Offergeld Thilo: Seite 555-557,603
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"Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter."

5.3.2.5. ARNOLFS Getreuer: LIUTPOLD VON BAYERN

Liutpold von Bayern ist der einzige weltliche Große, der hinsichtlich seines politischen Gewichts den KONRADINERN zur Seite gestellt werden kann. Wie diese hatte auch er die Grundlagen für seine Machtposition bereits in ARNOLFS Regierungszeit gelegt, wie sie war auch er mit dem Kaiser verwandt, wenngleich sichere Kenntnis über die Art dieser Verwandtschaft bisher nicht erzielt werden konnte [841 In Urkunden ARNULFS (D Arn 138) wie Ludwigs (DD LdK 9,12,19,27,28,42) erscheint er als nepos oder propinquus, so daß an der Verwandtschaft selbst kein Zweifel bestehen kann, zumal auch sein Sohn Arnulf heißt. Reindel, Arnulf Seite 234f. stellt die Verbindung unter Berufung auf die Namensähnlichkeit über Luitswinde/Liutswind, die Mutter ARNOLFS, her (so auch Uffelmann, Regnum Baiern Seite 57-61; Goetz, Dux Seite 320; Brunner, Herzogtümer Seite 49f.; Schieffer, Karl III. Seite 138), wohingegen Mitterauer, Markgrafen Seite 227-246, annimmt, daß Liutpold selber in weiblicher Linie von den WELFEN, vielleicht sogar direkt von den KAROLINGERN abstammte; ihm folgt Bowlus, Franks Seite 314-316.]. Wenn er auch selbst von hochadliger Geburt gewesen sein dürfte, so erfolgte sein Aufstieg zur politischen Macht doch offensichtlich auf Protektion ARNOLFS und gewissermaßen in dessen Kielwasser: Wohl 887/88, also bald nach und vermutlich dank ARNOLFS Königserhebung, konnte Luitpold eine erstrangige Eheverbindung mit Kunigunde, der Schwester der schwäbischen Kammerboten, eingehen; um 893 übernahm er ARNOLFS frühere Stellung zunächst als Graf von Karantanien, dann als Herr im gesamten bayerischen Markengebiet; und als 895 auch die Nachfolge des abgesetzten Engildeo als marchensis Baioaroirum antrat, stand er faktisch als Stellvertreter ARNOLFS an der Spitze des gesamten bayerischen Adels [842 Den Feldzug gegen die Mährer 898 führte Luitpold gleichsam an Stelle des Königs; vgl. Reindel, Luitpoldinger Seite 11f. Vgl. auch Brunner, Gruppen Seite 162; Mitterauer, Markgrafen Seite 166f.; und insgesamt Reindel, Arnulf Seite 229-237, besonders Seite 233: "Ihn (Luitpold) hat ARNULF groß gemacht und Luitpold hat seinem Herrn die Fürsorge mitunwandelbarer Treue vergolten."].
Als bayerische Führungspersönlichkeit und wohl engster Vertrauter des verstorbenen Kaisers unter den weltlichen Großen verkörperte Luitpold in der - ansonsten stark fränkisch geprägten - Regentschaft für Ludwig das Kind vor allem die Kontinuität der auf Bayern, die alte karolinigische Königsprovinz, gestützten Herrschaft ARNOLFS. Als Verwandter des Königs war seine Stimme dabei zweifellos von besonderem Gewicht; er tritt in den Urkunden bis 907 elfmal als Intervenient in Erscheinung und erwirkt außerdem Schenkungen für zwei seiner Lehnsleute. Der Schwerpunkt seines politischen Wirkens lag natürlich in Bayern, doch begegnet er auch mehrere Male in Franken und am Hof des Königs. In den Urkunden wird er nicht nur als Königsverwandter, sondern einmal auch als dux Boemanorum hervorgehoben, ein auffälliger, in Inhalt und Bedeutung nicht eindeutig zu klärender Titel, der aber zweifellos als weiteres Indiz für die bayerische Vormachtstellung Luitpolds angesehen werden muß [845 Eine böhmische Markgrafschaft gab es um 900 bekanntlich nicht, allenfalls könnte Luitpold schon seit ARNOLFS Zeiten eine Art Statthalter für Böhmen gewesen sein; vgl. Reindel, Luitpoldinger Seite 42-44, daneben auch Brunner, Fürstentitel Seite 241f.; Bosl, Stammesherzogtum Seite 351, der in dem Titel eine "verschleiernde Umschreibung der "herzoglichen" Stellung Luitpolds in Bayern sehen will; anders Stingl, Entstehung Seite 102f.].
