Barth Rüdiger E.: Seite 148-152
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"Der Herzog in Lotharingien im 10. Jahrhundert"

Versuchen wir nun, Gottfried von Jülich, Sohn des Pfalzgrafen gleichen Namens, Bruder des Kölner Erzbischofs Wicfried, in seiner angeblichen Eigenschaft als Herzog von Nieder-Lothringen erwähnenden Belegquellen methodisch ähnlich zu prüfen.
Konsultieren wir wiederum zunächst die Diplome der Reichskanzlei.
Am 11. Juni 958 nennt sie ihn comes. Im gleichen Monat und Jahr gibt ihm die Reichskanzlei erneut den Grafentitel. Im übrigen verrät uns diese Urkunde, dass Juni 958 Gottfried der Hennegau als gräfliches Amtsgut übertragen wurde in der Nachfolge des von Brun verbannten Reginar III. Beide vorgenannten Diplome wurden anläßlich des Kölner Hoftages ausgestellt. Dass Gottfried schon 958 zum Herzog eingesetzt worden sei, ist also auszuschließen. Ein Jahr nach Gottfrieds Tod schreibt ein kanzleifremdes, im Original erhaltenes Diplom vom 2. Juni 965 pro remedio anime... dilecti quondam ducis nostris Godefridi. Wenngleich der dux-Titel vom Aussteller posthum nachträglich eingefügt worden sein kann, hätten wir hier das einzige, zu Lebzeiten OTTOS I. und nach Gottfrieds Ableben ausgestellte Königsdiplom, das Gottfriedden zwar aussagearmen Kurztitel dux einräumte, ohne allerdings jegliche ethnische oder geographisch-politische Zuordnung, geschweige denn teilungspolitischen Hinweis. Auf keinen Fall gibt dieses Diplom einen chronologischen Hinweis auf eine eventuelle Erhebung Gottfrieds zum Herzog. Darüber hinaus ist Gottfried in den Urkunden der Reichskanzlei nicht erwähnt.
Untersuchen wir nun die Privaturkunden.
Die aus dem 13. Jahrhundert stammende Abschrift einer in Aachen 31. Oktober 953 datierten Urkunde für die Abtei Stablo-Malmedy erwähnt regnante rege Ottone fratre nostro, anno XVIII, Godefrido duce. H. Breslau hielt sie für unecht. Köpke-Dümmler nehmen recht unklar Stellung, neigen jedoch zu der Annahme, dass Gottfried schon 953 Herzog gewesen sei. Ohne sich klar auszudrücken, hält Waitz die herzogliche Gewalt Gottfrieds für gegeben. Vanderkindere macht zunächst Zweifel an diesem Beleg geltend, und zwar weil in dem damaligen binnenlotharingischen Unruhen der damals noch jugendliche Gottfried wohl kaum von Brun, Gottfrieds Lehrer, an die Spitze eines lotharingischen Heeres gestellt werden konnte.
Dezember 962 schenkt Brun dem Kölner Cäcilienstift den Fronhof Stommelen im Gilgau in comitatu Gotfridi comitis. Also 962 immer noch der comes-Titel - nicht etwa comes et dux -, und zwar einer Schenkungsurkunde seines ehemaligen Lehrers, des Erzbischofs von Köln. Ein auf Juni 964 datierte Präkerie der Abtei Prüm mit einem Eberhard weist Gottfried in der Zeugenreihe nach dem Propst und 26 Mönchen, das heißt zwar an 28. Stelle, aber an erster Stelle der Laien als dux aus. Hier sind erhebliche chronologische Bedenken angebracht. Im Juni 964 befand sich Gottfried gemäß Ruotger in Italien und erlag dort der Pest im selben Monat. Hinzugefügt sei, dass diese auf Juni 964 datierte Klosterurkunde nur in einer Kopialschrift von Ende des 11. Jahrhunderts vorliegt.
Ruotger ist zum Jahr 964 die erste verläßliche Quelle, die Gottfried den dukalen Rang einräumt. Zeitliche Übereinstimmung des dukalen Titels bei Ruotger mit der Beauftragung Gottfrieds, ein lotharingisches Heereskontingent nach Italien zu führen, legen nahe, den funktionalen Bereich dieses Titels Gottfrieds auf eine zeitlich beschränkte und außerordentliche Heerführerfunktion einzuschränken und weniger auf einen permanenten herzoglichen Willens- und Aufgabenbereich in Lotharingien zu beziehen.
Den bedeutendsten Rang nimmt natürlich in seinem direkten raumpolitischen Einflußbereich die ihm 958 ganz oder teilweise übertragene Grafschaft Hennegau ein. Der Hennegau war mehr als 50 Jahre Teil des reginarischen Machtbereichs gewesen. Ein Gebiet, das in der Berichtsepoche von Valenciennes im Süden über Mons bis zur Grafschaft Namur reichte und Orte beinhaltete wie Chimay an der heutigen belgisch-französischen Grenze, Nismes und Couvin südlich von Namur. Ob Valenciennes schon damals zum hennegauischen Besitzstand zu zählen war, ist schwer zu dokumentieren. Es ist möglich, dass Gottfried wie sein Vorgänger Laienabt der Abtei St. Waudru in Mons und Vogt des Klosters Ste. Aldegonde bei dem südlich von Mons gelegenen Maubeuge gewesen war. Gottfrieds Stellung in diesen beiden Abteien sicherte ihm Ausdehnung seines Einflußbereichs in das Tal der Sambre in Richtung Beaumont, südöstlich von Mons. Ein schon zitiertes Königsdiplom von Juni 965 entsprach Gottfrieds zu dessen Lebzeiten formulierten Wunsch, einen 18 Hufen umfassenden, bei Villers-Gislain zwischen Mons und Binche gelegenen Lehnsbesitz dem Kloster Ghislain zu schenken. Eine Privaturkunde des Jahres 962 erwähnt Gottfrieds Grafschaft Gilgau im Westen Kölns.