Twellenkamp Markus: Band I Seite 475,477-479
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"Das Haus der Luxemburger", in: Die Salier und das Reich

Am Palmsonntag des Jahres 963 erwarb ein Graf Siegfried, de nobili genere natus, vom Kloster Maximin bei Trier die auf dem Berggipfel über der Alzette gelegene Lucilinburhuc [1 C. Wampach /Hg.), Urkunden- und Quellenbuch zur Geschichte der altluxemburgischen Territorien bis zur burgundischen Zeit, Band 1, Luxemburg 1935 (zit.: UQB), Nr. 173, Seite 234; H. Renn, Das erste Luxemburger Grafenhaus (963-1136) (Rheinisches Archiv, Band 39), Bonn 1941, Seite 72-74.]. Graf Siegfried hat sich selbst nie nach dieser Neuerwerbung benannt, was zu dieser Zeit auch sehr ungewöhnlich gewesen wäre. Auch Siegfrieds Nachfahren sind noch lange nicht nach der Lützelburg/Luxemburg benannt worden.
In den um 1100 redigierten 'Gesta Treverorum' wird der Trierer Dompropst Adalbero, Sohn oder Enkel des eingangs genannten Siegfried - die genealogischen Zusammenhänge der Frühzeit des Luxemburger Hauses sind nach wie vor umstritten [8 Hierbei geht es um die Frage, ob der zweifelsohne nachzuweisende gleichnamige Sohn Siegfrieds I. kinderlos vor seinem Vater gestorben oder als Zwischenglied in die luxemburgische Filiationskette einzureihen ist. Wahrscheinlicher ist wohl die erste Möglichkeit, die, fußend auf den Forschungen Renns, Luxemburger (wie Anmerkung 19, Seite 57-61, noch von Mathilde Uhlirz, Die ersten Grafen von Luxemburg, in: DA 12, 1956, Seite 36-51 und K. F. Werner, Die Nachkommen Karls des Großen bis um das Jahr 1000, in: Karl der Große, Band IV., Das Nachleben, hg. von W. Braunfels und P. E. Schramm, Düsseldorf 1967, Seite 471-472, vertreten wird. J. Schoos, Die Familie der Luxemburger. Geschichte einer Dynastie, in: Balduin von Luxemburg Erzbischof von Trier - Kurfürst des Reiches 1285-1354, Festschrift aus Anlaß des 700. Geburtsjahres hg. von F.-J. Heyen, Mainz 1985, Seite 121,148-149 (mit Angaben zur älteren Literatur) und Seite 142 (Stammtafel), plädiert dagegen für die zweite Möglichkeit. Eine instruktive Übersicht über den Forschungsstand bietet E. Boshof, Das Erzstift Trier und seine Stellung zu Königtum und Papsttum im ausgehenden 10. Jahrhundert. Der Pontifikat des Theoderich (Studien und Vorarbeiten zu Germania Pontificia 4), Köln/Wien 1972, Seite 41-42; vgl. M. Parisse, Genealogie de la maison d’Ardenne, in: Publ. De la section hist. De l’Institut G.-D. de Luxembiurg 95, 1981, Seite 23-26.] - als Adelbero de Lucelenburch bezeichnet.
