NAMUR
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Seite 1011
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Namur
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Stadt und ehemalige Grafschaft (heute Provinz) in Belgien

Die Grafschaft Namur, im Bereich Lotharingiens, entstand aus einem der vier großen 'pagi' der Diözese von Lüttich, dem 'pagus Lomacensis', benannt nach La Roche a Lomme, im Süden des Gebiets zwischen Sambre und Maas (Entre-Sambre-et-Meuse). Erster bekannter Graf ist ein Berengar, erwähnt 907. Er gehörte wohl zur Sippe Eberhards von Friaul und heiratet eine Tochter Reginars I. Die illustre Herkunft des Grafen bewahrte den Pagus nicht vor starken Gebietsverlusten. Der Bischof von Lüttich wurde (oder blieb) Herr über Dinant, die Abteien Lobbes und Malonne, das Stift Fosses und einen großen Teil des Gebietes zwischen Sambre und Maas, insbesondere die Besitzungen der Herren von Rumigny-Florennes, die in die Fidelität Lüttichs eintraten. Die Grafen von Hennegau sicherten sich die Herrschaften von Beaumont und Chimay, die Grafen von Löwen (spätere Herzöge von Brabant) die Vogteien von Nivelles und Gembloux. Infolge einer Schwächung der bischöflichen Gewalt konnte der Graf von Namur zu Beginn des 12. Jh. diese Verluste zumindest teilweise wieder wettmachen und im Nordosten bis an die Schwelle des Haspengaus (Hesbaye), im Südosten ins Condroz vorstoßen. Namur, seit dem 10. Jh. Grafensitz, lag ungefähr in der Mitte des Fürstentums.
Dank planmäßiger Heiratspolitik, die von den Grafen über 3 Generationen betrieben wurde, vereinigte Heinrich der Blinde um 1150 in seiner Hand die Grafschaften Namur, Laroche, Durbuy, Longwy und Luxemburg sowie die Vogteien über Stablo, St. Maximin vor Trier und Echternach. Heinrich, der lange kinderlos war, übertrug seine Länder testamentarisch seinem Neffen, dem Grafen Balduin von Hennegau und Flandern, und bewog FRIEDRICH BARBAROSSA, die sechs lotharingischen Grafschaften als (weiträumige) Markgrafschaft zu konstituieren und ihren Träger in den Reichsfürstenstand zu erheben. Die späte Geburt einer Tochter, Ermesinde, machte diesen großen Plan zunichte: Nach Kriegen zwischen den Anwärtern auf das Erbe wurde 1199 der Vertrag von Dinant geschlossen, der die Grafschaft auf das eigentliche Namurois, die Domäne des Grafenhauses, beschränkte. Damit wurde die Grafschaft Namur zu einem Fürstentum von zweitrangiger Bedeutung, das eher als große Seigneurie denn als echte "Territorialmacht" gelten kann. Seine Grenzen blieben im wesentlichen unverändert, mit Ausnahme der Erwerbung von Poilvache (1307, aus luxemburgischen Besitz).
Wie alle Fürsten der Zeit widmeten sich auch die Grafen von Namur dem Ausbau und der Organisation ihrer fürstlichen Gewalt. Dies war das Werk zweier große auswärtiger Familien: Die aus Nevers gekommenen COURTENAY ererbten 1213 das Namurois, das Balduin von Courtenay, der glücklose lateinische Kaiser von Konstantinopel, aber 1263 an das champagnische Haus DAMPIERRE, Grafen von Flandern, verkaufen musste. Diese beiden Dynastien bauten die gräfliche Curia (Rat, conseil) auf, die an die Stelle des 'mallus' der älteren Zeit trat und Kleriker, Adlige sowie Repäsentanten der Stadt Namur umfasste, während die (theoretisch durch die Baillis vertreten) ländlichen Gebiete keine Vertreter stellten. Die Grafen schufen auch das Amt des Bailli, der (nach der Einrichtung regionaler Bailli-Ämter) souverain bailli hieß und als echter Stellvertreter des Grafen über umfassende Amtsgewalt verfügte. Das souverain bailliage wurde zum obersten Gerichtshof des Fürstentums, mit Kammern der Pairs, der Lehnsleute und der Allodialinhaber. Die Grafen ließen 1265 und 1289 Inventare ihrer Einkünfte anlegen und übertrugen die Finanzangelegenheiten einem Generaleinnehmer (receveur general). Der Weg zu weiterer institutioneller Ausgestaltung wurde aber nicht beschritten; erst Herzog Philipp der Gute von Burgund, der 1421 das Namurois gekauft hatte, berief eine landständische Versammlung (Etats) ein, doch ohne Dritten Stand, und erhob 1444 die erste Aide. 1477, während der burgundischen Staatskrise verlieh Maria von Burgund der Grafschaft Namur das erste Landesprivileg.
Die grundherrliche Gewalt war im Namurois weniger drückend als in anderen Gebieten. Eine Welle von Privilegienverleihungen setzte, geleitet von politischen Zielsetzungen, bereits vor 1100 ein und fand im 12. Jh. ihre Fortsetzung. Neue Privilegierungen, diesmal diktiert von wirtschaftlichen Notwendigkeiten, erfolgten an der Wende des 14. zum 15. Jh. Schon seit dem 13. Jh. war die feudale Willkür selbst in den ländlichen Bereichen abgeschafft worden. Das Namurois zählte im Spätmittelalter ca. 400 Siedlungen, vorwiegend kleine Dörfer von 100-150 Bewohnern sowie oft winzige Streusiedlungen.
Die Wirtschaft des Namurois beruhte im wesentlichen auf dem Ackerbau; die Viehzucht hatte nur im Spätmittelalter einige Bedeutung. Neben dem Aufschwung des traditionellen Erzbergbaus ist vor allem das Messing-Gewerbe in Bouvignes, der Konkurrentin Dinants, zu nennen. Der Handel (vor allem mit Produkten aus den Forstgebieten) belebte die Märkte der Flecken wie Fleurus und Walcourt. Im Namurois bestanden nicht weniger als 24 geistliche Institutionen (Stifte, Abteien und Konvente), gegründet zwischen 600 und 1236. Bedeutend waren vor allem die Stifte der Stadt Namur, die adligen Stifte Andenne und Moustier sowie die Abteien Brogne, Waulsort, Floreffe und Salzinnes.



 
 
Albert I.           -1011 
Albert II.  1011-1064 
Albert III.  1064-1102 
Gottfried  1104-1139 
Heinrich I. der Blinde  1139-1196 
Balduin V. von Hennegau  1184-1195 
Philipp I.  1196-1212 
Jolanthe  1212-1216 
Philipp II. 1216-1226 
Heinrich II.  1226-1229 
Balduin  1229-1273 
Guido von Dampierre 1273-1297 
Johann I.  1297-1331 
Johann II.  1331-1335 
Guido II.  1335-1336 
Philipp III.  1336-1337 
Wilhelm I.  1337-1391 
Wilhelm II.   1391-1418 
Johann III. Dietrich  + 1429 1418-1421