Schwarz, Hilmar:
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""Die Ludowinger. Aufstieg und Fall des ersten thüringischen Landgrafengeschlechts"

Während der nachgeborene Sohn Berengar als Graf von Sangerhausen keine größere Bedeutung erlangte, baute der erstgeborene Ludwig der Springer den Einfluß der Familie nachhaltig aus. Er ging als Erbauer der Wartburg in die Geschichte ein. Die Wartburg erscheint für das Jahr 1080 erstmals in einer gesicherten Quellenangabe, die zeitlich und räumlich ziemliche Nähe aufweist. Im Buch vom Sachsenkrieg schrieb der Merseburger Kleriker Bruno 1082 nieder, dass von der Wartburg aus auf Anhänger König HEINRICHS IV. ein Überfall unternommen worden war. Im Jahrzehnt vor 1080 dürfte die Burg entstanden sein. Warum wurden dann die 900-Jahr-Feier 1967 und die 925-Jahr-Feier 1992 begangen? Weil sagenhafte Schilderungen das Gründungsjahr 1067 angeben. Eine andere, auf das Jahr genau bestimmbare Angabe läßt sich in der schriftlichen Überlieferung nicht finden, und außerdem sollte man auch weiterhin der schönen Gründungssage seine Reverenz erweisen.
Sie schildert, wie Ludwig der Springer die Wartburg erbaute: Einst frönte Ludwig einer gräflichen Hauptsportart - der Jagd. Die Spur des Wildes führte ihn auf den Felskegel und der Ausblich ließ ihn ausrufen: 'Wart' Berg, du sollst mir eine Burg werden!' - daher der Name 'Wartburg'. Von seinen Leuten erfuhr er, dass der Berg zum Eigentum der Frankensteiner gehörte, die in Sichtweite auf dem Metilstein saßen. Doch Ludwig wußte sich zu helfen. Aus seinem eigenen Gebiet ließ er in Körben Erde herantragen und auf dem Gipfel ausbreiten. Ehe sich die Frankensteiner versahen, hatte Ludwig eine Burg errichtet. Es blieb nur noch der Gang zum König, dem obersten Gerichtsherrn. Doch gerade darauf hatte sich Ludwig der Springer vorbereitet. Zusammen mit zwölf seiner Mannen schwor er einen heiligen Eid, auf eigenem Grund und Boden gebaut zu haben. Die Schwurschwerter, in die heimische Erde gebohrt, ließen jeden Zweifel sterben, und die Frankensteiner hatten das Nachsehen.
Der thüringische Sagensammler Ludwig Bechstein schrieb im vorigen Jahrhundert die Mär so auf. Den Kern der Sage geben bereits die Reinhardsbrunner Jahrbücher vom Anfang des 13. Jahrhunderts wieder. Allerdings tauchten die Frankensteiner erst in späteren Schilderungen als Widerpart auf. Es wird angenommen, dass Ludwig mit seinem Vorstoß eine Lücke zwischen Fuldaer und Hersfelder Besitz ausnutzte und besetzte. Die Frankensteiner erhielten erst vor Mitte des 13. Jahrhunderts die Möglichkeit, eine eigene Burg auf dem Metilstein zu errichten, die jedoch nur ein reichliches halbes Jahrhundert existierte. Zur Gründungszeit der Wartburg beherrschten sie das Gelände nicht. Warum hätten sie auch den niedrigeren Nebengipfel besiedeln sollen?
Der Name 'Wartburg', eigentlich bevorzugte das Mittelalter 'Wartberg', leitete sich natürlich nicht von Ludwigs Ausruf her, sondern weist auf die vormalige Existenz einer Warte. Die so bezeichneten kleinen Befestigungen dienten dazu, bestimmte Geländeabschnitte zu beobachten und zu überwachen.
Die Sache mit den Schwurschwertern hatte übrigens im vorigen Jahrhundert ein Nachspiel. Während der Restaurierung der Burg trug man das Erdreich vom Fels ab und stieß auf Eisenstangen, angeblich 13 Stück. Der Erbgroßherzog Carl Alexander hat sie gehoben, obwohl Erdarbeiten sonst nicht zu seinen Beschäftigungen zählten. Umgehend wurden die angerosteten Stücke identifiziert: Dies sind die Schwurschwerter von Ludwig den Springerund seinen 12 Getreuen! Seriöse Untersuchungen, nach dem Tode Carl Alexanders angestellt, weichen vom ersten Befund nicht unwesentlich ab. Erstens stimmte die Anzahl nicht ganz. Nur 11 Stangen weisen ein hohes Alter auf; zwei waren offensichtlich nachgeschmiedet, um auf die vorgegebene Zahl 13 zu kommen. Zweitens handelt es sich nicht um Schwerter, sondern um Eisenbarren, wie sie die Kelten vor unserer Zeitrechnung als Zahlungsmittel benutzten.