Außer der 963 erworbenen Luxemburg können dem Grafen Siegfried noch Rechte und Besitzungen in folgenden Gebieten nachgewiesen werden: im nur schwer eindeutig abgrenzbaren Moselgau [10
Die Formulierung der Urkunde OTTOS II. aus dem Jahre 982 lässt nicht eindeutig erkennen, ob Graf Siegfried eine oder die Grafschaft im Moselgau besessen hat: curtes... in pago Mosalgovve vocato et in comitatu Sigfridi comitissitas (MGH D O II., Nr. 280, S. 326, Z. 23f.). Die Abgrenzung des Moselgaus ist vor allem wegen des nach wie vor ungeklärten Verhältnisses zwischen dem Moselherzogtum und dem späteren Moselgau äußerst problematisch.], im unteren Saargau, im Rizzigau, das heißt in der Region zwischen Diedenhofen und Sierck, im Bidgau und in dem von der Alzette durchflossenen Nidgau. Graf Siegfried verfügte auch über die Vogtei von zwei bedeutenden Reichsklöstern, über Echternach und St. Maximin. Als Vogt von Echternach wurde er zum ersten Mal im Jahre 997 urkundlich erwähnt. Bereits 949/50 trat er die Nachfolge Herzog Hermanns von Schwaben als Laienabt von Echternach an [13 Vgl. Catalogus Abbatum Epternacensium I, MGH SS 23, Seite 33, und MGH SS 13, Seite 739 (UQB, Nr. 161). Vgl. C. Wampach (Hg.), Geschichte der Grundherrschaft Echternach im Frühmittelalter I, 1: Textband, Luxemburg 1992, Seite 217-220, und Renn, Luxemburger (wie Anmerkung 1), Seite 65-68. Zur territorialbildenden Bedeutung der Vogtei besonders im Moselgebiet vgl. Ewig, Civitas (wie Anmerkung 10), Seite 134-136.]. Im Jahr 973 bat Siegfried (oder dessen gleichnamiger Sohn) OTTO I. mit Erfolg um die Vertreibung der Kanoniker aus Echternach und die anschließende Neubesetzung mit Benediktinern. Wann die LUXEMBURGER die Vogtei von St. Maximin erhielten, ist nicht überliefert. Die erste sichere Nennung als Vögte dieser Reichsabtei stammt aus dem Jahr 996. Die Obervogtei in St. Maximin blieb bis zur Übergabe des Klosters an den Erzbischof von Trier 1140/47 im Besitz der LUXEMBURGER Familie, die Echternacher Vogtei wesentlich länger, bis Anfang des 14. Jahrhunderts.
Graf Siegfried, der die später namengebende Burg erwarb, stand in engen familiären Bindungen zu den beiden Königssippen jener Zeit, den KAROLINGERN und den OTTONEN. Von seiner Mutter Kunigunde [17 Renn, Luxemburger (wie Anmerkung 1), Seite 2-10. Eine genealogische Tafel des 11. Jahrhunderts überliefert folgende Ahnenreihe: Ludwig der Stammler - Ermentrude - Kunigunde - Siegfried - Kunigunde (Gemahlin Kaiser HEINRICHS II.); vgl. Renn, Francorum genealogiae, MGH SS 2, Seite 314. Nach der Chronik der Grafen von Flandern stammte Ermentrude aus der 2. Ehe Ludwigs mit Adelheid; vgl. Genealogiae comitum Flandriae, MGH SS 9, Seite 303, Zeile 10f.] her war er ein Urenkel König Ludwigs des Stammlers, der von 877 bis 879 das westfränkische Reich beherrscht hatte. Ludwigs Sohn Karl, später der Einfältige genannt, war der Stammvater der letzten drei karolingischen Könige des westfränkischen Reiches. Siegfried war mithin ein Vetter der Könige Ludwig IV. (936-954) und Lothar (954-986). Der Vater Siegfrieds war mit großer Wahrscheinlichkeit Graf Wigerich, dem entweder ein Unterbezirk des Bidgaus oder sogar der gesamte Bidgau unterstand und der enge Beziehungen zur Trierer Kirche unterhielt [18 Renn, Luxemburger (wie Anmerkung 1) Seite 12-22. Der Vater von Wigerich scheint der im Bliesgau begüterte Odacar gewesen zu sein; vgl. U. Nonn, Die gefälschte Urkunde des Grafen Widerich für das Kloster Hastiere und die Vorfahren der Grafen von Luxemburg, in: Rheinische Vierteljahresblätter 42, 1978, Seite 58-62.]. Wigerich orientierte sich ohne Zweifel nach Westen zu Karl dem Einfältigen, dem Onkel seiner Frau Kunigunde. Als Pfalzgraf repräsentierte er dessen Königtum in Lothringen.
