Mitterauer Michael: Seite 236-243
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"Karolingische Markgrafen im Südosten."

Um die Mitte des 9. Jahrhundert verschwindet die Familie aus den Urkunden. Erst fünfzig Jahre später tritt sie mit Markgraf Liutpold neuerlich hervor. Er begegnet plötzlich in sehr angesehener Stellung, ohne daß wir eine Nachricht über seine Vergangenheit und seinen Aufstieg besitzen. 893/95 begleitet er König Ludwigs des Jüngeren Tochter Hildegard bei einem Besuch des Walburgklosters Monheim (nördlich Donauwörth). Er wird hier bereits famosissimus comes genannt. Dieser Amtstitel bezieht sich auf seine Grafschaft in Karantanien, in der etwas später Kaiser ARNULF seinen Getreuen Walthuni beschenkt. Der Amtsbereich Liutpolds im Markengebiet umfaßte nicht nur Karantanien selbst, sondern erstreckte sich auch auf Pannonien. Weiter verwaltete Liutpold noch eine Grafschaft im Donaugau sowie den mit dem Grenzschutz gegen die Böhmen verbundenen Nordgau. Auf dieses Amt bezieht sich wohl auch seine Bezeichnung als dux Boemannorum in einem Privileg König Ludwigs von 903. Eine andere Deutung schlägt Reindel vor, der Liutpold eine "Art Statthalter" für Böhmen sieht.
Liutpold war also mit dem Schutz fast der gesamten bayerischen Ostgrenze betraut. Er hatte neben der Oberleitung Karantaniens und Pannoniens auch den Nordgau inne, eine Machtstellung, wie sie vor ihm kein anderer bayerischer Großer besessen hatte. Die Nachfolge Markgraf Engildeos wurde ihm im vollen Umfang übertragen. Daß dieser nicht sein Vater gewesen sein kann, hat Dümmler bereits eindeutig nachgewisen [86 E. Dümmler, Geschichte des ostfränkischne Reiches 3, Leipzig 1888 395, Anm. 1]. Schon vor der Absetzung Engildeos hatte es Liutpold verstanden, aus dem Sturz der WILHELMINER für sich Nutzen zu ziehen. 893 trat er in Karantanien die Nachfolge Graf Ruodperts und in Ober-Pannonien die Graf Engelschalks II. an. Daß er hier wahrscheinlich auf Grund von Verwandtschaftsbeziehungen berechtigte Ansprüche hatte, wurde bereits gezeigt [87 Vgl. oben Seite 184.].
Markgraf Liutpold war mit Kunigund, der Schwester der schwäbischen Kammerboten Erchanger und Berthold, verheiratet. Durch sie kam der Leitname seines Geschlechtes, Berthold, in die Familie des Markgrafen. Bis dahin ist der Name Berthold in Bayern sehr selten, in Kärnten überhaupt nicht anzutreffen. Es muß daher auffallen, wenn man schon 928 unter den Söhnen des Kärntner Edlen Weriant einen Perthold begegnet. Er wird zusammen mit seinen Geschwistern Pernhart, Hildegard und Vuoza und seiner Mutter Adalaswint bei einem Tausch seines Vaters erwähnt, bei dem dieser Güter zu Haus im Ennstal den Hof Friesach erhält [101 Hauthaler I 118/57.]. Wenn in derselben Urkunde berichtet wird, daß der Besitz in Haus von den Herzögen Arnulf und Berthold stammt, dann ist der Grund der Namengebung sofort klar. Weriant hatte verwandtschaftliche Bindungen zum Herzogshaus [102 Vgl. dazu O. Mitis, a.a.O., Seite 273, Anm. 75.], wahrscheinlich durch seine Gattin Adalswinth, die eine Tochter Markgraf Liutpolds gewesen sein könnte. Der Name Pernhart unter Weriants Söhnen, dem wir schon bei den jüngeren WILHELMINERN sowie in der Familie Erzbischof Odalberts begegnet sind, weist in dieselbe Richtung.