Offensichtlich hatte man dem Geldgeber der Wartburg-Restaurierung etwas untergeschoben, um die Geldschatulle geöffnet zu halten. Der Wartburg ist es augenscheinlich bekommen, doch die 'Schwurschwerter' geistern durch die Literatur des 19. Jahrhunderts.
Nun zurück zu Ludwig den Springer und der Errichtung der ersten Wartburg. Zu jener Zeit soll Hungersnot und Teuerung ausgebrochen sein. In seiner Not strömte viel Volk herbei, um für das tägliche Brot beim Bau der Wartburg Hand anzulegen. - Diese Geschichte ist zwar erst aus späterer Zeit überliefert, doch spiegelt sie sicherlich richtig wider, dass die einfachen Menschen die Burg errichteten und dazu durch die Umstände sowie die adligen Herren gezwungen wurden.
Warum Ludwig 'der Springer' genannt wird, erregt oft Neugierde. Die Sage berichtet, dass er seinen Beinamen durch einen kühnen Sprung in die Saale erhielt. Es trug sich so zu: Graf Ludwig begehrte einst die Pfalzgrafschaft Sachsen sowie die Ehefrau des Pfalzgrafen; beides gehörte nach Erbrecht zusammen. Unter Mithilfe des edlen Weibes stach sich Ludwig den Weg frei, indem er den Ehemann nach einem Bade statt eines Handtuches eine Lanze verabreichte. Unglücklicherweise fand der König solcherart Besitzerwerb nicht gesetzeskonform - oder hatte sich Ludwigaus einem anderen Grund unbeliebt gemacht? - jedenfalls landete er auf Burg Giebichenstein bei Halle. Als im dritten Jahr seiner Gefangenschaft, die Hinrichtung drohte, äußerte er einige vorletzte Wünsche; so möge er in luftiger Höhe die wärmende Sonne genießen können. Diese Hafterleichtereung nutzte Ludwig zu seinem berühmten Sprung in die Saale, die unten vorbeifloß und wo ihn bereits sein Diener mit einem Boot und dem schneeweißen Lieblingsgaul erwartete. Sogar der Name des Pferdchens, nämlich 'Schwan', blieb der Nachwelt erhalten; selbst der Reformator Martin Luther kannte ihn, und auf einem modernen Wandteppich im Ritterbad der Wartburg ist seine verlängerte Rückenpartie zu bewundern.
So ähnlich, allerdings in anderer Wortwahl, schilderte schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts ein Reinhardsbrunner Mönch den Ablauf. Die Sage verknüpft historische Zusammenhänge mehr oder weniger richtig miteinander. Sehr fraglich bleibt der dramatische Höhepunkt - der Sprung und seine Folgen. Springen heißt im mittelalterlichen Latein 'saltare' und der Springer 'saltator'. Ludwig gehörte zum fränkischen Stamm der 'Salier', und wahrscheinlich förderte die Wortähnlichkeit die Entstehung der Fama. Der ebenfalls ähnlich klingende Flußnahme der Saale ('sala') dürfte ein übriges getan haben.
Klopfen wir die geschichtlichen Grundlagen etwas ab. Richtig ist, dass Ludwig die Witwe des sächsischen Pfalzgrafen Friedrich III. von Goseck ehelichte. Sie hieß Adelheid und war die Tochter eines Markgrafen von Stade. Ihr erster Gemahl fiel tatsächlich 1085 einem Mordanschlag zum Opfer. Allerdings erhob nicht Ludwig der Springerdie Hand zur Untat. Die Namen der Mörder sind überliefert; ob Ludwig sie anstiftete, wird wohl niemals mehr zu ermitteln sein. Die Pfalzgrafschaft trug zwar einen stolzen und vielversprechenden Namen, erfaßte jedoch ein nicht sehr großes Gebiet um Sangerhausen. Für einen Aufsteiger kam sie sicherlich sehr gelegen, doch brachte Ludwig der Springer die Pfalzgrafschaft nicht in seine Gewalt. Der Vater des Ermordeten lebte noch und sorgte dafür, dass sie bei einer männlichen Nebenlinie seiner Sippe verblieb. Erst 1180 gelangte sie an die LUDOWINGER. Den Verfassern der Sage war dieser zeitliche Sprung wahrscheinlich nicht gegenwärtig.