Heinz Renn hat in seinen genealogischen Forschungen dem Grafen Siegfried vier Brüder (beziehungsweise Söhne) zugewiesen [21 Renn, Luxemburger (wie Anmerkung 1), Seite 3-10, 17-18,28-29. Adalbero von Metz wird in einer Urkunde Karls des Einfältigen als dessen nepos und gleichzeitig als einer der Söhne von Wigerich und Kunigunde angesprochen; vgl. UQB, Nr. 144, Seite 166: comes Windricus ... et uxoris eius nomine Cunegundis et unius filiorum ipsorum videlicet nostri nepotis Adelberonis. Adalbero selbst nannte an anderer Stelle Wigerich genitor meus nobilis comes. Da inzwischen auch die Abstammung Siegfrieds von Kunigunde zweifelsfrei feststeht (vgl. Renn, Luxemburger, Seite 2-10), müssen Adalbero und Siegfried Brüder gewesen sein. Die anderen Brüder Siegfrieds werden in einer 943 von Uda, der Gemahlin Gozlins, ausgestellten Urkunde als Brüder ihres verstorbenen Mannes aufgeführt: Friderici, Gisilberti, Sigeberti (wohl Verschreibung für Sigefridi; vgl. Renn, Luxemburger, Seite 7-8), fratrum predicti Gozlini. Bei den genannten Personen handelt es sich um Friedrich, den späteren Herzog von Ober-Lothringen, Giselbert, Graf im Ardennengau und Gozlin, den Vater Gottfrieds des Gefangenen. Das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Siegfried und dem Sohn seines Bruders Gozlin wurde von Gerbert von Reims zutreffend in einem an die Kaiserin Theophanu gerichteten Brief geschildert: Godefridum patruumque eius Sigefridum (Die Briefsammlung des Gerbert von Reims, bearb von F. Weigele, MGH, Die Briefe der deutschen Kaiserzeit, Band 2, Berlin/Zürich/Duiblin 1966, Nr. 52.] Adalbero, von 929 bis 962 Bischof von Metz, trug Mitte des 10. Jahrhunderts der veränderten politischen Lage Rechnung und schloss sich OTTO I. an. In einer Urkunde aus dem Jahr 960 wurde er sogar als compater des Königs bezeichnet [22 MGH D O I., Nr. 210, Seite 289, Zeile 37: compater noster Adalbero. Zu den beiden Bedeutungen von compater und den entsprechenden Belegen, vgl. Mittellateinisches Wörterbuch, Band 2, München 1976, Spalte 1040.]. Ob dieser Begriff hier im engeren Sinn als "Taufpate" oder im weiteren Sinn als "guter Freund" aufzufassen ist, wird aus dieser Stelle nicht deutlich. Siegfrieds Bruder Gozlin war mit einer gewissen Uda verheiratet, die in einer Urkunde OTTOS I. als amita des Königs bezeichnet wurde. Friedrich, der vermutlich im Jahr 959 die südliche Hälfte des damals geteilten Herzogtums Lothringen erhalten hatte, war mit Beatrix, einer Schwester Hugo Capets, verheiratet. Über ihre Mutter Hadwig war Beatrix eine Enkelin HEINRICHS I. Ein weiterer Bruder Siegfrieds, Giselbert, war Graf im Ardennergau. Über die Herkunft von Siegfrieds Frau Hadwig ist zwar schon viel spekuliert worden, eine sichere Festlegung ihrer Identität ist aus Mangel an Quellen aber nicht möglich [27 Auf keinen Fall wird Hadwig eine Enkelin HEINRICHS I. gewesen sein, wie es in der älteren Forschung seit J. Depoin, Sifroi Kunuz, comte de Mosellane, Luxemburg 1904, S. 6, wiederholt behauptet wurde. Wäre Hadwig tatsächlich die Tochter Herzog Giselberts von Lothringen und seiner Frau Gerberga, der Tochter HEINRICHS I., dann hätte Kunigunde, die Tochter Hadwigs und Graf Siegfrieds, eine Verwandtenehe 3. kanonischen Grades geschlossen, was vollkommen auszuschließen ist; vgl. hierzu Renn, Luxemburger (wie Anmerkung 1), Seite 62-64, und E. Hawitschka, Herzog Giselbert von Lothringen und das Kloster Remiremont, in: ZGORh. 108, N.F. 69, 1960, Seite 427-428.].