts nachgewiesen ist, darf man wohl auch die Urkunde vom 25. November 941 nach der Düren in comitatu Sunderscas ubi Godefridus comes presse dinoscitur lag, bei der Betrachtung dieses Gottfried heranziehen [33 Nicht mehr auf diesen Pfalzgrafen zu beziehen sind indessen folgende drei Belege: rogatu Godefridi comitis wurde am 11. Juni 958 von OTTO I. ein dem Immo in villa Castra et in pago Daregouue ac in comitatu Rotberti comitis gelegenes Gut abgesprochen und einem Tietboldus übergeben, MG DD Otto I. Seite 276 nr. 194; am 13. Juni 958 wurde der Ort Wambaix in pago Hainia (= Hennegau) in comitatu Godefridi gelegen bezeichnet, ebenda Seite 276 nr. 195; nach einer Urkunde vom 25. Dezember 962 lag der Ort Stommeln in pago Gillgoui in comitatu Gotfridi comitis, Th. J. Lacomblet, Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins I (1840) Seite 61 nr. 105. Bei diesem Grafen dürfte es sich um den späteren, 964 gestorbenen Herzog von Nieder-Lothringen oder eventuell auch um Graf Gottfried von Verdun gehandelt haben, der als Gottfried der Gefangene in de Geschichte eingegangen ist.].
Man kann in ihm leicht den älteren Gottfried der Vita Adelheids von Vilich, seine bislang unbekannte Gemahlin, seinen gleichnamigen Sohn, der als Herzog 964 in Italien dem Fieber erlag, die Namen der drei anderen Söhne sowie die Tochter Gerberga, die Gemahlin des Grafen Megengoz und Mutter Adelheids von Vilich, wiedererkennen.
In diesen Brereichen (Lüttichgau) ist er der Nachfolger des 964 in Italien an einer Seuche gestorbenen dux Godefridus, also des Sohnes des Pfalzgrafen Gottfried, in der Verwaltung des durch Brun von Köln zerschlagenen (niederlothringischen) Machtbereich des mächtigen, für das Reich gefährlichen und des Hochverrats beschuldigten Reginar und seiner Familie. Richar erscheint zusammen mit Brun von Köln auch bereits 965 bei OTTO DEM GROSSEN als Petent für eine Stiftung zum Gedächtnis des im Jahre vorher verstorbenen Herzogs Gottfried [63 MG DD Otto I Seite 408 nr. 291: domnus scilicet Bruno sacre sedis Coloniensis archiepiscopus germanus noster simul et Richarius comes fidelis noster causas ad nos detulerunt pro quadam terra ... sita in loco qui Uillare dicitur (= Villers-Ghislain), quam videlicet terram olim Godefridus bone memoriae dux noster ad stipendia fratrum (von S. Ghislain) ... destinaverat.]. So beginnen sich Beziehungen dieses Mannes zur Gottfried-Familie abzuzeichnen.
Kimpen ging davon aus, daß der 964 in Mittelitalien von einer verheerenden Fieberepidemie dahingeraffte Herzog Gottfried, der nach sder Vita Adelheids von Vilich noch nicht verheiratet gewesen war und der nach Ruotgers Worten von Erzbischof Bruno von Köln erzogen und ausgebildet worden ist, "offensichtlich jung" verstarb: "Da Erzbischof Bruno, der selbst frühestens 925 geboren war, Gottfried erzog, sollte man diesen in seinem Todesjahr auf einen Mann von etwa 20 bis höchstens 25 Jahre einschätzen dürfen" [245 E. Kimpen, Rheinische Anfänge Seite 24.]. Kimpen legt also die Geburtszeit des Herzogs Gottfried auf ca. 940-945 fest [246 E. Kimpen, Rheinische Anfänge Seite 24 Anm. 129: "Eine Geburtszeit um etwa 935 käme auch schon deshalb nicht in Frage, weil Bruno, der erst 953 Erzbischof wurde, dann wenig an Gottfried zu erziehen gehabt hätte".] und kann dadurch - da dieser zur Herzogswürde gelangte Sohn des Pfalzgrafen Gottfried auch als der älteste unter den Söhnen zu vermuten war - die im Jahre um 945 als die Geburtszeit des atavus Kaiser HEINRICHS III. ansetzen.
In dieser Argumentation spielt Ruotgers Ausdruck quem ipse nutrivit [247 Siehe oben Seite 53.], der zur Charakterisierung des Verhältnisses Brunos von Köln gegenüber Herzog Gottfried dient, eine wichtige Rolle. Er wird von Kimpen ganz wörtlich genommen. Es dürfte aber durch neuere Arbeiten schon genügend klargestellt sein, daß Brun in seiner Kölner Domschule keine Knabenerziehung betrieb, sondern daß er dort heranwachsenden Männern (jungen Leuten in der Blüte ihrer Jahre) das Rüstzeug für die Staatsverwaltung zu geben trachtete. Es muß aber vor allem darauf hingewiesen werden, daß sich ja Herzog Gottfrieds Eltern, Pfalzgraf Gottfried und seine Gemahlin Ermentrud, schon ca. 934 cum infantibus nachweisen lassen [249 Vgl. oben Seite 57.]. Daraus ergibt sich bereits, daß der Herzog Gottfried doch wohl 10-15 Jahre älter war, als Kimpen meint. Wenn er bei seinem Tode 964 noch unverheiratet war und noch keine ehelichen Kinder hatte, so ist das ja nicht unbedingt so zu verstehen, daß er damals erst ins heiratsfähige Alter getreten ist [250 Eher darf man ihn wohl für einen Hagestolz halten, zumal die Worte der Vita Adelehids von Vilich das Vorhandensein illegitimer Kinder dieses Manes geradezu nahelehen; vgl. oben Seite 51 (mit der Betonung: legitimae uxoris liberorum iucunditate numquam letaus).]. Da nun sein Vater Pfalzgraf Gottfried aus der 900 geschlossenen Ehe des MATFRIEDINGERS Gerhard und der LIUDOLFINGERIN Oda hervorging und wohl 901 oder recht bald danach geboren sein dürfte, und da andererseits seine Gemahlin Ermentrud aus der 907 geschlossenen Ehe König Karls des Einfältigen stammt und als älteste von sechs Töchtern etwa 908 geboren ist, dürften doch wohl die Kinder der beiden in der Zeitspanne zwischen 925 und 935 geboren sein.