Aus dem Codex Odalberti erfahren wir zwar einiges über die Familienverhältnisse der LIUTPOLDINGER zu Anfang des zehnten Jahrhunderts, die Ergebnisse für die Generation Markgraf Liutpolds und die vorangegangenen Sippenschichten sind jedoch recht spärlich. Hier hilft eine Eintragung weiter, die sich im St. Gallener Verbrüderungsbuch findet. Sie lautet: Liutpold Erchanger Peracolt Arnolf Peractolt Peractolt Chunigund Liutkart Ruodun Ruodolf Erchanger Adalhart Kerbirich Chunigund Irmingart Rickart Hiltigart Chunigund Kerbirich Perecta Egilolf Engildeo Zundibold Peractolt Kerbirich Perctolt Perenhart Ratolt Lantolt Perecgart Peresint Reginlint Osterhilt [103 Reichenau 306.]. Unter den genannten Personen sind auf den ersten Blick zahlreiche LIUTPOLDINGER und Angehörige verwandter Familien zu erkennen. An der Spitze steht offensichtlich Markgraf Liutpold selbst. Es folgen seine alamannischen Schwäger und seine beiden Söhne, die späteren bayerischen Herzoge. Der dritte Peractolt ist wohl Liutpolds Schwiegervater, der Vater der hinter ihm genannten Chunigund. Bei den folgenden Personen ist es schon bedeutend schwieriger, sie mit Personen aus dem Verwandtenkreis des bayerischen Herzogshauses zu identifizieren. Mitis vermutete daher, daß nach Chunigund eine neue Gruppe begänne, die nur zufällig an die Liutpoldingische angefügt worden wäre [104 O. Mitis, a.a.O., Seite 258, Anm. 4.]. Er übersah jedoch dabei, daß sich verschiedene Namen in der Reihe wiederholen. Wir finden fünf Peractolt, vier Kerbirich, drei Chunigund und zwei Erchanger. Hier kann kaum mehr von Zufall die Rede sein. Darüber hinaus lassen sich as anderen Stellen der Verbrüderungsbücher Beziehungen der LIUTPOLDINGER zu vielen in der Reihe genannten Personen erweisen [105 Aus der großen Zahl solcher Erwähnungen kann hier nur eine Auswahl gebracht werden. Zwei große Eintragungen, die offensichtlich dem gleichen Personenkreis angehören, sind: Heriolt laic Adalheit Heriman laic Kerbirc Kertrut Berchthilt Hartmann laic Ruodpreht laic Odalrich laic Beretholt laic Liufret laic Hiltrut cler Adalbreht cler Purchart laic ... (Reichenau 659/660) und ... Herolt Adalburc Erchenker Heriman Hardman Perchthold Herolt Adalbreht Liutfret Kerburc Berethilt Kerhilt Hiltdruth Judinta Adalburc Berehtold Kerbirc Odalric Hardman (Reichenau 513). Für Kerbirg sind weiter von Bedeutung: Kerbirc Pernhart Adalhart (St. Gallen 307), Liutkart Kerbirg (Reichenau 619), Kerbirg Perichta (Reichenau 644), Ruodperth Kerbirc Hug (Reichenau 671), und Ruadpreht Kerbirg Bernhart (St. Gallen 341). Für Chunigund verzeichne ich vor allem: Chunigund Liutgart (Reichenau 44), Chunigunt Liutgart (Reichenau 656), Chunigunt Perecta (St. Gallen 166) und Waldram Chunigund (Reichenau 392).]. Unter diesen ist vor allem eine Eintragung von Bedeutung, die wir kurz vor der oben angeführten im St. Gallener Verbrüderungsbuch findne. Sie enthält die Namen: Ruodolf Erchanger Herolt Hug Waldram Ruoda Chunigund Perchta Kerbirg Ruodpret Erchanger ... In Anbetracht dieser zwei korrespondierenden Eintragungen ist es so gut wie sicher, daß wir es in der einen Reihe bis zum zweiten Erchanger, in der anderen mindestens bis zu Perenhart mit Verwandten Markgraf Liutpolds zu tun haben.
Aus dem ganzen neu erschlossenen Personenkreis können wir vor allem eine Personengruppe näher bestimmen. Das Paar Ruodun Ruodolf tritt mehrmals unter Leuten auf, die wir eindeutig als WELFEN identifizieren können [106 Von den folgenden Namen soll nur bei vier der Versuch gemacht werden, sie mit bekannten Personen gleichzusetzen. Im zweiten Erchanger sehe ich Chunigunds Großvater mütterlicherseits, den langjährigen Grafen des Breisgaus, in Rickart dessen Tochter, die Gattin Kaiser KARLS III., oder eine gleichnamige Angehörige der ERCHANGER-Familie, und im Paar Preactolt Perenhart die beiden Söhne von Markgraf Liutpolds mutmaßlicher Tochter Adalaswint.].
