Spindler Max: Seite 204-209
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"Handbuch der bayerischen Geschichte Erster Band Das alte Bayern. Das Stammesherzogtum bis zum Ausgang des 12. Jahrhunderts."

Kaiser ARNULF scheint die von hier drohende Gefahr wohl gesehen zu haben; er richtete Grenz-Grafschaften ein, in denen die dort angesiedelten Ministerialen beim Bau von Zufluchtsstätten und Grenzbefestigungen Hilfe leisten mußten [1 Urkunde Arnolfs nr. 32, hg. von Paul Kehr (MGH Urkunden der deutschen Karolinger 3) 1940, 47f.]; in diesem Zusammenhang dürfte die Einsetzung des Grafen Ratold von Ebersberg in der Grafschaft an der Save, dem später Krain genannten Gebiet [2 Chron. Eberspergense zu 906, hg. von Wilhelm Arndt (MGH SS 20) 1868, 10, zum Datum August von Jaksch (Monumenta hitorica ducatus Carinthiae 3) 1896, 67, zum Territorium Pirchegger, Karantanien und Unterpannonien (siehe oben 186) 306; Ders., Erläuterungen I 4, 53 und 342, zur Abkunft Gewin, Bayerisch-österreichische Geschlechter 38f., Mitterauer 222ff.], des Markgrafen Liutpold in Karantanien und Ober-Pannonien [3 Seit 893 Nachfolger des Grafen Ruodpert in regno Carantano, Reindel 6f.] und des Slawen-Herzogs Brazlawo in Slawonien (seit 892) und Unter-Pannonien (seit 896) gehören. 
In Bayern erschienen die Ungarn zum erstenmal im Jahre 900, im Jahr nach dem Tod Kaiser ARNULFS. Angeblich sei eine Gesandtschaft der Ungarn erschienen, um einen Vertrag abzuschließen, in Wahrheit habe sie jedoch nur das Land ausgekundschaftet, und so habe der erste Vorstoß im Jahre 900 bis über die Enns, also in den bayerischen Traungau geführt. Bis der bayerische Heerbann heran war, hatte die Hauptmacht der Feinde das Land bereits wieder verlassen, und Graf Luitpold sowie Bischof Richar von Passau konnten am 20. November in der Nähe von Linz nur noch eine kleine Abteilung schlagen [6 Quellen bei Reindel nr. 22, Seite 25ff.]. Im Anschluß an den Sieg erbaute man an der Enns, teilweise auf dem Gebiet der Grenzgrafen, teils auf dem des Klosters St. Florian, eine Burg, die im Jahre 901 zur Wiedergutmachung des durch den Ungarneinfall erlittenen Schaden an St. Florian geschenkt wurde [7 Urkunde Ludwigs des Kindes nr. 9, hg. von Theodor Schieffer (MGH Urkunden der deutschen Karolinger 4) 1960 108; Zauner (siehe oben 97 Anm. 11) besodners 56ff.]. Ebenfalls im Jahr 901 mußten die Ungarn einen Einfall nach Karantanien auf dem Rückweg mit einer Niederlage an der Fischa östlich Wien bezahlen [8 Quellen Reindel nr. 24, Seite 34ff., zur Örtlichkeit Hans Pirchegger, Beiträge zur älteren Besitz-und Rechtsgeschichte steierischer Klöster (Zeitschrift des historischen Vereins Steiermark 38) 1947, 5-43; besonders 41; Oettinger 90.]. Im Jahre 902 kämpfte eine ostfränkische Heeresabteilung gemeinsam mit den Mährern gegen die Ungarn [9 Reindel nr. 27, Seite 39.], 903 fand eine Schlacht mit unbekanntem Ausgang zwischen Bayern und Ungarn statt [10 Ebenda nr. 32, Seite 47.], und 904 wurde eine ungarische Gesandtschaft offenbar arglistig von den Bayern zu einem Gastmahl geladen und dabei erschlagen [1 Ebenda nr. 36, Seite 51f.]. Hatten die Bayern also bisher gegen die Ungarn nicht ohne Erfolg gekämpft, so brachte das Jahr 907 die vernichtende Niederlage bei Preßburg, in der Markgraf Luitpold, Erzbischof Thietmar von Salzburg, die Bischöfe Udo von Freising und Zacharias von Säben sowie zahlreiche Grafen fielen [2 Ebenda nr. 45; Seite 62ff.]. "Der bayerische Stamm ist beinahe vernichtet worden" heißt es in der zeitgenösssichen Annalistik [3 Die gleichzeitigen Annales Alamannici zu 907, hg. von Georg Heinrich Pertz (MGH SS 1) 1826, 54 schreiben: "Gewaltige Schlacht der Bayern mit den Ungarn, und Herzog Luitpold und ihr abergläubiger Hochmut ist vernichtet worden"; ob sich das auf den Hochmut der Bayern bezieht, dem gefährlichen Gegner offensiv entgegenzutreten.]. Bemerkenswert ist, daß der Kampf diesmal offenbar nicht in der Verteidigung erfolgte, sondern, wie der Ort der Schlacht weit imOsten zeugt, bei einem Offensivunternehmen.