Gänzlich leer ging Ludwig jedoch nicht aus. Er konnte einen Teil des Familienbesitzes seiner Frau erwerben und sich an der Unstrut festsetzen. Zur Sicherung seines Territoriums errichtete er vor 1100 die Neuenburg, zu deren Füßen sich die Stadt Freyburg entwickelte. Die Neuenburg im Osten und die Wartburg im Westen sollten die beiden Grenzfesten der thüringischen Landgrafschaft bilden.
Die Gefangenschaft Ludwigs des Springers bezieht sich wahrscheinlich auf einen späteren Lebensabschnitt. Er beteiligte sich am Widerstand der thüringischen Grafen gegen den Kaiser HEINRICH V. und fand sich nach 1110 zwei Mal in königlichem Arrest wieder. Doch die Niederlage der Reichsgewalt am Welfesholz 1115 brachte Ludwig dem Springer die Freiheit und die alten Rechte zurück. Vorübergehend hatte er sogar die Wartburg aufgeben müssen. Vielleicht erwarb er sie erst jetzt, oder aber er verlor sie 1113 auf über ein halbes Jahrhundert für die LUDOWINGER; die äußerst dürftigen Nachrichten lassen sehr unterschiedliche Interpretationen zu.
In der Nähe seiner Stammburg, der Schauenburg bei Friedrichroda, gründete Ludwig der Springer das Kloster Reinhardsbrunn. Heutzutage prägt ein neugotischer Schloßbau aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts die Stätte. Die Sage verknüpft auch die Klosterstiftung mit der Ermordung des sächsischen Pfalzgrafen. Ludwig habe durch diese christliche Tat seine Seele von dem Verbrechen reinigen wollen.
In der Kirche des Klosters fanden die weiteren LUDOWINGER ihre letzte Ruhe. Eine Grabplatte zeigt Ludwig den Springer mit einem Gebäude auf dem Arm, das ihn als Klostergründer ausweist. Zur Erstbesetzung Reinhardsbrunns holte er sich im Jahre 1085 Hirsauer Mönche nach Thüringen. Hirsau liegt im Schwarzwald und war der Ausgangspunkt für die Ausbreitung der Reformklöster über den deutschen Raum. Ohne ein eigenes Kloster hätten die LUDOWINGER ihre Herrschaft nicht ausdehnen können. Die Mönche beherrschten das geschriebene Wort. Sie konnten später Urkunden ausstellen und Verzeichnisse führen. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden die Reinhardsbrunner Jahrbücher begonnen, die erhalten geblieben und für unsere Kenntnisse über Thüringen unentbehrlich sind.
Um 1200 schenkte der Ritter Gerhard von Nordeck dem Kloster seine Besitzungen, die das Kerngebiet Ludwigs des Bärtigen nach Süden erweiterten. Viele kleine Erwerbungen in einer Reihe von Orten vermehrten den ludowingischen Besitzstand.
Hochbetagt verbrachte Ludwig der Springer die letzte Lebenszeit in seinem Kloster Reinhardsbrunn, das ihm offensichtlich eine standesgemäße Altersversorgung gewährte. In den Mönchsstand übergetreten, schloß er 1123 die Augen. Ludwig dem Bärtigen und Ludwig dem Springer war es gelungen, in Thüringen aus bescheidenen Anfängen eine beachtliche Menge an Grund und Boden sowie von abhängigen Produzenten unter ihr Regime zu bringen.
Die bäuerliche Bevölkerung trug die Hauptlast der Veränderungen, denn sie führte einerseits Rodungen, Feldbestellung und Burgenbau aus, andererseits litt sie unmittelbar unter den Verwüstungen im Gefolge von Kriegen und Adelsfehden.
In ihren Mitteln waren die ersten LUDOWINGER nicht wählerisch, denn die Sagen geben die Methoden der Zeit richtig wieder: Gewaltsame Besetzung von Land, wenn es sein muß Meineid und Mord. Andererseits förderten sie durch Kloster- und Kirchengründungen die Belebung von Kultur und Bildung. Durch Familienbeziehungen und Heirat vergrößerten sie Einfluß und Besitz. In politischer Hinsicht nutzten sie den Investiturstreit (1056-1122) zwischen König- und Papsttum, in dem die beiden Hauptmächte sich gegenseitig schwächten.