Über seine Gattin Kunigunde hatte Luitpold persönliche Verbindungen zum alemannischen Hochadel. In den bereits oben erwähnten Gedenkbucheinträgen von St. Gallen und Reichenau erscheint er gemeinsam mit seinen Schwägern Erchanger und Berthold sowie weiteren alemannischen Grafen, die nicht nur unter Ludwig, sondern auch später unter KONRAD als Intervenienten begegnen und daher gute Beziehungen zu den KONRADINERN gehabt haben müssen. Die Einträge belegen selbstverständlich auch Kontakte Luitpolds zu den Äbten Hatto und Salomo, mit denen er ohnehin bei Hofe häufiger zusammengetroffen sein dürfte. Insbesondere in Zusammenhang mit dem Kampf gegen die BABENBERGER hat Luitpold offenbar eng mit Hatto zusammengewirkt [847 Luitpold interveniert in DD LdK 20,44,53 gemeinsam mit Hatto, in D 20 für Salomo. Zu seiner Kooperation mit Hatto gegen die BABENBERGER siehe unten Seite 603f.].
Eine Einigung konnte in Holzkirchen jedoch nicht herbeigeführt werden. Adalbert wurde zu einem Hoftag nach Tribur eingeladen und, als er dort nicht erschien, von einem Reichsheer in seiner Burg Theres belagert. Als der BABENBERGER sich nach längerer Belagerung zu König Ludwig begab, um Schutz zu suchen und seine Unterwerfung anzubieten, wurde er in Haft genommen, zum Tode verurteilt und schließlich vor versammelter Heeresmannschaft enthauptet. Der Grund für diesen außergewöhnlichen und aufsehenerregenden Vorgang war laut Reginos parteigefärbtem Bericht, daß Anhänger Adalberts dem König die Besserungsversprechen des BABENBERGERS als hinterlistige Täuschung aufgedeckt hatten. Jedoch lassen die kurzen Berichte der anderen Quellen und vor allem der auffallende Gegensatz zwischen dem von Regino dargestellten Verfahren und den in vergleichbaren Situationen sonst üblichen Unterwerfungs- und Verhandlungsgebräuchen diese Deutung ganz unglaubhaft erscheinen. Viel wahrscheinlicher ist demnach, daß Adalbert durch falsche Zusicherungen Hattos von Mainz und wohl auch Markgraf Luitpolds getäuscht und auf diese Weise in eine tödliche Falle gelockt worden war [1011 Wichtig vor allem die Zeugnisse der Annales Alamannici (Cod. Mod.) Seite 186 zu 906: item hludouuicus super adalbertum et ille ficta fisde deceptus capite decollatur; der Annales Laubacenses Seite 187 zu 907: adalbertus ficta fide episcoporum decceptus capite decollatus est; sowie Hermann der Lahme, Chronicon Seite 111f. zu 907: Adalpertus .. perfidia, ut fama est, Hattonis archiepiscopi et cuiusdam Liutpaldi, de quibus plurimum confidebat, ad Ludowicum regem spe pactionis adductus, decollari iussus est; vgl. zur Beteiligung Luitpolds auch Reindel, Luitpoldinger Seite 57-60; Brunner, Gruppen Seite 164f.].