Es handelt sich hier um die Familie des 866 verstorbenen Grafen Rudolf von Ponthieu, als dessen Gemahlin G. Tellenbach aus Nachrichten des westfränkischen Klosters St. Riquier in Centula die in der Verbrüderungsreihe genannte Roudon erschlossen hat [107 G. Tellenbach, Exkurs über die ältesten Welfen im West- und Ostfrankenreich. Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte 4 (1957), Seite 335ff.]. M. Chaume vermutet daß die Gemahlin Graf Rudolfs eine Tochter König Pippins IV. von Italien gewesen sei, eine zwar ziemlich gewagte Hypothese, die jedoch recht interessante Perspektiven eröffnet [108 M. Chaume, Les origines du duche de Bourgogne 1, Dijon 1925, Anhang, Tafel 13. Dazu verzeichne ich in den Verbrüderungsbüchern die selbständige Gruppe Eberhart Pippi Pernhart (Reichenau 443) und Notiz Ruodolfh Pipinus (Pfäfers 8).].
Es ist gewiß eine auffallende Tatsache, daß wir zweimal in engstem Zusammenhang mit der Familie Markgraf Liutpolds das Stammpaar der burgunden WELFEN genannt finden. Graf Rudolf war durch seine Schwestern Judith und Hemma ein Schwager Kaiser LUDWIGS DES FROMMEN und König Ludwigs des Deutschen. Wenn die Vermutung Chaumes richtig ist, dann hatte er auch durch seine Gattin Verwandtschaftsbeziehungen zu den KAROLINGERN. Dazu paßt es nun ausgezeichnet, daß wir in der Sippe Markgraf Liutpolds zahlreiche karolingische und welfische Namen finden. Liutpolds älterster Sohn heißt Arnulf, sein Enkel Ludwig [109 Ein Sohn Herzog Arnulfs.], eine Enkelin [110 Eine Tochter Herzog Arnulfs, Gattin Herzog Heinrichs I.] und eine Urenkelin Judith [111 Eine Tochter Markgraf Liutpolds I.], eine weitere Enkelin Hildegard [112 Eine Tochter Weriants und Adalaswints.], eine Verwandte trägt den Namen Hemma [113 Vgl. dazu die Eintragung Herolt Hemma Albrith Ruodperth (Reichenau 49), darüber oben Seite 185.], ebenso eine von Liutpolds Urenkelinnen [114 Eine Tochter Markgraf Liutpolds I., vgl. dazu K. Lechner, Die Babenberger und Österreich, Wien 1947, Stammtafel.]. Unter seinen Enkeln sowie unter den Nachkommen seiner Geschwister begegnen wir dem Namen Pernhard [115 Ein Sohn Adalaswints und Weriants, ein Sohn Rihnis und ein Sohn des WILHELMINERS Willihelm.], den auch ein Sohn König Pippins IV. trug. Diese Parallelen erlauben es, aus den St. Gallener Gedenkreihen den Schluß zu ziehen, daß die LIUTPOLDINGER Nachkommen der WELFEN, vielleicht sogar der KAROLINGER gewesen sind. Gewiß ist nur an Abstammung in weiblicher Linie zu denken. Als Vermittlerin der Verwandtschaft kommt in erster Linie die Mutter Markgraf Liutpolds in Frage, die wahrscheinlich eine Tochter Graf Rudolfs von Ponthieu und der Ruodon war. Die Nachricht, Herzog Arnulf wäre de progenie imperatorem et regnum ... ortus, unterstützt diese Kombination [116 MG SS 17, 570.].
Aus diesen welfischen Beziehungen der LIUTPOLDINGER wird es auch klar, wieso Kaiser ARNULF und König Ludwig das Kind Markgraf Liutpolds als ihren nepos oder propinquus bezeichnen konnten [117 Mon. hist. duc. Car. 3, 41-44/3-5.]. Liutpolds mutmaßlicher Großvater hatte ja Kaiser ARNULFS Großmutter zur Schwester. Falls Ruodon wirklich karolingischer Abstammung war, ergäbe sich zusätzlich eine entfernte Verwandtschaft über ARNULFS und Liutpolds Ur-Großväter. Bisher versuchte man, den Zusammenhang der LIUTPOLDINGER mit den KAROLINGERN dadurch zu erklären, daß man ARNULFS Mutter Liutswind, von der wir wissen, daß sie aus einem vornehmen bayerischen Geschlecht stammte, als Tante Markgraf Liutpolds betrachtete [118 F. Tyroller, Die Ahnen der Wittelsbacher, Beilage z. J. Ber. d. Wittelsbacher-Gymn. 1950/51, Seite 3.]. Allerdings läßt sich für duiese These nur ein einziges, nicht allzu beweiskräftiges Argument beibringen, nämlich die Übereinstimmung der ersten Namenssilbe zwischen Liutswind und Liutpold. Im Vergleich dazu sind die Beziehungen zu den KAROLINGERN über die WELFEN bedeutedn klarer faßbar.
