Hoensch, Jörg K.: Seite 11
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"Die Luxemburger. Eine spätmittelalterliche Dynastie gesamteuropäischer Bedeutung 1308-1437."

Ein am Palmsonntag, dem 12. April des Jahres 963, im Einvernehmen mit Brun, dem Reichsverweser und Erzbischof von Köln, einem Bruder Kaiser OTTOS I., von zahlreichen hochgestellten Zeugen beurkundeter Gebietstausch mit dem Kloster St. Maximin vor Trier trug dem Grafen Siegfrid, de nobili genere natus, die über dem Tal der Alzette auf dem Bockfelsen gelegene Lucilinburhuc ein. Die an dem Kreuzungspunkt wichtiger Verbindungswege von Reims und Metz nach Trier und in Richtung Norden gelegene Burg und die sich bald unter ihren Mauern ausbreitende Siedlung sollten sich bis zum Ende des 11. Jahrhunderts  zu einem neuen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Mittelpunkt im äußersten Westen des Reichsverbandes entwickeln.
Der schmale Quellenbestand erlaubt keine eindeutigen Aussagen über die Familie der Ardenner- und Mittelmoselgrafen, der Siegfrid entstammte. Ihre wahrscheinlich aus fränkischem Fiskalbesitz übernommenen Eigengüter lagen weit gestreut vor allem in den Grenzen des heutigen Luxemburg (Methin- oder Nidgau), in den westlich und nordwestlich angrenzenden Ardennen, im eigentlichen Moselgau um die ehemalige Kaiserpfalz Diedenhofen/Thoinville und im benachbarten Rizzigau um Sierck, in der Umgebung von Saarburg sowie im Raum Bitburg (Bidgau). Der Vater Wigerich vertrat König Karl den Einfältigen (898-923) als Pfalzgraf in Lotharingien, hatte wohl auch schon ein Grafenamt im Bidgau inne und amtierte als Vogt der Reichsabtei St. Maximin und als Laienabt von St. Willibrord in Echternach. Die Mutter Kunigunde gilt als Enkelin des westfränkischen Königs Ludwig des Stammlers (877-879) und Nichte Karls des Einfältigen, so dass Siegfried ein Cousin der französischen Könige Ludwig IV. (936-954) und Lothar (954-986) war. Mit den Königssippen der KAROLINGER und OTTONEN [Persönlicher Einwurf: Die Verwandtschaft zu den OTTONEN verlief über Siegfrieds Bruder Gozelo Graf im Bidgau, der mit Uda von Metz (* 905, + 10.4.963), einer Nichte von König HEINRICH I., verheiratet war.] verwandt, standen die älteren Brüder Siegfrieds, Adalbero als Bischof von Metz und Gozlin als compater und imperatorius frater Kaiser OTTOS I. (936-973) nahe, während der mit einer Schwester Hugo Capets verheiratete Friedrich den südlichen Teil des Herzogtums Lotharingien (Ober-Lothringen) kontrollierte und Giselbert als Graf im Ardennergau nachgewiesen werden kann. Siegfried war verheiratet mit der aus einem vornehmen und begüterten Geschlecht stammenden Hadwig, die aber entgegen früheren Vermutungen weder eine Enkelin König HEINRICHS I. (919-936) noch die Tochter des Herzogs Giselbert von Lothringen gewesen sein dürfte.
Noch immer ist umstritten, ob aus dieser Verbindung zehn Kinder hervorgingen und das Paar hochbetagt erst nach 997 ablebte, ob der Sohn Siegfrid II. als der eigentliche Stammvater der Familie anzusehen ist und die zahlreiche Nachkommenschaft hinterließ oder bereits 985 vor seinen Eltern kinderlos verstarb. Jedenfalls hat der ältere Siegfrid Kaiser OTTO II. (961/73-982) und seine Witwe Theophanu unterstützt, wobei er 984/85 bei den Kämpfen um Verdun in die Gefangenschaft König Lothars geriet, der ihm, wohl mit Rücksicht auf das hohe Alter, als erstem die Freiheit schenkte. Das trotz der schmalen territorialen Basis hohe Ansehen der Familie dokumentierte die 980 in Anwesenheit Kaiser OTTO II. erfolgte Eheschließung der Tochter Liudgard mit dem Markgrafen Arnulf von Holland und W-Friesland. Wohl erst nach dem Tod der Eltern, vermutlich im Frühjahr 1000, wurde die jüngere Kunigunde mit Herzog Heinrich IV. von Bayern vermählt.