Der Aufstieg des mehrer Generationen in Bayern führenden Geschlechtes der LUITPOLDINGER erfolgte in engem Zusammenhang mit den bayerischen KAROLINGERN. Die Dynastie des ersten, der uns aus dieser Familie entgegentritt, Markgraf Luitpold, läßt sich nicht mit Sicherheit zurückverfolgen [1 Keine der Vermutungen von Tyroller, Wittelsbacher I (siehe unten 216) 3, Gewin, Verwandtschaften 66ff. und Mitterauer 236ff. kann wirklich zur Evidenz erhoben werden; Riezler I 1, 561 und I 2, 571, vermutet, kaum ohne Grundlage, daß sie mit den ARIBONEN verwandt seien; vgl. auch Ders., Über die Abstammung des Hauses Scheiern von den Huosiern (FdG 18) 1878, 529-532.]. Daß er mit den KAROLINGERN verwandt war, sagen diese selbst [2 "Propinquus et consanguineus noster" heißt Luitpold bei Kaiser ARNULF (Urkunde Arnolfs (siehe oben 205 Anm. 1) nr. 162, Seite 246, nr. 193, Seite 299, "dilectus propinquus noster" bei Ludwig dem Kind (siehe oben 205 Anm. 7) (Urkunde nr. 9, Seite 110 und nr. 12 Seite 114), "nepos regis" wird Luitpold in den Fuldaer Annalen gennant (zu 895, Seite 125f.), und das Fragmentum de Arnulfo duce rühmt Arnulf "de progenie imperatorem et regum ortus" (hg. von Philipp Jaffe, MGH SS 17, 1861, 570), Verwandtschaft über Luitswinde vermutet Oskar Mitis, Eine Gedenkstiftung für Babenberger im Verbrüderungsbuch des Klosters Reichenau (MIÖG 57) 1949 257-278, besonders 259; Gewin, Bayerisch-österreichische Geschlechter 38; Mitterauer 218 und 236ff. vermutet eine über die burgundischen WELFEN vermittelte Verwandtschaft mit den KAROLINGERN.] und läßt sich auch aus der Namenswahl für seinen Sohn Arnulf erschließen; daß sich diese Verwandtschaft über Kaiser ARNULFS Mutter Luitwinde herleitet, ist nach dem Anklang im Namen immerhin möglich.
Die Stellung Luitpolds hatte ursprünglich nicht den gleichen Charakter wie die der beiden ersten bayerischen Statthalter Gerold und Audulf; ihnen war von vornherein ganz Bayern übertragen worden, Luitpold wuchsen seine Machtbefugnisse nach und nach zu. Ebenso wie bei den etwa mit ihm vergleichbaren Grafen Ernst und Engildeo konzentrierten sich schließlich in Luitpolds Hand soviel Rechte und Macht, daß er de facto nach dem karolingischen König der erste Mann in Bayern war [3 Tellenbach, Königtum 18f.]. Luitpold war im Laufe weniger Jahre Graf in Karantanien, in Ober-Pannonien, im Nord- und Donaugau geworden [4 Die Quellen bei Reindel nr. 1,2,3 und 7 Seite 1ff.; vgl. Andr. Mell, Der comitatus Liutpoldi und dessen Auftheilung in die Landgerichte des XIX. Jahrhunderts (MIÖG 21) 1900, 385-444; Hans Pirchegger, Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte Innerösterreichs II: Liutpoldinger und Aribonen in Kärnten und in der Kärntnermark (Zeitschrift des historischen Vereins für Steiermark 26) 1931, 36-48.]. Dem dadurch bewirkten machtmäßigen Übergewicht in Bayern mußte eine noch größere Bedeutung zukommen, als mit der Wahl des siebenjährigen Ludwigs des Kindes am 4. Februar 900 in Forchheim die Regierungsgewalt praktisch in die Hände der ersten Magnaten überging. Wenige Wochen später, im Juli 900, ist von einem "conventus et colloquium principum" in Reisbach die Rede, einer Versammlung des bayerischen Adels, an dessen Spitze offenbar Luitpold stand, ein Beweis dafür, daß der Adel in dieser durch die Herrschaft eines Kindes doppelt schwierigen Zeit die Initiative ergriff [1 Trad. Reg. nr. 178, Seite 134, vgl. Bosl, Luitpoldinger 160.]. Luitpold, der während der Regierung Ludwigs des Kindes mehrmals in dessen Umgebung erscheint, der für sich und seine Vasallen mehrere Gunstbeweise vom König erwirkte, war auch entscheidend an dem Feldzug gegen Adalbert von Babenberg sowie seiner verräterischen Gefangennahme und Hinrichtung beteiligt. In einer Urkunde für St. Gallen aus dem Jahre 903 wird er dux Boemanorum genannt, was vielleicht auf eine Statthalterschaft für Böhmen hindeuten könnte, dessen Fürsten sich ja 895 dem ostfränkischen Kaiser aufs neue kommendiert hatten (siehe oben Seite 204). Es könnte andererseits jedoch auch der Versuch der königlichen Kanzlei sein, durch einen über den comes-Rang hinausgehenden Titel seine besondere Stellung zu kennzeichnen. Luitpold hat auch die außenpolitischen Aufgabnen der karolingischen Könige für Bayern übernommen; er setzt sich mit dem Mährischen Reich auseinander und übernimmt die Kriegsführung gegen die Ungarn (siehe oben Seite 203f.).