Wenn wir die verwandtschaftlichen Bindungen zwischen KAROLINGERN, WELFEN und LIUTPOLDINGERN betrachten, scheint es verwunderlich, daß auf die letzteren kein einziger der führenden männlichen Vornamen der beiden anderen Geschlechter übertragen wurde. Den Namen Arnulf erhielten bei den KAROLINGERN immer nur uneheliche Nachkommen. Ähnlich war es bei Bernhard. Erst nach dem Aussterben der ostfränkischen KAROLINGER nannte Herzog Arnulf seinen Sohn Ludwig. Namen wie Karl, Pippin, Karlmann, Lothar und Ludwig blieben dem Kaiserhaus vorbehalten. Für die verwandten Familien kamen nur solche in Frage, die die KAROLINGER ihren jüngeren oder illegitimen Söhnen gaben. Auch die WELFEN dürften als eines der mächtigsten Geschlecher nach dem Kaiserhaus in dieser Hinsicht recht exklusiv gewesen sein. Ganz anderen Gesetzmäßigkeitenm unterlag die Vererbung der weiblichen Vornamen. Wir finden nämlich im Verwandtenkreis der LIUPOLDINGER mehrere Namen von Königinnen, wie zum Beispiel Judith, Hemma und Hildegard [119 Auch der Name der in der St. Gallener Reihe 306 genannten Perecta könnte auf eine karolingische Königin zurückgehen (Gattin Pippins II.]. Das Fehlen der führenden männlichen Leitnamen der KAROLINGER bei den LIUTPOLDINGERN aber kann keineswegs als ein Argument gegen die Verwandtschaft der beiden Geschlechter gedeutet werden [120 Eine schöne Parallele zu dieser Erscheinung  findet sich bei den Grafen von Flandern. Auch sie übernahmen als einzigen männlichen Vornamen von den KAROLINGERN Arnulf. Eine Tochter hingegen wurde nach ihrer Ahnin, der Kaiserin Irmintrud, benannt (vgl. dazu W.K. Prinz von Isenburg, Stammtafeln zur Geschichte der europäischen Staaten 2, 1936, Tafel 9.)].
Die Beziehungen der LIUTPOLDINGER zu Schwaben, die durch die Verbindung mit den WELFEN aufgenommen worden waren, setzte Markgraf Liutpold durch seine Heirat mit der ALAHOLFINGERIN Kunigund fort. Dieser große schwäbische Verwandtenkreis wird in den beiden wichtigen St. Gallener Gedenkreihen ziemlich klar umrissen. Die genealogischen Zusammenhänmge, die hier zutage treten, tragen viel zum Verständnis des raschen Aufstiegs bei, den das LIUTPOLDINGER-Haus am Ende des neunten und Anfang des zehnten Jahrhunderts nahm.
Für die väterliche Abstammung Markgraf Liutpolds lassen sich auch aus den Verbrüderungsreihen keine Anhaltspunkte gewinnen. Die Spärlichkeit vor allem der bayerischen Quellen in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts stellt hier die Forschung vor unüberwindliche Hindernisse [121 Zwei Lösungsversuche, die jedoch beide nicht zu überzeugen vermögen, wären hier zu nennen: E. Kimpen, Zur Genealogie der bayrischen Herzoge 908-1070, Jahrbücher für frankische Landesgeschichte 13 (1953), 60, vermutet Liutpolds Vater in einem 896 erschlagenen rheinischen Grafen Alberich, F. Zimmermann, Der Ursprung der Babenberger und das Burgenland, Adler, Zeitschrift für Gen. und Her. 2, 18,216, macht Liutpold zum Sohn eines Grafen Berthold (vgl. dazu oben Seite 185.]. Über die Herkunft des Markgrafen läßt sich nur soviel sagen, daß er von jenem Grafen Liutpald abstammte, der seit 806 die Grafschaft um Freising verwaltete. Wahrscheinlich war er ein Enkel von dessen mutmaßlichem Sohn Liutpald, den wir als Gatten der Ilisana kennengelernt haben.